Dem Podagra ist das letzte Buch der Pathologie des Alexandros ausschließlich gewidmet. Es werden vier Formen unterschieden, je nach dem zu Grunde liegenden Krankheitsstoff; verdankt das Podagra z. B. der Galle seine Entstehung, so erscheint das Gelenk zwar gerötet, aber nicht geschwollen; bildet der Schleim die Ursache, so fehlt die Hitze und Röte, dagegen ist die Spannung und der Schmerz sehr bedeutend u. s. w. Wenn die Menge des Blutes die Schuld trägt, so sind Aderlässe angezeigt, welche auch schon aus prophylaktischen Gründen vorgenommen werden können. Zu den sonstigen Mitteln zählen starke Purgantien, schweißerregende Dekokte, urintreibende Arzneien, Narkotika, äußerlich, je nach Bedürfnis, kühlende Salben und Umschläge, ölige und vinöse Einreibungen, erwärmende Pflaster, Hautreize und Vesikantien (Senfpflaster, Kanthariden), Bähungen mit Salz, warme Bäder u. dgl. Von großem Wert ist die Regelung der Lebensweise (nicht zu kräftige Nahrung, Vermeiden sexueller Exzesse und Abstinenz vom Weingenuß), namentlich in Form der „zyklischen Kuren”, die mit dem Gebrauch von milden Abführmitteln an bestimmten Tagen verbunden waren[20].

Dermatosen. Alopecie, Pityriasis, Achor und Favus werden beschrieben und im Sinne der Krasenlehre aufgefaßt. In der örtlichen Behandlung des Haarausfalles behaupten das Abrasieren der Haare an der erkrankten Stelle, Abwaschen der Kopfhaut, schwefelhaltige Präparate den Platz, unter den Bestandteilen von Haarfärbemitteln werden Galläpfel, Akazienextrakt, Rinde unreifer Nüsse und Eicheln, Rotwein, Myrrhen, Eisenhammerschlag, Kupfervitriol, Alaun, Bleifeile u. a. genannt. Gegen Pityriasis dienen fette Tonerde, Einreibungen mit Wein, Oel, gepulvertem Weihrauch, Waschungen mit Salzwasser.

Augenkrankheiten. Der in dem Hauptwerk des Alexandros enthaltene Abschnitt über Augenleiden stellt eine Rezeptsammlung dar, mit spärlichem verbindendem Text; eine genauere Erörterung ist nur dem Karbunkel der Lider gewidmet. Die Therapie findet ihren Stützpunkt in der Krasenlehre. Mittel zur Stärkung des Sehvermögens enthalten Kupfer, Galmei, Pfeffer u. a. Die ebenfalls dem Alexandros zugeschriebene Augenheilkunde (herausgegeben und übersetzt in Puschmanns „Nachträge zu Alexander Trallianus”, Berlin 1886) ist bemerkenswert wegen der Unterscheidung der entzündlichen von der einfachen Chemosis und wegen der Beschreibung zweier Lidgeschwülste, des „Emphysems” und des Oedems. Am Schlusse des 1. Buches dieser Abhandlung finden sich interessante Bemerkungen über die Prädisposition zu Augenaffektionen. Es heißt unter anderem: „Trübungen des Sehvermögens und Glaukosis treffen ältere Personen und Blauäugige mehr, als Leute mit schwarzen Augen. ... Die Mydriasis befällt mit Vorliebe diejenigen, welche ziemlich große und schwarze Augen haben.... Wenn man kleine Dinge sehen will und sich Mühe gibt, starr darauf zu blicken, so entwickeln sich Entzündungen der Augen; ebenso werden Personen, welche sich beständig im Meere baden, in räucheriger Luft oder hauptsächlich in der Sonnenglut arbeiten und eine salzreiche Kost genießen, häufig von Augenleiden ergriffen.... Ferner erkranken solche, welche gern Bäder nehmen, reichlichem Geschlechtsgenuß frönen und in sehr heißen Orten, besonders in der Gegend des ägyptischen Theben, wohnen. Das angestrengte Lesen verursacht eine Disposition zu Augenleiden. Auch die Eisenarbeiter und Zimmerleute leiden sehr leicht an den Augen Schaden, die Läufer dagegen nicht....”

