Aus der Kinderheilkunde interessiert es uns besonders, daß man die Ammen Medizin einnehmen ließ, um die Säuglinge zu heilen. Bemerkenswert ist auch die Prognose für ein Kind am Tage, an dem es geboren wird: „Wenn es ni schreit, wird es leben, wenn es ba schreit, wird es sterben.“
Höher als die therapeutische Polypragmasie ist die Hygiene und Krankheitsprophylaxe der Aegypter zu werten. Nicht nur im Rahmen ihrer Zeit, sondern selbst von der Warte der Gegenwart betrachtet, verdienen die meisten ihrer hygienischen Maßnahmen (namentlich unter Berücksichtigung des heißen Klimas) vollste Anerkennung, und sie lassen so recht den Ausspruch Herodots begreiflich finden: „Die Aegypter seien neben den Libyern das gesündeste Volk.“ Sicher auf Kosten sehr weit zurückreichender Erfahrungen, insbesondere über Seuchen aller Art, dürfte in Aegypten jener Wunderbau der Sozialhygiene errichtet worden sein, der zwar in erster Linie und voller Strenge für den König, die Priesterschaft und die obersten Kasten galt, aber doch auch die weitesten Schichten des Volkes in der ganzen Lebensführung beeinflußte; war es doch die hehrste Pflicht des Königs, die Reinheit des Volkes zu wahren.
Die Herleitung der meisten Krankheiten von Nahrungsüberschüssen und die Erkenntnis, daß es leichter ist, Krankheiten vorzubeugen, als die schon entstandenen zu heilen, rief (nach den Angaben Herodots und Diodors) den Gebrauch hervor, 3 Tage in jedem Monat hintereinander bloß aus prophylaktischen Gründen Brechmittel und Klistiere anzuwenden. In tiefer Kenntnis der Völkerpsychologie, getreu der Maxime, daß die Menschheit einer gewissen Denkstufe, autoritativ im Interesse ihres eigenen Wohles zunächst zu Handlungen getrieben und erst sekundär zum Nachdenken veranlaßt werden solle, regelten Religionsgesetze, kraft göttlicher Inspiration, die öffentliche Gesundheitspflege und die ganze Lebensweise, die Körperpflege, die Bekleidung, die Nahrung, das sexuelle Leben u. s. w., und stellten, wie viele Tempelinschriften besagen, den Frommen, d. h. den Reinen und Mäßigen, statt transzendentaler Güter ein langes Leben und Gesundheit ohne Begrenzung, sowie reiche Nachkommenschaft in Aussicht. „Die ganze Lebensweise,“ sagt Diodor, „war so gleichförmig geordnet, daß man glauben sollte, sie wäre nicht von einem Gesetzgeber geschrieben, sondern von einem geschickten Arzte nach Gesundheitsregeln berechnet.“
Zu den öffentlichen Maßnahmen zählen z. B. das schon im alten Reiche angelegte Kanalisationssystem, das Bestattungswesen (Verhütung des Eindringens von Fäulnisstoffen in die Erde und das Grundwasser), die Räucherungen (namentlich bei Seuchen) und eine Art von Fleischbeschau, welche von sachverständigen Priestern vor und nach dem Schlachten (Schächten) in Form der äußeren Besichtigung der Tiere, der Besichtigung des Leibesinnern und der Untersuchung des Blutes durch Beriechen vorgenommen wurde. Wie die Fleischbeschau zwar als Kulthandlung erschien (Opferung; als die besten Teile galten die vorderen Extremitäten und das Herz), aber bewußt oder unbewußt hygienischen Interessen diente, da der Mensch sicherlich kein Fleisch genoß, das vom Opfer zurückgewiesen wurde, so lassen sich die meisten Lebensregeln der Aegypter von beiden Gesichtspunkten betrachten; praktisch genommen, kommt jedenfalls das hygienische Moment in Betracht, wird die religiöse Idee zum bloßen Deckmantel. In Befolgung des religiös-hygienischen Grundgesetzes richtete man vor allem große Aufmerksamkeit auf die Reinheit der Wohnung (Waschen, Räuchern), auf die Körperpflege (Bäder, Scheren der Haare, „damit weder eine Laus, noch irgend ein anderes Ungeziefer sich einnisten könnte“, Nagelpflege, Salbungen, gymnastische Uebungen), auf die Kleidung und Nahrungsweise (auch Reinheit der Eßgeräte und Trinkbecher). Selbstverständlich waren die Priester die beispielgebenden Vertreter der strengsten Reinheitsgesetze, sie badeten zweimal an jedem Tage und zweimal in jeder Nacht, schoren an jedem dritten Tage die Haare auf dem ganzen Körper — in der Epoche des neuen Reiches erschienen sie regelmäßig kahlköpfig — trugen weiße Kleidung (während des Tempeldienstes nur solche aus Leinenstoff) und vermieden in sorgsamer Nahrungsauslese insbesondere Schweinefleisch, Bohnen und Zwiebeln (wegen der entstehenden Blähungen); das Wasser wurde in späterer Zeit nur abgekocht oder filtriert getrunken; das Lieblingsgetränk der Aegypter war die Gabe des Osiris, eine Art von Bier, das man aus Gerste braute. Wie die bildliche Darstellung eines ägyptischen Studentengelages anschaulich zeigt und mehrere Stellen in Texten beweisen (z. B. Ansprache an einen Studenten: „Du verläßt die Bücher, du gibst dich dem Vergnügen hin, gehst von Kneipe zu Kneipe — der Biergeruch verscheucht die Menschen von dir“), waren die Aegypter dem Trinken nicht abhold. Dem Uebermaß auf diesem Gebiete, sowie im Geschlechtsgenuß — Perversitäten bezeugt der Turiner obszöne Papyrus, die Mythe des Horus und Set verbürgt den uralten Gebrauch der Päderastie, zwei erhaltene Märchen erzählen von Ehebruchsszenen — traten Priestervorschriften und allgemein gültige Gesetze nach Möglichkeit entgegen. Den Priestern war der Besitz nur einer Ehefrau gestattet. Die Tötung der Frucht im Mutterleibe und das Aussetzen der Kinder bedrohten Gesetze mit schweren Strafen, der Verkehr während der Menstruation war untersagt — im Totenbuche wird die Selbstbefleckung als Laster genannt. Im Gegensatz zu unseren Anschauungen galten Geschwisterehen bekanntlich als empfehlenswert und herrschten in den Königshäusern vor (bis herab in die Ptolemäerzeiten). Ins Gebiet der Sexualhygiene fällt die, als Kultushandlung aufgefaßte Beschneidung, welche bei den Knaben der Priester- und Kriegerkaste zwischen dem 6. und 10., nach anderer Angabe im 14. Jahre mit einem Messer aus Feuerstein vollzogen wurde.
