Der Humoralpathologie entsprechend, spielen in der galenischen Therapie jene Heilverfahren eine Hauptrolle, welche die Entleerung überschüssiger oder verdorbener Säfte bezwecken, also die Blutentziehung (Aderlaß, Schröpfköpfe, Blutegel), Laxantia, Brechmittel, Diuretika, Schwitzmittel.

Bei der Blutentziehung beabsichtigte Galen entweder die Ableitung der Säfte, ἀντίσπασις, revulsio, oder die Beseitigung schon ausgebildeter Säftestockungen, παροχέτευσις, derivatio; erstere wurde an Körperstellen vorgenommen, die von dem kranken Teile fern liegen, letztere in der Nähe derselben; jene erfolgte durch Aderlaß und zwar meist auf der gesunden Seite, diese durch Schröpfköpfe, Blutegel oder auch durch Venäsektion.

Die Hauptindikationen für den Aderlaß waren Plethora, akute Entzündungen, hohes Fieber und große Schmerzen. Galen verbot die Vornahme der Venäsektion bei Kindern unter 14 Jahren und erlaubte sie bei Greisen nur in dringenden Fällen. Auch sonst warnte er vor übertriebener Anwendung, da übermäßige Blutentziehungen zu allgemeiner Schwäche, Oedemen, Lähmungen, selbst Geistesstörungen führen könnten; man müsse auf den Kräftezustand, das Lebensalter, die Art der Krankheit, die Jahreszeit und das Klima Rücksicht nehmen. So gestatten z. B. anhaltende Fieber den Gebrauch nur bei jugendlichen, kräftigen Personen, im Frühling und Herbst würde der Aderlaß besser als in den anderen Jahreszeiten ertragen, bei Nord- und Südländern wäre größere Vorsicht am Platze als bei Griechen und Römern u. s. w. Mit Ausnahme der Fälle von Plethora entzog Galen Blut, wo er es indiziert fand, bis zur Ohnmacht. Als Revulsivum diente auch das Binden der Glieder. Schröpfköpfe wurden unter anderem auch bei Augenentzündungen, Nasenbluten, Amenorrhoe und Metrorrhagie gesetzt.

Die bei Galen am häufigsten vorkommenden Abführmittel sind: Linsenabkochung, Honigwasser, Kohl mit Oel gekocht, Milch, Molken, Feigen, Oel mit Salz, Zwetschen mit Honig, Trauben, Oleum Ricini, Aloe, Koloquinthen, Meerzwiebelwein. Galen vertrat im Gegensatz zu den Methodikern die Ansicht, daß es spezifische Organmittel gebe und daß dieselben bestimmte Körpersäfte ausleeren, so z. B. Scammonium die gelbe Galle, Epithymum die schwarze Galle. Daphne Cnidium den Schleim. Brechmittel: ekelerregende Mischungen, Honig, Helleborus. Stopfmittel: Käse, Kastanien, gebrannte Knochen, herbe Weine u. a. Diuretikum (zugleich Emenagogum): Petersilie und Sellerie. Ein Lieblingsmittel Galens ist der Pfeffer (bei Affektionen des Digestionstrakts und bei Tertian- und Quartanfiebern).

Dem Zuge seiner Zeit folgend und den Wünschen der großen Masse allzu gefällig Rechnung tragend, hat Galen den Arzneischatz in übermäßiger Weise und nicht gerade immer vorteilhaft vermehrt. Gestützt auf seine Vorgänger, hinterließ er in seinen Schriften eine unglaubliche Menge von oft höchst kompliziert zusammengesetzten Kompositionen aller Art, welche seine rationellen diätetischen Vorschriften verdunkelten und in Vergessenheit brachten. Den späteren Autoren galt er, wiewohl er nur ein Sammler des vorhandenen Materials war, geradezu als Vater der Pharmazie.

