Caelius Aurelianus hat eine reiche schriftstellerische Tätigkeit entfaltet, welche alle Zweige der Heilkunde umschloß und den gesamten theoretisch-praktischen Inhalt des methodischen Systems, nach didaktischen Zwecken abgerundet, zur Darstellung brachte. Was wir von der Schule der Methodiker wissen, verdanken wir ihm zum größten Teile. Aber diese literarhistorische Bedeutung wird noch von der eminenten Wichtigkeit überstrahlt, welche dem Caelius Aurelianus im Entwicklungsgange der Medizin zuzuerkennen ist. Bildeten doch im Abendlande, als die Nacht der Barbarei hereinbrach, gerade seine Schriften oder deren Auszüge eine Leuchte der rationellen Heilkunst, den Schutzdamm gegen überflutenden Aberglauben, um erst späterhin von der Präponderanz des Galenismus abgelöst zu werden. Dem Verdienste, den Methodismus zur rechten Zeit im Gewande der lateinischen Sprache für kommende Geschlechter gerettet zu haben, ward infolge besonderer Umstände ein ganz ungewöhnlicher Lohn. Der Ruhm, welchen die Nachwelt sonst nur den Leistungen originären Schaffens spendet, ergießt seinen Glanz über die Produktionen eines Autors, der im wesentlichen bloß mehr oder minder freie, manchmal mit eigenen Zusätzen versehene Uebertragungen der Werke Sorans geliefert hat[11].
Das Hauptwerk des Caelius Aurelianus de morbis acutis et chronicis (ed. Amman, Amstel. 1709 u. ö., Venet. 1757) besteht aus: Celerum vel acutarum passionum libri III (an den des Griechischen wenig kundigen Bellicus gerichtet) und Morborum chronicorum libri V. Das Werk beruht jedenfalls der Hauptsache nach auf der verlorenen Schrift des Soranos περὶ ὀξέων καὶ χρονίων παθῶν (vgl. auch zu dem folgenden Bd. I, S. 343). Außerdem verfaßte er (auf Grund der entsprechenden soranischen Schriften): de specialibus adjutoriis (Heilweisen), de muliebribus[12], de febribus, de coenotetis (Kommunitätenlehre), libri problematici, welche sämtlich verloren gegangen sind, ferner medicinalium interrogationum ac responsionum libri (an den des Griechischen mächtigen Lucretius gerichtet), in denen in Fragen und Antworten Diätetik, Aetiologie, innere Medizin, Arzneimittel und Heilmethoden, Chirurgie und Gynäkologie vorgeführt wurden; von diesem letzteren Werke sind noch zwei Fragmente vorhanden (ed. Val. Rose in Anecdot. graeca et graecolatina II, Berlin 1870). Das erste derselben, de salutaribus praeceptis (entsprechend einer hygienischen Schrift des Soranos), handelt von der Gesundheit und ihren Kennzeichen, dem Schlafe, Leibesübungen, Friktionen, Bädern, vom Wasser als Getränk, von den Speisen, vom Weine u. s. w., vom Beischlaf, vom Reisen, über das Verhalten bei Erkrankungen im allgemeinen, über Ergötzlichkeiten nach der Mahlzeit, über absichtliches Erbrechen nach Tisch. Das zweite Fragment, de significatione diaeticarum passionum (Kennzeichen der inneren, nicht chirurgischen Krankheiten), beginnt mit einer Klassifikation der Krankheiten (akute, chronische, fieberhafte, fieberlose), und einer Erörterung des Fiebers, worauf sodann ein katechismusartiger Auszug aus dem Werke über die akuten und chronischen Krankheiten folgt. Um einen Einblick in die Darstellungsform zu geben, setzen wir hier den Anfang des zweiten Fragmentes her: In quot vel quas dividis partes officia curationis diaeticarum passionum? in quattuor generales, celerum, tardarum, cum febribus et sine febribus. — Quae sunt speciales passiones, quae sine febribus esse non possunt? phrenesis, lethargia, pleuresis, peripleumonia. — Quae sunt que cum febribus esse non possunt? synanche, apoplexia, spasmos, ileos, satyriasis, cholera, diarrhoea. — Qua ratione celerum passionum curationem praeponis? quoniam frequentes atque urgentiores sunt et earum plurimae et tardae fiunt, quarum superpositis similem celerum exigit curationem[13].
