Es soll gewiß nicht in Abrede gestellt werden, daß die scholastische Epoche die vorausgehenden Entwicklungsstadien der abendländischen Heilkunde durch ihren Ideengehalt, durch den aus der arabischen Literatur zugetragenen Wissensstoff, ganz besonders aber durch die wissenschaftliche Form der Bearbeitung überragte; doch was bedeuten diese Vorzüge gegenüber den Schädigungen einer Methode, welche von der erfahrungsmäßigen Prüfung der Fundamente absah, die Ueberlieferung als Denknotwendigkeit hinstellte, die Dinge durch die Kunst des scharfsinnigen Definierens und Konkludierens zu meistern vortäuschte, die Sinnestätigkeit, die unbefangene Beobachtung unter dem Scheingebäude blendender Dialektik begrub. Statt der ehrlichen Forschung am Krankenbette wurde jene technische Gewandtheit im Distinguieren und Argumentieren, im Kommentieren und Disputieren gezüchtet, die für jede Frage auch schon die Antwort, für jedes neu auftauchende Problem auch schon die Argumente spitzfindiger, aus Aristoteles, Galen, Avicenna etc. geschöpfter Buchweisheit bereit hielt. Die dialektische Bearbeitungsweise, welche im Grunde stets im gleichen Zirkel vorgefaßter, bloß autoritativ gestützter Meinungen umherirrte, konnte am wenigsten einer Wissenschaft frommen, in der es noch so vieles, wenn nicht alles, erst an der Hand der Erfahrung aufzubauen galt. Gerade die Heilkunst mußte ihrem ganzen Wesen nach unter dem Zwange des Scholastizismus mehr leiden als die übrigen realen Fächer, welche entweder dem Kalkül unterworfen waren und teilweise bereits in sicheren Bahnen liefen oder aber durch die relative Einfachheit des Objekts den Beobachtungssinn wenigstens einzelner trotz aller Systembefangenheit anlockten. Während die Mathematik und Geometrie (Leonardo Fibonacci, Jordanus Nemorarius, Robert Grossetête), die Astronomie (Alfonsinische Tafeln, Sphaera materalis des Holywood ═ De Sacrobosco), die Mechanik, die Optik (Peckham, Roger Baco, Witelo), die Chemie bezw. Alchemie, die Mineralogie, Botanik und Zoologie (Albertus Magnus), die Klimatologie und Geographie (Giraldus Cambrensis — Reisebeschreibungen des Plano de Carpini, Rubruquis, Marco Polo), im Zeitalter der Hochscholastik, im Anschluß an die Araber nicht ohne Fortschritte über das Gegebene hinaus blieben, kann von der Medizin dieser Epoche kaum dasselbe behauptet werden, und wenn sie auch mancher über den Durchschnitt hinausragender Männer nicht entbehrte, vermochte sie doch Keinen hervorzubringen, der einem Albertus Magnus als Naturbeobachter, einem Roger Bacon als Experimentalforscher wahrhaft gleichwertig an die Seite zu stellen wäre.
Wiewohl der Gesamteindruck unverwischbar bleibt, daß die Geistesarbeit des 13. Jahrhunderts im wesentlichen darauf abzielte, übernommene aprioristische Konstruktionen auszuspinnen und denkmethodisch zu beweisen, so darf doch nicht übersehen werden, daß auch an der Vermehrung des realen Kenntnisschatzes eifrig gearbeitet worden ist, und zwar mit einem Ergebnis, welches uns wenigstens auf einzelnen Gebieten unter Berücksichtigung der historischen Verhältnisse geradezu Bewunderung abringt. Der Hauptantrieb für solche höchst anerkennenswerte Bestrebungen und Leistungen lag freilich in dem Drange der Scholastik, die übersinnlichen Glaubenssätze mittels des Wissens von den irdischen Dingen vernunftgemäß zu demonstrieren[19], doch unter der sorgsamen, weitausgreifenden Pflege verwandelte sich hie und da das sekundäre Werkzeug in ein Objekt mit Selbstzweck.
