In den Fällen von Phrenitis (vgl. hierzu Bd. I, S. 391) hat man bei der Behandlung vor allem darauf Rücksicht zu nehmen, ob „strictura” oder „solutio” den Grundzustand bilden, erstere erfordert Abhaltung aller erregenden Einflüsse (daher Aufenthalt des Kranken in einem ruhig gelegenen Zimmer, mit weit vom Boden entfernten Fenstern, dunklen Wänden ohne Gemälde, Aderlaß etc.), letztere Zufuhr von Reizen (starke Belichtung etc.); darnach richtet sich auch die vorzuschreibende Diät. Caelius Aurelianus überliefert in ungemein ausführlicher Weise die pathologischen und therapeutischen Anschauungen der Vorgänger — handelt doch das ganze erste Buch von der Phrenitis. Im Gegensatz zu den Theorien, welche die Basis des Gehirns, das Herz, den Herzbeutel, die Aorta, die Hohlvene oder das Zwerchfell als Sitz der Krankheit erklärten, vertritt unser Autor die Meinung, daß die Phrenitis ein Leiden des ganzen Körpers sei, wenn auch der Kopf dabei vorzugsweise erkrankt wäre. Vom Wahnsinn unterscheide sie sich dadurch, daß bei ihr die Delirien dem Fieber folgen, während im Verlauf des Wahnsinns die umgekehrte Folge beobachtet werde. Das Gegenstück zur Phrenitis, der Lethargus, dürfe mit ähnlichen soporösen Zuständen, wie sie z. B. nach Vergiftung mit Mandragora oder Hyoscyamus auftreten, nicht verwechselt werden. Die „Manie” (furor sive insania), zu welcher auch der fixe Wahn gerechnet wurde, ist bei Caelius Aurelianus sehr ausführlich dargestellt, sowohl was die Aetiologie als die Symptomatologie anlangt; er hält sie in erster Linie für ein somatisches Leiden, namentlich deshalb, weil krankhafte körperliche Zustände vorausgehen. Die Behandlungsweise beruht auf der zweckmäßigen und dem besonderen Falle Rechnung tragenden Kombination von physischen und psychischen Mitteln. Zu den ersteren zählen geeignete Diät, Sorge für Schlaf, Fomentationen, Einreibungen, unter Umständen Blutentziehungen (auch mittels Blutegel), Bewegung, Bäder, die Metasynkrise. Zwangsmaßregeln sollen nur im Falle dringender Notwendigkeit und dann mit Schonung angewendet werden. Die psychischen Mittel bestehen in der Isolierung des Kranken unter Aufsicht verständiger Wärter, wobei auf die Einrichtung des Lagers, Abhaltung jeder Erregung etc. Rücksicht zu nehmen ist. Für Rekonvaleszenten eignen sich eine dem Bildungsgrade angemessene Beschäftigung (Festredeübungen), Anhören von Komödien oder Tragödien, Spiele u. s. w.[17]. Unter dem Begriff „Melancholie” ist auch die Hypochondrie subsumiert; Verdauungsstörungen, Furcht und Kummer gelten als die wichtigsten der auslösenden Momente.
Hautleiden. Das Kapitel, welches von der Lepra handelt (De morb. chron. IV, cap. 1), ist verstümmelt auf uns gekommen und enthält bloß Therapeutisches. Von Interesse ist namentlich die Notiz, daß von manchen Aerzten die vollständige Absonderung (Verbannung) der Aussätzigen vorgeschlagen wurde, um der Ansteckungsgefahr[18] zu begegnen: aegrotum in ea civitate, quae nunquam fuerit isto morbo vexata, si fuerit peregrinus, excludendum probant, civem vero longius exulare, aut locis mediterraneis et frigidis consistere, ab hominibus separatum, exinde revocari, si meliorem receperit valetudinem, quo possint caeteri cives nulla istius passionis contagione sanciari. Die Kritik des Caelius Aurelianus lautet: Sed hi aegrotantem destituendum magis imperant, quam curandum, quod a se alienum humanitas approbat medicinae.
Ohrenleiden wurden teils allgemein (z. B. antiphlogistisch), teils lokal behandelt; in letzterem Falle kam die Sonde als Arzneimittelträger zur Anwendung oder man machte Eingießungen „per clysterem oticum”.
Zahnheilkunde. Die Angaben über schmerzstillende Mittel (unter anderem Zahnkitt aus Galbanum, Pfeffer, Opium; Kauen der Mandragorawurzel; Skarifikationen des Zahnfleisches mittels eines besonderen Instruments (περιχαράκτηρ) sind überreich, hingegen ist die Extraktion höchstens bei ganz lockeren Zähnen empfohlen, getreu dem Grundsatze: detractio amissio partis est, non sanatio [De morb. chron. II, cap. 4]).
