Frappierend wirkt es im ersten Augenblick, daß in dieser Fortschrittsepoche gerade die Medizin in ihrem Aufblühen allen übrigen Kulturzweigen vorangeht, schon in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts einen Höhepunkt erreicht, wodurch das so oft bestätigte historische Gesetz durchbrochen zu sein scheint, wonach die Medizin meist im Nachtrab zu finden ist. Tatsächlich liegen hier aber die Dinge ganz anders. Das Emporkommen der Heilkunst im 11. und 12. Jahrhundert ist keine allgemeine, sondern nur eine lokale Erscheinung, es ist nicht der Teilausdruck des herrschenden neuen Zeitcharakters, es gleicht dem verspäteten Aufkeimen einer Pflanze, deren Same lange Zeit hindurch ungenützt ruhte, bis er endlich die zu seiner Entwicklung nötigen Bedingungen erhielt. Darum lag auch der Schauplatz der ersten medizinischen Glanzepoche des Abendlandes nicht inmitten der spezifischen Kulturströmung, sondern eher entrückt von derselben, nämlich in dem, fremden östlichen Einflüssen stark ausgesetzten, Unteritalien.
Der Ruhm, die älteste ärztliche Schule des christlichen Abendlandes in ihren Mauern beherbergt zu haben, kommt der, am Tyrrhenischen Meere, südlich von Neapel, in einer der schönsten und gesündesten Gegenden Unteritaliens gelegenen Stadt Salerno zu. An die Schule von Salerno, die im Mittelalter jahrhundertelang ein Ansehen genoß wie die alexandrinische im Altertum, knüpfen sich zwar keine umwälzenden Fortschritte in der theoretischen Erkenntnis und in den praktischen Leistungen, aber trotzdem besitzt sie als Bindeglied zwischen der antiken und der Medizin des Abendlandes eine ganz immense Bedeutung.
So unerwartet die Schule von Salerno im 11. Jahrhundert am historischen Horizont erscheint — organisatorisch gefestigt und literarisch entfaltet — das von vornherein Unverständliche dieses Phänomens vermindert sich einigermaßen, wenn man erwägt, daß es in Italien während der Epoche des frühen Mittelalters an einer Fortpflanzung medizinischer Kenntnisse in nichtkirchlichen Kreisen, an Vertretern der ärztlichen Kunst aus dem Laienstande, an besoldeten Stadtärzten und somit an den Vorbedingungen für einen Schulverband nicht gänzlich mangelte (vgl. S. 254 u. 255). Im Gebiete der einstigen Magna Graecia, wo byzantinische Einflüsse fortdauernd zur Geltung kamen und daher griechische Sprachkenntnis nicht völlig erlosch[1] und bildungsfreundliche Fürsten longobardischer Herkunft die Erneuerung der Kultur auf antiker Grundlage förderten[2], lagen die Verhältnisse besonders günstig für die Wiederanknüpfung des Fadens spätrömischer Traditionen. Solche mögen es gewesen sein, welche dazu führten, daß sich gerade das, schon im Altertum ob seines heilsamen Klimas gerühmte[3] und von Kranken oft aufgesuchte, Salerno zur Civitas Hippocratica, zu einem Sammelpunkt von Aerzten entwickelte, die sich allmählich zu gemeinsamer Wirksamkeit vereinigten — analog oder gar in Erneuerung einer „schola medicorum” der Römer. Im 10. Jahrhundert erfreuten sich jedenfalls die Aerzte Salernos bereits eines Ansehens, das weit über das Weichbild der Stadt hinausreichte. Wie und wann, ob gänzlich unabhängig oder unter dem Einflusse äußerer Einwirkungen aus dem ärztlichen Kollegium, Collegium Hippocraticum, eine ärztliche Lehranstalt wurde, darüber läßt sich auf Grund der zugänglichen, von Legenden umsponnenen, Quellen nichts Sicheres aussagen, nur das Eine steht fest, daß die Schule von Salerno keineswegs eine kirchliche Stiftung war und durch ihren von Anbeginn an laikalen Charakter inmitten der geistlichen Bildungsanstalten, inmitten der Klerikermedizin, eine ganz isolierte Stellung einnahm.
Salerno, das von einer Reihe antiker Autoren (Strabon, Lucanus, Silius Italicus, Vellejus Paterculus, Plinius) erwähnt wird, genoß schon in der römischen Kaiserzeit den Ruf eines Kurorts (wetteifernd mit Bajae). Während des Mittelalters spielte es eine wichtige Rolle in der politischen Geschichte Unteritaliens und diente den Herzögen von Benevent, später eigenen Fürsten als Residenzstadt.
