Die mit dem Menschentypus harmonisch verwachsene, aus der Eigentümlichkeit geographisch-geschichtlicher Verhältnisse entsprungene eigenartige Kultur verleiht auch der Medizin jene Züge, die wir gleichförmig auf allen übrigen Gebieten des chinesischen Geisteslebens finden. Solche sind die Abgeschlossenheit nach außen, mit dem Dünkel der Superiorität, der blinde Autoritätsglaube und die übertriebene Altertumsverehrung, die kindische Pedanterie und der subtilste Formalismus mit der geistigen Erstarrung als notwendige Konsequenz, die bizarre Mischung von größter Nüchternheit im Denken mit verworrenster Phantastik, von praktischem Beobachtungstalent und hellem Erfindersinn mit dem Mangel an Fähigkeit zur höheren Abstraktion.

Bei der in ihrer Art trotzdem höchst anerkennenswerten Kultur der Chinesen ist zu berücksichtigen, daß ihr jener Vorteil gänzlich fehlte, welcher der mesopotamischen, ägyptischen, arischen Kultur und der darauf gebauten europäischen zu gute gekommen ist, nämlich der fortwährende Wechselverkehr der Nationen, die beständige Anregung und Läuterung durch fremde Ideen, die reiche Differenzierung. Die Anfänge der Gesittung und Bildung (Kalenderwesen, Schrift[?] u. a.) dürften die Chinesen in vorhistorischen Zeiten allerdings vom Westen erhalten haben, wenn die Hypothese richtig ist, daß sie die Ursitze mit Ariern und Sumerern teilten; nachdem sie sich einmal in ihrem ungeheuren Reiche festgesetzt hatten, blieben sie jedenfalls Jahrtausende fast ganz isoliert vom Kulturstrom Westasiens und trafen auf ihren Wegen nur Völker niedrigerer Entwicklungsstufe, mit denen ihre Geschichte verschmolz. Mußte dadurch nicht der Dünkel der Superiorität der eigenen Leistungen über alles Fremde entstehen? Und als sie endlich mit höheren Kulturvölkern in Berührung kamen, da war ihre eigene Entwicklung schon so abgeschlossen, und in so eigenartigen Formen erstarrt, daß neue Elemente nur aufgenommen werden konnten, wenn sie dem Organismus des chinesischen Lebens und Denkens nicht widersprachen. Die Umgestaltung, welche der Buddhismus in China erfuhr, beweist, daß selbst die kräftigsten fremden Einflüsse, wenn sie überhaupt zur Geltung gelangten, sich dem Grundcharakter des Chinesentums anpassen mußten, statt dieses zu modifizieren. — Gelehrsamkeit, Industrie, Technik haben in überraschend früher Zeit eine erstaunliche Reife erreicht, es sei nur hingewiesen auf die mathematischen und astronomischen Leistungen, auf die vielverzweigte Literatur aller Wissensgebiete, auf die Erfindung des Kompasses (schon um 1100 v. Chr.), die Entdeckung des Porzellans, Erfindung der Buchdruckerkunst, auf die Seidenraupenzucht, Glasbereitung, Papierverfertigung, Purpurfärberei, Goldstickerei, Metallbearbeitung, Darstellung künstlicher Schmucksteine und Emaillen, der Tusche u. s. w. Und besonders rühmenswert ist es, daß der Gelehrte wohl in keinem Lande der Welt so geschätzt wird, wie in China, was sich in seinem hohen sozialen Rang deutlich genug ausdrückt.

Die medizinische Literatur ist außerordentlich reich. Eine Reihe von grundlegenden Werken besitzt unzweifelhaft ein sehr hohes Alter, wenn auch nicht ein solches, wie es ihnen die Tradition zuspricht; ungeheurer Fleiß und subtiler Scharfsinn zeichnet wohl die meisten der medizinischen Schriften aus, Originalität ist aber nur in denjenigen vorhanden, welche bis zum 10. Jahrhundert n. Chr. reichen, von dieser Zeit an begnügen sich die Autoren mit der Rolle des kritischen Sammlers und Kommentators. Die Mehrzahl der Werke behandelt die gesamte Medizin, leitet sich mit einem historischen Ueberblick ein und widmet den größten Teil der Darstellung einerseits der Pulsbeschaffenheit bei den verschiedenen Krankheiten, anderseits der Therapie; der Umfang besonders der Enzyklopädien ist erstaunlich groß. Neben diesen gibt es aber auch Spezialschriften, z. B. über die Pulslehre oder über eine bestimmte Gruppe von Krankheiten (Frauen-, Kinder-, Augenkrankheiten etc.) oder über eine einzelne Affektion, z. B. Lepra. Zum Zwecke der leichteren Einprägung bringen Lehrbücher den Gegenstand auch in Versen.

