Bei der Pneumonie ist auf das verschiedene Aussehen der Sputa in den einzelnen Stadien der Krankheit, auf den Puls und die Atmung zu achten. Die Beschaffenheit des Sputums zeigt an, welcher Humor durch seinen Zufluß die Entzündung erregt, ein ungünstiges Vorzeichen bildet der grüne, schwarze oder übelriechende Auswurf. Der Puls ist groß, wellenförmig, sehr frequent, zuweilen kaum fühlbar, unregelmäßig und doppelschlägig, sehr gefährlich ist der Pulsus intercurrens. Die Respiration ist beschleunigt, vermehrt und flach, je mehr die Atemwege verstopft sind, desto mehr steigt die Atemnot. Bei der Pleuritis haben die Schmerzen einen stechenden Charakter, der Puls ist rasch, häufig, mittelgroß, heftig, sehr hart und sägend, die Arterien sind gespannt und hart. Um Verwechslungen mit Leberleiden vorzubeugen, habe man auf das Verhalten des Stuhlganges, der bei letzteren charakteristische Veränderungen zeige, Rücksicht zu nehmen. Die Behandlung beider Affektionen ist im wesentlichen die gleiche, nebst warmen Umschlägen spielen der Aderlaß (an der Armvene der kranken Seite, so lange, bis das Blut eine lebhafte Röte zeigt) und Purganzen (meist Koloquinthen und Helleborus) die Hauptrolle. Bei (prognostisch ungünstigem) Durchfall sind Opium, Hyosciamus und Diuretika zu geben; nach den Ausleerungen Honigwasser, Ptisanen, leichte Kost und Wein, namentlich bei spärlichem Auswurf. Die Diagnostik und Therapie des Empyems (Eiteransammlung im Raume zwischen Lunge und Brustwand) ist bei Galen nicht so ausführlich wie bei Hippokrates geschildert (nach Galen schwand die Neigung zur operativen Behandlung des E. immer mehr). Von der Lungenschwindsucht unterschied der Pergamener eine entzündliche, ulzerative und eine schleichende Form. Die φὑματα, von denen er im Anschluß an Hippokrates mehrmals spricht, bedeuten nicht Tuberkel, sondern Geschwüre, Eiterherde der Lunge. Als ätiologische Momente der entzündlichen Form gelten mechanische Läsionen; Zerrungen des Lungengewebes (auf die Läsion folge nämlich Entzündung und Ulzeration), anhaltender Husten und besonders Hämoptoë werden als vornehmste Ursachen der Phthise erwähnt. Die Blutung kommt zu stande: 1. durch Ruptur der Gefäße (infolge Einwirkung mechanischer Gewalt, Schlag, Fall, Heben schwerer Gegenstände, lautes Schreien u. a.), 2. durch Erosionen der Gefäßwände (dabei gingen schon andere Symptome lange vorher, wie z. B. Auswurf infolge des Zuflusses scharfer Stoffe nach der Lunge), 3. durch die Atonie der Gefäßwände (veranlaßt durch warme Bäder, heiße Speisen etc.), wobei die „Anastomosen“ die Blutflüssigkeit hindurchtreten lassen (in diesem Falle ist die Blutung sehr geringfügig). Differentialdiagnostisch gegenüber der Hämatemesis sei festzuhalten, daß erbrochenes Blut dunkel gefärbt sei und ohne Husten entleert werde, während das aus der Lunge stammende Blut hell und schaumig aussehe und unter Husten expektoriert werde. Sind Zerreißungen der Gefäße Ursache der Hämoptoë, so sei bei jungen Patienten die Venäsektion vorzunehmen, jedoch nicht bei heißem Wetter oder in den Fällen, wo der Kranke an Gallenüberfluß leidet. Sonst werden empfohlen: das Binden der Glieder, Einreibungen, diätetisches Regime (Gerstenwasser, Obst, ruhiges Verhalten), Theriak, sowohl um die Sekretion zu