Galen legte in klarer und übersichtlicher Weise die Aufgaben und Prinzipien des ärztlichen Handelns dar, wobei er formell stets an den erhabenen Koër anknüpft.
Er erteilt schon über das Benehmen im Krankenzimmer vortreffliche Ratschläge, die Besuche dürfen nicht zu häufig oder zur Unzeit erfolgen; der Arzt soll würdig auftreten, nicht mit viel Geräusch und lautem Sprechen lästig fallen, sich der Bildungsstufe, den Neigungen und Gewohnheiten des Patienten bis zu einem gewissen Grade anbequemen. Vor taktlosen Reden, wie z. B. „Auch Patroklos ist gestorben und war mehr als du“, muß man sich in acht nehmen. Als abschreckendes Beispiel wird der grobe Kointos angeführt, der stark nach Wein roch und in einem vornehmen Hause dem fiebernden Kranken, der sich darüber aufhielt, entgegnete: „Ach was, dein Fieber riecht noch schlechter.“
Die allgemeine Therapie gipfelt in der höchsten Anerkennung der Naturheilkraft (Physiatrie). Aufgabe des Arztes ist es, die Physis in ihrem Heilbestreben zu unterstützen, ὠφελεῖν ἢ μὴ βλάπτειν, zu nützen oder doch nicht zu schaden, wie Hippokrates sagte.
Sehr treffend weist Galen darauf hin, daß dieser Ausspruch des Hippokrates in seiner Gänze erst den erfahrenen Praktikern verständlich wird, weil sie zur Einsicht gekommen sind, wie schwer es unter Umständen schon ist, trotz bester Absichten nicht zu schaden. „Denn, wenn es diesen mitunter begegnet, daß sie durch unpassende Anwendung eines heftigen Mittels einen Kranken verlieren, dann werden sie die Wichtigkeit jenes hippokratischen Ausspruches vollständig begreifen.“
Das Wesen des Galenismus gegenüber dem Hippokratismus liegt aber in dem Versuche, die Physis und die Wirkungssphäre derselben theoretisch festzustellen und dem Arzte eine sichere Handhabe für das Vorgehen im Einzelfalle durch allgemeine Grundsätze zu geben.
Eine auf Naturphilosophie, die Hilfswissenschaften und klinische Beobachtungen aufgebaute Pathologie schien die Erkenntnis der Krankheitsursachen und Krankheitsvorgänge zu sichern. Die letzteren sind nichts anderes als Funktionsstörungen; ihre Beseitigung ist Heilung. Die Werkzeuge, deren sich die Physis dabei bedient, können nur diejenigen Kräfte sein, welche auch in gesundem Zustande, nach den Gesetzen der Notwendigkeit wirkend, die Bildung, die Ernährung, das Wachstum des Körpers vermitteln (vergl. S. 372), als wichtigste unter ihnen ist die „austreibende“ Kraft zu betrachten, da sie die Entfernung der Materia peccans veranlaßt. Ohne der anziehenden, zurückhaltenden und verändernden Kraft entgegenzuarbeiten, muß deshalb auch das Hauptaugenmerk des Arztes auf die Ausleerung der Schädlichkeiten gerichtet sein.
Die Ausleerung der schädlichen Stoffe spielt z. B. in der Behandlung der Fieber die Hauptrolle. Tertianen werden mit Abführ- oder Brechmitteln, dann mit Diureticis und warmen Bädern behandelt. Quartanen mit Aderlässen, dann mit Pfeffer und kräftiger Diät. Quotidianen mit harntreibenden Mitteln. Putride Fieber sollen durch reichliches Trinken von Gerstenwasser, Petersilienaufguß und durch Klistiere geheilt werden.