Den besten Einblick in die Naturforschung der Scholastiker bezw. in die Summe ihres Wissens von der Natur gewähren die einschlägigen Schriften des Albertus Magnus (1193-1280) und die kolossale Enzyklopädie des Vincentius Bellovacensis, von denen der eine der Aristoteles, der andere der Plinius des 13. Jahrhunderts genannt zu werden verdient. Ihre Werke besitzen auch zur Medizin Beziehungen.
Albert von Bollstädt, genannt Albertus Magnus (wegen seiner universellen Gelehrsamkeit auch Doctor universalis), wurde 1193 zu Lauingen in Schwaben geboren, studierte in Italien (zuletzt in Padua), trat in seinem 30. Lebensjahre in den Orden der Dominikaner ein und wirkte bis ins hohe Alter mit grenzenlosem Fleiße als gefeierter Lehrer (besonders in Paris und Köln) und ungewöhnlich produktiver Schriftsteller, trotz vielfacher Inanspruchnahme durch anderweitige Ordensangelegenheiten und kirchliche Funktionen (1260-1262 Bischof von Regensburg). Er war nicht nur eine Leuchte der Theologie und scholastischen Philosophie, sondern förderte auch in hohem Grade die Naturwissenschaften, denen er schon während der Studienzeit reges Interesse und seltenes Verständnis entgegenbrachte. Bekanntlich knüpfen sich an seine, den Zeitgenossen und Späteren fast unheimlich große Naturkenntnis manche Sagen, welche ihn geradezu als Magier erscheinen lassen. Von den außerordentlich zahlreichen (überwiegend theologisch-philosophischen) Schriften des Albertus Magnus — die Gesamtausgabe von Petr. Jamy (Lyon 1651) besteht aus 21 Foliobänden[20], neueste Ausgabe, Paris 1892 ff. — beziehen sich nicht wenige auf naturwissenschaftliche Gegenstände und Fragen, wobei im wesentlichen die Tendenz durchleuchtet, die Zeitgenossen mit den einschlägigen Lehren des Aristoteles bekannt zu machen, was damals als gleichbedeutend mit der Einführung in die Naturkenntnis selbst betrachtet wurde. „Meine Absicht in Betreff der Naturwissenschaft,” sagt Albert in der Einleitung zur Physik, „liegt darin, nach meinen Kräften der Bitte meiner Ordensgenossen zu willfahren, ihnen ein Buch über die Natur zu verfassen, woraus sie zugleich die Schriften des Aristoteles richtig verstehen könnten.” Dieser Anschluß an den Stagiriten in naturwissenschaftlichen Dingen war nur eine Teilerscheinung der gewaltigen Aufgabe, die sich Albertus gesetzt hatte, nämlich das gesamte Schrifttum des Aristoteles erschöpfend zu erklären, die Scholastik mit dem Ideengehalt der Peripatetik zu erfüllen, und entsprach vollkommen den Bedürfnissen des Zeitalters, das ohne kundigen Führer sich in der Fülle der neuerschlossenen Gedanken und Tatsachen noch nicht zurecht zu finden wußte. Demgemäß verfaßte Albertus — wie schon die gleichlautenden Titel andeuten — eigentlich nur paraphrasierende Abhandlungen über die entsprechenden Schriften des Aristoteles und versuchte, wo solche verloren gegangen waren, das Fehlende im Geiste des Stagiriten selbst zu schreiben. Trotz der sogar äußerlich nicht verleugneten Gefolgschaft in den Grundanschauungen wußte sich Albertus dennoch in oft überraschender Weise eine gewisse Selbständigkeit zu wahren, welche in seinen „Digressiones” zu Tage tritt und zwar nicht allein in Form der Kritik abstrakter Erklärungsversuche (beruhend auf denkender Verarbeitung der sonstigen Literatur), sondern, was mehr gilt, in Form von zahlreichen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen, die Albertus wohl am meisten auf seinen Fußwanderungen durch ganz Deutschland — als Provinzial seines Ordens — gemacht hatte. Diese Selbständigkeit im Sinnesgebrauch — im damaligen Zeitalter des bloßen Bücherwissens eine ganz ungewöhnliche Erscheinung — kam in erster Linie der Zoologie und Botanik (reichhaltige, genaue Angabe über die Tierwelt Mitteleuropas, vortreffliche autoptische Pflanzenbeschreibungen, Anfänge der Pflanzengeographie etc.) zu gute, im minderen Grade auch der Klimatologie (Unterscheidung zwischen solarem und physischem Klima u. a.), Mineralogie, Chemie und Physik[21]. Mag Albertus auch in den Grundauffassungen ein starrer Verfechter der kirchlichen Weltanschauung gewesen sein, mag er auch dem Aberglauben oft zu willig Folge geleistet haben[22], er schied doch weit schärfer als die Vorgänger und meisten Zeitgenossen Metaphysisches von dem, was rationeller Naturerkenntnis zugänglich ist. In einer theologischen Schrift versteigt er sich bemerkenswerterweise zu dem Ausspruch, in Lehren des Glaubens und der Moral sei wohl dem Augustinus eine höhere Autorität als den Philosophen beizumessen, in Fragen der Medizin hingegen sei am meisten dem Galen oder Hippokrates, in Fragen der Naturwissenschaft am meisten dem Aristoteles zu vertrauen, ja an anderen Stellen bezweifelt er sogar überhaupt den Wert der Autorität für die profanen Wissenschaften und verweist sie auf die Erfahrung als einzig ausschlaggebendes Kriterium[23]. Was das Medizinische anlangt, so verdienen die, in zahlreichen Schriften verstreuten anatomischen, physiologischen und psychologischen Ausführungen Interesse. Albertus schrieb auch (hauptsächlich nach Avicenna) über die Heilwirkungen der Pflanzen (de vegetabilibus lib. V) und Steine (de mineralibus), hingegen hat er die praktische Heilkunde unbearbeitet gelassen (von dem Machwerk de secretis mulierum muß abgesehen werden). Trotzdem war sein Einfluß als Herold des Aristoteles auf die naturwissenschaftliche Begründung und Methodik der ärztlichen Bildung ein ungemein großer, diente doch seine Schrift Summa naturalium (Philosophia pauperum) bis ins 16. Jahrhundert als medizinische Propädeutik.
Mit Albertus Magnus erlosch unter den Scholastikern nahezu gänzlich das Streben, das Studium des Aristoteles zum Ausgangspunkt empirischer Naturforschung zu machen; die Probleme der Dogmatik, Metaphysik, Ethik, Politik u. a. beherrschten eben ausschließlich das Terrain. Schon der größte Schüler des Albertus, Thomas von Aquino, ließ die Naturlehre des Stagiriten unkommentiert und begnügte sich, wo die Erörterung naturwissenschaftlicher Fragen erforderlich war, zumeist nur damit, das zu wiederholen, was sein Meister in diesen Dingen schon gelehrt hatte. In seiner Summa totius theologiae finden sich Erörterungen über Fragen aus der Physiologie der Sinnesorgane, der Zeugung und Ernährung, wobei ein extrem animistischer und dynamistischer Standpunkt (qualitates occultae) verfochten wird.
Es waren lediglich Werke enzyklopädischen Charakters ohne höhere spekulative Tendenz, in welchen auch die Naturwissenschaft ihre angemessene Vertretung fand, und zwar in der Weise, daß man fleißig erlesenes Bücherwissen mehr oder minder kritiklos zusammentrug. Für die Verbreitung der Kenntnisse in weiteren Kreisen hatten freilich gerade solche Kompilationen einen nicht gering anzuschlagenden Wert, und ihr Inhalt beweist, welche große Fortschritte seit dem Bekanntwerden und seit der Durcharbeitung der aristotelischen sowie der arabischen Schriften gemacht worden war.