Das Hauptwerk des Caelius Aurelianus, De morbis acutis et chronicis, stellt ein Kompendium der Medizin dar, welches mehr als alle anderen antiken Schriften den modernen Ansprüchen schon hinsichtlich der ganzen Anlage entspricht. Nach einer erschöpfenden Nominal- und Realdefinition wird von jeder Affektion (Ordnung des Stoffes nach dem Einteilungsprinzip a capite ad calcem) die Aetiologie, Symptomatologie, Pathologie (manchmal anatomische Angaben), Diagnostik und Therapie mit Benutzung der ganzen vorausgegangenen Literatur (von Hippokrates bis Soranos) in klarer, prägnanter Fassung vorgeführt. Groß ist die Zahl ausgezeichneter Beobachtungen, mit einer Schärfe und Klarheit, wie bei keinem anderen Autor, wird die Differentialdiagnose entwickelt — wobei die physikalischen Untersuchungsmethoden Berücksichtigung finden — ein bewundernswerter Weitblick tritt in den therapeutischen Anordnungen zu Tage, welche alles Gewaltsame (z. B. Aderlaß bis zur Ohnmacht, manche Operationen), alles Abergläubische (Amulette, Beschwörung) konsequent ausschließen und insbesondere bei den chronischen Leiden die mechanischen und diätetisch-hygienischen Heilmethoden (Gymnastik, Massage, Uebungstherapie in den verschiedensten Formen, Stoffwechselkuren, Luftwechsel, Heilbäder, Trinkkuren, Duschen, Sonnenbäder, Sandbäder, Dampfapplikationen etc.) in weitestem Ausmaß heranziehen. Nicht alle Abschnitte sind gleich reichhaltig (besonders anerkennenswert sind z. B. die neurologischen und psychiatrischen), aber überall sind auch die abweichenden oder gegnerischen Meinungen mitgeteilt, und nirgends überschreitet die Polemik die Grenzen des Anstands (im Gegensatz zu Galen) — alles Vorzüge, welche im letzten Grunde auf den Meister der methodischen Schule, auf Soranos, zurückzuführen sind, der dem Caelius Aurelianus den Höhepunkt aller Medizin bedeutete.
Inhaltsübersicht: De morbis acutis Lib. I: Phrenitis, Lib. II: Lethargus, Katalepsie, Pleuritis, Pneumonie, Morbus cardiacus, Lib. III: Synanche, Apoplexie, Tetanus, Hydrophobie, Satyriasis, Cholera, Diarrhöe. De morbis chronicis Lib. I: Cephalaea, Schwindel, Alpdrücken, Epilepsie, Manie, Melancholie, Lib. II: Paralysen, Spasmus cynicus, Ohrenschmerz und Ohrenfluß, Zahnschmerz, Katalepsie, Störungen der Stimme, Katarrh, Husten, Blutungen, Phthise, Lib. III: Asthma, „Passio stomachica”, Bulimie, Leber- und Milzleiden, Ikterus, Kachexie, Atrophie, Hydrops, Lib. IV: Lepra, Phthiriasis, Bauchfluß (habitueller Durchfall), Anschwellungen des Unterleibes, Dysenterie, Kolik, Würmer, Folgezustände sexueller Perversitäten, Lib. V: „Ischias”, Arthritis, Podagra, Nieren- und Blasenleiden, Pollutionen, Hämaturie, „Empyem”, Fettsucht.