Der Ursprung der Schule von Salerno ist trotz eingehendster Nachforschungen in Dunkel gehüllt. Von den Vermutungen, die im Laufe der Zeit darüber geäußert wurden, entbehren manche jeder ernsten Grundlage, wie z. B. daß Karl der Große, daß alexandrinische Flüchtlinge oder gar, daß die Araber als Gründer anzusehen seien. Gegen die früher allgemein verbreitete Meinung, daß die Stiftung von den Benediktinern, von Monte Cassino, ausging, sprechen nicht wenige Argumente — abgesehen von der bedeutenden Lokaldistanz zwischen Salerno und dem Stammkloster der Benediktiner und von dem vielsagenden Schweigen der geistlichen Chroniken über eine solche Stiftung — insbesondere der Umstand, daß in Salerno die Vorsteher der Schule verheiratet waren, und daß sogar Frauen zur Lehrtätigkeit zugelassen wurden, was mit einem geistlichen Charakter der Anstalt unvereinbar gewesen wäre. Freilich schloß es die laikale Gründung der Schule nicht im geringsten aus, daß an ihr auch Kleriker dozierten, und wahrscheinlich trugen zum ersten Aufschwung die Benediktiner manches indirekt bei[4]. Die in den Chroniken von Salerno (vgl. Mazza, Urbis Salernitanae histor. et antiquitat., Napoli 1681) niedergelegten Nachrichten, wonach die dortige Schule von vier Aerzten verschiedener Nationalität gegründet worden sei, von denen jeder in seiner Muttersprache vorgetragen habe — Helinus primum Salerni Medicinam Hebraeis de litera Hebraica legit, Magister Pontus graecus de litera graeca Graecis, Adela Saracenus Saracenis de litera Saracenica, Magister Salernus Latinis Medicinam de litera latina legit[5] — sind in den Bereich der Legende zu verweisen, aber sie geben vielleicht einen Fingerzeig in der Richtung, daß sich möglicherweise außer der griechisch-römischen Tradition auch jüdische und arabische Einflüsse, letztere wohl von Sizilien her, in freilich nicht bestimmbarem Ausmaße geltend gemacht haben[6].
Als älteste Aerzte sind urkundlich nachweisbar Josep und Josan, Mitte des 9. Jahrhunderts, sodann Ragenifrid (950) und Grimoald (um 1000). Ueber einen in Salerno gebildeten Arzt, der in Frankreich vor dem Jahre 924 am Hofe Ludwigs des Einfältigen lebte, berichtet Richerus (Histor. II, 59) — was gewiß schon für den Ruf der Schule spricht[7]. Jedenfalls kamen schon seit dem 10. Jahrhundert weltliche und geistliche Fürsten oft aus weiter Ferne, um bei den Medici Salernitani Hilfe zu suchen, so z. B. Adalberon, Bischof von Verdun, im Jahre 984, der Abt von Monte Cassino, Desiderius (später Papst Victor III.), um 1050, Bohemund, der Sohn des Herzogs Guiscard, Robert, der Sohn Wilhelm des Eroberers, die beiden letzteren, um ihre im Kriege erhaltenen Wunden heilen zu lassen. Während der Kreuzzüge suchten heimkehrende kranke Krieger häufig in dem günstig gelegenen Salerno Zuflucht, wodurch die Erfahrung der Aerzte bedeutende Bereicherung empfing. Den hohen Ruhm der Schule bezeugen der Dichter und Arzt, spätere Erzbischof von Salerno, Alphanus (Mitte des 11. Jahrhunderts)[8], der kirchliche Geschichtschreiber Ordericus Vitalis († 1141)[9], ein 1162-1164 am Hofe des Bischofs Reinald zu Köln verfaßtes Carmen Archipoetae de itinere Salernitano[10], der jüdische Reisende Benjamin von Tudela, der Erzbischof und Arzt gekrönter Häupter Romualdus (Chron. p. 172, Civitas medicinae utique artis diu famosa atque praecipua) u. a. Allbekannt ist die Rolle, welche Salerno in dem Gedichte „Der arme Heinrich” von Hartmann von der Aue (um 1200) spielt.
Den medizinischen Unterricht erteilten gleichzeitig mehrere (später 10) Lehrer, an der Spitze des „Collegium Hippocraticum” stand ein Praeses, Praepositus, Prior (d. h. ein Dekan); die Lehrer waren anfangs auf das Honorar angewiesen, welches die Schüler für den Unterricht zahlten, später genossen sie (gleich den Studierenden) Steuerfreiheit, zuweilen auch die Nutznießung von Häusern und Grundstücken. Zu ihren Vorträgen hatten Angehörige jeder Nation und jedes Glaubensbekenntnisses Zutritt. Ende des 11. Jahrhunderts sollen sich unter der gewiß beträchtlichen Zahl oft aus weiter Ferne herbeikommender Studierenden auch viele Juden befunden haben. Als die Stadt Salerno mit ganz Unteritalien (seit 1075) unter die Herrschaft der Normannen kam und späterhin mit dem Königreich Neapel und Sizilien vereinigt wurde (1130), wurde die Schule nicht minder gefördert, ja gerade unter dieser Herrschaft erreichte sie den Gipfel ihres Ruhmes. Bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts erhielt sie sich im blühendsten Zustande. Sprößlinge der vornehmsten Geschlechter Salernos verschmähten es nicht, dem Collegium Hippocraticum anzugehören.
