Die „Medicina Plinii” ist der Hauptsache nach eine Rezeptsammlung, welche ein Unbekannter (gewöhnlich als Plinius secundus oder Plinius Valerianus, am besten aber als Pseudo-Plinius bezeichnet) im Beginne des 4. Jahrhunderts komponierte, um, wie er in der Vorrede sagt, vor dem Schwindel und der Gewinnsucht der Aerzte, namentlich auf Reisen, zu schützen. Frequenter mihi in peregrationibus accidit, ut aut propter meam aut propter meorum infirmitatem varias fraudes medicorum experiscerer, quibusdam vilissima remedia ingentibus pretiis vendentibus, aliis ea quae curare nesciebant cupiditatis causa suscipientibus. quosdam vero comperi hoc genere grassari ut languores, qui paucissimis diebus vel etiam horis possent repelli, in longum tempus extraherent, ut et aegros suos diu in reditu haberent saevioresque ipsis morbis existerent. quapropter necessarium mihi visum est ut undique valitudinis auxilia contraherem et velut breviario colligerem, ut quocumque venissem possem ejusmodi insidias vitare et hac fiducia ex hoc tempore iter ingredi ut sciam, si quis mihi languor inciderit, non facturos illos ex me reditum nec taxaturos occasionem. Nach einer kurzen Anleitung über die zur Bereitung der Medikamente notwendigsten Grundbestandteile, sowie über die Medizinalgewichte folgen zunächst die Mittel gegen die Krankheiten der einzelnen Teile a capite ad calcem (Kopfschmerz bis Podagra), darauf die Therapie der Wunden, Geschwüre, Geschwülste, der Fieber, Nerven-, Geisteskrankheiten, Hautkrankheiten, Vergiftungen. Frauen- und Kinderkrankheiten sind übergangen. Außer der selbstbewußten Vorrede, einigen wenigen Arzneikompositionen und abergläubischen Formeln (in einer derselben kommt Solomon vor) bietet der Verfasser zumeist nur Auszüge aus der Historia naturalis des Plinius (dabei versucht er in plumper Weise seine Arbeit als eine von Plinius selbst herrührende auszugeben). Die „Medicina Pliniana” fand später weitere Ueberarbeitung und zu dem aus drei Büchern bestehenden Grundstocke traten bedeutende Zusätze hinzu, darunter der Auszug aus Gargilius Martialis medicinae ex oleribus et pomis (Ed. Val. Rose, Plinii secundi quae fertur una cum Gargilii Martialis medicina, Lips. 1875).
Das Buch des Sextus Placitus Papyrensis (auch „Sextus Philosophus Platonicus”) handelt ausschließlich über animalische Mittel[8] in 34 Kapiteln (de cervo, lepore, vulpe, capra silvatica, apro, urso et ursa, lupo, leone, tauro, elephante, cane, asino et asina, mula vel burdone, equo, ariete, capro et capra, puello et puella virgine, catta seu fele, glire, mustela, muribus, talpa, aquila, vulture, accipitre, grure, perdice, corvo, pavone, gallo, gallina, ansere, columba, hirundine). Vom Menschen kommen Urin, Fäces, Haare, Zähne zur Verwendung. Der außerordentlich leichtgläubige Verfasser will einige der von ihm empfohlenen Mittel selbst mit Erfolg angewendet haben (Ed. J. Chr. G. Ackermann in Parabilium medicorum scriptores antiqui I, Norimberg et Altdorf 1788). Für die lang dauernde Beliebtheit der Schrift spricht es unter anderem, daß im 16. und 17. Jahrhundert (von G. Heinisch von Bartfeld, Basel 1582 und Theod. Mayer, Magdeburg 1612) deutsche Uebersetzungen angefertigt wurden.
Das Gegenstück zum Liber de medicina ex animalibus des Sextus Placitus Papyrensis bildet der „Herbarius” (auch „de medicaminibus herbarum” oder „Herbarum vires et curationes” betitelt) des „Lucius Apulejus” („Apulejus Barbarus”, „Apulejus Platonicus”). Der vermutlich pseudonyme Autor ist mit dem berühmten Verfasser des goldenen Esels, Lucius Apulejus aus Madaura, nicht zu verwechseln. Das Kräuterbuch ist aus Plinius und Dioskurides zusammengestoppelt und entlehnt sogar seine gegen die Aerzte gerichtete Vorrede dem Pseudo-Plinius (siehe oben); in 128 Kapiteln werden 128 Arzneipflanzen (Synonyma aus Dioskurides) und ihre Wirkung bei Krankheiten beschrieben, außerdem enthält das Buch magische Formeln (ed. J. Chr. G. Ackermann, in Parabil. medicor. script. I, Norimberg et Altdorf 1788). Wie die große Zahl der Handschriften beweist, war der Herbarius bei den Mönchen im Mittelalter sehr geschätzt, unterlag aber mancherlei Veränderungen (Christianisierung der Zauberformeln); gewöhnlich ist auch das, fälschlich dem Antonius Musa zugeschriebene, Büchlein de herba betonica (vgl. Bd. I, S. 323) angeschlossen.
Aus dem Beginn des 5. Jahrhunderts stammt das Rezeptbuch des Marcellus Empiricus, — ein Mixtum compositum aus allen möglichen Autoren und teilweise aus der Volksmedizin direkt geschöpft, ein Kompendium des absurdesten Aberglaubens — welches sich in der Folgezeit großer Beliebtheit erfreute.
