Von Ktesias, der lange am Perserhof lebte und durch Schriften über Indien und Persien zur Vermittlung orientalischer Kenntnisse wohl vieles beitrug, ist es bekannt, daß er eine Arbeit über die medizinische Verwendung des Helleborus (Nieswurz) verfaßte und in einer Polemik gegen Hippokrates die Möglichkeit einer dauernden Reposition des luxierten Oberschenkels leugnete.

Ktesias, Zeitgenosse des Xenophon, diente im Heere des Kyros gegen dessen Bruder Artaxerxes Mnemon, wurde von diesem in der Schlacht bei Kunaxa gefangen genommen und stand bei ihm 17 Jahre lang wegen seiner ärztlichen Tätigkeit in hoher Gunst. Gleichzeitig mit ihm lebte ein anderer gefangener griechischer Arzt, Polykritos von Mende, am Perserhofe. Ktesias sammelte während seines Aufenthalts in Persien ein reiches Material geschichtlicher und geographischer Notizen, die er in seinen Werken Ἰνδικὰ und Περσικὰ niederlegte; hiervon sind zahlreiche Bruchstücke auf uns gekommen. — Vom Helleborus sagt er, daß man die Dosierung desselben zur Zeit seines Vaters noch wenig kannte, weshalb die Kranken auf die häufig tödliche Wirkung dieser Arznei aufmerksam gemacht wurden.

Die Schule von Kos ließ aus ihrer Mitte den größten der Aerzte hervorgehen. Verdankt sie diesem glücklichen Umstand einen Ruhm, der alle übrigen Schulen in den Schatten stellt, so werden anderseits ihre Traditionen und Leistungen durch das Genie des unvergleichlichen Hippokrates, durch die Verdienste der hippokratischen Aerztefamilie so sehr erdrückt, daß sich heute nicht mehr mit voller Sicherheit erkennen läßt, was der koischen Schule an sich angehört.

Kos, eine den Sporaden zugerechnete Insel, den Städten Knidos und Halikarnassos gegenüber gelegen, im Altertum berühmt durch ihren Wein, war wegen besonders günstiger klimatischer Verhältnisse wie geschaffen zum Kultort des Asklepios. Das Heiligtum desselben befand sich westlich von der Hauptstadt Kos und wurde zur Zeit der höchsten Blüte mit den Meisterwerken des Apelles und Praxiteles (Aphroditestatue) ausgeschmückt. In jüngster Zeit wurde die ehrwürdige Stätte des koischen Asklepieions bloßgelegt, wobei man eine Menge von Weihgeschenken, sowie eine Reihe von Inschriften (bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. herab) auffand. Es ergibt sich, daß das koische Asklepieion, wiederholt durch prächtige Neubauten erweitert, zu den ausgedehntesten heiligen Anlagen des Altertums zählte. Zu den wiederholten Neubauten und Erweiterungen gab das Erdbeben von 412 v. Chr. oder ein Brand, später die Gunst der Ptolemäer und der Herrscher von Pergamon, endlich der Römer Anlaß. Wann das Heiligtum verödete, ist noch nicht festgestellt, niedergeworfen wurden seine Bauten wahrscheinlich durch das gewaltige Erdbeben vom Jahre 554 n. Chr. Die an weithin sichtbarer Stelle heute noch gezeigte sogenannte Hippokratesplatane war Zeuge der alten Herrlichkeit. Auf den Ausgangspunkt des Asklepioskults von einem Brunnen in einem heiligen Hain deutet es, daß die Dichter direkt für Asklepieion den Namen der (fälschlich auch nach Hippokrates bezeichneten) schon bei Theokrit sagenberühmten Quelle Burinna einsetzten. Die koischen Asklepiaden erfreuten sich schon im 6. Jahrhundert eines weitreichenden Ansehens; dafür besitzen wir Zeugnisse in einer historischen Ueberlieferung, nach welcher die Delphische Priesterschaft, bedrängt von den Einwohnern Kirrhas, um 584 v. Chr. den Asklepiaden Nebros und seinen Sohn Krisos zu Hilfe riefen, ferner in einer zu Athen aufgefundenen Weiheinschrift des Aineios, Großoheims des Hippokrates. Unter den Vorgängern des Hippokrates ist namentlich Apollonides bekannt, welcher als Leibarzt des Artaxerxes I. tätig war und wegen Vergehungen mit der Schwester des Königs, Amytis, hingerichtet wurde. Nach den kürzlich gefundenen Inschriften in Kos sandte die Schule sehr häufig ihre besten Vertreter ins Ausland; zahlreiche Ehrendekrete fremder Staaten, welche im Asklepieion verwahrt wurden, berichten von den hervorragenden Leistungen der koischen Aerzte. — Wie die knidischen, so besaßen auch die koischen Asklepiaden schon im 5. Jahrhundert v. Chr. eine große Bibliothek und eine reiche Literatur.

