Auch als Chirurg zeichnete sich Soranos in hervorragender Weise aus; namentlich verbesserte er die Verbandkunst und baute die Lehre von den Knochenbrüchen und Schädelverletzungen, von denen er mit feiner Diagnostik acht Arten unterschied, beträchtlich aus.
Sein Hauptwerk über innere Medizin (akute und chronische Krankheiten) ist leider im Original verloren gegangen, doch schließt sich ein kompilatorischer Autor späterer Zeit Caelius Aurelianus, so eng an dasselbe an, daß wir berechtigt sind, den Hauptinhalt seines Werkes von Soranos herzuleiten. Aus der Analyse desselben geht hervor, das Soranos nicht auf formale Krankheitsdefinitionen, sondern auf die scharfe Differentialdiagnose das Hauptgewicht legte und mittels feinster Symptomatologie, sogar nicht wenig auch durch Berücksichtigung der vernachlässigten physikalischen Methode (Palpation und Perkussion) zu ihrer Ausbildung beitrug. Streng an den Grundsätzen des Methodismus im allgemeinen festhaltend, mußte er doch, da er in erster Linie Kliniker war, in Einzelheiten von dem trockenen Schematismus der Sekte abweichen, so z. B. wenn er eine große Zahl von Krankheiten auf das gleichzeitige Vorkommen des Striktum und Laxum (Komplex) zurückführt, bei der Lungenentzündung, trotz des Ergriffenseins des ganzen Körpers, die Lunge als Hauptsitz der Affektion erklärte oder, wenn er von dem Aderlaß sehr häufig Gebrauch machte, ohne sich auf die Indikation des Schmerzes oder den Ort (wie Asklepiades) zu beschränken. Gerade aber durch diese Abweichungen von der Schultradition hauchte er der methodischen Sekte selbst neues Leben ein und sicherte ihr die Fortdauer auf lange hinaus.
Die kulturgeschichtlich interessante Tatsache, daß der auf dem Epikureismus fußende Methodismus von allen Systemen am meisten den medizinischen Mystizismus bekämpfte, tritt natürlich bei Soranos ganz besonders hervor, wie schon oben gezeigt wurde. In einem Werke über Aetiologie eiferte er auch in eingehender Darlegung gegen den Glauben, der Alpdruck (Incubus) werde durch eine überirdische Macht (einem Gott oder Halbgott, Kupido) erzeugt. Sogar von den Hebammen verlangt er, daß sie nicht abergläubisch sein sollen, damit sie nicht um eines Traumes oder des gewohnten Mysteriums und Gottesdienstes willen eine heilbringende Handlung unterlassen. Aber leider war zu dieser Zeit der Aberglaube schon im Steigen begriffen und schwoll unaufhaltsam zum Strome an.
Anhang
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Anatomie und Physiologie.
Das Bild, welches man sich gewöhnlich von der medizinischen Forschungsweise der ersten nachchristlichen Jahrhunderte macht, bedarf der Ergänzung. Wohl herrschte die ärztliche Empirie und die pathologische Spekulation überwiegend vor, dennoch aber fehlte es auch nicht an Versuchen, durch nüchterne exakte Beobachtung, durch Zergliederung toter und lebender Tiere eine genügende Kenntnis des Körperbaues und der Funktionen zu erwerben. Und namentlich Alexandreia frischte seinen Ruhm als Pflegestätte der Anatomie in der römischen Kaiserzeit wieder auf, freilich ohne den Errungenschaften eines Herophilos, Erasistratos und Eudemos Gleichartiges an die Seite stellen zu können. Rhuphos und Soranos dankten dem Studium in der einstigen Ptolemäerstadt ihre anatomische Bildung; dort war zu anatomischen Studien jedenfalls noch immer mehr Gelegenheit gegeben, als an irgend einem anderen Orte.
Die Sektion von Tieren bildete das Hauptmittel des Unterrichts, daneben kamen aber auch noch die Demonstration von menschlichen Skeletten oder Knochenpräparaten, vielleicht auch von Nachbildungen und Zeichnungen in Betracht, vieles ließ sich übrigens durch die Betrachtung der Oberfläche des menschlichen Körpers (an Sklaven) erlernen; menschliche Kadaver wurden nur ganz ausnahmsweise seziert, höchstens die Leichen von hingerichteten Verbrechern oder feindlichen Kriegern.
In die anatomische Unterrichtsmethodik gewinnen wir insbesondere durch die Lektüre des Onomastikon des Rhuphos Einblick. Die Einzelheiten des Aeußeren werden an einem modellstehenden lebenden jungen Manne erklärt, die inneren Organe erörtert der Verfasser an der Leiche des menschenähnlichsten Tieres, eines Affen. Nach v. Töplys Uebersetzung ist der Wortlaut folgender: „Was hast du beim Kitharspiel zuerst gelernt? Eine jede Saite anzuschlagen und zu benennen. Was hast du in der Sprachlehre zuerst gelernt? Jeden Buchstaben zu erkennen und zu benennen. Beginnt nicht ebenso in den anderen Künsten der Metallarbeiter, der Schuster, der Zimmermann den Unterricht auf eben diese Weise mit den Benennungen, und zwar zuerst mit dem Namen des Eisens, der Geräte und der anderen derartigen Dinge, welche sich auf die Kunst beziehen? Und die vornehmeren Künste, fangen die beim Unterricht nicht ebenso an? Was hast du denn in der Geometrie zuerst gelernt? Zu wissen, was ein Punkt ist, ein Strich, eine Fläche, eine Oberfläche, eine Dreiecksgestalt, ein Kreis und ähnliches, und es richtig zu benennen. Willst du also auch die Medizin von den Benennungen ausgehend lernen, und zwar zuerst, wie man einen jeden Körperteil benennen soll, dann das andere, soweit der mündliche Ausdruck zu folgen vermag? Oder dünkt es dir etwa hinlänglich, wenn ich dich auf das, was du erlernen sollst, wie ein Taubstummer deutend verweise? Mir scheint so etwas keineswegs besser, denn sowohl ein Selbstunterricht als das Lehren eines anderen in dieser Weise ist weder leicht faßlich noch leicht durchführbar. Ich denke mir das so. Indem du zuhörst und diesen Knaben betrachtest, wirst du zuerst die sichtbaren Dinge wahrnehmen, dann werden wir versuchen, dich darin zu unterrichten, wie man die inneren Teile benennen soll, indem wir ein Tier zerlegen, das dem Menschen am meisten ähnelt. Denn wenn auch dessen Gebilde denen des Menschen nicht durchaus ähneln, so hindert dies doch keineswegs, wenigstens das Hauptsächlichste eines jeden zu lehren. In alten Zeiten allerdings hat man dergleichen erfolgreicher an Menschen gelehrt.“