Im 4. hippokratischen Buche „Ueber die Krankheiten“ (Kap. XV) wird als Ursache der Krankheitsentscheidungen an ungeraden Tagen der Umstand angeführt, „daß der Körper an den geraden Tagen aus dem Magen Feuchtigkeit anzieht, an den ungeraden Tagen hingegen an ihn abgibt“. Galen sucht den Grund der zahlenmäßigen Gesetzmäßigkeit des Krankheitsverlaufs nicht in den Zahlen an sich (Pythagoreer), sondern in dem Einfluß der Himmelskörper; der Mond ist für die akuten, die Sonne für die chronischen Affektionen das Bestimmende. „Alles Irdische wird nicht durch die Zahlen, sondern durch den Mond beeinflußt.“ Hierbei haben Neumond und Vollmond den größten, die anderen Mondesphasen geringeren Einfluß; nebstdem zieht Galen auch die Stellung des Mondes in den einzelnen Tierkreiszeichen in Betracht. Er erklärt ausdrücklich, daß er die Ansicht der ägyptischen Astronomen über den Einfluß des Mondes auf Kranke und Gesunde als wahr erkannt habe. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß der Schöpfer des geozentrischen Systems, Ptolemaios, die Lehre von den kritischen Tagen zum Nachteil der späteren Medizin in das astrologische Gebiet hinübergeführt hat. Es heißt bei ihm: „Bei den Kranken betrachte die kritischen Tage und den Lauf des Mondes in den Winkeln einer Figur von 16 Seiten; findest du diese Winkel günstig bestellt, wird's dem Kranken gut gehen, schlecht dagegen, wenn schlimmere Zeichen herrschen.“
Der koischen Schule nacheifernd, pflegte Galen die Prognostik in besonderem Maße, und nicht den geringsten Teil seines Rufes als Praktiker dankte er richtigen Vorhersagungen; die Krankengeschichten, die er mitteilt, bezwecken vornehmlich sein überragendes Können auf diesem Gebiete ins volle Licht zu setzen. Dabei stellte er die prognostischen Aussprüche des Corpus Hippocraticum als unfehlbar hin und suchte — entgegen dem Geiste des großen Koers, der auch seine Irrtümer einbekennt — alle Widersprüche spitzfindig zu beschönigen. Seine anatomischen Kenntnisse und seine aufs Exakte hinzielende Denkrichtung drängten ihn aber dazu, die Prognostik, wo es möglich schien, wissenschaftlich zu begründen, d. h. auf die Diagnostik zu stützen.
Die galenische Semiotik verwertet die meisten Beobachtungs- und Untersuchungsmethoden, die das Altertum ausgebildet hat; besonderer Nachdruck wird aber namentlich auf die Pulsuntersuchung und die Harnschau gelegt; letztere ist bereits sehr subtil ausgestaltet.
Von der Auskultation findet sich nur die Erwähnung des zischenden Geräusches bei einer penetrierenden Brustwunde. — Auf die Sekretionen (z. B. Sputum) und Exkretionen wird sorgfältig geachtet. — Die Sphygmologie Galens folgt den Bahnen des Herophilos und der Pneumatiker (vergl. S. 335). Es werden Unterarten nach den Kategorien der Dimension, Schnelligkeit, Stärke, Härte, Häufigkeit, Füllung der Arterie, Gleichmäßigkeit, Ordnung, des Rhythmus unterschieden. Galen beschreibt unter anderem den Pulsus longus, brevis, latus, angustus, altus, humilis, gracilis, turgidus, tenuis, crassus, celer, tardus, rarus, frequens, vehemens, languidus, durus, mollis, plenus, vacuus, aequalis, inaequalis, ordinatus, inordinatus, dicrotus, decurtatus, undosus, vermiculans, formicans, vibratus, convulsivus, caprizans etc.
Die Basis der galenischen Pathologie und Diagnostik bildet der Satz, daß es keine Funktionsstörung ohne organische Läsion gebe: μηδέποτε βλάπτεσθαι μηδεμίαν ἐνεργειαν ἄνευ τοῦ πεπονθέναι τὸ ποιοῦν αὐτὴν μόριον (vergl. hiezu Erasistratos). Im speziellen Falle war ausfindig zu machen, welcher Körperteil primär oder auf dem Wege der Sympathie die Funktionsstörung erzeugt, und welche Säfteanomalie zu Grunde liegt.
Anschließend sei die Theorie der Entzündung und des Fiebers kurz angedeutet, weil sie am raschesten Einblick in die galenische Pathologie gewährt. Die Entzündung gehört in die Klasse der krankhaften Anschwellungen (ὄγκοι παρὰ φὐσιν = tumores praeter naturam) und charakterisiert sich durch örtliche Wärmesteigerung. Abgesehen von „trockenen“ Formen erfolgt hierbei ein vermehrtes Eindringen (Error loci) von Pneuma oder der vier Humores (ῥεῦμα), wodurch die pneumatöse, phlegmonöse (Blut), ödematöse (Schleim), erysipelatöse (gelbe Galle) oder skirrhöse (schwarze Galle) Entzündung entsteht. Stockung der Säfte bedingt die vier Kardinalsymptome (tumor, rubor, calor, dolor functio laesa). Der Ausgang kann sein: Zerteilung, Ausschwitzung von Serum (ἰχώρ), Eiterung, Fäulnis (σῆψις).