Wie oben bemerkt wurde, machte Caelius Aurelianus das gynäkologische Werk des Soranos zum Gegenstand einer lateinischen Bearbeitung. Im Anschlusse daran wollen wir gleich hier erwähnen, daß wir einen aus dem 5. oder 6. Jahrhundert stammenden Hebammenkatechismus in Fragen und Antworten besitzen, welcher im wesentlichen ebenfalls auf Soranos (und auf dem gynäkologischen Teile der libri responsionum? des Caelius Aurelianus) beruht. Es ist dies die lateinisch abgefaßte Schrift des „Moschion” (Muscio) über die Weiberkrankheiten[19].
Ein allerdings weniger wertvolles Gegenstück zum Hauptwerke des Caelius Aurelianus bildet das Kompendium des Cassius Felix, mit welchem die medizinische Literatur Westroms endet. Der Autor stammte (nach dem barbarischen Latein und den im Texte vorkommenden punischen Ausdrücken zu schließen) aus Nordafrika[20] und beabsichtigte, wie aus der Vorrede erhellt, eine kurze Zusammenstellung der theoretisch-praktischen Lehrmeinungen der dogmatischen Schule; die Schrift wurde 447 verfaßt, ihr voller Titel lautet: de medicina ex graecis logicae sectae auctoribus liber translatus sub Artabure et Calepio consulibus (ed. Val. Rose, Lips. 1879). Im wesentlichen handelt es sich um eine (nach dem beliebten Prinzip a capite ad calcem angeordnete) spezielle Pathologie und Therapie, wobei die erstere ziemlich dürftig ausgefallen ist (Erklärung des Krankheitsnamens, Aetiologie, eventuell Pathogenese), und die letztere zum größten Teile aus Galens therapeutischen Werken stammt. So finden denn beide, der princeps methodicorum und der Pergamener, am Ausgang des Altertums ihre Vertretung in lateinischen Schriften!
Das Werkchen des Cassius Felix (82 Kapitel) wurde von mittelalterlichen Autoren benützt und bietet in mehrfacher Hinsicht Interessantes. Vor allem schon durch die an Caelius Aurelianus lebhaft erinnernde und stark zum Romanismus neigende Sprache, sowie durch die spätlateinische und zugleich griechische Terminologie. Das Rezeptarium ist ungemein reichhaltig. Unter den zitierten Autoren ragen neben Hippokrates (Aphorismen, Prognosticum) und Galen (methodus medendi, ad. Glauconem de medendi methodo, de compos. medicamentor. secundum genera, de comp. medicament. secundum locos, de locis affectis) Magnos der Iatrosophist, Philagrios und Vindicianus hervor. Cassius Felix benützte auch die fälschlich unter dem Namen des Galen gehenden Euporista (die echten waren schon zur Zeit des Oreibasios verschollen). Was den Inhalt anlangt, so sei darauf hingewiesen, daß Cassius ähnlich wie Caelius Aurelianus zur Diagnostik des Ascites resp. der Tympanitis die Perkussion und Palpation verwendete (cap. 76: palma pulsatus, tympani sonitum facit — inflatio cum digitis fuerit impressa concavitatis formam ostendit), daß er unter den Ursachen des Hydrops auch die Verhärtung der Nieren (renum saxietas) anführt, unter den Wurmmitteln auch der Klysmen mit Wermutdekokt gedenkt u. v. a. Mittel aus der Dreckapotheke stehen im Hintergrunde, chirurgische Eingriffe werden fast niemals empfohlen.
Die Scheidung zwischen West und Ost, welche unter dem Einflusse von Byzanz allmählich zu einer ganz eigenartigen Kulturentwicklung führte, hat auch in der medizinischen Literatur des 5. Jahrhunderts ihre Spuren hinterlassen. Im hellenischen Osten erhielt sich die Tradition ungeschwächt weiter, während sie, im barbarisch werdenden Westen morsch geworden, endlich in Trümmer zerfiel. In Byzanz waren treffliche, edel gesinnte Aerzte tätig — so z. B. Hesychios und dessen berühmter Sohn Jakobos — und wenn auch oft nur in den Farben sophistischer Manieriertheit leuchtend, die Gelehrsamkeit blühte noch immer in dem altehrwürdigen, der Verwitterung noch lange widerstehenden Alexandria. Dort war noch immer die hervorragendste Pflanzschule für die Jünger der Heilkunst, dort wirkten gelehrte Iatrosophisten wie Palladios und Severos, dort wurde der kenntnisreiche, vielseitige, mit wahrem Forscherblick begabte Asklepiodotos geboren, welcher unter günstigeren Verhältnissen wohl ein neues Zeitalter echter Naturforschung und blühender Heilkunst hätte begründen können!
