Den Spuren des Alkmaion folgend, beschäftigten sich die hervorragendsten Aerzte der sizilischen Schule eifrig mit der Tierzergliederung, wobei sie anscheinend den Gefäßen besonderes Augenmerk zuwendeten. Hierzu dürfte wohl die Lehre des Empedokles, daß das Blut Sitz der eingepflanzten Wärme (der Seele) sei, und daß die Atmung nicht allein durch Mund und Nase, sondern auch vermittels der Hautporen durch das Röhrensystem des ganzen Körpers erfolge[12], den Anlaß gegeben haben. (Es sei hier daran erinnert, daß auch der philosophische Hauptvertreter der Pneumatheorie, Diogenes von Apollonia, eine Schilderung des Gefäßsystems hinterlassen hat.) Nach der Ansicht maßgebender Forscher steht gerade die beste anatomische Schrift, das Corpus Hippocraticum, welche vom Herzen handelt (περὶ καρδίης) und eine vortreffliche Beschreibung der Aortenklappen, des Herzbeutels, Herzbeutelwassers etc. enthält, unter dem Einfluß der sizilischen Aerzte; wie von den Aegyptern, wurde die Lehre vertreten, daß das Herz Mittelpunkt des Gefäßsystems und Quelle alles Blutes ist.
Neben allgemein naturwissenschaftlichen Erwägungen über die Bedeutung der Luft und der Windströmungen[13] mag auch die anatomische Beobachtung der postmortalen Leerheit der Arterien dazu geführt haben, daß die sizilischen Aerzte das Pneuma als wichtigsten Regulator des organischen Lebens betrachteten[14]; das Pneuma sollte sich durch die Adern verbreiten, mit dem Blute zirkulieren[15], zur Abkühlung der Körperwärme dienen, alle Sinneswahrnehmungen und Bewegungen, sowie durch Erregung von Fäulnisvorgängen[16] (zusammenwirkend mit der Wärme) die Verdauung vermitteln. Als Zentralorgan des Pneuma betrachtete man das Herz[17]. Gerade diese auf anatomische Kenntnisse (Herz = Mittelpunkt der Gefäße) begründete Lehre wurde verhängnisvoll für Physiologie und Pathologie, insofern nämlich die sizilische Schule dementsprechend — im Gegensatz zu Alkmaion und den Koern — den Sitz der Seele in das Herz verlegte und die Geisteskrankheiten als Affektionen des Herzens ansah. Ein bedeutender Rückschritt, der wie bei den Knidiern durch scheinbare Exaktheit verursacht wurde!
In der Krankheitslehre wurde dem Pneuma und den vier Elementen oder Elementarqualitäten gleiche Berücksichtigung zu teil. Solange die Bewegung des Pneuma (Atmung) ungestört vor sich geht, ist der Mensch gesund; wird sie gehindert, indem Schleim- oder Gallenanhäufung die Wege verlegt, so entstehen Krankheiten; neben äußeren Einflüssen (Verletzungen, Temperatur) oder Diätfehlern führt aber auch das Uebermaß oder der Mangel einer der Qualitäten (des Warmen, Feuchten u. s. w.) an sich, zur Erkrankung.
Hinsichtlich der Therapie wäre mit Anerkennung hervorzuheben, daß die sizilische Schule auf die Diät besonderes Gewicht legte — eine Nachwirkung der Pythagoreer; ihre Koryphäen Akron und Philistion verfaßten eigene Werke über diesen Gegenstand, ja der letztere wurde von Galen sogar unter den vermutlichen Autoren der hippokratischen Schrift περὶ διαίτης aufgezählt.
Wir sind in unserer Darstellung mit der sizilischen Lehre zwar nicht über die Zeit, in der die „hippokratischen“ Schriften entstanden sind, hinausgeeilt, wohl aber über die Epoche des großen Hippokrates. Diese Ueberschreitung war nötig, weil es galt, die Grundlagen der „hippokratischen“ Schriften bloßzulegen, zu welchen aber neben koischen und knidischen nicht zum mindesten auch die Lehrmeinungen der sizilischen Schule gehören.
Anhangsweise seien noch einige, zur Zeit des Hippokrates lebende Aerzte erwähnt, welche keiner besonderen Schule zugerechnet werden. Meton von Athen, als Astronom bekannt, suchte die Medizin mit der Astronomie in Verbindung zu setzen. Bolos schrieb über die Heilkraft der Natur. Diagoras von Melos, Gegner des Opiums, Erfinder eines Collyriums gegen chronischen Augenkatarrh, wurde wegen Atheismus mit Verbannung bestraft.
Die hippokratischen Schriften
(Corpus Hippocraticum).
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Die ehrwürdige hippokratische Schriftensammlung, welche als ältestes Denkmal der Glanzepoche hellenischer Heilkunst erhalten blieb, bezeichnet den Kreuzungspunkt aller früheren Richtungen und verknüpft in sich die vielverschlungenen Fäden, die einerseits zur grauen Vorzeit zurück, anderseits bis mitten in die Gegenwart hinein reichen.
Die Tradition macht einen einzigen zu ihrem Urheber, Hippokrates, den unvergleichlichen Arzt von Kos, der seinen Namen in Flammenzügen an die dunkle Wand der Jahrhunderte hinschrieb; vor dem Richterstuhl prüfender Kritik dagegen sind die „Werke des Hippokrates“ nichts anderes, als die bunt zusammengewürfelte Arbeit von Generationen, das Geistesprodukt sehr verschiedenartiger Verfasser, deren Einzelstimmen nur der Zufall zu einem, nicht immer zusammenklingenden Chor vereinigt hat.