[73] Darstellungen solcher Exorzismen finden sich in den Wandmalereien alter Kirchen, z. B. in Goldbach (am Bodensee), oder in den Miniaturen von Handschriften (z. B. Codex Egberti, 10. Jahrhundert), vgl. K. Künstle, Die Kunst des Klosters Reichenau im 9. und 10. Jahrhundert, 1906; F. X. Kraus, Die Miniaturen des Cod. Egberti, 1884.

[74] Die Leprösen waren zur Verhinderung der Ansteckung aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, für bürgerlich tot erklärt — einschlägige Bestimmungen erließen schon Pippin (757) und Karl d. Gr. (786) —, für ihren Unterhalt sorgte, soweit sie über keine eigenen Mittel verfügten, die christliche Wohltätigkeit; frühzeitig scheinen sie, wo sie in größerer Anzahl beisammen waren, in gemeinsamen Wohnungen untergebracht worden zu sein. Schon um 736 sammelte z. B. der hl. Otmar die Aussätzigen aus seinem Sprengel und vereinte sie in einem Leprosorium (hospitiolum ad suscipiendos leprosos) in der Nähe des Klosters von St. Gallen. — In den erwähnten Malereien des Goldbacher Kirchleins, der Kirche St. Georg zu Oberzell auf der Reichenau selbst und in den Miniaturen des Codex Egberti findet sich auch eine Darstellung des Aussätzigen, abgesehen von den Flecken der Haut, gekennzeichnet durch das Horn, das er trägt; wenn die Leprösen ausgingen, um Almosen zu sammeln oder Speise beizutreiben, mußten sie nämlich ihr Kommen durch das Hornsignal kundgeben, daher die Bezeichnung „Hornbrüder”.

[75] Sprachliche Zeugnisse verbürgen die wundärztlichen Kenntnisse der Volkspraxis, so die schon im 8. Jahrhundert vorkommenden Lehnwörter Pflaster, Salbe, Balsam, Büchse.

[76] Unter anderem wird eine merkwürdige Heilung berichtet, die an Kaiser Heinrich II., der an Blasensteinen litt, auf operativem Wege — allerdings nicht ohne das Eingreifen des hl. Benedictus — vollzogen wurde.

[77] Vgl. über die Bibliothek von Monte Cassino Tosti, Storia della badia di Monte Cassino, Napoli 1842-43 und A. Caravita, I codici e le arti a Monte Cassino, M. Cass. 1869-70. Zu den ältesten medizinischen Handschriften (vgl. S. 257) zählen Sammelwerke und lateinische Uebersetzungen aus dem 9. und 10. Jahrhundert, darunter z. B. Uebersetzungen hippokratischer, galenischer (bezw. pseudohippokratischer und pseudogalenischer) Schriften, des Paulos von Aigina u. a., Schriften des „Apulejus”, „Aesculapius”; auch ein liber Aurelii wird de oculis erwähnt. — Die Titel der Traktate, welche Kodex 97 enthält, sind folgende: Prologus Galieni de pulsis (!) et orinis — De effemeris febribus — Prologus Galieni, libri primi de febrium diversitate — Capitula libri Aurelii de oculis (!) passionibus — Capitula Scolapii medici — Prologus super expositionem Aforismi — Capitula libri primi Alexandri Trosophiste — Alfabeta herbarum — Ex libris Dioscoridis feliciter — Herbarium Apulei Platonis quem accepit ab Scolapium et Chirone centauro magistro Achilli — De quadrupedibus. — Bei dieser Gelegenheit sei hier darauf verwiesen, daß ein Traktat über Arzneimittel (größtenteils in tironischen Noten) aus dem 9.-10. Jahrhundert (in Cod. Vatic. Lat. 846) veröffentlicht wurde, welcher hauptsächlich aus Apulejus und Pseudoplinius entlehnt ist, vgl. „Miscellanea Tironeana”, ed. Schmitz, Leipzig 1896.

Die Medizin im 11. und 12. Jahrhundert.

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Die Blütezeit der Schule von Salerno.

Die Geschichte der Wissenschaften erinnert lebhaft an das Wachstum organischer Gebilde. Wie in einem homogenen Plasma zunächst einzelne Kerne entstehen, welche sich vergrößern, als Kraftsphären wirken und später zur höheren Einheit verschmelzen, so läßt auch der historische Rückblick auf die abendländische Medizin des Mittelalters nach dem Stillstand eines halben Millenniums vorerst nur isolierte Zentren erkennen — rein ärztliche Schulen in spärlicher Zahl —, welche seit dem 11. Jahrhundert aus der Grundmasse eintöniger Gleichförmigkeit scheinbar spontan auftauchen und für lange alle wissenschaftliche Energie in sich konzentrieren. Mit ihnen erwacht das erstarrte medizinische Leben endlich wieder aus der Latenz zu frisch pulsierender Aktivität.

Das Aufblühen der Medizin fällt auch diesmal wieder mit einem allgemeinen kulturellen Anstieg zusammen, der im Laufe des 11. und namentlich im 12. Jahrhundert deutlich wird, so z. B. auf dem Gebiete der theologischen Dialektik (Anselm von Canterbury, Roscellin, Abälard, Petrus Lombardus, Johannes von Salisbury etc.), der Jurisprudenz (Neubelebung des Studiums des römischen Rechts, Irnerius), der Geschichtschreibung, der Kunst (namentlich Architektur; romanischer Baustil), der Dichtung (Nationalpoesie), der Musik (Guido von Arezzo, Harmonie, Kontrapunkt), nicht zu reden von der reicheren Erschließung der antiken Literatur und der Erweiterung des geistigen Horizonts infolge reger Beziehung zur Welt des Ostens, von der Vertiefung des religiösen Empfindens (Cluniacenser, Cistercienser, Prämonstratenser; Bernhard von Clairvaux), von der Festigung der politischen und sozialen Zustände (Machtstellung des Kaisertums und Papsttums; Feudalsystem), vom Aufschwung des Handels und des wirtschaftlichen Lebens überhaupt — Verhältnisse, die zum Teil als Ursache oder Folge mit den Kreuzzügen in Beziehung zu bringen sind.