Hesychios aus Damaskus ließ sich um 430 in Byzanz nieder, nachdem er schon 40 Jahre vorher an verschiedenen Orten (in Hellas, Aegypten, Italien) mit großem Erfolg als Praktiker tätig gewesen war. In weit höherem Ansehen stand sein Sohn Jakobos, der unter dem Kaiser Leo (457-474) Comes archiatrorum wurde und seinen Zeitgenossen als „Zeuxis und Pheidias der Heilkunst” galt. Man rühmte ihm nicht allein umfassendes ärztliches Wissen und praktische Tüchtigkeit nach, sondern pries auch seine warme Menschenliebe, seine seltene Uneigennützigkeit; in dem ehrenden Beinamen Σωτήρ (Erretter), noch mehr in der Errichtung einer Statue fand die Verehrung, die ihm alle Stände begeistert zollten, Ausdruck. Von der literarischen Tätigkeit des Jakobos haben sich bei späteren Autoren einige Rezepte (gegen Podagra, Hemikranie, Neuralgie, Husten) erhalten, außerdem die Angabe, daß er auf eine kühlende und wässerige Diät den größten Wert legte („weil er sah, daß die meisten Menschen sehr geschäftig und geldgierig seien und ein Leben voll Kummer und Sorge führen”), weshalb er auch Psychrestos genannt wurde. „Ein guter Arzt” — so lautet einer seiner Aussprüche — „muß seinen Kranken entweder sogleich aufgeben oder ihn nicht eher verlassen, als bis er ihn um etwas gebessert.” Als würdiger Anhänger des Jakobos erlangte der vielseitig begabte, scharfsinnige und kenntnisreiche Asklepiodotos hohen Ruhm, ein Forscher, welcher trotz seiner Zugehörigkeit zur neuplatonischen[21] Schule — er war ein Jünger des Proklos — der realistischen Methode zuneigte, hierin eine Ausnahmsgestalt in seinem schwärmerischen und unselbständigen Zeitalter[22]. Neben den philosophischen Zweigen und der Medizin pflegte er auch zoologische, botanische, mathematische und physikalische Studien mit hingebungsvollem Eifer, überall eigene Wege wandelnd. In der Medizin verehrte Asklepiodotos den Hippokrates und Soranos als Muster; er huldigte einer mehr energischen Therapie als die meisten der damaligen Aerzte (so führte er den Gebrauch der weißen Nieswurz wieder ein) und förderte seine praktischen Leistungen nicht wenig durch den Einfluß seines freundlichen und anmutsvollen Wesens, wie übereinstimmend berichtet wird.
Von dem Iatrosophisten Palladios sind noch Kommentare zu hippokratischen Schriften (nämlich zum VI. Buche der Epidemien und zur Lehre über die Knochenbrüche) vorhanden, welche deutlichsten Einblick in die spitzfindige, aber unfruchtbare Lehrweise der damaligen Alexandriner gewähren. Wahrscheinlich stammt von ihm außerdem noch eine Abhandlung über die Fieber, περὶ πυρετῶν σύντομος σύνοψις (in Idelers Physici et medi Graeci minor. I, Berlin 1840), aus welcher manche Bemerkungen Erwähnung verdienen. Das Fieber wird definiert als widernatürliche Erhitzung (θερμασία), welche sich vom Herzen aus durch die Arterien in den ganzen Körper verbreitet und die Körperfunktionen sinnlich wahrnehmbar stört. Die Krankheitsstoffe vermögen Fieber erst dann zu erregen, wenn sie zum Herzen gelangt sind. Fieberhitze folgt deshalb auf den Frost, weil das (während des Froststadiums) von der Peripherie ins Innere des Körpers zurückgedrängte Blut die natürliche Herzwärme verdopple, und diese sich sodann wieder durch die Arterien verbreite. Bei den Wechselfiebern ziehe sich der Fieberstoff während des Intervalles in die Muskeln zurück und errege durch seine Rückkehr ins Blut wieder von neuem einen Anfall. Septische Fieber beruhen auf Zersetzung, die gutartigen Fieber auf bloßer Erhitzung des Blutes in den Gefäßen. Hektische Fieber verschlimmern sich nach der Nahrungsaufnahme — ähnlich wie ungelöschter Kalk durch Zufuhr von Wasser erhitzt werde. (Dieser Analogie gedenkt auch Galenos.)