Galen definiert die Medikamente als Substanzen, welche im Gegensatz zu den Nahrungsmitteln im Organismus gewisse Alterationen hervorbringen und sondert sie in drei Klassen. Zur ersten gehören diejenigen Arzneimittel, welche lediglich durch die Elementarqualitäten des Warmen, Kalten, Trockenen und Feuchten wirken. Zur zweiten gehören diejenigen, welche durch die zweiten Qualitäten (vergl. S. 372) wirksam sind und somit Haupt- und Nebenwirkungen äußern, die süßen, bitteren, herben, scharfen, kontrahierenden, erweichenden u. s. w. Mittel. So sind z. B. die bitteren und süßen Mittel zugleich auch warm, die saueren aber zugleich auch kalt. Zur dritten Klasse gehören solche Arzneistoffe, welche (in nicht weiter erklärbarer Weise) vermöge der ganzen Substanz (vergl. S. 372), vermöge der dritten Qualitäten z. B. als Brech-, Abführmittel, Gegengifte etc. und spezifisch auf bestimmte Organe wirken.
Diese Grundeinteilung bedurfte aber einer weiteren Differenzierung, welche durch Einführung der Begriffe von Aktualität und Potentialität und durch Graduierung der Wirkungsweise ermöglicht wurde. So offenbart sich die Elementarqualität des Heißen nicht nur im Feuer, sondern auch z. B. im Pfeffer, im erstem aber „actu“, im letzteren nur „potentia“. Und tritt auch in den mannigfachen Heilmitteln immer die eine oder andere Elementarqualität hervor, so ist doch die Intensität dieser Elementareigenschaft verschieden. Galen stellt demzufolge vier Intensitätsgrade der Wirkung, vier Reizstufen auf. Den ersten Grad nehmen diejenigen Arzneisubstanzen ein, welche eine geringe, sinnlich kaum wahrnehmbare Wirkung entfalten, den zweiten jene, deren Wirkung deutlich merkbar ist, den dritten solche, welche heftig, den vierten solche, welche zerstörend wirken. Die narkotischen Gifte, z. B. Opium, Mandragora, Conium, sind kalt im vierten Grade, die Hahnenfuß-, Euphorbiumarten heiß im vierten Grade, die Rose ist kühlend im zweiten Grade u. s. w. Auf die weiteren Unterabteilungen wollen wir hier nicht eingehen, nur das sei betont, daß durch diese Abstufung eine streng individualisierende Arzneibehandlung nach dem Grundsatze contraria contrariis (Bekämpfung der hervorstechenden Elementarqualität durch das Entgegengesetzte) und eine ungemein feine Dosierung in den Arzneikompositionen ermöglicht war.
Was die letztere anlangt, so gewähren folgende Beispiele Einblick. Das Opium ist kalt im vierten Grade, es bringt daher im Körper eine sehr bedeutende Kälte hervor, deshalb muß es mit erhitzenden Mitteln verbunden werden, die seine Wirkung mäßigen, z. B. mit Castoreum. Rosenöl ist kühlend im ersten Grade, denn es besteht aus Rosensaft (kalt im zweiten Grade) und indifferenten Oel, in welchem jede der vier Elementarqualitäten in gleicher Intensität vorhanden ist (der zweite Grad wird also um eine Stufe vermindert). Beruht z. B. eine Krankheit auf übermäßiger Steigerung des Warmen, so wird ein kalt machendes Medikament, und zwar in dem nach dem Grade der Alteration sich richtenden Intensitätsgrade verordnet.
Gegenüber der Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten stehen die chirurgischen Fächer bei Galen zurück. Als Gladiatorenarzt in der Heimat hatte er ja Gelegenheit, reiche Erfahrung zu sammeln, in Rom aber scheint er (entsprechend dem Spezialistentum), abgesehen von der Konsiliarpraxis und von Ausnahmsfällen, nicht als Chirurg tätig gewesen zu sein. Theoretisch hat er sich jedenfalls um die Chirurgie sehr bekümmert und vieles Wertvolle in seinen Schriften hinterlassen (z. B. über Verbandlehre, Wundbehandlung, Blutstillung, Naht, verschiedene Operationen). Beim Unterrichte bediente er sich zu Demonstrationszwecken kleiner Modelle (z. B. der Hippokratischen Bank, Streckapparat). Die Abhandlung über Augenheilkunde ist leider verloren gegangen. Am dürftigsten ist die Geburtshilfe in seinen Werken vertreten.
Die Chirurgie wird außer in den Kommentaren zu den einschlägigen hippokratischen Schriften abgehandelt in den Werken: De tumoribus praeter naturam, de locis affectis, Methodus medendi, de anatomicis administrationibus.