beschränken, als um Schlaf zu bewirken. Die schleichende Form der Phthise entstehe durch Verderbnis der Säfte. Der Puls ist klein, schwach, weich, mäßig, rasch und „hektisch“. Prognostisch ungünstig seien salzig schmeckende Sputa, Durchfälle und Haarausfall. Die Therapie besteht in leicht verdaulicher, kräftiger Nahrung, fortgesetztem Milchgenuß, Behebung der Obstipation (Honig oder Salz), und eventuell in der Anwendung verschiedener meist balsamischer und austrocknend wirkender Medikamente (Myrrhe, Terpentin, armenischer Bolus) oder Antidota (z. B. Fuchslunge). Das vorzüglichste Heilmittel ist aber nach Galen Luftveränderung (Land-, Seereisen), der Aufenthalt in trockenen, hoch gelegenen Orten Aegyptens und Libyens (Gebirgsaufenthalt, Höhenlufttherapie). Besonderen Rufs als klimatischer Kurort erfreute sich das südlich vom Vesuv, am Meerbusen zwischen Sorrent und Neapel gelegene Tabiä, dessen Vorzüge Galen ausführlich schildert und durch Mitteilung von Krankengeschichten Schwindsüchtiger zu beweisen sucht. — Bemerkenswerterweise kennt Galen die Ansteckungsgefahr der Phthise[25], denn er sagt: „Bei Phthisikern bestehen faulige Aushauchungen im Zimmer, das sie bewohnen, und fötider Geruch. Erfahrungsgemäß verfallen diejenigen in Phthisis, welche mit Phthisikern zusammen im Bette schlafen, lange zusammen wohnen, mit ihnen essen und trinken oder deren Kleider und Wäsche gebrauchen, bevor deren Schädlichkeit beseitigt worden ist.“
Gegen „Herzklopfen“ empfahl Galen Blutentziehung und strenge Diät.
Krankheiten des Digestionsapparates. Was zunächst die Erklärung der Symptomatologie anlangt, so findet sich bei Galen folgendes: Der Appetitmangel sei darauf zurückzuführen, daß unverdaute Substanzen, gallige Säfte oder Schleim im Magen vorhanden sind, oder daß dessen Funktionen geschwächt sind; das Hungergefühl beruhe auf Kälte und Trockenheit und habe seinen Sitz im „Magenmunde“ (der Ausdruck Kardia oder Stomachos bedeutet die Speiseröhre; man hielt den „Magenmund“ für sehr reich an Empfindungsnerven und daher für den Ausgangspunkt vieler krankhafter Zustände); der Heißhunger entstehe, wenn sauere, kranke Säfte den Magen reizen, wenn sich die genossenen Speisen zu rasch im Körper verteilen, namentlich aber unter dem Einflusse äußerer Kälte oder kalter Dyskrasien, wodurch sich die innere Haut des Magens zusammenziehe; auch der Durst sitze im „Magenmunde“ und sei insbesondere vermehrt, wenn gallige oder salzige Stoffe den Magen füllen (unter anderem sollen kalte Bäder den übermäßigen Durst stillen). Uebelkeit oder Brechreiz, welche ebenfalls vom „Magenmund“ ausgelöst werden, führen nicht immer zum Erbrechen; Uebelkeit ist der mißlungene, Erbrechen der vollendete Versuch der Natur, den Magen von schädlichen Dingen zu reinigen. Letzteres komme durch die „austreibende“ Kraft zu stande. Uebelkeit wird hervorgerufen, wenn die Galle im Magen vorherrscht und der Magenmund eine bittere Beschaffenheit annimmt, das Erbrechen, wenn der Magen geschwächt ist und sein oberer Teil durch die Menge oder Unverdaulichkeit der Speisen gereizt wird. Brechreiz oder Erbrechen kommen nicht nur bei Magenleiden, Unterleibsaffektionen, lange anhaltender Verstopfung, sondern auch z. B. bei plötzlichem Schreck, bei Geisteskrankheiten, bei Verletzung des