Stephanos von Athen, Schüler des Theophilos, verfaßte Scholien zum Prognostikon des Hippokrates, eine Exegese zu Galens methodus medendi ad Glauconem (ed. Dietz, Scholia in Hipp. et. Galen, Königsberg 1834) und schrieb über den Puls; die Identität mit dem Astrologen und Alchemisten Stephanos von Alexandria ist wohl zu bezweifeln.
Paulos von Aigina (daher Aiginetes) praktizierte in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts in Alexandria und zeichnete sich ganz besonders als Chirurg und Geburtshelfer aus. Von seinen Werken kennen wir nur das aus sieben Büchern bestehende, ὑπόμνημα betitelte, Kompendium der Medizin, welches noch einmal das medizinische Wissen der Antike klar und prägnant zusammenfaßt. Nach arabischen Angaben soll er auch über Frauenkrankheiten und Toxikologie geschrieben haben. Für die große Wertschätzung, der sich Paulos erfreute, spricht es, daß sein Werk schon zwei Jahrhunderte nach seinem Tode ins Arabische und verhältnismäßig früh ins Lateinische übertragen wurde.
Die vorhandenen Ausgaben des ganzen Werkes (Venedig 1528 und Basel 1538) genügen den modernen Ansprüchen keineswegs, von den lateinischen Uebersetzungen — auch einzelne Bücher wurden übertragen — ist jene des Guintherus Andernacus (Paris 1532 u. ö.) und des J. Cornarius (Basel 1556) erwähnenswert. Wegen ihres ausführlichen Kommentares empfiehlt sich (die ohne Benutzung von Handschriften verfaßte) englische Uebersetzung von Fr. Adams, The seven books of Paulus Aegineta, (London 1845-1847). Das VI. Buch wurde (auf Grund von 19 Handschriften) herausgegeben und ins Französische übersetzt von René Briau unter dem Titel Chirurgie de Paul d'Egine, Paris 1855. Nach den Angaben arabischer Autoren schrieb Paulos noch eine Abhandlung über Frauenkrankheiten, welche aber verloren gegangen ist.
Inhalt der sieben Bücher. Buch I: Diätetik der Schwangeren und Kinder, Kinderkrankheiten, Massage, Gymnastik, Sexualhygiene, über das Erbrechen, Laxieren, Baden, Verhalten auf Reisen und Seefahrten, Ernährung und Ernährungstherapie, Schlaf. Buch II: allgemeine Pathologie, Fieberlehre, Semiotik. Buch III: Haarleiden, Kosmetik, Krankheiten des Gehirns und der Nerven, der Augen, der Ohren, der Nase, des Gesichts, des Mundes, der Zähne. Buch IV: Lepra, Hautleiden, Verbrennungen, Entzündungen, Schwellungen, Geschwülste, Wunden, Geschwüre, Fisteln, Blutungen, Ankylose, Erschlaffung der Gelenke, Würmer. Buch V: Toxikologie. Buch VI: Chirurgie. Buch VII: Arzneimittellehre.