Fieber ist eine abnorme, allgemeine Wärmesteigerung und beruht auf Arterienverstopfung, lokaler Entzündung (ἑλκος, Bubonen) oder Fäulnis der Säfte. Es gibt kontinuierliche und intermittierende, der Starrfrost ist auf Affektion der Nervenzentra zurückzuführen. Die kontinuierlichen, von denen vielerlei Arten unterschieden werden (Ephemera, ὴπίαλος, σὐνογος, τυφώδης, τῦφος, καῦσος, λειπυρία, ῥοωδης, πεμφιγωδης, ικτεριωδης, νωθρὸς, φρικώδης), sind bald durch Stockung des Pneuma (Ephemera), bald durch Fäulnis der Humores verursacht oder haben ihren Ursprung in den festen Teilen (ἑκτικοὶ πυρετοί). Von den intermittierenden (διαλείποντες πυρετοί) entsteht die Quotidiana durch Anhäufung von Schleim, die Tertiana aus gelber, die Quartana aus schwarzer Galle (resp. Leber, Milz). Galen stützte sich in seiner Fieberlehre auf die pneumatische Schule. Wir finden daher seine Einteilung auch bei einem späten Anhänger dieser Richtung, nämlich bei Alexandros von Aphrodisias (2. Jahrhundert n. Chr. [περὶ πυρετῶν im Ideler, Physici et medici graeci minores, Bd. I]). Wie Galen teilt auch er die Fieber ein in intermittierende und kontinuierliche, langsame und schnelle, Eintagsfieber, septische und hektische.
Da Galen in seinen Schriften — abweichend von Hippokrates — stets mehr die Beweisführung zu Gunsten seiner Theorien als die Vorführung reiner Beobachtungen beabsichtigt, so finden sich bei ihm wohl scharfsinnige Analysen der Krankheitsprozesse, aber wenig Gesamtbilder von Symptomenkomplexen. Dennoch ist die spezielle Pathologie überaus reich vertreten, und in der Menge willkürlicher Spekulationen liegt manches Goldkorn von wahrer Beobachtung und überraschend klarer Einsicht verborgen.
Krankheiten der Respirationsorgane.
Nasenleiden: Die Auffassung des Katarrhs entspringt der Lehre, wonach das Gehirn die Quelle des Schleims darstellt. Andeutung oder Erwähnung finden: Anosmie, Geschwüre und Polypen (chirurgische Therapie), Ozäna und Epistaxis (Therapie, Kälteapplikation auf die Stirne, Tamponade mit dem Schwamm, Schröpfköpfe in die Leber- oder Milzgegend). Die Beziehung des Nasenblutens zu Allgemeinleiden war bekannt. Kehlkopfleiden: Galen weiß, daß Aphonie und Veränderungen der Stimme sowohl durch Traumen (Läsionen des Gehirns, Rückenmarks, Thorax, Abdomens) als durch Lokalaffektionen des Kehlkopfes erzeugt werden können. Fremdkörper im Kehlkopf oder Trockenheit der Schleimhaut rufen durch ihren Reiz Husten hervor. Beschrieben werden Geschwüre des Larynx (oberflächliche und tiefe; sie sind nur wenig schmerzhaft), Laryngitiden, Ermüdung der Stimmbänder etc. Die Kynanche unterscheide sich von der Synanche, daß erstere das Innere des Larynx befalle und daher sehr gefährlich sei, während letztere im Schlundkopfe ihren Sitz habe[24]. In der Therapie kamen verschmierende (Gummi, Amylum, Milch, Eier u. a.), reinigende (expektorierende) und adstringierende Mittel, „Hypoglottides“ (kleine bohnenförmige Ballen, die unter die Zunge gelegt wurden, dort sich langsam verflüssigten und heruntergeschluckt wurden), zur Anwendung; außerdem diätetisches Regime, Bäder, Luftkurorte; bei entzündlichen Affektionen die Venäsektion. Lungenkrankheiten: Die Therapie der akuten Bronchitis bestand in der Darreichung von Honig (zur Erleichterung der Expektoration) und Opium mit gekochtem Weinmost; beim chronischen Katarrh verordnete Galen leichteren Wein, Narkotika, verbunden mit Pfeffer, Galbanum, besonders aber Marrubium vulgare. Weit schärfer als die Vorgänger trennte er die Pneumonie von der Pleuritis und bezeichnete als differentialdiagnostische Kennzeichen der ersteren: die größere Atemnot und die blutigen Sputa. Die Pleuritis wird definiert als νόσημα τοῦ τὰς πλευρὰς ὑποζωκότος ὑμἑνος oder als φλεγμονή dieser Membran.