Wenn wir unten das Wissen und Können der Hippokratiker schildern, so ist darunter implizite auch die koische Schule verstanden. Hier sei nur ganz im allgemeinen auf ihre wissenschaftliche Auffassung im Gegensatz zur knidischen verwiesen. Daß sich ein solcher Gegensatz in demselben Zeitalter zwischen zwei Asklepiadenschulen trotz innigster geistiger Verwandtschaft und räumlicher Nachbarschaft schon so frühzeitig entwickeln konnte, daß Knidos und Kos in ihren Prinzipien sogar vorbildlich für die ganze weitere medizinische Entwicklung wirkten — spricht wohl mehr als vieles andere für die unvergleichliche Vielseitigkeit des hellenischen Geistes!

Gleich den Knidiern, vom Streben erfüllt, die Medizin über rohe Empirie zu erheben, mit mindestens der gleichen Sorgfalt die Symptome beobachtend, schien den Koern nicht so sehr die naturgeschichtliche Beschreibung der Krankheitsindividuen, sondern vielmehr das Schicksal des erkrankten Individuums, nicht so sehr die Diagnose, als die Prognose Hauptobjekt des ärztlichen Denkens zu sein. Während die Knidier mittels vager Differenzierung zahlreiche Krankheitstypen konstruierten, suchten die Koer dieselben durch das Band der Prognose zu vereinigen, indem sie aus den vom Typus abweichenden Symptomen auf einen veränderten Verlauf und Ausgang derselben Krankheit schlossen; ihre Pathologie und Therapie berücksichtigte nicht so sehr den Sitz der Krankheit als den Gesamtzustand des Kranken. Wurden von beiden Schulen Fehler begangen, von der knidischen durch Fiktion von Krankheitstypen auf Grund unwesentlicher Merkmale, von der koischen durch das Zusammenwerfen pathologisch und ätiologisch differenter Krankheitseinheiten, so gebührt doch den Koern in theoretischer Beziehung der Vorrang, weil zu ihrer Zeit eine wirkliche Erkenntnis der zu Grunde liegenden pathologischen Vorgänge eben unmöglich war, in praktischer Hinsicht, weil ihre Methode zur individualisierenden Behandlung führte. Mochten die knidischen Krankheitsklassifikationen den Schein der Wissenschaftlichkeit für sich haben, tatsächlich lag es damals in den Grenzen wahrer Wissenschaft einzig und allein, auf Grund kritisch geläuterter Empirie, den Krankheitsausgang aus gewissen, der Erfahrung nach, günstigen oder ungünstigen Symptomen vorauszusagen[11].

Historisch bemerkenswert ist es, daß diese Stufe des medizinischen Denkens, die Pflege der Prognostik, sich logisch fast ungezwungen aus der weissagenden Tempelheilkunde ableiten läßt (nur daß an Stelle der göttlichen Vorzeichen die dem Kundigen viel bedeutenden krankhaften Lebenserscheinungen getreten sind) und ein Analogon darstellt zur Vorhersage von Himmelserscheinungen und Vorzeichen durch Babylons sternkundige Priester. Wie diese aus uralten Aufzeichnungen das Gesetz der zyklischen Wiederkehr kosmischer Vorgänge aufdeckten, und ein Thales auf Grund dessen eine Mondfinsternis zum Erstaunen seiner Mitbürger voraussagen konnte, so war es den Asklepiaden ermöglicht, aus der Vergleichung zahlreicher in dem Tempelarchiv verwahrter ähnlicher Krankheitsgeschichten, aus gehäufter Erfahrung Anzeichen des günstigen oder ungünstigen Ausgangs festzustellen, Gesetze des Krankheitsverlaufs empirisch zu formulieren.