Wie Oreibasios widmet auch Paulos der Kinderheilkunde einige Aufmerksamkeit, wobei die einschlägigen Schriften des Mnesitheos, Rhuphos, Soranos, Athenaios u. a. den Ausgangspunkt bildeten. Eine Reihe von Mitteln soll zur Beförderung der Dentition dienen (z. B. häufiges Reiben des Zahnfleisches und Bestreichen mit verschiedenen Fettarten), nach dem Durchbruch der Zähne soll das Kind an geschälter Iriswurzel kauen, Eklampsie wird mit Bädern behandelt, Verstopfung mit Suppositorien, Honig etc., Durchfälle mit erwärmenden Umschlägen, Einreibungen (von Minze), Hirsebrei etc. Die Aphthen zerfallen in weißliche, rötliche und schwarze, von denen die letzteren die gefährlichsten sind. Was die Lungenleiden anlangt, so berichtet Paulos, mehrmals das Aushusten von Lungensteinen beobachtet zu haben; er kennt die Eiterversetzung nach der Blase im Verlauf der Phthise ═ tuberkulöse Blasengeschwüre, die vikariierende Hämoptöe bei Amenorrhöe und erwähnt differentialdiagnostische Kennzeichen des Rheumatismus der Brustmuskeln gegenüber der Pleuritis, die er mit Aderlaß, Purganzen oder scharfen Klistieren behandelt. Von der „Angina” unterscheidet er vier Formen der Entzündung, nämlich συνάγχη und παρασυνάγχη ═ Entzündung innerhalb und außerhalb des Pharynx, παρασυνάγχη und παρακυνάγχ ═ Entzündung innerhalb und außerhalb des Larynx. Weit mehr als alle übrigen griechischen Aerzte richtete Paulos seine Aufmerksamkeit auf die Herzaffektionen wenn er auch auf diesem Gebiete wegen mangelnder pathologisch-anatomischer Kenntnisse nicht weit vordringen konnte; er spricht von erysipelatösen Entzündungen des Herzens, die so tödlich seien wie Herzwunden, von sympathischen Herzaffektionen bei Gehirn- und Magenleiden und führte manche Fälle von Herzklopfen auf Plethora zurück. Von Erkrankungen des Magen-Darmtrakts werden erwähnt: Magengeschwüre, eine gastrische und eine dysenterische Form der Lienterie, Eingeweidewürmer, Ileus, der durch Indigestion, Obstruktion oder durch das Hinuntertreten der Därme in das Skrotum (Brucheinklemmung) entstehe. Im letzteren Falle wird Reposition und Anlegung einer Bandage empfohlen, von einer Operation des eingeklemmten Bruches ist keine Rede. Für die historische Pathologie von Wert ist die Schilderung einer Kolikepidemie des 7. Jahrhunderts, die sich seuchenartig über große Teile des römischen Reiches verbreitete und entweder mit Lähmungen (ohne Empfindungsstörung) oder mit epileptiformen Krämpfen endigte. Ueber die Gicht entwickelt Paulos eine sehr beachtenswerte Theorie. Nach seiner Ansicht entsteht nämlich infolge einer ungenügenden Assimilationsfähigkeit (θρεπτικὴ δύναμις) der Körperteile aus dem Ueberfluß von Nahrung, bei träger Lebensweise und häufigen Verdauungsstörungen ein Krankheitsstoff, den in erster Linie die geschwächten Gelenke, aber auch Leber, Milz, Hals, Ohren, Zähne anziehen. Die Theorie zieht also als Faktoren einerseits die Entstehung eines Krankheitsstoffes infolge von Stoffwechselstörungen, anderseits die Ablagerung desselben in „geschwächten” Teilen in Betracht. Von der Ischias, die anschaulich geschildert wird, kennt er die beiden Formen der I. postica und antica; zur Beseitigung des Leidens sollten Aderlässe dienen. Bei Apoplexie bildete die Venäsektion das Hauptmittel, bei Epilepsie soll die Ausgangsstelle der Aura mit Kanthariden geätzt werden, Tetanus wurde mit Opium behandelt. Von der „Phrenitis”, die als Entzündung des Gehirns und der Gehirnhäute galt, trennte Paulos schärfer die Fieberdelirien, den Sitz der Anosmie suchte er in den vorderen Gehirnhöhlen. Unter den Psychosen, zu denen auch übermäßige Liebe gehöre, wird eine Form geschildert, bei der die Kranken mit höheren Mächten in Verbindung zu stehen glaubten und die Zukunft vorhersagten, ferner der Blödsinn. Hautleiden und Genitalaffektionen finden eine ausführliche, aber unklare Darstellung, immerhin behauptet Paulos die Kontagiosität der Lepra und gedenkt der Filaria medinensis, welche namentlich in Oberägypten und Indien vorkomme. Ein ganzes Buch (V.) handelt über die Behandlung der Intoxikationen durch Tierbisse oder Tierstiche, ferner durch den Genuß giftiger vegetabilischer oder mineralischer Substanzen. Bei der Behandlung vergifteter Wunden kamen innerliche und äußerliche Mittel (Aussaugen, Skarifizieren, Kauterisation) zur Anwendung. Die Hydrophobie entstehe durch den Biß eines an Lyssa leidenden Hundes und breche gewöhnlich um den 40. Tag, bisweilen aber später aus ... Paulos berichtet, er kenne keinen, der gerettet worden sei, wenn die Wutkrankheit schon ausgebrochen war, dagegen seien viele Gebissene vor Ausbruch der Krankheit gerettet worden. Die Behandlung derselben bestand in der Kauterisation der Wunde und scharfen Umschlägen, neben gewissen inneren Mitteln. — Die Heilmittellehre des Paulos ist aus Dioskurides, Galenos und Oreibasios entlehnt, doch sind noch manche früher nicht erwähnte Arzneipflanzen hinzugefügt.