Gehirns und seiner Häute u. s. w. vor, sie begleiten die Seekrankheit. Auch das Erbrechen Neugeborener erwähnt Galen. Die erbrochenen Massen haben verschiedene Beschaffenheit, zuweilen gleichen sie geronnenem schwarzen Blute. Singultus, woran besonders Kinder leiden, entstehe durch Völle oder Leere des Magens, oder wenn ihn scharfe, heiße Säfte füllen, namentlich auch durch Erkältung des Magenmundes, er ist eine krampfartige Affektion des Magenmundes; außer durch Gelegenheitsursachen kann er auch durch Entzündung der Bauchorgane (Druck auf den Magen) bedingt sein, eines der empfohlenen Gegenmittel bestand im Zurückhalten des Atems. Dyspepsie behandelte Galen mit Brechmitteln, Bedeckung des Kopfes und der Magengegend mit heißen Tüchern, vierundzwanzigstündigem Fasten, unter Umständen kalten Umschlägen auf die Magengegend, kaltem Getränk, Eis; gegen heftiges Erbrechen dienten vegetabilische Adstringentien, endlich Opium mit aromatischen Mitteln. Der von den antiken medizinischen Autoren häufig genannte „Morbus cardiacus“ — wahrscheinlich eine Neurose — wird von Galen als eine vom Magen ausgehende akute Krankheit aufgefaßt. Unter den Darmleiden werden Katarrhe, Kolik, Darmverschlingung, Dysenterie, Cholera (nostras), Eingeweideparasiten ausführlich besprochen. Der Kolik — deren Bezeichnung Galen für unpassend erklärt, weil sie nicht bloß vom Kolon, sondern von den verschiedenen Gegenden des Unterleibs ihren Ursprung nehmen könne — gehen häufig dyspeptische Beschwerden, Uebelkeit, Erbrechen u. a. voraus, sie verläuft ohne Fieber, ist häufig mit Verstopfung und Erbrechen, bisweilen auch mit Atembeschwerden, Frost und Schweißausbruch verbunden, sie steigert sich manchmal bis zu Ohnmachten. Die Dauer des Anfalls kann selbst zwei Tage betragen; nicht selten kommen Verwechslungen mit anderen Leiden, z. B. mit Nierenaffektionen, vor, für welch letztere der Abgang von Nierensteinen durch den Urin ein differentialdiagnostisches Moment darstellt. Die Darmverschlingung erklärt Galen meistenteils aus entzündlichen oder skirrhösen Prozessen, Abszessen u. s. w. des Darms; die Entstehung durch zähe und dicke Säfte hält er für unmöglich. Das Wesen der eigentlichen Ruhr sucht er in Darmgeschwüren, doch gebe es herkömmlich auch als Ruhr bezeichnete Formen, die sich durch Darmblutung ohne Geschwüre charakterisieren. Witterungs- und Temperatureinflüsse (Frühling, Sommer, außerdem der Genuß von Wasser aus bronzenen Leitungsröhren) haben große Bedeutung für das Auftreten der Dysenterie, die Darmgeschwüre entstünden auch, wenn die innere Fläche des Darmes durch verdorbene Säfte angeätzt und angefressen werde; haben die Stuhlgänge das Aussehen von Eiterjauche, so weise dies auf die Existenz von Krebsgeschwüren. Heilmittel sind Austernschalen, Hirschhorn, Opium, Galläpfel, Klysmen. Die Cholera charakterisiert sich durch den höchst akuten Charakter, die Wadenkrämpfe, den fadenförmigen Puls, im späteren Verlauf treten Ohnmachten auf. Die Eingeweidewürmer bilden sich im menschlichen Körper unter dem Einfluß der Wärme aus faulenden Massen. — Ikterus ist die Folge von Verstopfung der Gallenwege, Entzündung oder Geschwülsten, er ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Tritt er im Verlauf einer Krankheit als kritisches Zeichen auf, so