Krankheiten des Respirations- und Digestionsapparates: Die „Synanche” (vgl. Bd. I, S. 386), welche von den Autoren in mehrere Unterarten (Kynanche oder Lykanche, Parakynanche, Parasynanche) eingeteilt wurde, definiert Caelius Aurelianus mit Außerachtlassung derselben als difficultas transvorandi atque praefocatio acuta ob vehementiam tumoris faucium, sive in locis quibus nutrimenta transvoramus (De acut. III, 1). Bei der kritischen Darstellung der verschiedenen therapeutischen Vorschläge findet die von Asklepiades empfohlene (Tracheotomie) Laryngotomie (vgl. Bd. I, S. 299) scharfe Zurückweisung: Dehinc a veteribus probatam approbat arteriae (asperae) divisuram, ob respirationem faciendam, quam laryngotomiam vocant, varie ac multipliciter peccans.... Est etiam fabulosa arteriae ob respirationem divisura, quam laryngotomiam vocant, et quae a nullo sit antiquorum tradita, sed caduca atque temeraria Asclepiadis inventione affirmata: cui, nunc occurrentes, latius respondere videamur, aut tantum scelus angusta oratione ne damnemus, libris quos de adjutoriis sumus scripturi, respondebimus (l. c. III, 4). Häufiger als Frauen würden Männer (und zwar besonders Jünglinge oder im mittleren Lebensalter stehende) von dem Leiden ergriffen. Husten kommt gewöhnlich als Symptom verschiedener Grundkrankheiten, aber auch für sich allein vor, bei der Behandlung spielt das Einatmen warmer Wasserdämpfe die Hauptrolle. Zur Behebung der Stimmlosigkeit (vocis amputatio) empfiehlt es sich, Schwämme, welche mit kaltem Wasser getränkt worden sind, um den Hals zu legen oder (in schwereren Fällen) den Aderlaß vorzunehmen. Die Therapie des Katarrhs, namentlich aber der Hämoptoe ist sehr eingehend nach den Prinzipien der methodischen Schule angegeben, bei der letzteren kommen unter anderem die Lagerung des Patienten, Abhaltung psychischer Reize (z. B. Anblick blutähnlicher Farben), vollkommene Ruhe (prohibendi denique aegrotantes ab officio locutionis, ut si quid voluerint, usi nutibus, vel scriptura dari significent, De morb. chron. II, 13), diätetische Maßnahmen, äußere und innere Adstringentien, Binden der Glieder in Betracht, hinsichtlich der Venäsektion führt Caelius Aurelianus die divergierenden Ansichten der Alten vor. Zwecks Unterscheidung der Hämoptoe von anderen Hämorrhagien (l. c. II, 11) werden differentialdiagnostische Momente angegeben (z. B. heißt es von der Hämatemesis: sine ulla tussicula vomitus sanguinis sequitur, nigri atque gelati et nunc solius, nunc cum admixtione cibi, attestante dolere inter utrasque scapulas ad superiora tendente et magis eo tempore, quo quaedam remordentia transvoraverint aegrotantes). Die Phthise entwickle sich aus verschiedenen Anfängen (namentlich Lungenblutung, anhaltendem Hüsteln) zu einem charakteristischen Krankheitsbilde. Aus der meisterhaften Beschreibung desselben ergibt sich, daß man bei der Untersuchung auf die Qualität des Sputums und das Atmungsgeräusch sorgfältig achtete. Sequitur autem aegrotantes febricula latens et saepe quae initium declinante accipiat die atque veniente luce levigetur, attestante tussicula plurima initio noctis, atque fine, cum sputis saniosis ac parvulis primo, in iis qui non ante sanguinis fluore vexantur: quae quidem admixta saliva latere, secundo autem etiam plurima ferri videantur. Iis vero, qui ex fluore sanguinis in istam veniunt passionem, primo sanguinolenta sputa efficiuntur, hoc est cruenta, quae graeci αἱμάλοπα vocaverunt: tum feculenta: dehinc livida vel prasina: et in ultimo alba atque purulenta, dulcia vel salsa, cum voce rauca aut acuta et difficultate inspirationis atque genarum rubore et caeteri corporis cinereo colore: item sequitur oculos exoletus aspectus et corporis tenuitas, quae nudatis, membris proditur magis, quam ex aspectu vultus. Quosdam etiam sibilatio vel stridor thoracis sequitur et crescente passione, sudor superiorum partium usque ad pectoris finem, cibi fastidium et maior appetitus sitis et quibusdam gravedo vulnerati pulmonis, ut etiam ejus exspuant fibras, quibusdam punctio, ulcerato thorace: pulsus debilis, densus ac deinde formicalis, quam graeci μυρμηκίζοντα vocant: