Die Pulslehre ist übrigens von den einzelnen Autoren verschiedenartig bearbeitet worden und sogar hinsichtlich der vermeintlichen Beziehungen der Organe zu den drei Handgelenkspulsen links und rechts herrschen bedeutende Differenzen in den Angaben.
Aus dem Pulse allein glaubt man die Art und den Sitz der Krankheit diagnostizieren zu können. Nach einem beliebten Gleichnis stellt der menschliche Körper ein Saiteninstrument dar, dessen einzelne Teile ihre bestimmte Klangfarbe (Organpulse) besitzen und dessen Töne (Pulse) die Harmonie (Gesundheit) oder Disharmonie (Krankheit) zum Ausdruck bringen.
Mit der Pulsuntersuchung wetteifert an Bedeutung die Inspektion des Gesichtes und der Zunge, wobei vornehmlich auf die Farbe geachtet wird. Die Glossosemiotik verfügt über 37 Typen.
Wie aus folgender Tabelle hervorgeht, entspricht jedem der Organe eine bestimmte Farbe, wobei das zugrundeliegende Element wohl den Ausschlag gibt. Im menschlichen Körper entstehen die Farben durch die in die Eingeweide eindringende Luft. Für diagnostische Zwecke wird es verwertet, daß die Organfarben aufsteigend auf dem Antlitz erscheinen. Bei krankhaften Störungen zeigt die prävalierende Farbe den Sitz der Krankheit an. Die Prognose richtet sich danach, ob der dominierende Organpuls mit der dominierenden Farbe im Einklang ist oder nicht. Im ersteren Falle steht die Prognose günstig, im letzteren hängt es davon ab, ob die Farbe einem freundlichen oder feindlichen Organ entspricht. Vergl. die Tabelle zu folgendem Beispiel: Es sei der dominierende Puls der Milzpuls, die vorherrschende Farbe gelb — Prognose günstig. Wird die Farbe rot oder schwarz, so besteht keine große Gefahr, denn dies bedeutet, daß das Herz oder die Niere prävaliert, d. h. die „Mutter“ oder der „Freund“ der Milz; wird die Farbe aber weiß oder grün, so ist die Prognose letal, denn dies bedeutet, daß Lunge oder Leber, der „Sohn“ oder der „Feind“, die Oberherrschaft erlangt hat. Das Eintreten der „Mutter“ (also hier des Herzens für die Milz) gilt nämlich als natürlicher Vorgang, hingegen das Prävalieren des „Sohnes“ (also hier der Lunge) als widernatürliches Vorkommnis. Bezüglich der Erklärung der „Freundschaft“ und „Feindschaft“ der Organe vergl. S. 97. Die Inspektion der Farbe erfolgt hauptsächlich in jenem Teil des Kopfes und Gesichts, welcher mit dem betreffenden Organ in Korrespondenz steht. Ein solcher ist z. B. für das Herz — die Zunge. Beobachtet man also bei einer Erkrankung des Herzens, daß die normalerweise rote Zunge schwarz wird (Farbe der Niere), so bedeutet dies, daß die Niere, d. h. der Feind des Herzens, die Oberhand erlangt hat, weshalb die Prognose auf Destruktion des Herzens, also letal zu stellen ist.
Krankheit ist eine Disharmonie, eine Gleichgewichtsstörung, bedingt durch das Vorherrschen des männlichen oder weiblichen Urprinzips (der Stärke oder Schwäche, Hitze oder Kälte, Trockenheit oder Feuchtigkeit). Sie äußert sich in Störungen der Zirkulation der Lebensluft und des Blutes, worunter die Organe leiden.
Eine Folge ist das Mißverhältnis der Elemente, so z. B. entsteht Schiefwerden des Mundes durch fehlerhaften Ueberschuß des Holzinhalts über den Metallinhalt, wodurch die Muskeln sich zusammenziehen.