An der Spitze dieser Enzyklopädien[24] steht dem Umfang und der Bedeutung nach das Speculum majus des Dominikaners (Vincentius Bellovacensis) Vincenz von Beauvais († 1264), welcher bei Ludwig IX., dem Heiligen, die Stelle eines „Lektors” bekleidete[25] und mit bewunderungswürdigem Sammlerfleiß das ganze Wissen der damaligen Zeit in wohlgeordneter, leichtverständlicher Darstellung zusammenfaßte[26]. Dieses, aus vielen Hunderten von Autoren kompilierte Kolossalwerk, das bis ins 17. Jahrhundert als Fundgrube der Gelehrsamkeit großes Ansehen genoß (ed. Argent. 1473-1475, Norimb. 1485, Venet. 1493-1495, Duaci 1624, die letzte Ausgabe in 4 starken Foliobänden), zerfällt in drei Hauptteile, Speculum naturale, doctrinale, historiale (das eingeschobene Speculum morale rührt nicht vom Verfasser selbst her), von denen die beiden erstgenannten für Naturwissenschaft bezw. Medizin überraschend reiche Ausbeute liefern. Das Speculum naturale, aus 33 Büchern mit 3740 Kapiteln bestehend, handelt nach einem alten Einteilungsmodus, nämlich nach der Ordnung der sechs Schöpfungstage, von Gott, den Engeln, der gesamten Natur. In den Abschnitten, welche den Menschen betreffen, werden die Seelenkräfte und ihre Funktionen, der Bau des menschlichen Körpers (Buch 29), des weiteren die Zeugung, Schwangerschaft, Geburt, die Ernährung des Kindes, die Komplexionen und Krankheitsanlagen, Mißgeburten u. a. (Buch 32) besprochen, resp. die einschlägigen Exzerpte aus Kirchenvätern, kirchlichen Enzyklopädisten und Philosophen, ferner aus Hippokrates, Aristoteles, Dioskurides, Plinius, Palladius, Isaac, Ali Abbas, Rhazes, Avicenna, Constantinus, Platearius, Maurus, Salernus u. a. mitgeteilt; der Verfasser selbst steht zwar im Verhältnis zu den vielen fremden Autoritäten im Hintergrunde, unterläßt es aber keineswegs ganz, hie und da mit eigenen verständigen Ansichten hervorzutreten. Das Speculum doctrinale, welches übrigens in seinem Inhalte vieles aus dem Speculum naturale in kürzerer Fassung wiederholt, gibt, mit der Pädagogik beginnend, eine Darstellung sämtlicher Wissenszweige und Künste in folgender eigenartiger Anordnung: Grammatik, Logik, Rhetorik, Poetik, Ethik, Oekonomik, Politik, Rechtskunde, mechanische Künste und Handwerke, Medizin, Naturlehre, Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie, Metaphysik, Theologie. Gerade die Medizin, welche zwischen den praktischen Künsten und den theoretischen Wissenschaften wegen ihrer Doppelnatur rangiert[27], ist besonders eingehend im 12., 13. und 14. Buche (insgesamt in 456 Kapiteln) behandelt, und zwar sowohl die Diätetik, allgemeine Heilmittellehre, Physiologie und Pathologie, wie die spezielle Krankheitslehre und Symptomatologie. Zitat reiht sich an Zitat aus Hippokrates, Galen (weit seltener), Isidorus, Johannitius, Alkindi, Isaac, Rhazes, Ali Abbas, Avicenna, Constantinus, Kophon, dem Compendium Salernitanum, Maurus Nicolaus u. a., während der Autor fast nur zu allgemein orientierenden Bemerkungen das Wort ergreift. Weit größere Verbreitung als das voluminöse Werk des Vincenz von Beauvais fand eine viel seichtere, kritiklos zusammengestoppelte naturwissenschaftliche Enzyklopädie, welche einen englischen Franziskanermönch zum Verfasser hat und kurz vor 1260 ans Licht gekommen zu sein scheint, es ist dies die, aus 19 Büchern bestehende Schrift des Bartholomaeus Anglicus (B. de Glanvilla) de proprietatibus rerum (man kennt 33 Inkunabeldrucke, dazu noch 10 spätere Ausgaben, zuletzt Francof. 