besteht die Therapie in warmen Bädern und Friktionen; als örtliches Leiden wird er mit Abführ-, Schwitz-, harntreibenden Mitteln behandelt. Die Leber, sagt Galen, neigt wegen ihrer Struktur und physiologischen Tätigkeit besonders zu Verstopfungen, namentlich wenn ihre Gefäße ziemlich enge sind. Genuß unverdaulicher Speisen, rohe Säfte u. a. bilden ätiologische Momente. Leberentzündungen auf der konvexen Seite ziehen mehr das Respirationssystem, solche der konkaven Seite die Verdauungsorgane in Mitleidenschaft; zu den Symptomen zählt auch der Singultus. Bei „Milzleiden“ dienen Squilla und Kappernwurzel als wichtigste Heilstoffe, weil sie die dicken und schleimigen Stoffe mit dem Urin entleeren. — Anasarka werden durch den Ueberfluß an kalten und feuchten oder verdorbenen Stoffen hervorgerufen, welche eine Verflüssigung des Fleisches bewirken; Hydrops entstehe durch Affektionen der Leber, Milz, der Nieren, der Lunge, Gedärme, durch zurückgehaltene Menses und Hämorrhoiden. Dadurch, daß die Wasseransammlung auf das Zwerchfell drückt und sekundär die Lunge zusammenpreßt, treten bei Ascites Respirationsstörungen (Atmung flach, frequent) und Husten auf; der Puls ist beim Ascites klein, frequent, ziemlich hart und etwas gespannt, bei Anasarka wellig, breiter und weicher.
Krankheiten des Urogenitalsystems. Die erschwerte Harnsekretion zeigt drei Intensitätsgrade: Dysurie ist die leichteste Form, Strangurie besteht, wenn der Harn nur tropfenweise, Ischurie, wenn er gar nicht nach außen gelangt; die Ursache liegt in der Verstopfung der Harnwege (durch zu dicken Urin, geronnene Blutmassen, steinige Konkremente), in der Entzündung oder Lähmung der Blase (infolge von Dyskrasien oder pathologischen Neubildungen), oder in der Schärfe des Urins (infolge von Blutsveränderungen oder Nierenaffektionen). Dysurie kommt auch, ohne daß die Harnorgane selbst erkrankt sind, vor. Wenn die Harnretention lange dauert, rät Galen zur Entleerung durch den S-förmig gewundenen Katheter. Nierenentzündungen seien oft langwierige Leiden, ja sie könnten das ganze Leben hindurch andauern. Nierensteine entstünden ebenso wie die gichtischen Ablagerungen in den Gelenken, Blasensteine sollen hauptsächlich bei Kindern (namentlich Knaben) vorkommen (infolgedessen dehne sich der Penis aus); Blasensteine sind manchmal wie angewachsen. Die Therapie der Harnsteine und Gicht erfordert den Gebrauch von Eselsmilch, von Wein mit Honig als Diuretikum, ferner die Arzneimittel: Myrrhe, Petersilie, Kümmel, Ammoniakum, das Pulver, welches sich in den Meerschwämmen vorfindet. Gegen Hämaturie wirkt Alaun, gegen Ischurie Apium. Blasenkrätze (Psora) hieß ein Zustand, bei dem der Harn eine dicke, zähe Beschaffenheit hat und kleienartige Schüppchen enthält (chronische Cystitis). Nierenkolik könne leicht mit Darmkolik verwechselt werden, doch diene der Nutzen der Abführmittel als Anhaltspunkt. Galen führte den Diabetes, dessen Wesen nur in der Polyurie vermutet wurde, auf eine Auflockerung der Nieren zurück. — Der Terminus „Gonorrhoea“ bedeutet unwillkürliche Samenergießungen; je nachdem dieselben mit Erektion verbunden sind oder nicht, handle es sich um Reiz- oder Lähmungserscheinungen. Satyriasis oder Priapismus ist die dauernde Anschwellung und Vergrößerung des Penis.
