Außerordentliches Lob spenden die spanischen Zeitgenossen — sogar der große Eroberer Cortez — der chirurgischen Gewandtheit der mexikanischen Heilkünstler. Abgesehen von der Behandlung der Wunden, Geschwüre, Verbrennungen, für welche sie zahlreiche Topika besaßen (z. B. Balsamarten, Tabak-, Agavenblätter), verstanden es die Azteken, den Aderlaß, Skarifikationen (mit den Stacheln der Agave) vorzunehmen, und kannten die Naht (mit reinen Haaren). In Ermangelung des Eisens waren die Instrumente aus Obsidian verfertigt. Abszesse inzidierte man mittels Kreuzschnitt, ödematöse Schwellungen wurden skarifiziert. Die größte Sorgfalt aber wandte man der Behandlung von Knochenbrüchen zu. Nach Adaption der Teile legten die aztekischen Aerzte starre Verbände an, welche gewöhnlich 20 Tage liegen bleiben; diese Verbände bestanden zunächst aus einem zähen, sehr fest anhaftenden Pflaster, darüber kamen Federn zur Deckung, sodann vier parallel gestellte Täfelchen (Schienen), die mit Riemen befestigt wurden. Vor größeren Eingriffen gab man dem Patienten ein Narkotikum, hingegen wurde die Blutstillung nur durch intern gegebene oder äußerlich applizierte Hämostatika versucht; die Anwendung des Glüheisens und der Blutegel war unbekannt, bei der Reinigung der Wundhöhlen spielte als Spülflüssigkeit auch der Urin eine große Rolle. Bemerkenswerterweise ergänzte man auch in chirurgischen Fällen die Lokaltherapie durch die Allgemeinbehandlung, so wurde z. B. jeder Patient, der einen Knochenbruch erlitten hatte, auch venäseziert.
Die der Obsorge von Hebammen anvertraute Geburtshilfe, ebenso wie die Kinderpflege war durchsetzt von religiös-abergläubischen Maßnahmen, hinter denen sich aber mancher hygienisch-medikamentöser Gedanke verbarg. Schon die Lebensweise der Schwangeren, ihre Nahrung, Beschäftigung, Geschlechtsfunktion (Enthaltung vom Koitus) wurde, wenigstens bei den Vornehmen, peinlich geregelt; beim Eintritt der Wehen untersucht man wiederholt die Kindeslage, nahm eventuell durch äußere Handgriffe eine Korrektion vor, gab Medikamente, welche die Wehen verstärken, die Schmerzen vermindern, Knochenbrüche des Kindes verhüten sollten, und nebstdem wirkte ermunternder Zuspruch suggestiv. Erfolgte die Geburt in normaler Weise, so durchtrennte man die Nabelschnur, brachte den Neugeborenen unter religiösen Zeremonien ins Bad, skarifizierte ihn an den Genitalien — die Skarifikation hatte überhaupt bei den Azteken eine religiös-hygienische Bedeutung — und unterwarf die Mutter einem strengen Regime, zu welchem auch wiederholte Ausspülung der Scheide, Räucherungen, Bäder gehörten; mit noch größerer Vorsicht wurde der Säugling umgeben, die vollständige Entwöhnung erfolgte erst nach zwei Jahren. In den Fällen, wo die Geburt nicht normal von statten ging, suchte man durch Gebete, Suggestion, Emmenagoga, äußere Wendung, Erschütterung (Stöße zwischen die Schulterblätter) den günstigen Ausgang herbeizuführen. Half dies alles nichts, so brachte man die Gebärende in einen abgeschlossenen Raum, verdoppelte den Eifer in den angegebenen Bemühungen und entschloß sich nach langem Warten, wenn schon Anzeichen des Fruchttodes vorlagen, zur Embryotomie, welche die Hebamme mit dem Steinmesser in der primitivsten Weise ausführte. Zur Vornahme der Operation gehörte aber die Einwilligung der Eltern; wurde sie verweigert, so konnte nur der Tod die Unglückliche erlösen. Der Volksglaube stellte den Tod im Wochenbette dem Tod auf dem Schlachtfelde als gleichwertig an die Seite und erwies den Verstorbenen göttliche Verehrung, auch weil man fürchtete, daß sie als Gespenster den Neugeborenen Schaden zu bringen suchen.
Auf verhältnismäßig hoher Stufe stand die Hygiene, welche sich auf das öffentliche und private Leben erstreckte und wenigstens theoretisch waren strenge Gesetze gegen sexuelle Ausschweifungen und Trunksucht erlassen. Die erstaunliche Entwicklung der Aztekenmedizin frappiert umsomehr, da es bisher trotz der vielfachen Analogien mit der orientalischen Heilkunde nicht gelungen ist, einen Zusammenhang mit dieser nachzuweisen.