1619; außerdem alte Uebersetzungen ins Französische, Englische, Holländische, Spanische, zum Teil mit Abbildungen). Der Inhalt ist aus ungefähr 150 Autoren geschöpft, wobei Aristoteles die Hauptrolle spielt. Auf die Medizin bezieht sich teilweise das 3. Buch, das von den Seelenkräften, das 4., das von den Elementarqualitäten und Kardinalsäften handelt, besonders aber das 5. und. 6. Buch, in welchen Anatomie, Physiologie und spezielle Krankheitslehre zur Darstellung kommen. Von medizinischen Autoren sind Hippokrates, Galen, Dioskurides, Johannitius, Isaac, Ali Abbas, Avicenna, Constantinus Platearius, Aegidius Corboliensis, Macer Floridus, Marbod u. a., von den Enzyklopädisten besonders Isidorus, von den naturwissenschaftlichen Schriftstellern besonders Aristoteles und Plinius exzerpiert. Bei der Beurteilung ist immer in Rechnung zu ziehen, daß der Verfasser gar nichts anderes als eine Kompilation im Auge hatte, was er selbst sowohl in der Vorrede, wie im Epilog nachdrücklichst betont, auch darf nicht vergessen werden, daß er mit seiner Arbeit hauptsächlich ein besseres Verständnis der heiligen Schriften in Bezug auf die Realien anbahnen wollte. Derselbe Maßstab ist auch anzulegen, wenn man die, nach fünfzehnjährigen mühevollen Studien zustandegebrachte Kompilation des Dominikaners Thomas (Cantipratanus, de Cantiprato) von Cantimpré (1204-1280), eines berühmten Schülers des Albertus Magnus[28], kritisch untersucht, nämlich das aus 20 Büchern bestehende, vielbenützte Werk die natura rerum (bloß handschriftlich vorhanden), welches fast nur durch die Anordnung des Wissensmaterials eine gewisse Eigenart besitzt. Das 1. Buch, welches die Anatomie nach Aristoteles und Galen enthält[29], und von den übrigen Büchern jene Abschnitte, welche die Heilwirkung mancher tierischer Stoffe und Pflanzen betreffen, sind von medizinischem Interesse.
Anschließend seien hier noch einige andere enzyklopädische Werke des 13. Jahrhunderts aufgezählt. In französischer Sprache Le Livres dou Tresor von Brunetto Latini, dem Lehrer Dantes (ed. P. Chabaille, Paris 1863), in italienischer Sprache La composizione del mondo von Ristoro d'Arezzo (ed. Enrico Narducci, Rom 1859), in deutscher Sprache die wahrscheinlich für deutsche Ritter bestimmte, im Kloster Meinau am Bodensee verfaßte Meinauer Naturlehre (ed. Wackernagel in Bibl. des liter. Vereins, Bd. 22, Stuttgart 1851). Alle diese Werke besitzen recht dürftigen medizinischen Inhalt, am meisten bietet in dieser Hinsicht noch die Meinauer Naturlehre (Aufzählung der vier Temperamente, diätetische Regeln, geschöpft aus den Traditionen der Schule von Salerno oder Montpellier). Eine rein naturwissenschaftlich-medizinische Kompilation rührt aus dieser Zeit von Joh. Vitalis de Furno (du Four) aus Guyenne (später Kardinal) her, die Schrift pro conservanda sanitate ad totius corporis humani morbos selectiorum remediorum liber utilissimus (Mogunt. 1531); darin findet sich eine Abhandlung über die Bereitungsweise und den Nutzen des Weingeistes, der dem Verfasser geradezu als Panazee gilt.