Das VI. Buch gibt ein anschauliches Bild von der antiken Chirurgie (vgl. E. Gurlt, Geschichte der Chirurgie, Bd. I). Wie wohl aufgebaut auf die Schriften des Hippokrates und Galenos, des Leonides, Soranos und Antyllos, verrät die Darstellung doch überall das selbständige Urteil und die geschickte Hand des tüchtigen Fachmannes. Wir können hier nur auf einige der wichtigsten Abschnitte hindeuten.
Ueber die Venäsektion (vorwiegend an den drei Venen der Ellenbogenbeuge, aber auch an anderen Venen), das Schröpfen (am besten weitbauchige bronzene Schröpfköpfe), die Skarifikation (mit dem Bistouri), die Kauterisation (des Kopfes, z. B. bei Augenentzündungen, der Achselhöhle bei habitueller Schultergelenksluxation, der Bauchdecken bei Erkrankungen der Leber, der Milz, des Magens etc.) werden genaue Vorschriften erteilt; als Blutstillungsmittel ist, abgesehen vom Glüheisen, zwar die Ligatur, keineswegs aber die Torsion erwähnt. Unter den Abschnitten über die Wundbehandlung besitzt das (88.) Kapitel über die Entfernung von Pfeilspitzen den interessantesten Inhalt, da es einen tiefen Einblick in die damalige Kriegschirurgie gewährt und durch die Fülle detaillierter Vorschriften überrascht (vgl. die deutsche Uebersetzung dieses Kapitels von Fröhlich, Wien. med. Wochenschrift 1880). Wertvoll sind die Angaben über die diagnostischen Kennzeichen der Verletzung lebenswichtiger Organe: „Wenn die Hirnhäute verwundet sind, ist ein heftiger Kopfschmerz vorhanden, mit Glänzen und Rötung der Augen, mit Verwirrung der Sprache und des Bewußtseins. Wenn das Gehirn mitverletzt ist, findet sich Kollaps, Aphonie, Verzerrung der Gesichtszüge, galliges Erbrechen, Blutausfluß aus der Nase und dem Gehörgange, Entleerung einer weißen, breiartigen Flüssigkeit durch die Wunde, wenn die Jauche daselbst einen Ausweg findet. Wenn ein Eindringen in die Brusthöhle stattgefunden hat, tritt Luft bei vorhandener Weite der Wunde aus. Bei Verwundung des Herzens findet sich der Pfeil nahe der linken Brustwarze, nicht wie in einem Hohlraum liegend, sondern wie in einem festen Körper steckend und bisweilen auch eine pulsierende Bewegung zeigend; dabei ist ein Ausfluß dunklen Blutes, wenn dasselbe einen Ausweg findet, vorhanden, mit Kälte, Schweiß und Ohnmacht, und ohne Verzug erfolgt der Tod. Ist die Lunge verwundet und die Oeffnung der Wunde weit, so wird schaumiges Blut entleert, ist sie es aber nicht, so wird das Blut vielmehr erbrochen; dabei sind die Gefäße am Halse