Das Verständnis der chinesischen Physiologie und Diagnostik wird durch folgende Uebersichtstabelle wesentlich erleichtert.
| Element | Holz | Feuer | Erde | Metall | Wasser |
| Planet | Jupiter | Mars | Saturn | Venus | Merkur |
| Himmels- richtung | Osten | Süden | Mitte | Westen | Norden |
| Atmosphäre | Wind | Hitze | Feuchtigkeit | Dürre | Kälte |
| Jahreszeit | Frühling | Sommer | Die letzten 18 Tage jeder Jahreszeit | Herbst | Winter |
| Tageszeit | Morgen | Mittag | Die Zwi- schenzeiten | Abend | Nacht |
| Haupt- organ | Leber | Herz | Milz | Lunge | Niere |
| Beherr- schendes Organ Mutter | Niere | Leber | Herz | Milz | Lunge |
| Abhängiges Organ Sohn | Herz | Milz | Lunge | Niere | Leber |
| Gehilfe (Bruder) | Gallen- blase | Dünndarm | Magen | Dickdarm | Ureter und Harnblase |
| Hat zum Freund | Milz | Leber | Niere | Leber | Herz |
| Hat zum Feind | Lunge | Niere | Leber | Herz | Milz |
| Einfluß- sphäre | Sehnen Gefäße Nägel Augen | Palma Stirne Zunge | Fleisch Arm Bein Mund | Haut Haare Schul- tern Nase | Knochen Zähne Bart Ohr |
| Korrespon- dierender Gesichtsteil | Augen | Zunge | Lippen | Nase | Ohr |
| Korrespon- dierende Farbe | grün | rot | gelb | weiß | schwarz |
| Puls | Kouān links | Tsuén links | Kouān rechts | Tsuén rechts | Tché beider- seits |
| Abhängig | Farben | Gerüche | Geschmacks- arten | Töne und Stimme | Fluida |
| Schall- äußerungen | Seufzer | Lachen | Singen | Weinen | Schluch- zen |
| Sekrete | Tränen | Schweiß | Speichel | Schleim Sputum | Harn |
| Geschmack | sauer | bitter | süß | scharf | salzig |
| Geruch | ranzig | brenzlig | wohl- riechend | nach frischem Fleisch | nach faulem Fleisch |
| Appetit auf | Hirse Hammel- fleisch | Reis Pferde- fleisch | Hülsen- früchte Schweine- fleisch | Lein- samen Geflügel | Weizen Rind- fleisch |
Die Pathologie betrachtet Wind, Kälte, Trockenheit, Feuchtigkeit, Affekte und Leidenschaften, Gifte, aber auch böse Geister und imaginäre Tiere (Fuchssagen!) als Krankheitsursachen. Die Klassifikation ist nach verschiedenen Gesichtspunkten durchgeführt (z. B. je nach dem Pulse), am rationellsten ist die Einteilung in innere und äußere Affektionen oder nach den Körperregionen oder nach den Organen. Da die einzelnen Typen nur (oft vagen) Symptomenkomplexen entsprechen, und bei der oberflächlichen Beschreibung ganz verschiedenartige Prozesse zusammengeworfen werden, kann es nicht wundernehmen, daß die chinesische Pedanterie eine Menge von Unterarten, z. B. von der Dysenterie 14 Formen, unterscheidet. Immerhin finden sich in der Literatur vortreffliche Beschreibungen, besonders der Infektionskrankheiten.
Das am meisten ausgebaute Gebiet der chinesischen Medizin — die Therapie, verfügt über nicht wenige Hilfsmittel, ja der gewaltige Arzneischatz überragt an Menge den jedes anderen Volkes. Die Ueberzeugung, daß in der Natur ein Heilmittel für jedes Leiden vorhanden sein müsse, das wirksam sei, wofern nicht das menschliche Schicksal es verwehre, führte dahin, alle erdenklichen Substanzen, sowohl pflanzlicher als tierischer, in geringerem Ausmaß auch mineralischer Art, zu erproben. Mag die jahrtausendalte emsige Empirie neben wirklich heilkräftigen einen Wust von nutzlosen Dingen aufgespeichert haben, vieles bedarf noch der Nachprüfung, um richtig bewertet werden zu können, und als sicher ist anzunehmen, daß eine solche Nachprüfung für die Weltmedizin von Nutzen sein wird. Nicht gar so gering ist die Zahl jener Arzneistoffe, in deren Verwendung bei gleicher Indikation die europäische Medizin mit der chinesischen übereinstimmt; zu diesen gehören z. B. Rhabarber, Granatwurzel (gegen Würmer), Kampfer, Akonit, Cannabis, Eisen (gegen Blutarmut), Arsenik (gegen Malaria und Hautleiden), Quecksilber (gegen Hautkrankheiten), Schwefel (gegen Hautleiden), Natrium- und Kupfersulfat (Brechmittel), Alaun, Salmiak, Moschus (Nervenmittel).