Digitorum summitates crassescunt obuncatis unguibus, quod graeci γρύπωσιν vocant. Sequitur praeterea inflatio pedum et nunc frigus, nunc fervor articulorum: nasi summitas pallescit atque aurium laminae frigescunt. Tunc pejorante passione ventris efficitur fluor albidarum egestionum et indigestarum, debilitatis naturalibus digestionis officiis. Discernunt praeterea plurimi purulentum liquorem, phlegmata carbonibus imponentes, quo exusta probentur. Nam tetri odoris esse necesse est omne quod natura fuerit mutatum, velut ex defluxione carnis veniens. Item in aquam mittunt aegrotantium sputamina. Etenim naturalia facile solvuntur, vitiata vero atque mutata, perseverant quadam tenacitate coactae et subsidunt: siquidem sint gravia et contra naturam ex defluxione carnis venientia (De morb. chron. II, 14). Die Therapie der Phthise ist nach den Grundsätzen der Methodiker geschildert, es nehmen daher neben Medikamenten, Bädern, Waschungen die zyklischen Diätkuren eine wichtige Stelle ein. Der Seefahrten, der Stimmübungen etc. wird ebenfalls gedacht. Von der Phthise unterscheidet Caelius Aurelianus die „Atrophie” der Lunge (ohne Husten) und das Empyem. In dem Abschnitt über die Pleuritis werden die divergierenden Ansichten der Vorgänger zurückgewiesen, hingegen die Richtigkeit der Definition verteidigt, welche Soranos von dem Leiden gab (Schmerz der Seite, welcher mit Fieber und Husten verbunden ist): Est igitur secundum Soranum pleuritis dolor vehemens interiorum lateris partium, cum febribus acutis et tussicula, qua variae qualitatis liquor excluditur (De morb. acut. II, 13). Vgl. hierzu Galenos (Bd. I, S. 387). Die Krankheit tritt vorwiegend im Winter auf und befällt häufiger Männer und Greise als Frauen und Jünglinge. Hauptsymptome sind das Fieber, der nach oben ausstrahlende Schmerz, die Dyspnoe, der zuweilen trockene, in anderen Fällen mit (schaumigem, blutigem, eitrigem) Auswurf verbundene Husten, die Zunge ist rauh, die Kranken leiden an Schlaflosigkeit und können nur auf der kranken Seite liegen. Bei Verschlechterung des Leidens steigern sich die erwähnten Symptome, auch können Gelenksaffektionen, Diarrhöen, Delirien u. a. hinzukommen, der Puls ist rasch, gespannt, sägend; im einzelnen gibt es große Verschiedenheiten des Verlaufs. Der auskultatorischen Phänomene gedenkt Caelius Aurelianus, indem er unter den Symptomen anführt: Gutturis stridor vel sonitus interius resonans aut sibilans in ea parte, quae patitur (l. c. cap. 14). Prognostisch besonders ungünstige Zeichen sind: Unregelmäßiger oder aussetzender Puls, außerordentlich beschleunigte und erschwerte Respiration. In der sehr sorgfältig geregelten Therapie spielt auch die Venäsektion eine wichtige Rolle, wobei aber ausdrücklich vorgeschrieben wird, den Aderlaß auf der gesunden Seite vorzunehmen (Ita adhibenda phlebotomia, sed ex alio brachio, quod fuerit dolenti lateri contrarium, l. c. cap. 18). Symptome der Pneumonie (Peripneumonia) sind Fieber, beschleunigte und erschwerte Respiration, Gefühl von Schmerz in der Brust, Husten, wechselnder Auswurf (sputa sanguinolenta atque fellea vel fumosa et in comparatione pleuriticorum fulviora vel spumosiora, l. c. cap. 27), Lufthunger, Durst, rauhe, anfangs weißliche, später rote Zunge, glänzende Augen, frequenter und rascher Puls. Unter den Zeichen, welche bei Zunahme der Krankheit zur Beobachtung gelangen, werden Ausdehnung des Thorax, Schweißausbruch, der pulsus latens aut formicabilis und gewisse auskultatorische Phänomene hervorgehoben (De morb. acut. II, cap. 27): „sibilatus vehemens atque asper”, in ultimo etiam pectoris resonans stridor.
Ein wichtiges diagnostisches Zeichen des Empyems[14] ist die Succussio Hippocratis, welche mit folgenden Worten erwähnt wird (De chron. V, cap. 10): saepe commotu corporis quasi sonus auditur, velut inclusi atque collisi humoris, quem Graeci ὑδατισμὸν appellant. In der Behandlungsweise wird auf den Aderlaß besonderes Gewicht gelegt (nicht bloß in den Fällen, wo Schmerz vorhanden ist). Auch in der Beschreibung des Asthma ist der auskultatorischen Phänomene stridor atque sibilatio pectoris gedacht (De morb. chron. III, cap. 1).