ausgedehnt, die Züge in ihrer Farbe verändert, die Kranken atmen mühsam ein und trachten nach Kühlung. Bei Verwundung des Zwerchfells erscheint der Pfeil in der Gegend der falschen Rippen eingedrungen, die Inspiration ist mühsam und geschieht mit Schmerzen und Seufzen in allen zwischen den Schultern gelegenen Teilen. Hat am Bauche eine Verwundung stattgefunden, so erkennt man dies aus dem Entleerten, wenn die Wunde weit ist, oder wenn der Pfeil ausgezogen worden, oder der Schaft abgebrochen ist; denn aus dem Magen fließt Chylus, aus den Därmen Kot ab. Bisweilen fällt auch Netz oder Darm vor; bei Verwundung der Blase entleert sich Urin.” — Die Lehre von den Frakturen und Luxationen ist mit außerordentlicher Gründlichkeit, im Anschluß an Hippokrates, Soranos und Galenos dargestellt, doch weicht Paulos von seinen großen Vorgängern in manchen wesentlichen Punkten ab. Soranos hatte acht Varietäten der Schädelverletzungen unterschieden, darunter auch die Fraktur durch Contrecoup, die letztere wurde aber von Paulos geleugnet. Auch gibt er für die Ausführung der Trepanation einige vom Herkommen abweichende Vorschriften. Eingehend schildert er die Frakturen der Nase, des Unterkiefers, des Schlüsselbeins, der Skapula, des Sternums, der Rippen, der Extremitätenknochen u. s. w. und überall werden detaillierte Angaben über die Lagerung, Verbände, Schienen etc. gemacht. Dabei zeigt sich, daß der Standpunkt der Hippokratiker von den Neueren in mancher Hinsicht verlassen oder modifiziert worden war. So z. B. wurden Schienen gleich beim ersten Verbande angelegt, nicht, „wie es die Alten taten,” erst nach einer Woche. In der Besprechung der komplizierten Frakturen wird erwähnt, daß Hippokrates die Reposition hervorstehender Fragmente für gefährlich hielt, „doch,” setzt Paulos hinzu, „die Zeit hat inzwischen dargetan, daß das Verfahren bisweilen von Erfolg ist.” Nach seiner Ansicht sind Schienen auch bei mit Wunden komplizierten Brüchen nicht zu entbehren, während „andere” z. B. bei der komplizierten Unterschenkelfraktur eine hölzerne oder tönerne Hohlschiene gebrauchten. Die Luxation definiert er als das Herausfallen eines Gliedes aus seiner Gelenkhöhle nach einer ungewohnten Stelle, wodurch die willkürliche Bewegung gehindert wird. Im Gegensatz zu Hippokrates, dem er in der Lehre von den Verrenkungen vorzugsweise folgt, rät er auch dann, wenn die Luxation mit Wunden kompliziert ist, zur baldigen Vornahme der Reposition, allerdings mit Auswahl der Fälle.