Der Hygiene des Kindesalters wandten die Aegypter große Sorgfalt zu. Der Säugling wurde in große weiche Tücher eingehüllt (nicht in Binden gewickelt!) umhergetragen, nach der Entwöhnung gab man anfangs nur Kuhmilch, später Pflanzenspeisen und zum Getränk Wasser; bis zum 5. Lebensjahre völlig unbekleidet (bis zum 10. unbeschuht), hielten sich die Kinder meist im Freien auf, unter munteren Spielen (Reifen, Bälle, Puppen fanden sich in Kindergräbern), um von dieser Zeit an Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen (3-4 Stunden täglich) in den Schulen zu empfangen; körperliche Uebungen (bei den Kindern der Vornehmen auch Schwimmen) ergänzten die vortrefflich aber strenge geleitete (Prügel- und andere Strafen) Jugenderziehung. Bei den arbeitenden Klassen begann die schwere Berufsarbeit freilich frühe, wie ein ägyptischer Text besagt, wo es heißt: „Das Kind wird nur erzeugt, um aus den Armen der Mutter gerissen zu werden; wenn es dazu gelangt, ein Mann zu werden, so sind seine Knochen zerschlagen wie die eines Esels.“
Mit der Körperpflege, teilweise auch mit der Prophylaxe hängt die bei den Aegyptern ganz besonders entwickelte Kosmetik zusammen; von dieser geben uns Gräberfunde eine lebhafte Vorstellung (z. B. der im Berliner Museum aufbewahrte Toilettenkasten der Königin Mentuhotep aus dem 3. Jahrtausend), ferner Rezeptformeln für Augenschminken (ursprünglicher Zweck: Verhütung von Bindehautaffektionen), Haarwuchsmittel (das älteste für die Königin Schesch aus der dritten Dynastie bestimmte befindet sich im Pap. Ebers), Räuchermittel (zur Parfümierung, unter anderem auch der weiblichen Genitalien), Mittel zum Glätten der Haut, Verschönerung der Gesichtsfarbe etc. Hieran reihen sich Eingriffe zur Konservierung der Zähne (Ersatz durch durchbohrte Kronen und Golddrahtgeflechte), Zahnmittel.
Die anerkanntermaßen hoch entwickelte Hygiene der Aegypter überstrahlt weitaus das, was uns bis heute die zugänglichen Texte über die medizinischen Kenntnisse dieses Volkes zu sagen wissen. Das Mißverhältnis ist anscheinend ein so bedeutendes, daß sich fast die Vermutung regt, es könnten noch verborgene oder unerschlossene Literaturdenkmäler möglicherweise einmal die bestehende Kluft überbrücken.
Vielleicht aber beweist gerade dieses Mißverhältnis, daß eine hochstehende Hygiene auch aus dem Boden einer bloß scharf beobachtenden, und namentlich durch Theorien unbeirrten Empirie hervorwachsen kann!
Eines aber liegt schon heute klar zu Tage: Aegypten hat zum mindesten auf die Anfänge der Medizin in Hellas[11] und auf die Sozialhygiene Judas einen mächtigen, bahnbrechenden Einfluß ausgeübt und damit auf die Entwicklung der Menschheit.
Keilschrift- und Hieroglyphenmedizin wirkten über die Grenzen ihrer Heimat hinaus, und manche Spur läßt vermuten, daß sich an den Brennpunkten des Verkehrs allmählich auch neue, wenn auch minder bedeutende Pflegestätten der orientalischen Kulturmedizin entwickelten. Ein solches Zentrum dürfte z. B. die Hauptstadt Lydiens gewesen sein, Sardes, auf dessen Bedeutung in diesem Sinne manche griechische Quelle hinweist.