Krankheiten des Digestionsapparates. Vom „Morbus cardiacus”[15] (vgl. Bd. I, S. 389) wird die nicht minder rätselhafte „Passio stomachica” unterschieden. Die Bulimie ist unter dem Namen Phagedaena beschrieben. Die von Caelius Aurelianus Passio ventriculosa (═ Passio coeliaca) genannte Affektion, d. h. habitueller Durchfall, gilt als Folge längerer Verdauungsstörungen, Unterleibsentzündungen, der Ruhr und anderer chronischer Leiden. Die Behandlungsweise ist mit bewundernswerter Sorgfalt angegeben (De morb. chron. IV, 3); besonders interessiert uns neben den allgemeinen diätetischen Maßnahmen (Fasten, Dursten etc.) die Verordnung von Klysmen und die zweckmäßige Ernährungstherapie (Ziegenmilch[16], in Essig gekochte Eier, adstringierende Weine u. a.). Nicht als selbständiges Krankheitsbild, sondern als Symptom ist die „Debilitas ventris” aufgefaßt. In dem Kapitel „De ventris tumore ac duritia et ventositate, inflatione ac saltu” (l. c. IV, cap. 5) sind einige differentialdiagnostische Angaben enthalten, welche nicht geringes Interesse verdienen. Von oberflächlich sitzenden Tumoren (hoc est peritonaei sive cutis) lassen sich die tiefer sitzenden dadurch unterscheiden, daß die Haut in einer Falte abgehoben werden kann (quod adducta cutis digitis, conduplicata sequitur). Während bei der gasigen Auftreibung des Abdomens (Meteorismus) die Teile schwer zu komprimieren sind und nach dem Aufhören des Druckes sofort wieder in die frühere Lage zurückkehren, bleibt beim Oedem (Anasarka) der Fingerdruck stehen. Und schlägt man mit der flachen Hand auf den Bauch (Perkussion!), so hört man im ersteren Falle einen paukenartigen Schall, im letzteren Falle hingegen nicht: Item ventositatem sequitur tensio cum rugitu intestinorum ... et si palma fuerint partes pulsatae, ut tympani resonum fingunt: impressae vero recessum faciunt tardum et detracta manu facilius fingendo concava replent loca. Inflationem vero, quam Graeci οἴδημα vocant, sequitur extantia partium, sed facile atque plurimum impressioni cedens neque tympani resonum fingens.... Der Abschnitt über Dysenterie ist nur wegen der Zitate wertvoll, bei der Kolik werden unter gewissen Umständen Aderlaß und lokal Schröpfköpfe empfohlen. Die „Cholera” definiert Caelius Aurelianus (nach Soranos) als solutio stomachi ac ventris et intestinorum, ihre Vorboten sind Schwere und Spannung des Magens, Beklemmung, Unruhe, Schlaflosigkeit, Kollern und Schmerzen im Unterleibe. Sehr reichhaltig ist das Kapitel über die Würmer, und zwar einerseits durch die sorgfältigen differentialdiagnostischen Angaben (namentlich gegenüber verschiedenen nervösen Leiden), anderseits durch die Fülle von Heilmitteln (darunter auch Granatwurzelrinde, Wermut, Auripigmente), welche teils intern, teils per clysma verabreicht wurden. Trefflich sind die nervösen Reizerscheinungen bei Kindern beschrieben, so die Unruhe, das Zähneknirschen, das Aufschreien im Schlafe, Krämpfe etc. (De morb. chron. IV, cap. 8). Trotz summarischer Zusammenfassung verschiedenartiger Affektionen unter dem Begriff Leber- und Milzleiden sind die Symptome der Leber- und Milztumoren mit großer Sorgfalt beschrieben, so wird z. B. das Hervortreten der Venen der Bauchhaut und die Neigung zu varikösen Geschwüren an den Unterschenkeln, der trübe Harn neben manchen anderen Folgeerscheinungen erwähnt. Caelius Aurelianus empfiehlt gegen die Leber- und Milzschwellungen Rubefacientia, den Gebrauch von Heilquellen, Dampfbädern, Sandbädern, Seefahrten u. a., er erwähnt die mannigfachen Behandlungsweisen der Vorgänger (z. B. Applikation des Glüheisens), bezweifelt aber, ob der Vorschlag, Milztumoren zu exstirpieren, wie es manche vorschlugen, jemals tatsächlich ausgeführt worden sei.