Die reiche, von den Salernitanern ausgegangene, Literatur ist hauptsächlich durch Henschel und Salvatore de Renzi bekannt geworden. Henschel fand 1837 in der Breslauer Bibliothek ein, aus 35 Schriften bestehendes, Sammelwerk — Compendium Salernitanum —, das im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts in Italien geschrieben wurde und meist nur Bearbeitungen oder Auszüge aus salernitanischen Originalarbeiten enthält; Renzi durchforschte die Handschriftenschätze Italiens in Betreff des Vorhandenseins salernitanischer Schriften und veröffentlichte die Ergebnisse seiner verdienstvollen Bemühungen in der, unter Mitwirkung von Henschel, Daremberg und Baudry de Balzac zustande gebrachten, Collectio Salernitana, ossia documenti inediti e trattati di medicina appartenenti alla scuola medica Salernitana (Napoli 1852-59), 5 Vol. In letzter Zeit bereicherte Piero Giacosa unsere Literaturkenntnis wesentlich durch Herausgabe mancher bisher unbekannter salernitanischer Schriften in dem Werke Magistri Salernitani nondum editi etc., Torino 1901.
Die ältesten Literaturdenkmäler der Schule von Salerno, in barbarischem Latein und zu rein didaktischen Zwecken verfaßt, rühren aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts her und beruhen auf jenen Traditionen unverfälscht griechisch-römischen Ursprungs, wie sie sich in den dunklen Jahrhunderten des frühen Mittelalters fortgepflanzt hatten. Sie sind der Hauptsache nach Kompilationen aus spätrömischen Autoren und dem dürftigen lateinischen Uebersetzungsmaterial, welches extraktweise einen Rest der griechisch-byzantinischen Literatur bewahrte. Der Schwerpunkt liegt in der Therapie, welche Spuren von Selbständigkeit nicht vermissen läßt, die medizinische Theorie ist ein Gemenge von Fragmenten der Humoralpathologie und des Methodismus. Unverkennbar ist es mehr die ärztliche Genossenschaft in toto als die Individualität einzelner Verfasser, welche in den Erstlingsschriften der Salernitaner zu Worte gelangt[11].
Als Hauptrepräsentant der salernitanischen Frühepoche ist Gariopontus († um 1050) anzusehen, von dessen (angeblichen) Werken sich insbesondere ein Handbuch der speziellen Pathologie und Therapie, der „Passionarius” als Prototyp für die medizinischen Studien größter Beliebtheit bei Zeitgenossen und späteren Aerzten erfreute. Es ist dies keineswegs ein selbständiges Opus, sondern nur eine geschickte, mosaikartige Zusammenfügung von verschiedenartigen literarischen Bruchstücken, die teils aus spätrömischen Autoren (namentlich Theodorus Priscianus), teils aus alten lateinischen Uebersetzungen (bezw. Bearbeitungen) antiker und byzantinischer Schriftsteller herstammen[12]. Gariopontus kann dabei nicht einmal das Verdienst in Anspruch nehmen, mit seiner Kompilation, abgesehen vielleicht von der Auswahl und Anordnung der Exzerpte, etwas Eigenartiges hervorgebracht zu haben, denn tatsächlich handelte es sich bloß um eine Neuredaktion alter Vorlagen. In das Zeitalter des Gariopontus — vielleicht aber noch weiter zurück — ist auch die Practica des „Petroncellus” zu verlegen, welche mit einer historischen Einleitung anhebt. Von der schriftstellerischen Tätigkeit einiger anderer zeitgenössischer Autoren, des Alphanus, des älteren Joh. Platearius und des älteren Kophon haben wir nur durch Hinweise oder einzelne Fragmente in der späteren Literatur Kenntnis. Wie die Genannten, ja teilweise sogar in noch höherem Grade, erfreute sich die salernitanische Aerztin Trotula (um 1059) eines lang anhaltenden Ansehens als Verfasserin von Schriften über die Pathologie und Therapie, namentlich über die Krankheiten der Frauen und deren Behandlung. Manches, was davon auf uns gekommen ist, mag freilich nur mit Unrecht ihren Namen tragen und weit später entstanden oder mindestens durch Interpolationen sehr verändert worden sein[13].