[63] Richer, der sich nachmals durch seine Geschichte Frankreichs „Historiarum libri IV” (in Pertz, Mon. Germ. V. Scriptor. III) berühmt machte, erzählt darin (IV. cap. 50), daß er Heribrand aufsuchte, um bei ihm die Erklärung der Aphorismen des Hippokrates zu hören. Da ihm aber dieses Studium allein nicht genügte (cum tantum prognostica morborum accepissem et simplex egritudinum cognitio cupienti non sufficeret), so las er mit dem Lehrer auch das Buch „de concordia Hippocratis, Galieni et Surani”. Von der erlangten medizinischen Bildung machte Richer auch in seinem obengenannten Geschichtswerke Gebrauch, indem er sich in weitläufigen Schilderungen der Krankheiten einzelner berühmter Personen gefällt.
[64] Gerbert, welcher in Aurillac, Vich (in der spanischen Mark) und Rheims studiert hatte, überstrahlte alle seine Zeitgenossen nicht nur als gründlicher Kenner der klassischen (lateinischen) Literatur, als Rhetor und Dialektiker, sondern insbesondere durch seine Kenntnisse auf dem Gebiete der Mathematik, Astronomie und Mechanik (Konstruktion astronomischer Instrumente, Apparate etc.). Anregung zu den realen Studien hatte er in reichlichem Maße während seines Aufenthalts in der spanischen Mark empfangen, wo er mindestens unter dem indirekten Einfluß der arabischen Kultur stand. Gerbert drang weit über den engen Gesichtskreis der vorausgegangenen kirchlichen Enzyklopädisten hinaus, blieb nicht am leeren Formalismus hängen, erkannte den Wert der realen Fächer und suchte die Bildung praktisch fürs Leben nutzbar zu machen. In diesem Sinne lehrte er in Rheims, mit dessen Schule sich während seiner Wirksamkeit keine andere des christlichen Abendlandes messen konnte; später wurde er nach mancherlei Wechselfällen am deutschen Kaiserhofe Erzieher Ottos III., dessen Gunst er endlich das Pontifikat (Sylvester II.) verdankte. Die Bewunderung, welche Gerbert (besonders durch physikalisch-chemische Kunststücke) erregte, hatte natürlich den Argwohn der geistig Zurückgebliebenen zum Begleiter, und noch nach Jahrhunderten schimmert in den Sagen, die sich um seine Gestalt spannen, der schlecht verhüllte Neid hindurch; selbst vor der päpstlichen Würde nicht zurückbebend, erklärte man Gerbert bezw. Sylvester als einen Schwarzkünstler, der mit dem Teufel im Bunde stand und diesem seine Ueberlegenheit verdankte.
[65] Nec me auctore, quae medicorum sunt, tractare velis, praesertim cum scientiam eorum tantum adfectarim, officium semper fugerim (Ep. 151). Aus Ep. 9 und 130 geht hervor, daß Gerbert auch die verloren gegangene Augenheilkunde des größten antiken Okulisten Demosthenes in lat. Uebersetzung kannte, aus Ep. 15, daß man Celsus noch las (Quem morbum tu corrupte postuma, nostri apostema, Celsus Cornelius a Graecis ἡπατικὸν dicit appellari).
[66] Am Schlusse des zweiten Buches steht der Vers: Bald habet hunc librum, Cild quem conscribere jussit.
[67] Z. B. des Alexander von Tralles.
[68] Arzneiformen waren: Infuse, Dekokte, Mischungen (z. B. mit Milch, Honig), Pulver, Salben, Pflaster (auch medikamentöse), Dampfbäder, Klystiere (mit einem Horn appliziert). — Der Theriak und andere hochzusammengesetzte Präparate der griechisch-römischen Medizin waren den Angelsachsen unbekannt, resp. konnten nicht zubereitet werden. In einem Kapitel des Leechbook ist erwähnt, daß Helias, Patriarch von Jerusalem (Ende des 9. Jahrhunderts) eine Reihe von Rezepten (wahrscheinlich zugleich auch die zugehörigen orientalischen Drogen) sandte.
[69] So übten z. B. die allgemein beliebten und weit verbreiteten, häufig bearbeiteten Rezeptbücher des Serenus Samonicus und Pseudoapulejus einen sehr ungünstigen Einfluß aus.
[70] Zumindest war es eine sehr verbreitete Anschauung, daß die natürlichen Mittel nur in Verbindung mit theurgischen, mystischen Prozeduren ihre Wirksamkeit entfalten, erst aus diesen ihre Heilkraft ziehen.
[71] So erhielt sich über die Jahrhunderte hinweg die Praxis in der Architektur, Mechanik und sogar in der Chemie (Färberei).
[72] Das Bestreben, in allen Naturdingen geheimnisvolle Beziehungen, allegorische Hindeutungen aufs Uebersinnliche ausfindig zu machen, tritt besonders in den Umarbeitungen des aus christlich alexandrinischen Kreisen hervorgegangenen Physiologus zu Tage, welcher (12) wirkliche oder phantastische Tiere als Versinnbildlichung gewisser Tugenden und Laster betrachtet (vgl. Lauchert, Gesch. des Physiologus, Straßburg 1889). Der Physiologus fand im Mittelalter eine fast beispiellose Verbreitung, indem er schon früh in orientalische Sprachen und ins Lateinische, späterhin ins Angelsächsische, Althochdeutsche, Altfranzösische, Provenzalische, Spanische u. s. w. mehr oder minder frei übertragen wurde. Dabei hat er natürlich bedeutende Umwandlungen erfahren.