Die einheimische Ueberlieferung verlegt den Beginn der medizinischen Literatur in die sagenumsponnene Epoche der halbmythischen Kaiser und bringt dieselben mit der Entstehung der wissenschaftlichen Heilkunde in Zusammenhang. Das erste medizinische Kräuterbuch pen-tsao, auf dem die heute noch geltende Pharmakopöe basiert, soll der Kaiser Schin-nung (angeblich 2838-2699 v. Chr.) verfaßt haben; es ist dies jener Herrscher, der sich auch sonst um das Wohl seiner Untertanen durch kulturelle Großtaten (Einführung der Feldfrüchte, Erfindung der Ackergerätschaften, Errichtung der Märkte) verdient machte. Schin-nung lehrte die Menschen, von welchen Brunnen sie trinken sollten und untersuchte alle Pflanzen seines weiten Reiches auf ihre Heilwirkung; wie die Legende erzählt, besaß er eine so dünne Magenwand, daß er durch dieselbe hindurchschauen konnte — eine Eigenschaft, die es ihm gestattete, an sich selbst mit zahlreichen Giften und Gegengiften Versuche anzustellen. Noch größere Förderung empfing die Medizin angeblich von dem „gelben“ Kaiser Hoang-ti (2698-2599 v. Chr.), welcher auch als Erfinder der Rechenkunst und Musik, als Ordner des Kalenderwesens gefeiert wird. Auf ihn führen die Chinesen das noch heute im Gebrauch stehende Werk über innere Krankheiten Noi-king zurück — ein Werk, das gewiß viel jüngeren Ursprungs ist, die Lehre vom Bau des Menschen und die systematische Darstellung der Medizin nach den Prinzipien der Naturphilosophie enthält. Der Epoche des Hoang-ti soll auch ein medizinisches Kräuterbuch, die Aufstellung der ersten Pulslehre und die Erfindung der Heilgymnastik zu danken sein. Unter der Tscheu-Dynastie (1125-255 v. Chr.) wurde das Buch Sai-Shi verfaßt, worin die Lehre von den sechs Lebensgeistern dargestellt ist, und schrieb Hen-jaku mehrere bedeutende Werke, von denen namentlich das Nan-king (über schwierige Probleme) betitelte, hohes Ansehen erlangte. Die berühmte Pulslehre Min-king des Leibarztes Wang-schu-scho, ein kanonisches Werk, das wiederholt neu aufgelegt worden ist, stammt aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Von ganz besonderer Bedeutung für die Weiterentwicklung war die schriftstellerische Tätigkeit des Cho-Chiyu-kei, der um 200 n. Chr. lebte und zwei außerordentlich wichtige Bücher hinterließ; das eine derselben führt den Titel Schang-han-lun (Lehre von den fieberhaften Krankheiten), das andere heißt Kin-kwéi (goldener Kasten) — nach japanischer Aussprache zitiert Scho-kan-ron bezw. Kin-ki. Bemerkenswert ist es, daß sich der Verfasser, im Gegensatz zu Späteren, von mystischen Heilweisen möglichst fern hält und vorzugsweise die empirisch-rationalistische Richtung vertritt; als interessantes Faktum verdient hervorgehoben zu werden, daß nach seiner Anschauung die fieberhaften Krankheiten durch Giftstoffe entstehen, die Stärke des Fiebers von der Art und von der Verbreitungsweise des Giftes (durch Verdauungswege, Blutgefäße oder Atmungswege) abhänge, die Therapie im wesentlichen auf Entgiftung beruhen müsse. Den Höhepunkt des Klassizismus erreichte Tschang-ki, der zur Zeit der Nach-Han-Dynastie im 10. Jahrhundert lebte; seine Schriften, welche das Gesamtgebiet der Medizin (z. B. Pulslehre) betreffen, sind in dem Sammelwerke „Der goldene Spiegel der ärztlichen Stammhäuser“ (I-tsung-kin-kien) aufgenommen und vielfach kommentiert worden. Weiterhin behandelt die sehr reiche Literatur die verschiedensten Gebiete der Heilkunde, bescheidet sich aber trotz ihrer Vielseitigkeit damit, als Supplement und Kommentar der vorhergehenden klassischen zu dienen. Eines der beliebtesten neueren Werke ist „Der bewährte Führer im ärztlichen Fache“ (Ching-che-chun-ching); von den 40 Bänden desselben enthalten sieben die Nosologie, acht die Pharmakologie, fünf die Pathologie, sechs die Chirurgie, der Rest Kinder- und Frauenkrankheiten.