Krankheiten des Urogenitalsystems. Strangurie und Dysurie sind Formen erschwerter Harnentleerung, wobei die letztere noch mit Schmerzen verbunden ist; gänzliches Versagen der Harnentleerung wird als Ischurie bezeichnet. Caelius Aurelianus kennt folgende Affektionen der Harnblase: tumor, collectio, ulcus, durities, φθειρίασις item φωρίασις, quam scabiem vel scabrum appellant, capillatio (θριχίασις), debilitas, paralysis, calculatio, quam λιθίασιν vocant, sanguinis fluor sive effusio, quam αἱμοῤῥαγίαν appellant, mictus tarditas aut difficultas aut in toto guttae aquatiles, quas ὑδατίδας vocant (De morb. chron. V, cap. 4). Blasensteine sind mit sehr bedeutenden Schmerzen verbunden, welche zum Schambogen, Nabel, Mittelfleisch und in die Eichel ausstrahlen; zur Diagnose wird außer den subjektiven Zeichen und dem Harnbefund (Sediment) eine Steinsonde (μηλωτρίς) benutzt. Bei der Behandlung der Blasenleiden kommen unter Vermeidung der eigentlichen (reizend wirkenden) Diuretika äußere Applikationen, Injektionen durch den Katheter, diätetisches Regime (Metasynkrise), der Gebrauch von Alaun- oder Salzquellen (zu Trinkkuren) in Betracht. Die „Nephritis” (Passio renalis) verläuft unter Fieber, Stuhlverstopfung, Leibschmerzen, Erbrechen und geht zuletzt in einen Zustand von Schwäche und Abzehrung über; der Harn sieht zuweilen fettig oder jauchig aus, auch verbreitet sich die Entzündung auf die Harnleiter. Ursachen des Leidens können sein: Erkältungen, Genuß scharfer Speisen, Verdauungsstörungen, Verletzungen (Fall auf die Hinterbacken), Mißbrauch der Diuretika (Kanthariden) u. a. Der Abschnitt über den Diabetes ist verloren gegangen. Von der Hämaturie handelt ein eigenes kurzes Kapitel. Gegen nächtliche Samenergüsse empfiehlt Caelius Aurelianus Ablenkung der Phantasie von unkeuschen Vorstellungen, hartes, kühles Lager (Unterlegen einer Bleiplatte), Seitenlage, passende Diät, Kaltwasserkur, Entleerung der Harnblase vor dem Schlafengehen. Satyriasis (vehemens veneris appetentia) ist eine akute, auch bei Weibern vorkommende, Priapismus dagegen eine chronische Affektion. Das Wesen des Leidens liegt in einer Lähmung der Nerven und Gefäße des Penis. Zuweilen tritt dabei Fieber und Respirationsbeschleunigung auf, die Kranken werden von unerträglichem Jucken geplagt und treiben auf das schamloseste Onanie. Gonorrhoea (Spermatorrhöe) besteht in Samenergüssen ohne Erektion. — Unter den „Molles, sive subacti”, deren Zuständen ein eigenes Kapitel (De morb. chron. IV, cap. 9) gewidmet ist, sind sexuell Perverse zu verstehen.
Dyskrasien. Gicht kommt mehr bei Männern als Weibern vor, scheint erblich zu sein und tritt in manchen Gegenden besonders häufig auf. Unter den Symptomen wird auch der Formikationsgefühle in den Gliedern, der Verdauungs- und Atmungsstörungen, des Jähzorns gedacht. Der gewohnheitsmäßige Gebrauch von Medikamenten wird verworfen, hingegen spielt neben sonstigen Verfahren (hygienisch-diätetisch-symptomatischer Art) das Trinken gewisser Heilquellen die Hauptrolle. Den Hydrops teilte Caelius Aurelianus in einen allgemeinen (in toto corpore constitutum, leucophlegmatia) und in einen lokalen, auf die Bauchhöhle beschränkten (inter peritonaeum et intestina, ascites und tympanites). Das einschlägige Kapitel (De chron. III, cap. 8) ist höchst bemerkenswert wegen der zahlreichen Literaturangaben — unter diesen findet sich auch die auf Sektionsbefunde aufgebaute Lehre des Erasistratos von dem hepatogenen Ursprung der Wassersucht; die Behandlungsweise der Methodiker bestand in der Anwendung von äußeren Reizmitteln, stärkenden Pflastern, Brechmitteln, Schwitzmitteln, harntreibenden Mitteln, Bädern in heißem Sande, Einatmen von Salzdämpfen etc. Hinsichtlich der Punktion des Abdomens werden die kontroversen Meinungen der Autoren vorgeführt, die Punktion ist für gewisse Fälle geeignet; die Entleerung der Flüssigkeit erfolgte mittels eines weiblichen Katheters. — Die Kapitel über „Kachexie”, „Atrophie” und „Polysarcie” sind hauptsächlich therapeutischen Inhalts, namentlich die Vorschriften über die Behandlung der Fettsucht (Entziehungskuren, Bewegung, Körperübungen verschiedener Art, Sport und Spiele) erfreuen durch ihre Ausführlichkeit.