Dyskrasieen und Kachexieen. Was die Gicht anlangt, so glaubte Galen, daß sie durch dicke und verdorbene Säfte erzeugt wird, oft auch vererbt ist; die Gichtknoten seien die Folge einer (durch die Wärme veranlaßten) Austrocknung der dicken Säfte; Diarrhöen und auch Varices üben manchmal einen günstigen Einfluß auf den Ablauf der Krankheit aus. Blutentleerung und Abführmittel (besonders im Frühjahr) wirken prophylaktisch, eignen sich aber nur für Plethorische. Bei Gichtanfällen sind reizende, blasenziehende Umschläge, mit Narkoticis, nachher auflösende Pflaster (Emplastron diachylon des Menekrates vergl. S. 323) anzuwenden. Rheumatische Affektionen sondert Galen sorgfältig von der Arthritis. — Den Krebs betrachtete Galen als parasitisches Wesen.
Nervenleiden[26]. Selbstverständlich werden von Galen jene Affektionen, die in krankhafter Beschaffenheit des Nervensystems ihre Ursache haben, nur zum Teile auf dasselbe zurückgeführt. — Kopfschmerz wird durch Säfteanomalien, aber auch durch starke Gerüche, den Genuß ungesunden Wassers oder durch das Eindringen von Luft in die Venen hervorgerufen. Die chronische Form des Kopfschmerzes hieß bei den Alten Cephalaea. Die Hemikranie kann primär oder aber sekundär durch Unterleibsaffektionen bedingt sein, indem kranke Säfte und Gase durch die Gefäße nach dem Kopfe gelangen, der Schmerz selbst entstehe in den Hirnventrikeln. Schwindel ist gewöhnlich cerebralen Ursprungs, könne aber auch vom Magenmund ausgelöst werden, wenn die δὑναμις ζωτική in Mitleidenschaft gezogen werde. Apoplexie, d. h. die mit Aufhebung des Bewußtseins verknüpfte totale Bewegungs- und Empfindungslosigkeit beruhe auf Plethora und Schleimanhäufung im Gehirn, sitze in den Hirnventrikeln und in der Hirnsubstanz. Lähmung der Respirationsorgane führt den Tod herbei. Nach dem eigentlichen Ablauf der „Apoplexie“ zurückbleibende Lähmungen werden als Paraplegien bezeichnet. Hemiplegien (das Gesetz der Kreuzung ist Galen natürlich bekannt, vergl. Aretaios, Rhuphos) und Gesichtslähmungen deuten auf den Krankheitssitz im Gehirn, alle übrigen Lähmungen auf Erkrankungen des Rückenmarks oder der Nerven. Spinale Lähmungen erfolgen durch Verletzung oder durch „Phymata“ des Rückenmarks. Krämpfe werden durch Anämie oder Plethora des Zentralnervensystems erregt. Die Facialislähmung wurde als „Spasmus cynicus“ aufgefaßt. Epilepsie gehe aus der Verstopfung der Gehirnhöhlen mit Schleim oder dem schwarzgalligen Saft hervor; ihren Namen Krankheit des Herakles habe sie wegen der Gewalt des Leidens, „Krankheit der Kinder“ hieß sie, weil die Epilepsie im Kindesalter besonders häufig vorkomme. Die Behandlung bestand in der Vornahme der Venäsektion am Fuße (namentlich im Frühling), in der Darreichung des Theriaks und in diätetischen Maßnahmen. Eine eigene Abhandlung Galens handelt über die verschiedenen Formen des Zitterns.