Die Hauptquelle für die galenische Materia medica bilden die Bücher VI-XI der Schrift De simplicium medicamentorum temperamentis et facultatibus. Diese sind fast vollständig von L. Israelson in seiner Dorpater Dissertationsarbeit unter Leitung Koberts übersetzt worden; wir verweisen auf diese vorzügliche Arbeit „Die materia medica des Galenos“ (Jurjew 1894). Dort finden sich 473 vegetabilische Arzneistoffe und neben diesen auch mineralische und animalische angeführt. Von mineralischen kommen z. B. die Erdarten (Lemnische, Samische, Kretische), Armenischer Bolus, Meer- und Steinsalz, Bimsstein, Schmirgel, Gips, Schwefel, Alaun, Soda, Eisenvitriol, Blutstein, Feuerstein, Magneteisenstein, Blei, Bleiglätte, Bleiweiß, Mennige, Kupferblüte, Lapis lazuli, Jaspis, Malachit u. s. w. in Betracht. Von animalischen zählt Galen Blutsorten, Milch, Molken, Käse, Butter, Lab, Galle, Schweiß, Urin, Speichel, Dünger, ferner Fleischarten (Vipernfleisch), Fett, Talg, Mark, Eier, Bibergeil, Kanthariden, Wollfett (Lanolin!) zwar auf, aber er stimmt mit den ärztlichen Autoren, welche solche Mittel rühmen, nur zum geringen Teil überein und zeigt gerade auf diesem Gebiete eine erfreuliche nüchterne Denkweise. Ja, er wendet sich sogar stellenweise mit Schärfe oder Spott gegen die ganze Richtung. „Ich bekenne offen, daß sehr viele tierische Substanzen und Flüssigkeiten vorhanden sind, über welche mir keine Erfahrungen zu Gebote stehen. Eine Anzahl derselben ist ekelhaft, verabscheuungswürdig und verboten. Ich weiß auch nicht, wie Xenokrates, zumal er nicht zu Olims, sondern zu unserer Väter Zeiten lebte, über dieselben schreiben konnte, da im römischen Reiche Menschenfresserei verboten war. Und doch beschrieb er, wie aus eigener Erfahrung, mit großer Dreistigkeit, welche Leiden durch Genuß von Menschenhirn, -fleisch, -leber oder aber von Schädel-, Waden- und Fingerknochen, teils gebrannt, teils ungebrannt, oder endlich durch Genuß von Blut geheilt werden könnten. Es sind dies Teile, deren Anwendung, wenn auch ungesetzlich, so doch nicht so sehr ekelhaft ist. Das ist aber der Fall in Bezug auf das Einnehmen von Schweiß, Urin, Menschenblut, Menses, besonders aber von Dünger, und doch schreibt Xenokrates, welche Wirkung Dünger haben kann, wenn er auf die Wunden und in den Pharynx geschmiert und herabgeschluckt würde. Er spricht auch vom Einnehmen des Ohrenschmalzes. Ich würde es nie über mich gewinnen, solches Zeug zu schlucken, selbst um den Preis nie krank zu werden. Das Widerwärtigste von all diesem ist aber der Dünger und dem ähnlich das Trinken der Menses. Kein natürlich empfindender Mensch wird es über sich gewinnen, derartiges kennen zu lernen, ebensowenig, was mäßiger scheußlich ist, nämlich die äußerliche Anwendung von Dünger auf kranke Körperteile oder von Sperma. Xenokrates unterscheidet mit größter Genauigkeit, wie Sperma an sich und wie das nach dem Koitus aus der Vagina herausfließende Sperma zu wirken vermag. Dieses Medikament sei schwer zu erlangen, wenn jemand seine Perniones damit kurieren will. Und so sieht das meiste aus, was Xenokrates von dem Nutzen der äußeren und inneren Anwendung des Menschenurins und Menschendüngers erzählt; er erwähnt auch seltener und schwerer zu erlangende Stoffe, z. B. Elefanten- und Nilpferdexkremente. Aber auch andere haben über diese tierischen Stoffe geschrieben, und aus diesen Quellen schöpft Xenokrates. — Woher mag er aber diese Fülle von Erfahrung in Bezug auf diese Stoffe gewonnen haben? Selbst unser ehemaliger König Attalus, der doch auf das eifrigste derartige Erfahrungen gesammelt hatte, hat nur wenig darüber geschrieben. Ich werde weder Elefanten, noch Nilpferde, noch irgend etwas anderes erwähnen, worüber ich keine Erfahrungen gesammelt habe. Ferner würde ich mich nie entschließen, der Liebestränke, der Traummittel Erwähnung zu tun, selbst wenn mir in Bezug auf diese reichliche Erfahrung zu Gebote stände, ebensowenig wie der krankmachenden Medikamente, von welchen lächerlicherweise behauptet wird, daß sie im stande seien, die Urteilskraft der Gegner zu besiegen, den Abortus zu bewirken, die Konzeption zu verhindern u. dergl. Von diesen entzieht sich ein Teil der Möglichkeit, ihre Wirkung durch Erfahrung kennen zu lernen, der andere Teil, bei dem dies möglich wäre, bringt das Leben der Kranken in Gefahr. Ich wundere mich deshalb, wie man bei allen Göttern, bei vernünftiger Ueberlegung dazu gelangt sein kann, solches zu schreiben.“ Auch bei Besprechung der einzelnen animalischen Stoffe wahrt sich Galenos stets seinen rationellen Standpunkt gegenüber dem erschreckend anwachsenden Aberglauben seiner Epoche und an vielen Stellen sagt er, daß man jene Heileffekte, die den Wundermitteln zugeschrieben wurden, mit ganz einfachen Verfahren erzielen könne. Bei Besprechung der Apotheca stercoralis, die auch jetzt noch bei uns floriert, meint er: „Doch muß ein guter Arzt das alles (d. h. die volksmedizinischen Gebräuche) wissen, ohne daß er dergleichen in der Honoratiorenpraxis zu verwenden braucht. Ich habe es wenigstens nie getan, da mir bessere Mittel zur Verfügung standen. Auf der Reise, der Jagd oder auf dem Lande, wo nichts Besseres zur Verfügung steht, oder bei den Bauern, die abgehärtet sind wie die Packesel, kann man zuweilen in die Lage kommen, Dünger (Tierexkremente) medizinisch zu gebrauchen.“

