Dort, wo die politischen und allgemein kulturellen Einflüsse des Pharaonen- und des Zweistromlandes am heftigsten aufeinander prallten, also in Syrien und Palästina, wäre von vornherein auch eine Durchkreuzung der babylonischen und der ägyptischen Heilkunst anzunehmen. Für die Prüfung dieser Konjektur reicht aber das zugängliche Forschungsmaterial umsoweniger aus, als es uns bisher nicht einmal einen genügenden Einblick in die medizinischen Kenntnisse der einstigen Bewohner dieser Länder gewährt.
Von den Phönikern[12] ist es bekannt, daß sie nicht nur Drogen in den internationalen Verkehr brachten, medizinische Erfahrungen und Erfindungen vermittelten, sondern auch eine eigene, von der ägyptischen zum Teil abweichende Pharmakotherapie besaßen — im Papyrus Ebers sind phönizische Rezepte angeführt. In jüngster Zeit wurde der Tempel des phönizischen Heilgottes, Eshmun in Sidon, ausgegraben, wobei man auch Weihgeschenke auffand[13]. — Hinsichtlich der Aramäer ist es bemerkenswert, daß zahlreiche Pflanzennamen in der Sprache dieses Volkes vorhanden sind, welche vielleicht auch einen Rückschluß auf einschlägige Kenntnisse gestatten. — Den meisten Aufschluß, wenigstens über die medizinischen Einrichtungen bei den alten Israeliten, gibt die Bibel; dort spiegelt der „Elohist“ und der „Jahwist“ den Wettstreit der hämatischen (mesopotamischen) und pneumatischen (ägyptischen) Lebenstheorie mit ihren praktischen Konsequenzen wider.
Die Medizin der alten Perser.
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Der Sieg des großen Kyros verlöschte den Namen Babels in den Annalen der Staatengeschichte und berief das jugendfrische Volk der Perser zur Herrschaft über ganz Vorderasien, zu einer Großmachtstellung, welche die vorausgegangene semitische noch übertraf. Vom Indus bis zum Mittelländischen Meere erstreckte sich das Reich der Achämeniden, ja zuletzt schloß es sogar das Land der Pharaonen mit ein.
Die kulturelle Geschichtsentwicklung Babylons dauerte aber im Wesen auch unter den geänderten politischen Verhältnissen fort; was Sumerer und Semiten in jahrtausendelanger Arbeit auf dem Boden Mesopotamiens geschaffen, blieb unangetastet bestehen, auch nachdem das Zepter in die Hände der Iranier, der Indogermanen, übergegangen war. In dem weiten, aber völkergemischten Reiche der Perser wurde jedem der vielen Stämme seine angeerbte Religion, Sitte und Sprache belassen — die Texte der Inschriften in drei Sprachen legen unter anderem davon Zeugnis ab. Und mit großzügiger Politik strebten die Herrscher sogar dahin, die nationale Eigenart des Zendvolkes mit den fremden Elementen zu einem Ganzen zu verschmelzen — eine Absicht, welche namentlich die Baukunst und Skulptur, mit ihrer starken Anlehnung an die assyrischen, ägyptischen, ionischen Vorbilder, trotz zur Schau getragener Selbständigkeit, durchblicken läßt.
Große Erfolge waren allerdings der eklektischen Tendenz nicht beschieden, das Völkerkonglomerat wuchs zu keinem Organismus zusammen, weil es dem aus kleinlichen patriarchalischen Verhältnissen plötzlich zur Weltherrschaft gelangten Zendvolke an der nötigen Energie gebrach, den ausgeprägten Formen uralter Kulturen Aequivalente gegenüberzustellen. Abgesehen von den großen religiösen Ideen, nimmt sich das, was die Iranier aus Eigenem zurücklassen konnten, verschwindend aus. Ganz besonders gilt dies von der Heilkunde, wenn man, wie billig, von der Medizin im Perserreiche die nationale Medizin der Perser unterscheidet und damit nicht jenes babylonische Lehngut zusammenwirft, welches fälschlich unter der Flagge des Zendvolkes später dem Abendland überliefert worden ist.
Ueber die Medizin der alten Perser können wir uns bei dem fast völligen Schweigen aller sonstigen Quellen nur aus den noch heute von den Parsen gehüteten Religionsschriften, dem Zend-Avesta und seinen literarischen Ausläufern ganz allgemeine Vorstellungen bilden, wobei aber zu berücksichtigen ist, daß, genau genommen, manche der darin enthaltenen Angaben bloß für die strengen Anhänger des Zoroaster (Zarathuschtra) maßgebend waren.
In Iran besaßen eigentlich drei Religionen Geltung: 1. Der alte medische Magismus, welcher sich durch Vergötterung der Elemente, Sterndienst sowie Zauberei charakterisiert und durch Babylon stark beeinflußt war. 2. Die polytheistische Naturreligion des alten Perservolkes. 3. Die daraus entstandene reformatorische Lehre des Zoroaster (Verehrung des Ahuramazda, dessen Abglanz das Feuer ist). Letztere, das Produkt gesteigerter Abstraktion und sittlicher Vertiefung, eine Buchreligion, war wegen mangelnder Sinnlichkeit nicht in der Masse des Volkes verbreitet oder wurde wenigstens in voller Tiefe und Reinheit nur von einem relativ kleinen Kreise befolgt. Beweise dafür bieten unter anderem: die Inkongruenz, welche zwischen dem Avesta und dem religiösen Inhalt der achämenidischen Keilinschriften besteht, oder der später für den Westen so bedeutungsvolle Kult des Mithra. Daß man jedenfalls im Reiche der Achämeniden die Vorschriften Zoroasters nur sehr lax ausübte, zeigt schon allein die Tatsache, daß die alten Perser ihre Toten zumeist begruben oder verbrannten, während das Avesta dies doch verpönt und dafür die noch heute von den Parsen geübte Aussetzung der Leichen an einsamen Stätten, zum Fraß für die Raubvögel anbefiehlt, und daß man im Gegensatz zum Avesta Ungläubige, Aegypter und Griechen als Aerzte heranzog. Die Achämenidenkönige erwiesen sich national und religiös sehr tolerant — schon Cyrus wurde von der babylonischen Priesterschaft geradezu als Befreier begrüßt, Gott Marduk „hieß ihn nach Babel ziehen“. Eigentliche Staatskirche scheint der Zoroastrismus erst unter den Sasaniden geworden zu sein. Nach der Tradition der Parsen wurden die auf Zoroaster zurückgeführten religiösen Schriften auf Befehl Alexanders des Großen zum größten Teile vernichtet; die schon unter den letzten Arsakiden begonnene, zumeist auf Grund mündlicher Ueberlieferung vorgenommene Sammlung führte im 3. Jahrhundert n. Chr. zu einer neuen Redaktion des Avesta, von dem aber heute nur etwa der vierte Teil noch vorhanden sei. — Neben dem Avesta bieten auch die in der Pehlevisprache abgefaßten Werke Dinkart (aus dem 9. Jahrhundert n. Chr.) und Bundehesch (eine Kosmologie aus dem 13. Jahrhundert n. Ch.) einige für die Medizin interessante Stellen.
Die altpersische Medizin ging, wie die indische, aus der gemeinsamen arischen Urmedizin hervor und dankt ihre Eigenart den Einflüssen des nationalen Religionssystems.