Der Mangel an Leichensektionen und die praktischen Tendenzen des Zeitalters verschuldeten es, daß der Durchschnittsarzt mit der Kenntnis der anatomischen Terminologie zufrieden war, und daher entstanden häufig Schriften über die Benennung der Körperteile. Dem Beispiele des Aristoteles, des Xenophon aus Kos, der Nachfolger des Erasistratos (namentlich Apollonios von Memphis) folgend, gaben Rhuphos und Soranos eine anatomische Nomenklatur heraus (die Arbeit des letzteren ist verloren gegangen).

Anatomische Abbildungen aus der älteren Zeit haben sich nicht erhalten, der Text mancher Autoren, z. B. des Aristoteles, verweist aber direkt auf Zeichnungen, welche die Abschreiber wegließen. Aus byzantinischer Zeit hingegen sind Abbildungen noch vorhanden.

Die angedeutete Forschungs- und Unterrichtsweise brachte es mit sich, daß die Osteologie am besten bearbeitet wurde. Die fälschlich dem Rhuphos zugeschriebene Schrift περὶ ὀστῶν (vergl. S. 341) enthält eine schon recht anerkennenswerte Knochenlehre (genauere Berücksichtigung der außen sichtbaren Schädelnähte, Angabe der Zahl der Carpusknochen, Talus, Calcaneus u. a.).

Mit dem anatomischen Unterricht verband man die Erklärung der Funktion der Körperteile — Physiologie. Höchstwahrscheinlich haben übrigens einzelne hervorragende Forscher die Vivisektion von Tieren dazu benützt, um auf dem Wege des Experiments Klarheit in physiologischen Streitfragen zu erlangen.

Der glänzendste Vertreter war wohl Marinos, der in einem zwanzigbändigen Werke das Gesamtgebiet der Anatomie behandelte und wichtige physiologische Probleme (z. B. ob in den Arterien Blut enthalten ist, ob in die Lunge Flüssigkeit gelangt, ob das Gehirn pulsierende Bewegung besitzt u. a.) mehr erfahrungsgemäß und gewiß zum Teile auch experimentell zu lösen suchte. Von seinen Büchern ist nichts anderes auf uns gekommen als die Inhaltsangabe. Welche Bedeutung denselben beizumessen ist, geht daraus hervor, daß Galenos einen (nicht erhaltenen) vierbändigen Auszug aus der Anatomie des Marinos veranstaltete und insbesondere in seinen Leistungen auf dem Gebiete der Muskel- und Nervenanatomie daran anknüpfte. Marinos stand in Beziehung zu Kointos (Quintus), welcher Lykos aus Makedonien, Numisianos (in Korinth) und Satyros (in Pergamon) zu Schülern hatte; Schüler des Numisianos war wieder Pelops in Smyrna. Von diesen Anatomen haben sich Lykos und Pelops um die Muskellehre verdient gemacht; diesem Zweige widmete sich auch Ailianos d. J. ganz besonders.

Von den Alexandrinern des 2. Jahrhunderts wären die Anatomen Herakleianos und Julianos zu erwähnen.

Ueber alle diese Forscher erhalten wir nur Andeutungen aus den Werken jenes großen Arztes, der das Wissen und Können seiner Zeitgenossen und Vorgänger aufsog, um die Medizin auf eine dauernde Grundlage zu stellen, aus den Werken Galens.

Galenos.

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