Die galenische Chirurgie arbeitete bereits mit einer großen Zahl von Instrumenten. Dahin gehörten verschiedene Sonden, Pinzetten, Messer von verschiedener Art und Größe, Lanzetten, Haken, Nadeln, Glüheisen, Meißel, Hammer, Trepane, Schabeisen, Bohrer, Knochenzange, Klistier-, Mutterspritze, Röhren, Katheter, Steinzange u. a. Für die Behandlung der Wunden und Geschwüre (ἑλκος bedeutet beides) werden unter Berücksichtigung des Allgemeinzustandes des Patienten sorgfältige Vorschriften erteilt (z. B. Anlegung der Naht; unter gewissen Umständen nur partielle Naht; Vermeidung der Taschenbildung und Drainage des tiefsten Punktes; Zerstörung wuchernder Granulationen). Die Blutstillung erfolgt durch Kälte, Adstringentien, Naht, Ligatur, Torsion oder gänzliche Durchschneidung (angeschnittener) Gefäße, Glüheisen; als Ligaturmaterial dienten Seidenfäden oder Darmsaiten. Unter den Verletzungen sind ausführlich Verletzungen der Gefäße (traumatische Aneurysmen), der Nerven, penetrierende Brust- und Bauchwunden besprochen, wobei je nach dem Falle besondere Maßnahmen angegeben sind. Die Lehre von den Frakturen und Luxationen und deren Behandlung zeigt manche Fortschritte gegenüber den Hippokratikern (Klassifizierung der Schädelbrüche, ausführliche Beschreibung der Trepanation). Die Amputation gangränöser Teile ist nur gelegentlich erwähnt, der Resektionen hingegen wird häufiger gedacht. Berühmt ist der Fall von Resektion des Sternums (De anatomicis administrationibus Lib. VII, cap. 13), wobei das Herz freigelegt wurde, ferner beschreibt Galen die Rippenresektion bei Empyem (im Tierexperiment zu physiologischen Zwecken führte er die subperiostale Resektion eines Rippenstückes aus). Bei Defekten an Nasen, Ohren, Lippen kamen plastische Operationen zur Anwendung. Gut ist die Darstellung der Behandlung der Lymphdrüsenschwellung, der Varices und Fisteln. In einigen pseudogalenischen Schriften sind mehrere, hier nicht berücksichtigte chirurgische Fragen dargestellt; z. B. in den Definitiones medicae Blasenkrankheiten, Phimosis, Paraphimosis, Hypospadie, Atresia urethrae, Kryptorchismus, Hydro-, Sarko-, Varikocele; in der Introductio seu medicus ist unter vielem anderen eine eingehende Erörterung des Steinschnittes enthalten.
Die Geburtshilfe ist bei Galen nicht ausführlich dargestellt, jedenfalls ging er auf diesem Gebiete über die Vorgänger nicht hinaus; charakteristischerweise hielt er Nichtschädellagen für sehr selten. Besser scheint er in der Gynäkologie bewandert gewesen zu sein; er beschreibt die Gebärmutterentzündung, Uteruskarzinom, Lageveränderungen des Uterus, Scheidenfluß, Mastitis, Mammakarzinom (Radikaloperation); die Ursachen der Sterilität werden eingehend erörtert.
Hinsichtlich der Augenheilkunde, über welche sich in den noch vorhandenen Schriften nur verstreut Bemerkungen finden — seine „Diagnostik der Augenkrankheiten“ ging verloren —, wäre anzuführen, daß Galen in überraschender Weise die Funktionsstörungen physiologisch darlegt, die Kontagiosität gewisser Augenentzündungeu kennt; aus den Angaben über den Star, welcher teils in die Linse, teils ins Kammerwasser verlegt wird, kann entnommen werden, daß man in der Regel bloß die Verlagerung und Depression machte, daß jedoch einzelne Aerzte es auch versuchten, nach dem Einschnitt den Star herauszubefördern.
Otologie: Galen hinterließ eine Masse von Rezepten gegen verschiedene Ohrleiden (Ohrenfluß, Abszeß, Ansammlung oder Mangel von Cerumen, Ohrgeräusche, Schwerhörigkeit, Taubheit). Die Erklärung der Symptome stützt sich zumeist auf Spekulationen, z. B. dominiert die Lehre vom aer ingenitus oder complantatus, der eingepflanzten Luft (aristotelische Hypothese vom ἀὴρ συμφυής). Rationell sind dagegen die Methoden zur Entfernung der Fremdkörper (Beschreibung feiner Häkchen, Zangen, Sonden) und manche Verfahren bei chirurgischen Affektionen (Quetschung, Anschwellung, Bruch des Ohrknorpels).
Von scharfer Beobachtungsgabe zeugt die Schrift „Wie Simulanten zu entlarven sind“. Hier gibt Galen eine Reihe von physischen und psychischen Kennzeichen an, welche es dem Arzte ermöglichen, Simulation von wirklichen Krankheitszuständen zu unterscheiden. Einige Beispiele aus der eigenen ärztlichen Erfahrung illustrieren die mitgeteilten Kriterien in treffender, anschaulicher Weise.