Den Rhabarber dankt die Heilkunde des Westens unzweifelhaft der chinesischen, er wurde durch den zentralasiatischen Handel zugeführt. Abgesehen vom Opium, nahm die chinesische Pharmakopöe nur die sehr geschätzte Asa foetida, Muskatnüsse, Zimt und Pfeffer vom Ausland auf.

Das höchste Ansehen von allen Arzneisubstanzen genießt die Ginsengwurzel (Panax Ginseng Nees), welche wegen ihrer tonikoexzitierenden Wirkung geradezu als Panacee betrachtet und mit dem dreifachen Gewichte Goldes aufgewogen wird.

Der Name Ginseng bedeutet menschliche Kraft oder Weltwunder. Es gibt eine Menge von Ginsengpräparaten, die gewöhnlich mit Zusatz von Ingwer etc. verabreicht werden. Beim Einsammeln müssen eine Reihe von Vorschriften eingehalten werden, die teils der Erfahrung, teils dem Aberglauben entspringen. Dasselbe ist übrigens bei den meisten pflanzlichen Mitteln der Fall, da nach verbreiteter Ansicht ihre Wirksamkeit den Einflüssen des Bodens, der Sammelzeit (Jahreszeit und Tagesstunde), der Art und Weise des Trocknens (in der Sonne oder im Schatten) unterliegt. Ueber die wunderbaren Heilwirkungen der Ginsengwurzel (z. B. als Verjüngungsmittel) existiert eine ganze Literatur.

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich auch, wie aus den Rezeptformeln hervorgeht, Pachyderma cocos, Magnolia hypoleuca, Auszug von Minzblättern (po-hô), Arumknollen, Radix Tang-kui (gegen Dysmennorrhöe), Süßholz, Bärengalle, veraschtes Haar, Realgar, Zinnober u. a. Der Zinnober, welcher in der chinesischen Alchemie die Rolle des Steins der Weisen spielte, dient zur Bereitung merkurieller Präparate und wird für die Räucherungstherapie der Syphilis benützt (man steckt eine mit Zinnober gefüllte Papierrolle in ein Nasenloch, brennt dieselbe an und läßt die Quecksilberdämpfe einatmen). Wie bei uns, ist die merkurielle Behandlung der Syphilis seit Jahrhunderten in China üblich, doch wird sie milder gehandhabt (statt mit grauer Salbe Einreibungen mit roter Quecksilberoxydsalbe; innerlich Kalomel, Sublimat, gemischt mit Kalksulfat), auch bildet sie nicht die einzige Behandlungsmethode (unter anderem werden als innere Mittel Smilax, Perlen- und Perlmutterpulver verwendet). Einer Menge von Stoffen wird eine erwärmende, kühlende, zerteilende oder blutverbessernde Wirkung beigemessen, zahlreich sind die Purgativa, Emetika, Expektorantia, und neben ihnen kommen schweiß- und harntreibende Medikamente in Betracht. Außerdem besitzt die chinesische Medizin sehr viele Emenagoga, Galaktogoga, Abortiva und Aphrodisiaka, welch letztere den Hauptbestandteil der außerordentlich verbreiteten und öffentlich angepriesenen Geheimmittel ausmachen.

Die Lehre von den Arzneimitteln ist namentlich in den zumeist illustrierten Kräuterbüchern niedergelegt, von denen das älteste, wie schon erwähnt, von dem sagenhaften Schin-nung herrühren soll. Zweifellos ist die reiche Erfahrung vieler Generationen auf diesen mythischen Urheber zurückgeführt. Ein mehrere Jahrhunderte v. Chr. verfaßtes Wörterbuch über Kräuterkunde, Rha ya, enthält zur Hälfte naturgeschichtliche Tatsachen. Von den 40 Bänden des bewährten „Führers zur ärztlichen Praxis“, Ching-che-chun-ching, behandeln acht die Pharmakologie (Luy-fang). Als maßgebendstes Werk aber wird jenes betrachtet, welches der Stadtpräfekt Li-schi-tschin um die Mitte des 16. Jahrhunderts n. Chr. unter dem Titel Pen-tsao-kang-mu abzufassen begann. Dieses aus 52 Bänden bestehende Monumentalwerk beruht auf Exzerpten aus der vorausgehenden Literatur und beschreibt über 1800 vorwiegend pflanzliche Heilstoffe hinsichtlich des Fundorts, der Zubereitung, Aufbewahrung, Anwendungs- und Wirkungsweise.