Psychosen. In der Pathologie der Alten spielten als Krankheitstypen die „Phrenitis“, der „Lethargos“ und die „Typhomanie“ eine Rolle; dieselben entsprechen keinen bestimmten Krankheiten, sondern im Verlaufe von Krankheiten vorkommenden psychischen Anomalien. Phrenitis bedeutet wohl einen fieberhaften, mit Delirien verbundenen Zustand geistiger Aufregung, der symptomatisch eine Teilerscheinung verschiedener Krankheiten bilden kann. Galen hebt als Kennzeichen Bewußtseinsstörung, Hitze der Haut, Fieber, Trockenheit, Krämpfe, Diarrhöen, Erbrechen, Respirationsstörung hervor und gibt an, daß der Puls meist klein, mäßig hart, sehnig, häufig und beschleunigt, zuweilen gleichsam zitternd sei. Sitz der Krankheit seien das Gehirn und besonders dessen Häute, die durch den Zufluß galligen Blutes erhitzt werden. Therapie: Aderlaß, kühlende Umschläge, kalte Uebergießungen. Der Lethargus wird ebenfalls in den Gehirnhäuten lokalisiert, nur gilt bei ihm fauliger Schleim als auslösender Reiz. Galen schildert diese Krankheit als rasch verlaufend und sehr gefährlich, charakteristisch sei das Darniederliegen der geistigen Tätigkeit, die Somnolenz. Der Puls sei groß, undeutlich, weich, etwas verlangsamt, selten intermittierend und bisweilen doppelschlägig. Lethargus und Phrenitis stehen in einer Wechselbeziehung, insofern die Schlafsucht der Phrenitis vorausgeht oder dieselbe in ihrem Verlauf ablöst. Lethargus dürfte somit ganz allgemein einen akut fieberhaften Zustand mit hochgradiger Schwäche und Somnolenz bedeuten. In der Mitte zwischen beiden „Krankheiten“ steht die „Typhomanie“, welche gewisse Symptome beider in sich vereinigt. Die Melancholie könne auf zweierlei Art zu stande kommen, sei es, daß die gesamte Masse des Blutes leide, sei es, daß nur das Blut des Gehirns ergriffen werde; im ersteren Falle bilde der Aderlaß einen Hauptbestandteil der Kur. Veranlassende Momente sind z. B. Stockung der Menstruation, Entbehrung des Beischlafes, Kummer, Sorgen etc. Sie kann auch eine Folge von Sonnenstich oder akuten Krankheiten sein. Die Manie verdanke dünnen, galligen Säften ihre Entstehung und unterscheide sich von der „Phrenitis“ nur durch den Mangel des Fiebers. — Galens psychiatrische Symptomatologie unterscheidet Störungen des Vorstellungs-, Denk- und Erinnerungsvermögens, so z. B. völlige Unfähigkeit (ἄνοια), mangelhafte Betätigungskraft (μωρία) und verkehrte Tätigkeit (παραφροσὑνη) auf dem Gebiete des Vorstellens.
Dermatosen. Die Theorie der Hautkrankheiten beruhte auf der alten Tradition, daß Dermatosen — es werden viele Formen genannt — keine Affektionen sui generis, sondern Ausflüsse innerer Zustände sind; die Einteilung in solche des Kopfes und des übrigen Körpers bildet den ersten Versuch einer Systematik. Für die Entstehung mancher Hautleiden wurden von Galen auch gichtische Affektionen verantwortlich gemacht. Die Therapie benützte dementsprechend nicht nur Topika, sondern auch insbesondere ausleerende Mittel, z. B. Helleborus.
Den Prüfstein medizinischer Systeme gibt allein die Erfahrung, und nichts beweist so sehr die Wahrheitsliebe, die Denkreife eines ärztlichen Forschers, als wenn er am Krankenbette die Grenzen erkennt und einhält, welche für seine Deduktionen aus der Pathologie noch unüberschreitbar bleiben, wenn er mit Verleugnung seines Hanges zur kausalen Begründung dort von einem provisorischen Empirismus Gebrauch macht, wo es an einer exakt wissenschaftlichen Basis noch mangelt.
Wenn wir von diesem Gesichtspunkt die galenische Therapie überblicken, so finden wir, daß der große Arzt von Pergamos neben dem dogmatischen Standpunkt den empirischen nicht vernachlässigt, ja auf manchen Gebieten den letzteren sogar bevorzugt. Im Prinzip wollte er die Linie, welche Hippokrates gezogen hatte, einhalten, wenn es auch in seinem Ehrgeiz lag, das erfahrungsmäßige Handeln überall, wo es möglich schien, durch „wissenschaftliche“ Momente zu begründen, in feste Normen zu bannen. Die Ueberschätzung dieser Möglichkeit wurde freilich zur Wurzel von Fehlern und dämmte den Hippokratismus stark ein, ja sie zeitigte eine Behandlungsweise, die nicht selten nur noch formell mit den hippokratischen Anschauungen zusammenhing.