Mit Vorliebe wandte man sich der Beobachtung jener akuten Leiden (z. B. der Lungenentzündung) zu, welche durch den Typus ihrer Symptome, durch den Rhythmus ihres Verlaufs ein Gesetz ahnen ließen, das an den Zyklus der Sternwelt, an die Zahlenverhältnisse der Töne, wie sie Pythagoras gefunden, in seiner Regelmäßigkeit erinnerte. Spekulation und tatsächliche Erfahrungen arbeiteten sich in die Hände. So bildete sich denn als Folge der Betrachtung des Gesamtverlaufs typischer Krankheitsbilder, vielleicht auch im Hinblick auf die Astronomie und die Pythagoreische Zahlenmystik die Lehre von den Krisen, d. h. von der Krankheitsentscheidung, und die Lehre von den kritischen Tagen aus, d. h. von den Zeitverhältnissen, an welche die Wendung der Krankheit zum Guten oder Schlimmen gebunden ist. Die Richtschnur für die Vorhersage am Krankenbette bildete, abgesehen vom Allgemeinbefinden und verschiedenen Merkmalen, namentlich das Fieber und das Verhalten der Exkrete und Sekrete, die nach der herrschenden Säftelehre als ausgeschiedene Krankheitsstoffe galten und durch den Wechsel ihrer Konsistenz den Mischungszustand der konstituierenden Grundflüssigkeiten offenbarten. Ausgehend von Bildern des gemeinen Lebens und vom Verdauungsprozesse, erblickte man im Zusammentreffen des ansteigenden und absteigenden Fiebers mit zähflüssigen oder dünnflüssigen Auswurfstoffen einen Kochungsprozeß der Säfte durch die Körperwärme und gelangte zur Aufstellung dreier Krankheitsstadien, des Stadiums der Roheit der Säfte (ἀπεψία), der Kochung (πέψις) und der Krisis (Ausscheidung oder Ablagerung der Krankheitsstoffe).

Die Erfahrungen und Anschauungen der koischen Aerzte wurden vor Hippokrates in den „Koischen Lehrmeinungen“ niedergelegt, welche höchstwahrscheinlich als Vorlage für die eine oder andere prognostische Schrift der hippokratischen Sammlung benützt wurden.

Waren die Koer vom Geiste nüchterner, echt klinischer Beobachtung erfüllt, vertraten die Knidier mehr eine Richtung, welche zwar treu auf dem Boden der Erfahrung verläuft, aber dennoch dem Idol temporärer Wissenschaftlichkeit die Naturwahrheit nur allzu leicht zum Opfer bringt, so scheint die sizilische Aerzteschule, die sich von Empedokles herleitete, ihr Hauptziel darin erblickt zu haben, die ärztliche Kunst in eine Wissenschaft umzuwandeln, auf dem Wege der Naturforschung und philosophischen Spekulation oberste Prinzipien zu gewinnen, aus denen sich deduktiv die Theorie der Krankheiten und die Norm für das ärztliche Handeln ergibt. Aus den kargen Bruchstücken, welche scharfsinnige Forscher in letzterer Zeit aus der Vergessenheit emporgezogen haben, erhellt es immer mehr, daß die sizilischen Aerzte, als deren vornehmste Vertreter die Schüler des Empedokles, Akron und Pausanias, insbesondere aber der Zeitgenosse Platons, Philistion aus Lokroi, genannt werden, sich um die Entwicklung der Anatomie und Physiologie ganz besonders verdient gemacht und die wichtigsten Bausteine zur Krankheitstheorie, wie sie im Corpus Hippocraticum entwickelt ist, gelegt haben.