Wenn schon Albertus Magnus ohne wahren Nachfolger auf naturwissenschaftlichem Gebiete blieb, trotzdem er nirgends die Schranken der herrschenden Denkweise durchbrochen und nur die Vereinbarkeit unbefangener Tatsachenbeobachtung mit der Scholastik innerhalb gewisser Grenzen als möglich erwiesen hatte, so kann es nicht befremden, daß der um Jahrhunderte zu früh kommende Ruf nach völliger Loslösung der Naturforschung von dialektischer Uebermacht, nach exakter Begründung auf dem Wege der Beobachtung und Erfahrung, mittels der Mathematik und des Experiments noch keinen Widerhall fand, sondern auf Verständnislosigkeit, ja sogar auf erbittertste Anfeindung stieß. Es war der englische Franziskaner Roger Bacon, der diesen Weckruf erhob, ein Wahrheitsucher und Pfadfinder von umfassendem Wissen und tiefbohrender Erkenntnis, ein Denker von unbeugsamer Gesinnungstreue, der seine eminente Ueberlegenheit über die Epoche mit dem Martyrium eines Lebens büßen mußte, dessen Name aber in den Annalen der geistigen Entwicklung der Menschheit nicht verblassen kann, solange das Licht der freien Wissenschaft erstrahlen wird.
Roger Bacon[30] — wegen seiner erstaunlichen Kenntnisse Doctor mirabilis genannt — wurde als Sprößling einer vornehmen, wohlhabenden Familie im Zeitraum 1210-1215 zu Ilchester (Sommersetshire) geboren und studierte mit ungewöhnlichem, schon von Anbeginn zu den höchsten Erwartungen berechtigendem Eifer zunächst in Oxford, später (seit 1240) in Paris, woselbst er nach allseitiger Ausbildung um 1247 den Doktorgrad erworben haben dürfte. Wiewohl er sich die dialektische Virtuosität in seltener Weise aneignete, fand er doch in den Begriffsspaltereien und Wortkontroversen der Scholastik keine wahre Befriedigung, sondern betrieb, nach gründlicher Erkenntnis der Dinge strebend und angeregt durch bedeutende gleichgesinnte Forscher, neben linguistischen mit Vorliebe mathematisch-astronomische Studien und ganz besonders auch physikalisch-chemische Experimentaluntersuchungen, welch letztere eine große Menge Geldes (2000 Pfund) verschlangen. Ob Roger Bacon in Paris oder erst nach seiner etwa 1250 erfolgten Rückkehr in die Heimat in den Orden der Minoriten eintrat, ist ungewiß, hingegen spricht alles dafür, daß er in Oxford nicht bloß eine äußerst rege Forschertätigkeit vorzugsweise realistischer Richtung entfaltete, sondern auch als öffentlicher Lehrer — freilich in einer von der herkömmlichen abweichenden Weise — gewirkt hat[31]. Leider wurde das fruchtbringende, in damaliger Zeit fast einzig dastehende Wirken des großen Mannes, welcher eine Reform der Wissenschaft und des Bildungswesens anstrebte, nur allzu früh unterbunden. Der Neid und die Mißgunst, welche der anfänglichen Bewunderung auf dem Fuße folgten und infolge gewisser Aeußerungen Rogers über die Ignoranz der scholastischen Größen über die Sittenlosigkeit der Mönche immer mehr anwuchsen, der Argwohn, mit dem man seine unverstandenen wissenschaftlichen Forschungen und überlegenen Kenntnisse als Teufelskünste ansah, verdichteten sich endlich zu schweren Anklagen, die, eine Zeitlang zurückgewiesen, endlich bei den Oberen geneigtes Ohr fanden, seit Bonaventura Ordensgeneral der Franziskaner geworden war. Bacon wurde um 1257 von Oxford ins Pariser Ordenshaus gebracht, wo er sich allerlei Bußen unterwerfen mußte und unter strenger Ueberwachung stand, er war fortan der öffentlichen Lehrtätigkeit entzogen und zum mindesten