Was die Entwicklungsgeschichte anlangt, so findet sich darüber folgende Ansicht verbreitet: Im ersten Monate gleicht der Fötus einem Wassertropfen; im zweiten einem Pfirsichblatte; im dritten differenziert sich das Geschlecht; im vierten nimmt die Frucht menschliche Gestalt an; im fünften lassen sich Knochen und Gelenke, im sechsten die Haare erkennen. Wenn es ein Knabe ist, so bewegt sich am Ende des siebenten Monats die rechte Hand links im Mutterleibe, ist es ein Mädchen, so bewegt sich am Ende des achten Monats die linke Hand rechts im Mutterleibe; am Ende des neunten Monats bemerkt man beim Palpieren des Unterleibs drei Veränderungen in der Lage der Frucht; am Anfang des zehnten Monats ist die Entwicklung beendigt. Die Dauer der Schwangerschaft beträgt 270 Tage. Das Geschlecht der Kinder läßt sich aus dem Pulse der Mutter erkennen: ist der rechte Puls derselben erhoben, so deutet dies auf einen Knaben, ist es der linke, so deutet es auf ein Mädchen. Knaben entstehen auf der linken, Mädchen auf der rechten Seite der Gebärmutter.
Die Physiologie ist geradezu ein Teilgebiet der allgemeinen Naturphilosophie, ohne die sie gar nicht verstanden werden kann; es sind dieselben Prinzipien, welche im Weltall, wie im menschlichen Organismus, der nur eine Manifestation des universellen Lebens darstellt, zur Geltung gelangen.
Der Kosmos ist nach chinesischer Anschauung aus dem Zusammenwirken zweier heterogener Urkräfte (Polaritäten) hervorgegangen, der männlichen, Yâng, und der weiblichen, Yin — sein Gleichgewicht beruht auf der harmonischen Tätigkeit beider.
Yang (das aktive, positive Prinzip, Urwärme, Licht) ist vorwiegend repräsentiert durch den Himmel, Yin (das passive, negative Prinzip, Urfeuchtigkeit, Finsternis) durch die Erde. Vermöge beständiger, gegenseitiger, graduell verschiedener Einwirkung der männlichen (zeugenden, entwickelnden) auf die weiblichen (rückgängigen, auflösenden) Kräfte entsteht die große Mannigfaltigkeit der Dinge; die Verschiedenheit der Geschlechter, Charaktere, der hervorstechenden Eigenschaften und Formen ist im letzten Grunde die Folge des Ueberwiegens des Yang oder des Yin. Ersteres ist wirksam in der Sonne, im Licht, im Frühling und Sommer, in der Jugend, als Stärke, als Hitze, Trockenheit, Härte etc. ... letzteres im Mond, im Schatten, im Herbst und Winter, im Greisenalter, als Schwäche, Kälte, Feuchtigkeit, Weichheit etc. ... (die Analogie stellt also gemäß den beiden heterogenen Prinzipien dualistische Reihen auf). —
Die Materie besteht aus 5 (Urgrundstoffen) Elementen, nämlich Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser; jedes Ding ist aus ihnen (in mannigfachen Verhältnissen) zusammengesetzt.
Wie beim Schöpfungsakt aus dem Wasser das Holz (die Pflanzen), aus dem Holz (Reibung) das Feuer, aus dem Feuer die Erde (Asche) hervorging und die Erde das Metall aus sich entstehen ließ, so setzt sich im Weltgeschehen der Kreislauf des Stoffwechsels in gleicher Richtung fort. Daraus leitet die chinesische Naturphilosophie die Beziehungen der Elemente zueinander ab, nämlich: Deszendenz, Freundschaft, Feindschaft. So hat z. B. das Feuer das Holz zur Mutter (weil es aus dem Holz hervorgeht), Erde zum Sohne (Asche ist das Produkt des Feuers), Wasser zum Feinde (weil dieses das Feuer auslöscht), das Metall zum Freunde (weil das Metall keine Wirkung auf das Feuer ausübt). Die gleichen Beziehungen werden bei jedem Grundstoff angegeben, wobei immer die Freundschaft mit Feindschaft erwidert wird (Feuer ist der Freund des Wassers [d. h. es kann diesem nichts anhaben], hingegen ist Wasser Feind des Feuers; Feuer ist der Feind des Metalls [weil es dieses zerstört], hingegen ist das Metall der Freund des Feuers).
Mit den 5 Elementen stehen in Wechselbeziehung (Sympathie, Korrespondenz), die 5 Planeten (Jupiter, Mars, Saturn, Venus, Merkur), die 5 Luftarten (Wind, Hitze, Feuchtigkeit, Dürre, Kälte), die 5 Weltgegenden (Osten, Süden, Mittag, Westen, Norden), die 5 Jahresabschnitte (neben unseren 4 Jahreszeiten werden die letzten 18 Tage des Frühlings, Sommers, Herbst und Winters als eigene Jahreszeit unterschieden), die 5 Tageszeiten, die 5 Farben (grün-blau, rot, gelb, weiß, schwarz), die 5 Töne u. s. w.[22].
Die Zahlensymbolik spielt in der chinesischen Naturphilosophie — so, wie überhaupt in der orientalischen und der durch sie beeinflußten Spekulation — eine große Rolle; die Fünfzahlentheorie ist besonders charakteristisch.
Wie im Kosmos, so sind auch im Menschen die beiden Urkräfte Yâng und Yin Grundbedingungen aller Vorgänge; wie die Materie überhaupt, so ist auch der menschliche Leib aus den 5 Elementen gebildet, und diese finden in bestimmten Organen ihre vornehmste Vertretung; auf dem Gleichgewicht des männlichen und weiblichen Prinzips, auf dem richtigen quantitativen Verhältnis der Grundstoffe beruht die Gesundheit.
Das männliche Prinzip — die Lebenswärme — regiert, entsprechend seiner Tendenz zur Expansion, namentlich die kontraktilen Hohlorgane, „Kammern“ (wie Dick- und Dünndarm, Harnblase, Gallenblase, Magen); das weibliche Prinzip — die Grundfeuchtigkeit — sitzt in den solideren „Eingeweiden“ (Leber, Herz, Lunge, Milz, Niere); jedes der Prinzipien besitzt ein Sammelbecken, und beide zusammen zirkulieren mit dem Blut und der Lebensluft, die ihnen als Vehikel dienen, im Gefäßsystem; durch dieses werden sie den Organen und sodann allen Körperteilen zugeführt; gestörte Zirkulation (durch Schwere, Reibung etc.) bedingt Krankheit.