Das altehrwürdige medizinische Lehrgebäude der Chinesen ist geradezu das Paradigma eines streng einheitlichen geschlossenen Systems, welches die empirischen Errungenschaften zu einem Ganzen harmonisch verbindet, frei von allen inneren Widersprüchen, durchweht von strammer Denkmethodik. Ein Wunderwerk des Formalismus, ein Zerrbild echter Wissenschaft, verdankt es solche Vorzüge jedoch nicht der objektiven Wahrheit seines Inhalts, sondern dem Umstand, daß seine Prämissen der herrschenden Weltanschauung entstammen und deshalb jedweder Kritik entzogen die Bürgschaft der dauernden Anerkennung in sich tragen, ja die Bedeutung unerschütterlicher Axiome besitzen. Im Lichte der abendländischen Weltanschauung verbleicht freilich diese Blume wissenschaftlicher Romantik sehr rasch, und es steht zu befürchten, daß selbst einer unbefangenen historischen Analyse der Schmelz ihrer Farbenpracht entschwindet.

Der leitende Gedanke des Systems ist der bizarr-phantastischen, großzügigen chinesischen Naturphilosophie entnommen, welche seit Jahrtausenden das gesamte Geistesleben in ehernen Banden festhält und die empirische Forschung dazu zwingt, in den Sklavendienst einer geistreich blendenden, hochthronenden Spekulation zu treten; er gipfelt in dem Satze, daß der menschliche Leib mit seinen Kräften bis in die kleinsten Einzelheiten das Abbild des Naturgeschehens im Weltall darstelle, daß zahlreiche Analogien (z. B. hinsichtlich der Zahlenverhältnisse, Elementarbeschaffenheit) zwischen Makrokosmus und Mikrokosmus und zwischen den einzelnen Körperteilen untereinander bestehen, deren Ineinandergreifen die vielverschlungenen Wechselbeziehungen (die Korrespondenz) erkläre. Im Banne dieser Idee und in der sicheren Ueberzeugung, daß die Aufdeckung der Analogien das Verständnis der normalen wie krankhaften Lebensvorgänge jedes Einzelfalles vermittle, schwebte den ärztlichen Denkern nur die spekulative Erforschung der geheimnisvollen Zusammenhänge als erstrebenswertes Ziel vor, während der Empirie die Aufgabe zufiel, die durch Tradition erstarrten Doktrinen womöglich zu befestigen, keineswegs aber zu korrigieren.

Unter derartigen Umständen konnte vor allem jener Wissenszweig nicht emporkommen, dessen Entwicklung ganz besonders an die Freiheit und Voraussetzungslosigkeit der Untersuchung geknüpft ist — die Anatomie; denn wie sollte diese gedeihen, wenn jeder Schritt — abgesehen von religiösen Anschauungen, welche die Zergliederung menschlicher Leichen verpönten — durch die Voraussetzungen der Spekulation gehemmt wurde? Eine Anatomie, welche, statt ein Korrektiv zu sein, nur willkürliche Annahmen stützen soll, kann nur ein Zerrbild werden, und ein solches stellt tatsächlich die chinesische Lehre vom Körperbau dar: einen Wust von Phantasmen, der kaum mehr, als einige wenige grobe Tatsachen, wie sie der Zufall offenbart, in sich schließt.