Ohrenleiden. Ohrenschmerz, Ohrentzündung, Blutungen, Fremdkörper des Ohres, Ohrensausen, Schwerhörigkeit und Taubheit sind die bekannten Krankheitstypen. Die Therapie gründet sich im Wesen auf die Lehre von den Dyskrasien und zeichnet sich durch Sorgfalt und Vorsicht aus. Gegen Otalgie aus entzündlicher Ursache kommen Einspritzungen (mit Rosenöl, Opium, Bibergeil etc.), warme Bähungen, Räucherungen (Dämpfe, Wermutabsud), Kataplasmen, Narkotika und Aderlaß zur Anwendung. Bei Ohrkatarrh warnt Alexandros davor, sofort örtliche Mittel zu gebrauchen und empfiehlt statt dessen Bäder und Schröpfköpfe auf das Hinterhaupt. Blutungen werden, wenn sie anhalten, durch Einführung styptischer Medikamente (z. B. Galläpfelpulver) gestillt. Zur Entfernung von Fremdkörpern waren folgende Methoden gebräuchlich: die Ausspritzung, das Saugen mittels eines Rohres, das Herausziehen mit einem Ohrlöffel, der mit Wolle umwickelt und mit einem leimartigen Stoff bestrichen ist (bei der letztgenannten Methode wird Niesen erregt und dabei Mund und Nase geschlossen, damit die Luft den fremden Körper nach außen treibe). Ohrensausen soll durch blähende, dicke Luft und zähe, dicke Säfte im Innern des Ohres entstehen. Da die Schwerhörigkeit und Taubheit auf gallige oder zähe Säfte zurückgeführt wurde, so werden dagegen abführende, schleimentziehende und Niesemittel, Bädergebrauch etc. neben lokalen Einspritzungen empfohlen. Manche Aerzte, so erzählt Alexandros, haben auch die Arteriotomie vorgenommen, dem Kranken mit Hörnern ins Ohr geblasen und durch starke Geräusche das verlorene Gehör wiederherzustellen versucht. — Die Parotitis entstehen durch den Ueberfluß an unverdauten, dünnen und hitzigen oder dicken und kalten Säften. Therapie: Aderlaß, Kataplasmen von Leinsamen, erweichende Salben und Pflaster, kühle Umschläge etc.

Schriftsteller des 7. Jahrhunderts.

Theophilos (Protospatharios). Früher hat man sämtliche unter dem Namen Theophilos gehende Schriften dem zur Zeit des Heraklios (610-641) lebenden, mit dem Titel Protospatharios (═ Oberst der kaiserlichen Leibwache) ausgezeichneten, Archiater Theophilos zugeschrieben. Da aber in den Handschriften bald ein Theophilos kurzwegs, bald ein Theophilos monachos, bald ein Theophilos Protospatharios als Autor genannt wird, so besitzt die Annahme ganz verschiedener Verfasser größere Wahrscheinlichkeit. Schriften: περὶ τῆς τοῦ ἀνθρώπου παρασκευῆς ═ über die Einrichtung des menschlichen Körpers, περὶ οὔρων ═ über den Harn, περὶ διαχωρημάτων ═ über die Kotausscheidung, περὶ σφυγμῶν ═ über den Puls. Außerdem gehen unter dem Namen Theophilos noch Scholien zu den Aphorismen des Hippokrates und eine noch ungedruckte Abhandlung περὶ φλεβοτομίας. Von mancher Seite wurde ihm jene Abhandlung über die Fieber zugeschrieben, welche wir unter Paladios (vgl. S. 75) angeführt haben.