der vollen Freiheit beraubt, seine Ideen und Entdeckungen niederzuschreiben. Ein letzter Hoffnungsstrahl leuchtete dem zum Stillschweigen verdammten Forscher, als ihm der aus früheren Tagen freundlich gesinnte neuerwählte Papst Clemens IV. im Jahre 1266 im tiefsten Geheimnis die Erlaubnis erteilte, seine Anschauungen und Reformpläne auszuarbeiten und zwecks Rechtfertigung zu unterbreiten. Trotz der bestehenden Hindernisse verfaßte Bacon mit Unterstützung seiner Freunde in 15 Monaten das Hauptwerk Opus majus[32] und ließ dasselbe mit anderen Schriften (darunter de multiplicatione specierum) durch einen in alle Kenntnisse seines Meisters eingeweihten Schüler (Johannes von Paris) dem Papste überbringen. Später gelangten noch die Einleitungs- und Erläuterungsschrift zum Hauptwerke, das Opus minus und das Opus tertium, nach Rom. Clemens IV. starb schon 3 Monate nach dem Eintreffen der Schriften, und der päpstliche Stuhl blieb einige Jahre unbesetzt. In welcher Art das Los Bacons verbessert wurde — was sicherlich anzunehmen ist —, darüber haben wir keine ausreichenden Nachrichten, wohl aber wissen wir, daß seine Feinde mit ihren Anklagen später wieder hervortraten, umsomehr, als eine neue 1271 verfaßte Schrift (Compendium studii philosophiae), in welcher die intellektuelle und ethische Depravation des Klerus und der Mönche schonungslos bloßgelegt war, die Erbitterung bis zum Höhepunkt gesteigert hatte. Im Jahre 1278 verurteilte der Franziskanergeneral Hieronymus von Ascoli als Vorsitzender des zu Paris versammelten Ordensgerichts den Unglückseligen „propter suspectas novitates” zur Kerkerhaft und sprach zugleich das Verbot aus, seine Schriften zu lesen. In dieser harten Gefangenschaft mußte Bacon auch dann noch schmachten, als Hieronymus 1288 unter dem Namen Nikolaus IV. Papst geworden und trotzdem er diesen durch die Widmung einer kleinen Abhandlung über die Kunst, die Beschwerden des Alters zu verhüten, zu versöhnen suchte. Erst nach dem Tode Nikolaus IV. (1292) wurde Bacon auf Verwenden einflußreicher Männer durch den milder denkenden Ordensgeneral Raimund Ganfredi aus 14jähriger Haft befreit — als gebrochener Greis. Aus diesem Jahre ist seine letzte Schrift, Compendium Theologiae, datiert; ob er 1292 oder erst 1294, wie auch angegeben wird, gestorben, ist unentschieden. — Leider hat die Unterdrückung des großen Denkers noch lange über das Grab hinaus den traurigen Erfolg gehabt, daß nur äußerst wenige und eben nicht die wesentlichsten seiner Schriften eine die Gesamtentwicklung beeinflussende Verbreitung fanden, daß sein Andenken bis zum 18. Jahrhundert nur verzerrt, bloß verknüpft mit der Geschichte der Astrologie, Alchemie und der magischen Künste fortdauerte. Nur ein Teil der Schriften Bacons ist bisher durch Druckausgaben zugänglich geworden. Seitdem Jebb die erste Ausgabe des Hauptwerkes (Opus majus de utilitate scientiarum, London 1733; ohne den 7. Teil des Werkes und in sehr geringer Auflage) veranstaltet hatte[33], wurden publiziert: Opera quaedam hactenus inedita, ed. J. S. Brewer, vol. I, London 1859 (Rer. britann. scriptor. vol. 15), enthaltend Opus tertium, Opus minus, Compendium philosophiae, im Anhang de secretis operibus artis et naturae, et de nullitate magiae. The Opus majus, ed. J. H. Bridges, Oxford 1897, 2 voll. (2. ed. ibid. 1900, 3 voll.). Opera hactenus inedita, ed. R. Steele, Fasc. I de viciis contractis in studio theologiae, London.