Nach der religiösen Anschauung ist demjenigen, welcher mit verstümmeltem Körper das Totenreich betritt, eine Vereinigung mit den Vorfahren nicht möglich. Aus diesem Grunde werden sogar von den Operierten die amputierten Körperteile (z. B. von den Eunuchen die Geschlechtsorgane) aufbewahrt und nach dem Tode ins Grab mitgenommen. Eine Leichensektion widerspräche der Pietät und wäre geradezu eine Beleidigung des Toten, eine Unzukömmlichkeit gegenüber den Lebenden. Nur in ganz vereinzelten Fällen dürfte mit Verbrecherleichen eine Ausnahme gemacht worden sein. Vielleicht bildeten solche gelegentliche Uebertretungen des religiösen Verbots in älterer Zeit, hauptsächlich aber wohl die Beobachtungen an gemarterten Verbrechern oder bei zufälligen schweren Verletzungen Quellen für die oberflächliche Kenntnis der Gestalt und Lage der Eingeweide; die Osteologie konnte auch dadurch gewinnen, daß man alle Ueberreste der Toten sorgsam aufbewahrte. Zergliederungen von Tieren scheinen nicht zum Vergleich herangezogen worden zu sein.

Die anatomischen Beschreibungen der Chinesen sind infolge ihrer schwülstigen Nomenklatur oft schwer zu deuten; sie beziehen sich, da die Zwecke der praktischen Medizin allein in Betracht kommen, vorwiegend auf die Lehre von den Eingeweiden (wobei Maße und Gewichte angegeben werden) und auf das Gefäßsystem. Einen Vorzug der einschlägigen Literatur würden die beigefügten anatomischen Abbildungen ausmachen, wenn sie durch ihren groben Schematismus von der Naturwahrheit nicht zu weit entfernt wären. Nach chinesischer Darstellung beträgt die Zahl der Knochen 365; dabei gelten der Schädel, der Vorderarm, der Unterschenkel, das Becken als je ein Knochen. Ueber das Muskel- und Nervensystem, desgleichen über die Sinnesorgane scheinen keine näheren Kenntnisse vorhanden zu sein. Merkwürdigerweise wird vom Gehirn behauptet, daß es nur einen kleinen Raum in der Schädelhöhle einnehme; das Rückenmark soll in den Testikeln enden. Das Herz, in welches man den Larynx münden läßt, wird mit der Blüte einer Wasserlilie verglichen; es besitzt 7 Löcher und 3 Spalten und stützt sich gegen den 5. Wirbel; die Lunge ist am 3. Wirbel angeheftet, hat 8 Lappen und ist von 80 kleinen Löchern durchbohrt; die Leber besteht aus 7 Lappen und stützt sich gegen den 9. Wirbel; die Gallenblase ähnelt einem Weingefäß; die Milz ist am 11. Wirbel befestigt; der Dünndarm, ebenso wie der Dickdarm, macht 16 Krümmungen; die bohnenförmigen Nieren sind am 14. Wirbel aufgehängt. Außer den erwähnten Organen, an welche sich die Beschreibungen des Magens, der Blase mit den Harnleitern anreihen, kennt die chinesische Anatomie noch ein aus drei Abschnitten bestehendes Hohlorgan, ohne welches die Eingeweide ihre Funktionen nicht auszuüben vermöchten, es ist dies das San-tsiao, das vielleicht mit dem Brust- und Bauchfell zu identifizieren sein dürfte. Der Verlauf der Gefäße wird ganz phantastisch geschildert.

Der Versuch des Kaisers Kang-hi (1662-1723), der chinesischen Medizin die abendländische Anatomie aufzupflanzen — er veranlaßte eine Uebersetzung der Anatomie des Pierre Dionis durch den Jesuiten P. Perennin —, scheiterte an dem Widerstande der einheimischen Aerzte. Seit dem 19. Jahrhundert sind in China zwar Kopien europäischer anatomischer Abbildungen verfertigt worden, von einem tieferen Einfluß auf die Anschauungen ist jedoch bisher nichts zu merken.