Die Abhandlung περὶ τῆς τοῦ ἀνθρώπου παρασκευῆς βιβλία έ (Ausgabe von W. A. Greenhill, Theophili Protospatharii de corporis humani fabrica, Oxford 1842) ist im wesentlichen ein jeder Originalität entbehrender Auszug aus Galens de usu partium und mehr eine physiologische als eine anatomische Schrift. Eine fromm begeisterte Teleologie bildet ihr Grundprinzip. Ausführlich ist nur die Lehre von den Eingeweiden und Sinnesorganen, minder genau die Knochenlehre dargestellt, bezüglich des Muskel-, Nerven- und Gefäßsystems verweist der Verfasser auf die einschlägigen Schriften Galens. Eine unbefangene Ueberprüfung des Inhalts (durch v. Töply) hat ergeben, daß man dem Theophilos nur auf Grund unrichtiger Deutungen ganz mit Unrecht die erste Beschreibung des Olfactorius zugeschrieben hat. Immerhin bleibt es anerkennenswert, daß er manches, was sich zerstreut oder in unklarer Darstellung in Werken der Vorgänger fand, in deutlicherem Zusammenhang und in größerer Klarheit wiedergab, dies gilt z. B. für die Lehre von der Blutbewegung und Ernährung; interessant ist die im 2. Kapitel des IV. Buches mitgeteilte Bemerkung, es hänge die Gestaltung der Schädelknochen und der Wirbelsäule von der Entwicklung des Gehirns und Rückenmarks ab.

Die jahrhundertelang als maßgebend geltende Schrift περὶ οὔρων (ed. in Idelers Phys. et medici gr. minor I) stützt sich auf die galenische Grundanschauung, daß der Harn aus der unteren Hohlvene abgesondert werde, fügt jedoch noch die Hypothese hinzu, daß die wässerigen Harnbestandteile schon in der Pfortader vorhanden seien und von dort durch äußerst feine, haarförmige Kanäle in die Hohlvene gelangen. Aus der Beschaffenheit des Urins kann man den Zustand des gesamten Blutes, aber auch die Leiden einzelner Körperteile erkennen. Farbe[21], Konsistenz, Trübungen, Bodensatz etc. des Harns werden ausführlich besprochen und zu diagnostisch-prognostischen Schlüssen verwertet. Die Uroskopie des Theophilos basiert zum großen Teile auf den Angaben Galens (de crisibus liber I) und anderer älterer Aerzte. In der Vorrede wird auch der Spezialarbeit eines Magnos über den Harn gedacht. Es ist dies wahrscheinlich nicht Magnos von Antiochia (vgl. S. 46), sondern Magnos von Emesa (6. Jahrhundert?); es sprechen manche Gründe dafür, daß die meisten Abschnitte der pseudogalenischen Schrift über den Harn von diesem herrühren.

Die Schrift περὶ διαχωρημάτων (über die Kotausscheidung, ed. in Idelers Phys. et medici gr. minor, I) lehnt sich an Hippokrates und Galenos an und stammt jedenfalls von dem Autor der Schrift über den Harn; sie ist deshalb von Interesse, weil sie zeigt, wie sehr die griechischen Aerzte bestrebt waren, alle Hilfsmittel für die Diagnostik auszunützen. Aus dem Inhalt wäre unter anderem folgendes zu erwähnen: Durchfälle entstehen durch Erschlaffung oder durch Reiz; Hämorrhoidalfluß ist oft heilsam, weshalb er Ασκληπιασμός genannt werde; bisweilen gehe Fett im Stuhl ab. Im Anschluß an die Vorgänger glaubt der Verfasser an die schädliche Einwirkung des Darminhaltes auf das Gehirn.

Die Schrift περὶ σφυγμῶν (ed. in Ermerins, Anecdota medica graeca, Leyden 1840) ist nur ein mangelhafter Auszug aus der galenischen Pulslehre. Mit der Pulslehre des Theophilos ist trotz großer Aehnlichkeit eine andere, nur in lateinischer Uebersetzung vorhandene Schrift „Liber Philareti de pulsibus” nicht zu verwechseln.