[22] So sagt schon Scribonius Largus: „Gar manche Aerzte sind nicht bloß unbekannt mit den alten Schriftstellern, sondern sie wagen es sogar, ihnen Falsches in den Mund zu legen. ... Jeder hat vor allem das im Auge, was ihm ohne Arbeit zufallen kann und dennoch Ansehen und Gewinn in Aussicht stellt. Somit betreibt ein jeder die Heilkunde nach seinem Belieben.” Ueber den mehr oder minder berechtigten Tadel Galens vgl. Bd. I, S. 358. Um die niedrige Habsucht seiner Kollegen in Rom zu geißeln, bricht der Pergamener in die bitteren Worte aus: „Zwischen Räubern und Aerzten ist kein anderer Unterschied, als daß jene im Gebirge, diese in Rom ihre Missetaten begehen.”
[23] Dioskurides führt, ohne die Verantwortung dafür zu übernehmen, manche abergläubische Mittel bloß den Lesern zuliebe an. Galen tritt im allgemeinen dem Gebrauch von abergläubischen Mitteln entgegen (vgl. Bd. I, S. 397).
[24] Der wahrscheinlich dem 2. Jahrhundert n. Chr. angehörende Ailios Promotos schrieb (noch handschriftlich erhaltene) Werke über sympathetische Heilmittel. Vollkommen frei vom Mystizismus waren aber nur die Hauptvertreter der methodischen Schule.
[25] Als solche fungierten namentlich Aegypter und Juden. Neben der ägyptischen Magie steht nämlich die jüdische in der hellenistisch-römischen Zeit gleichberechtigt da, wie sich aus den erhaltenen (ägyptischen) Zauberformeln (Vorkommen der Namen Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Engel, Salomos u. a.) ergibt. Die medizinische Magie der Juden leitete sich von Salomo ab; von der Tätigkeit jüdischer Exorzisten überliefert Josephus Flavius (Antiq. VIII, 2, 5) folgendes Beispiel: „Diese Heilkunst (Beschwörung) gilt auch jetzt noch viel bei uns. Ich habe z. B. gesehen, wie einer der unseren, Eleazar mit Namen, in Gegenwart des Vespasianus, seiner Söhne, der Obersten und der übrigen Krieger die von bösen Geistern Besessenen davon befreite. Die Heilung geschah in folgender Weise. Er hielt unter die Nase des Besessenen einen Ring, in dem eine von den Wurzeln eingeschlossen war, welche Salomon angegeben hatte, ließ den Kranken daran riechen und zog so den bösen Geist durch die Nase heraus. Der Besessene fiel sogleich zusammen, und Eleazar beschwor dann den Geist, indem er den Namen Salomons und die von ihm verfaßten Sprüche hersagte, nie mehr in den Menschen zurückzukehren. Um aber den Anwesenden zu beweisen, daß er wirklich solche Gewalt besitze, stellte Eleazar nicht weit davon einen mit Wasser gefüllten Becher auf und befahl dem bösen Geiste, beim Ausfahren aus dem Menschen diesen umzustoßen und so die Zuschauer davon zu überzeugen, daß er den Menschen verlassen habe. Das geschah auch in der Tat.”
[26] Am berühmtesten waren die Ἐφέσια γράμματα: Aski, Kataski, Aix, Tetrax, Damnameneus, Aision. Es gab auch „Milesische” Zauberworte.
[27] Bemerkenswert ist es, daß heidnische Exorzisten schon sehr früh die Namen der jüdischen Patriarchen, Salomos oder sogar Jesu in ihre Zauberformeln aufnahmen.
[28] Der Voltaire des Altertums, Lukian, geißelt in seinen satirischen Dialogen den törichten Wunderglauben des 2. Jahrhunderts. Der „Lügenfreund” ist deshalb für uns von Interesse, weil darin namentlich der medizinische Wunderglaube hervortritt und gezeigt wird, wie blind demselben sogar Männer, die sich Philosophen nannten, ergeben waren. Wir hören da von abenteuerlichen Sympathiemitteln, Zauberliedern, Amuletten, Bannsprüchen, von einem Chaldäer, der Schlangenbisse durch Beschwörung heilte, von einem Hyperboräer, der Tote erwecken konnte, von den Wundertaten eines Exorzisten aus Palästina, von Zauberringen, von wunderkräftigen Bildsäulen (Gnadenbildern), denen zum Dank für gespendete Heilung silberne Münzen oder Plättchen (mittels Wachs) aufgeklebt wurden etc.
[29] In Rom wurde besonders Minerva Memor. und die Bona Dea als Heilgottheit verehrt, in Ephesos Diana, in Antiochia die „Matrone”, in Seleukia Apollon-Sarpedon, in Nordafrika die „himmlische Göttin” von Karthago; als Krankenheiler galten auch die Dioskuren, der Gott Men in Kleinasien u. s. w. Zu den heilspendenden Heroen zählten Toxaris und Aristomachos (Athen), Theagenes (Thasos), der Heros Neryllinos (Alexandria Troas) u. a.; ihre Grabsteine, ihre Statuen taten an den Gläubigen Wunder.
[30] So z. B. der Neupythagoräer Apollonios von Tyana, welcher Blinde und Lahme heilte, Tote erweckte. Auch Vespasian rangiert, wie es scheint, sehr wider Willen unter den Wundertätern. Serapis hatte einem Blinden und einem Lahmen im Tempelschlaf verheißen, daß sie der Kaiser während seines Aufenthalts in Alexandria auf wunderbare Weise heilen werde, und dies traf auch ein. Vespasian machte den Blinden sehend, indem er ihm in die Augen spuckte; der Lahme wurde von seinem Uebel befreit, nachdem der Kaiser das gelähmte Glied mit seiner Ferse berührt hatte.
[31] Um die Mitte des 2. Jahrhunderts gab es 43 Serapistempel im Reiche, ganz besonders zahlreich waren die Heiligtümer des Asklepios.