Krankheiten des Nervensystems und Psychosen. „Paralysis” (De morb. chron. II, cap. 1) bedeutet im engeren Sinne Lähmung der Empfindung (Temperaturempfindung) und der Bewegung oder bloß der einen von beiden — est vel fit paralysis nunc sensus, nunc motus, nunc utriusque. Et intelligitur sensus paralysis, quoties fervens atque frigidum non sentiunt aegrotantes manifesto partium naturalium motu: motus autem, quoties fervens atque frigidum sentiunt, motu partium carentes: utriusque vero paralysin factam accipimus, quoties motu atque sensu caruerint. Es gibt zwei Grundformen der Lähmung, nämlich spastische (conductione) und schlaffe (extensione). Im weiteren Sinne bedeutet aber „Paralysis” Funktionsbehinderung überhaupt; bei dieser viel zu weiten Fassung des Begriffes werden natürlich die mannigfachsten pathologischen Erscheinungen, auch solche, die im letzten Grunde nicht neurologischer Art sind, subsumiert. Caelius Aurelianus beschreibt außer den Lähmungen der Extremitäten (bei der spastischen Form besteht Verkürzung, bei der schlaffen Verlängerung) die „Paralyse” der Augenlider, der Pupille (Mydriasis und „Phthisis pupillae” ═ Miosis), der Zunge, des Geruchsinnes, der Lippen, des Kinns, des Gaumens, des Schlundes, des Kehlkopfes, der Cardia, des Magens, des Darms, der Blase etc. und hält es für sehr wahrscheinlich, daß auch andere Organe, wie die Lungen, das Herz, das Zwerchfell, die Milz, die Leber, von Paralyse ergriffen werden können. Als eine paradoxe, von Erasistratos zuerst beobachtete Lähmungsform erwähnt er jene, welche durch Intermission charakterisiert ist, quo ambulantes repente sistuntur, ut ambulare non possint et tum sursum ambulare sinuntur. Weit wertvoller als der diagnostische Teil dieses Abschnittes ist der therapeutische, da besonderer Nachdruck auf die Mechanotherapie in verschiedenen Formen, auf die Uebungstherapie gelegt wird, abgesehen von inneren oder äußeren Reizmitteln, Diät (Metasynkrise) etc. So empfiehlt Aurelianus zur Behebung des Stammelns und Stotterns (beide werden voneinander gut unterschieden) zweckmäßige Sprechübungen in methodischem Ansteigen vom Leichteren zum Schwierigeren. Oportet praeterea singulas partes in passione constitutas, suis ac naturalibus motibus admonere ... linguam producendo atque conducendo. Haec sunt aegrotantibus imperanda. Hortandi etiam locutionem tentare, quod si minime facere potuerint, ex omni parte officio linguae cessante, erunt suadendi, ut animo concepta volvant quae proferre non possunt. Saepe enim quae loqui volentes mente perceperint, in alto formans spiritus, accepto motu rumpit in vocem: Vel certe docendi sunt unius exprimendae literae curam suscipere, ut intra se exercendo manifestius probent et magis ex vocalibus, ne difficultate sonitus multarum literarum, vocis organa concludantur potius quam reserentur: ac tum cum recte pronunciare valuerint, dabimus λἑξεις atque nomina, quae sint ex multis vocalibus conscripta, ut est Paean et his similia: Sic etiam numeros dabimus et ex his exclamare provocabimus aegrotantes: ac deinde lectionem offeremus vel disputationem. In der Behandlung der Extremitätenlähmungen spielt die Heilgymnastik die Hauptrolle, und zwar kommen bei Armlähmungen der Gebrauch von Halteren, bei Lähmung der Beine ein mit Binden und Schnüren versehener Apparat zur Anwendung, welcher sich zur Vornahme aktiver, passiver, Beuge- und Streckbewegungen eignet. Bessert