Weit weniger sind wir über die Medizin der anderen Kultur- oder Halbkulturvölker Altamerikas unterrichtet, doch scheint die aztekische Heilkunst den Höhepunkt bedeutet zu haben. Die Quiché in Guatemala besaßen anerkennenswerte Erfahrungen in der Zahnheilkunde, Augenheilkunde, Psycho- und Hydrotherapie; andere Stämme Zentral- und Südamerikas waren mit der Diagnostik der Hautkrankheiten so vertraut, daß sie bereits mehrere Arten von Dermatosen kannten und mit bestimmten Namen belegten. Auf diesem Gebiete zeichneten sich namentlich die alten Peruaner aus, deren realistische Darstellungen von Hautaffektionen (auch Lepra und Syphilis) auf Tongefäßen das größte Interesse erweckt. (Es bildet eine merkwürdige Erscheinung, daß die peruanischen Plastiker, wenn sie menschliche Figuren darstellten, stets häßliche pathologische Objekte wählten, was sich daraus erklärt, daß ihnen alles vom Typus Abweichende, Abnorme, Verzerrte umsomehr der Anbetung würdig zu sein schien, je garstiger es war.) Unter den Inkaperuanern herrschte die Sitte, dem Kopfe des Neugeborenen durch verschiedene Hilfsmittel (Brettchen, Binden, Schnüre etc.) eine gewisse vorgeschriebene Form zu erteilen. Von dieser künstlichen Schädeldeformation gab es 4 Arten: es waren dies: der Rundkopf, Breitkopf, der schmale, lange Schädel, der Spitzkopf. Die Sitte dieser Kopfpressung soll deshalb eingeführt worden sein, damit die Kinder (durch Beschränkung der intellektuellen Fähigkeiten) gehorsam werden. (?) Was die Medizin im Inkareiche anlangt, so scheint dieselbe weit weniger als in Mexiko entwickelt gewesen zu sein, weil trotz schimmernder Außenseite das tyrannische Regierungssystem und der Priesterdruck jede Selbständigkeit unterdrückte und den herrschenden Wunderglauben geradezu züchtete; die Azteken waren jedenfalls ein kräftigeres und geistig gesünderes Volk als die Inkaperuaner. Damit steht nicht im Widerspruch, daß bei ihnen die Baukunst, das Kunstgewerbe (Weberei, Wirkerei, Keramik), die Technik zu hoher Blüte gelangten. Die Mythologie kannte medizinische Gottheiten (z. B. wurde dem Mondgott von den Frauen in Geburtsnöten geopfert), die Priesterärzte kurierten teils durch Beschwörungen, Massage, Reiben, Aderlassen, teils durch Vegetabilien in Abkochungen und Aufgüssen. Der Aderlaß wurde gewöhnlich an den Venen der Nasenwurzel vorgenommen mittels eines zugespitzten, scharfen Steinsplitters, der in ein gespaltenes Hölzchen eingeklemmt und festgebunden war. Das gemeine Volk schenkte in der Regel den alten Weibern Vertrauen oder eines gab dem anderen irgend einen Rat oder ein Heilmittel, so daß die Epidemien schrankenlos wüteten. Bei jeder ärztlichen Behandlung spielten die Opfer eine große Rolle. Die Priesterärzte, sowie auch die Hebammen gaben bei ihrem ersten Auftreten stets vor, daß sie durch eine Erscheinung im träumenden Wachen zu diesem Geschäfte bestimmt worden seien. Die Hebammen ließen ein etwa fingerlanges Stück Nabelschnur am Kinde zurück; wenn dieser Rest abfiel, wurde er sorgfältig getrocknet, aufgehoben und dem Kinde, wenn es erkrankte, als sicherstes Heilmittel zum Saugen gegeben. — Mißbildungen (Polydaktylie, Hasenscharte, Wolfsrachen u. a.), Zwillingsgeburten etc. gaben zu abergläubischen Vorstellungen (Omenlehre) Anlaß; Epileptiker wurden gerne in den Priesterstand aufgenommen.
[1] Auf Abwehr z. B. der Parasiten sind ursprünglich vielleicht manche Reflexvorgänge zurückzuführen, wie das Wischen, das noch beim dekapitierten Frosch beobachtet wird.
[2] Vergl. z. B. die altbabylonische Izdubarsage, die äygptische Horusmythe, die Argonautensage u. a. Die Erkenntnis, daß das vorhandene medizinische Wissen nicht das Werk eines gewöhnlichen Sterblichen oder einer Generation sein könne, fand in der Herleitung der Medizin von Göttern (z. B. bei den Aegyptern und Indern) oder von mythischen Herrschern (z. B. bei den Chinesen) ihren Ausdruck.
[3] Darauf weisen auch die ältesten Krankheitsnamen.
[4] Dahin gehört auch z. B. die kultische Blutentziehung, ja sogar das rituelle Erbrechen bei manchen Indianerstämmen.
[5] Burjätische Schamanen glauben die bösen Geister durch Pfeilschüsse töten zu können.
Es mangelt der Raum, von diesem Standpunkte hier alle Typen oder gar die Einzelheiten der Volksmedizin und der Heilkunst der Naturvölker zu analysieren, es genüge die bloße Anregung zur Nachprüfung.