Eine der merkwürdigsten Eigentümlichkeiten der chinesischen Arzneikunst liegt in ihrem Reichtum an Substanzen animalischen Ursprungs. Mystizismus, doch auch das unklare Vorgefühl jener Ideen, die bei uns in neuerer Zeit zur organotherapeutischen geleitet haben, bilden höchstwahrscheinlich das Leitmotiv, wenn z. B. Präparate aus der Leber, Lunge, Niere verschiedener Tiere gegen Leber- bezw. Lungen- und Nierenleiden verordnet werden, oder wenn man z. B. den Samen junger Männer oder Nervensubstanzen von Tieren gegen Schwächezustände, Hühnermagen gegen Magenleiden, Hoden verschiedener Tiere gegen Impotenz, Placenta zur Erleichterung der Geburt u. s. w. anwendet. Neben Substanzen solcher Art finden sich — ähnlich wie in der Pharmakopöe anderer Völker und in der europäischen Medizin verflossener Jahrhunderte — ganz absonderliche und widerwärtige Dinge (Auswurfstoffe).

Aus der Tierwelt werden unter vielem anderen verwendet: Eidechsen, Kröten, Salamander, Schlangen, Schildkröten, Skorpione, Regenwürmer, Blutegel, Seidenraupen, Tausendfüßer; Haut, Fleisch, Fett, Blut, Milch, Galle, Eingeweide, Exkremente, Knochen, Zähne etc. verschiedener Tiere. So benützt man pulverisierte Tiger- und Elefantenknochen gegen Abmagerung, Elefantenzähne gegen Epilepsie, Fischotterleber gegen Anämie, gepulverte Tieraugen mit Frauenmilch gegen Augenentzündungen, die Spitzen der Hirschhörner gegen Schwächezustände, Darmkonkremente von Antilopen als Expektorantia, Bärengalle als Purgans u. s. w.

Auch der Mensch selbst wird als Heilkörper herangezogen: die Milch junger Frauen als Verjüngungsmittel, die Placenta gegen Chlorose, der Harn 3-4jähriger Kinder gegen Ohnmachten, menschliche Exkremente, Abortreste u. s. w. Das Volk schreibt dem Blute Enthaupteter eine besonders kräftigende Wirkung zu.

Zur animalischen Therapie ist auch die (wahrscheinlich aus Indien stammende) prophylaktische Inokulation der Blattern zu rechnen, welche, angeblich von einem Philosophen erfunden, mindestens seit dem 11. Jahrhundert in China geübt wird und als Vorläuferin der Serumtherapie angesehen werden kann. Man führt zu diesem Zwecke einen mit dem Inhalt einer frischen Pockenpustel getränkten Baumwollenbausch in die Nase des Impflings ein (bei Knaben ins linke, bei Mädchen ins rechte Nasenloch) oder benützt Pulver von einer getrockneten Pustel, das eingerieben oder durch eine Röhre in die Nase eingeblasen wird. Aus gewissen spekulativen Gründen darf am 11. und 15. des Monats nicht geimpft werden. (Die Vaccination wurde im letzten Jahrhundert eingeführt.) Die Klassifikation der Arzneisubstanzen, denen spezifische Beziehung zu den Organen und Krankheiten zugeschrieben wird, ist sehr subtil im Geiste des naturphilosophischen Systems durchgeführt, und namentlich spielen hierbei die Spekulationen über die Analogien zwischen der Elementarbeschaffenheit, der Farbe, dem Geschmack und der spezifischen Wirkungsweise der Mittel eine wichtige Rolle.

So sollen die grünen Mittel und die sauer schmeckenden Arzneien vorzugsweise die Leber beeinflussen wegen des Holzes, das ihren Hauptbestandteil bilde; nach dem gleichen Prinzip wirken die roten und bitteren Mittel (Feuer) besonders auf das Herz, die gelben und süßen (Erde) auf die Milz (Magen), die weißen und scharfen (Metall) auf die Lungen, die schwarzen und salzigen (Wasser) auf die Nieren. Alle erwärmenden oder kühlenden, stark wirkenden Stoffe besitzen mehr die Eigenschaften des männlichen Urprinzips, des Yang, während die schwach schmeckenden, mit ausgesprochenem saueren, bitteren, süßen, würzigen oder salzigen Geschmacke mehr die Eigenschaften des Yin haben sollen; den Leiden der oberen Körperhälfte, wo das Yang überwiege, entsprechen die aus den oberen Pflanzenteilen (Knospen, Blüten) hergestellten Arzneien, den Krankheiten der unteren Körperhälfte hingegen die aus den Wurzeln bereiteten Mittel, weil in ihnen das Yin vorherrsche. Schließlich werden die Heilmittel sogar mit den Jahreszeiten in Analogie gesetzt, beispielsweise gleichen die mehr nach oben wirkenden den treibenden Kräften des Frühlings, die schweren, wässerigen, mehr nach unten wirkenden, dem sinkenden Streben des Herbstes u. s. w. Bei der Verordnung kommen neben der höchst anerkennenswerten jahrtausendalten Empirie die Stellung des Mittels im naturphilosophischen System, die Berücksichtigung der Jahreszeit und des Wetters, das Geschlecht des Patienten in Betracht.