sich der Zustand, so wird bei den Gehübungen eine Einschaltung von Widerständen vorgenommen oder eine bedeutendere Geschwindigkeit angestrebt: conficienda sunt ligna, quae transgredi pedibus nitantur aegrotantes. Tunc etiam factis in terra lacunis, deambulationem imperabimus ac deinde calceamentis adjuncto plumbo, prius parvo, ut exempli causa uncia, tum plurimo atque pro augmentorum gradu usque ad libram deducto: tum etiam itineris celeritas erit augenda: habet enim majoris laboris officium. Außerdem werden Schwimmübungen (bei denen die gelähmten Glieder mit Schwimmblasen versehen wurden), warme Sandbäder am Meeresstrande, Heilquellen, kalte Duschen, Reisen zu Wasser und zu Lande empfohlen. — Den Hauptunterschied zwischen der Apoplexie (welche gewöhnlich als eine den ganzen Körper befallende, mit Bewußtseinsstörung einhergehende Lähmung definiert wurde) und der Paralyse erblickt Caelius Aurelianus lediglich darin, daß erstere ein akutes, letzteres ein chronisches Leiden sei. Aus der Besprechung der Krampfleiden geht hervor, daß man tonische und klonische Formen unterschied, an welche das Zittern angereiht wurde; hauptsächlich werden der Emprosthotonus, der Episthotonus, der Tetanus und der Spasmus cynicus (Tic convulsif) beschrieben. Vortrefflich ist die Epilepsie mit vielen feinen Beobachtungen von Details (z. B. Gesichtsphänomene der Aura) geschildert, ohne daß aber die Eclampsia infantium und parturientium abgetrennt wird. Von den sehr ähnlichen hysterischen Zuständen unterscheiden sich die epileptischen durch die tiefe Bewußtseinsstörung. Caelius Aurelianus gibt zwar eine sehr gut orientierende Uebersicht über die mannigfaltigen therapeutischen Versuche der einzelnen Schulen, er selbst will aber die Behandlung von allen abergläubischen und gewaltsamen Eingriffen (z. B. Trepanation, Kauterisation, Arteriotomie, Kastration) freigehalten wissen. Den „Incubo” ═ Alp betrachtet er als eine Art von Vorstufe der Epilepsie, unter Katalepsie (apprehensio, sive oppressio) sind teils hysterische, teils hochgradige Schwächezustände zusammengefaßt. Ueber verschiedene Arten des Kopfschmerzes, über „Ischias” und über den Schwindel (passio scotomatica Migraine ophthalmique) handeln eigene Abschnitte. Die Hydrophobie, welche manche Autoren aus der Läsion der Hirnhäute erklären wollten, hält Caelius für ein Leiden des ganzen Körpers; die Symptome sind trefflich beschrieben, doch finden sich in der Darstellung hinsichtlich der Uebertragbarkeit mit den richtigen, unrichtige Vorstellungen vermengt. Hominum hydrophoborum quidam in hydrophobicam passionem devenerunt solius aspirationis odore ex rabido cane adducto, cum deflectione quadam naturalis spiratio vexata venenosum aerem adducit et principalibus inserit partibus. Alii rabidi animalis unguibus laesi in rabiem devenerunt. Memoratur denique sic mulierem in hydrophobicam passionem venisse, cui facies fuerit leviter a parvulo catulo lacessita. Quidam a gallo gallinaceo pugnante leviter laesus in rabiem venisse dicitur. Sartrix etiam quaedam quum chlamydem scissam rabidis morsibus, sarciendam sumeret atque ore stamina componeret et lingua pannorum suturas lamberet assuendo, quo transitum acus faceret faciliorem, tertia die in rabiem venisse memoratur. Est praeterea possibile, sine manifesta causa hanc passionem corporibus innasci, cum talis strictio sponte generata, qualis a veneno (De morb. acut. III, cap. 9).