Ein zweites Fundamentalgesetz der Therapie ist die Bekämpfung der Krankheiten durch entgegengesetzt wirkende Mittel (z. B. Kälte durch Wärme, Plethora durch Entleerung u. s. w.). Die Wahl, die Dosierung und die Applikationsart der Heilverfahren unterliegt bestimmten Indikationen (ἐνδείξεις), welche sich aus den Krankheitsursachen, aus dem Krankheitszustand und den Symptomen, aus der Individualität[27] und Lebensweise des Kranken ergeben. Die Ursachen der Krankheit sind womöglich durch prophylaktische Maßnahmen fernzuhalten (Indicatio causalis, prophylactica). Die aus der Krankheit selbst entspringenden Heilanzeigen (Indicatio morbi) sind abhängig von dem Charakter und der Intensität derselben, vom Typus und Stadium, von dem Ausgang und den Komplikationen. So sind z. B. drastische Mittel nur im Anfangs- oder Endstadium angemessen. Die Symptome (Indicatio symptomatica) stellen z. B. die Aufgabe, den Schmerz zu lindern, die Ausleerungen zu regeln, gefahrdrohende Zustände zu beseitigen (I. vitalis). Was die Individualität des Patienten anlangt, so ist bei der Therapie Alter, Geschlecht, Temperament, Kräftezustand, der Wohnort des Patienten, die Eigentümlichkeit des erkrankten Organs etc. zu berücksichtigen. Daran schließen sich noch Indikationen resp. Kontraindikationen, die aus der Atmosphäre[28] und sogar aus den Träumen(!)[29] gewonnen werden. — Vor Inangriffnahme jeder Behandlung muß zuerst entschieden werden, ob das Uebel überhaupt heilbar ist oder nicht, und immer soll die Therapie auch eine allgemeine und individualisierende sein. Die Behandlungsweise Galens läßt sowohl den diätetisch-physikalischen als den arzneilichen Mitteln Recht widerfahren.
Die Erfahrungen der Vorgänger — der Hippokratiker, Methodiker, Pneumatiker — verwertend, wandte er seine größte Sorgfalt der Diätetik und Gymnastik zu und gab für die Anwendung dieser Methoden die genauesten Vorschriften bis in alle Einzelheiten. Er nützte die Einflüsse der Luft und des Lichtes, der Kälte und der Wärme als Heilfaktoren aus; er machte einen sehr ausgedehnten und subtil geregelten Gebrauch von der Massage, von Bädern aller Art, endlich von der Klimatotherapie, welch letztere er zur Höhenlufttherapie (bei Phthisis verbunden mit Milchkur) erweiterte.
Galen hat die Diätetik in eingehendster Weise abgehandelt. Geradezu ein Muster bildet die Schrift „Ueber die säfteverdünnende Diät“. Hier bemerkt er gleich eingangs, daß bei gewissen chronischen Affektionen mit Arzneien nicht viel zu erreichen ist, während eine richtig gewählte Diät solche Krankheiten mäßigen oder sogar beseitigen könne (Nierenentzündung, Gicht, Asthma, Milz- und Leberschwellungen, Epilepsie). „Nur muß, wie bei allem anderen, so auch hier der Arzt die Leitung in der Hand haben, um den geeigneten Zeitpunkt und das Maß herauszufinden.“ Die Schrift zählt im folgenden eine große Zahl von zweckdienlichen Nahrungs- und Genußmitteln auf, und bemerkenswerterweise stimmt das meiste mit unseren heutigen Erfahrungen überein. Leibesübungen und Beschäftigung im Freien empfahl Galen den Schwachen und Rekonvaleszenten, nämlich rudern, graben, mähen, Wurfspieß schleudern, laufen, springen, reiten, jagen, Holz spalten, Lasten tragen u. s. w. Gymnastische Uebungen hatten namentlich bei Fettsucht und Reizzuständen der Genitalien sichtlichen Erfolg. Interessant ist auch ein Fall, wo ein Knabe mit verbildetem Brustkorb durch Armbewegungen, Singübungen, Anhalten des Atems etc. geheilt wurde. Ueber die Technik des Badens werden die genauesten Regeln aufgestellt (z. B. für Fiebernde). Außer den Wasserbädern wandte Galen auch Dampf-, Sonnen-, Sand-, Mineral- und Kräuterbäder an.