Der christliche Autor Marcellus Empiricus (nach seiner Vaterstadt Bordeaux auch Burdigalensis genannt), unter Theodosius I. (379-395) Magister officiorum (═ Minister des Innern), kompilierte mit regstem Sammeleifer, nicht vor 408, zunächst für den Gebrauch seiner Söhne, das umfangreiche Arzneibuch de medicamentis (ed. G. Helmreich, Lips. 1889), eine Schrift, die dem Aberglauben des Zeitalters den prägnantesten Ausdruck verleiht. Menschenliebe, welche armen Kranken im Notfalle zu Hilfe kommen wollte, leitete den vornehmen Autor[9] bei der Abfassung und vorteilhaft unterscheidet er sich darin von den geistesverwandten Kompilatoren, daß er nicht, wie diese, in Schmähungen gegen die Aerzte ausbricht, sondern ausdrücklich anrät, bei der Bereitung der Heilmittel ärztlichen Rat einzuholen. Moneo sane, si qua fuerint paranda medicamina, ne absque medico aut incuriosius componantur aut indiligenter habeantur. Die wichtigste Vorlage für Marcellus bilden Scribonius Largus und Pseudo-Plinius, mit denen zahlreiche Uebereinstimmungen nachzuweisen sind; er selbst nennt in der Vorrede als Quellen noch außerdem Plinius, Apulejus, Celsus, Apollinaris und seine Landsleute, die Gallier: Siburius, Eutropius und Ausonius (den Vater des bekannten Dichters). Außerdem aber — und gerade dies verleiht dem Werke die charakteristische Färbung — schöpfte er direkt aus der Volksmedizin: sed etiam ab agrestibus et plebeis remedia fortuita et simplicia, quae experimentis probaverant didici. So bieten denn die 36 Kapitel, in denen die Behandlung der mannigfachsten Leiden a capite ad calcem in ermüdender Breite besprochen werden (mit Ausschluß der Chirurgie), geradezu eine unübersehbare Fülle von einfachen (auch animalischen), zusammengesetzten und namentlich magischen Mitteln (Zauberformeln, Amulette, Sympathiemittel), wozu sich noch die mystischen Gebräuche beim Einsammeln der Arzneistoffe, beim Zubereiten und Einnehmen der Medikamente (Tagwählerei etc.) gesellen. Vom Standpunkte der medizinischen Wissenschaft höchst betrübend, für den Kulturhistoriker aber höchst belehrend, ist es zu sehen, wie altorientalische, griechisch-römische und westeuropäische Elemente sich zu einem Strom des wahnwitzigsten Aberglaubens vereinigen; manches Streiflicht fällt dabei auf das Alter und die Herkunft unserer heutigen volksmedizinischen Gebräuche. Wir müssen auf die Quelle selbst verweisen und beschränken uns hier darauf, bloß hinzudeuten, daß heidnischer und christlich-jüdischer Aberglauben bereits innig vermengt sind. So gilt der Kreuzdorn als bewährtes Wundermittel, weil Christus mit diesen Dornen gekrönt worden; beim Sammeln einer bestimmten Pflanze soll eine Formel hergesagt werden, in welcher der Name Christi vorkommt (Terram teneo, herbam lego, in nomine Christi, prosit ad quod te colligo); die Aufschrift eines Amuletts enthält eine Beschwörung in nomine dei Jacob, in nomine dei Sabaoth. Wie weit der Sammeleifer des Marcellus ging, beweist unter anderem, daß er unter seinen Mitteln gegen Milzkrankheiten eines erwähnt, welches der jüdische Patriarch Gamaliel „kürzlich empfohlen hat”. Durch die große Anzahl von Pflanzennamen — unter diesen manche keltische — besitzt die Schrift bedeutenden Wert für die Geschichte der Botanik und für die Sprachwissenschaft. Wahrscheinlich gehört dem Marcellus Empiricus auch ein aus 78 Hexametern bestehendes Gedicht an, welches eine Menge einfacher Arzneien (darunter kostbare und fremde Gewürze) aufzählt und gleichsam das Inhaltsverzeichnis eines größeren Werkes darstellt; es schließt mit den Versen:
Nec tibi sit medicis opus umquam nec tibi casus
Aut morbus pariant ullum quandoque dolorem,
Sed procul a curis et sano corpore vivas,
Quotque hic sunt versus, tot agant tua tempora Janos.
Eine folgenreiche Eigentümlichkeit der spätlateinischen ärztlichen Literatur besteht darin, daß sie neben den humoralpathologischen auch die Grundsätze der methodischen Schule, insbesondere auf therapeutischem Gebiete, zur Geltung bringt. Von einer Alleinherrschaft der Humoralpathologie oder gar Galens, der im Gegensatz zu Hippokrates geradezu auffällig ignoriert wird, kann wenigstens, soweit die abendländische Medizin in Betracht kommt, noch lange nicht die Rede sein! Wie sehr sich namentlich der „methodicorum princeps”, der große Soranos, im Ansehen bei den Aerzten behauptete, beweist die Tatsache, daß man es als Bedürfnis empfand, seine Lehrmeinungen in lateinischer Sprache allgemeiner zugänglich zu machen. Dies geschah durch einen Autor, welcher aus linguistischen Gründen — andere Anhaltspunkte fehlen vollkommen — ins 5. Jahrhundert versetzt wird, durch Caelius Aurelianus aus Sicca Veneria in Numidien[10].