Galen untersuchte auf seinen Reisen viele Heilstoffe und bezog durch Freunde und hohe Beamte seltene und teuere Drogen. Mineralische Mittel wandte er nur extern an, mit Ausnahme der Lemnischen und Armenischen Erde (gegen Vergiftungen und „Pest“), des Alauns (gegen Ruhr), der gebrannten Austernschalen (gegen Dysenterie).

Der wichtigste Bestandteil der Antidota und des Theriaks war das Opium, das auch für sich als schmerzlinderndes, sedatives Hustenmittel etc. diente.

Die bei Galen vorkommenden Arzneiformen und Applikationsmethoden sind folgende: Dekokte, Infuse, Pastillen, Pillen, Elektuarien, Pulver, Mund-, Gurgelwässer, „Hypoglottides“, Pinselsäfte, Kaumittel, Einspritzungen, Eingießungen, Niesmittel, Inhalationen, Rektal- und Vaginalklysmen, Anal- und Vaginalzäpfchen, Pessare, Salben, Pflaster, Linimente, Senfteige, Kataplasmen, Aetzmittel, Zahnpulver, Kosmetika, Räucherungen, Bähungen. — Große Verbreitung fanden Galens Hiera, seine Pikra, sein Aloemittel und sein Diakodion.

In seiner Polypragmasie verrät Galen, auf den der Ausspruch „Populus remedia cupit“ zurückzuführen ist, deutlich, daß Empiriker seine ersten Lehrer gewesen sind. Bei der Anwendung der Heilsubstanzen ließ er sich zum Teile von klinischer Erfahrung leiten, der Hauptsache nach aber prägte er auch der Heilmittellehre die charakteristischen Züge seiner Spekulation auf, indem er die Pharmakodynamik von der Elementarqualitätenlehre ableitete und der Dosologie mittels subtiler Prinzipien eine anscheinend vollkommen exakte Grundlage gab — gleichsam der Schlußstein seines Systems.