Operationen am Kopfe und Halse. Vortreffliche Beschreibung der Trepanation (mittels des Perforativtrepans), Indikation geben namentlich Schädelverletzungen; bei Hydrencephalocele verwirft Paulos ihre Anwendung. Die plastischen Operationen zur Deckung der Defekte sind nach Galenos und Antyllos dargestellt, ebenso die zur Behebung des „Ankyloglosson” vorzunehmende Durchtrennung des Zungenbändchens. Die Tonsillotomie soll erst nach dem Aufhören der Mandelentzündung ausgeführt werden (als Instrument diente das mit einer schneidenden Krümmung versehene Ankylotom). Fremdkörper (z. B. Fischgräten) entfernte man mit einer Art Schlundzange oder durch einen, an einem Faden befestigten Schwamm, den der Patient verschlucken mußte. Bei der Exstirpation von Drüsenanschwellungen am Halse, die recht sorgfältig geschildert ist, wird besonders vor Verletzung der Karotiden und der Nervi recurrentes gewarnt. Paulos überliefert uns die Vorschrift des Antyllos über die Ausführung des Luftröhrenschnittes (vgl. Bd. I, S. 404), die Stelle lautet: „Wenn wir dazu schreiten, werden wir unterhalb des Kehlkopfes, etwa am zweiten oder dritten Ringe, einen Teil der Luftröhre durchschneiden, denn sie ganz zu durchschneiden, würde gefährlich sein. Diese Stelle ist nämlich zweckmäßig, weil sie ohne Weichteile ist und weil die Gefäße entfernt von der Durchschneidungsstelle gelegen sind. Indem wir also den Kopf des Patienten nach hinten beugen, damit die Luftröhre deutlicher sichtbar werde, machen wir einen queren Einschnitt zwischen zwei Ringen derart, daß nicht der Knorpel getrennt wird, sondern die die Knorpel verbindende Membran. Wenn jemand bei der Operation etwas zaghaft ist, mag er die Haut trennen, nachdem er sie mit einem Haken angespannt hat, und mag darauf, wenn er auf die Luftröhre gekommen ist, indem er die Gefäße zur Seite schiebt, den Schnitt machen” (Paulos VI, 33). Unser Autor fügt zu dieser Beschreibung noch folgendes hinzu: „So verfuhr Antyllos, indem er die Luftröhre für eröffnet hielt, wenn die Luft aus derselben mit einiger Gewalt ausströmte und die Stimme verloren war. Sobald die Erstickungsgefahr vorüber ist, wendet man, nach Anfrischung der Wundränder, die Naht an, indem man jedoch bloß die Haut ohne den Knorpel näht und vereinigende Mittel anwendet.” (l. c.)
Operationen am Thorax. Exstirpation der hypertrophierten männlichen Brustdrüse, Kauterisation des Carcinoma mammae oder Exstirpation desselben (mit nachfolgender Kauterisation). In der chirurgischen Therapie des Empyems scheut Paulos vor der Rippenresektion, ja sogar schon vor der einfachen Eröffnung zurück, statt dessen empfiehlt er die Kauterisation mit der in Oel getauchten und im Feuer erhitzten Wurzel der Osterluzei an bestimmt angegebenen Stellen des Thorax.
Operationen am Unterleibe. Applikation des Glüheisens bei Leberabszeß, bei Milzleiden, bei chronischen Magenkatarrhen auf der Haut über den betreffenden Organen. Die Parazentese bei Ascites geschieht in der Weise, daß man mit der Spitze eines sehr spitzigen Messers einen Einschnitt in die Bauchwand macht, etwas oberhalb desselben das Instrument durch das Peritoneum einstößt, sodann wird durch die beiden Wunden hindurch eine bronzene Röhre, welche ähnlich den Schreibrohren zugeschnitten ist, eingeführt; das Wasser wird durch die Röhre aber nicht vollständig abgelassen. Hämorrhoiden können durch Kauterisation des ligierten Knotens oder (nach der Methode des Leonides) dadurch beseitigt werden, daß man sie zuerst mit einem quetschenden Instrument anhaltend komprimiert und dann abschneidet; in der Beschreibung des Operationsverfahrens bei Mastdarmfisteln (geknöpftes Fistelmesser des Leonides) erwähnt Paulos das Spekulum (ὁ ἑδροδιαστολεὺς, τὸ μικρὸν διόπτριον). Im Anschluß an die Vorgänger entwickelt Paulos die Lehre von den Hernien, als deren Ursache allen alten Aerzten Zerreißung oder Verlängerung des Bauchfells galten; es ist stets nur von Nabel-, Skrotal- und Inguinalbrüchen die Rede. Zur Behebung dienen dreieckige Pelotten und lokale Applikation von adstringierenden Substanzen oder die Radikaloperation (bei Skrotalhernien entfernt er jederzeit auch die Hoden!); Verschluß der Bauchfellwunde durch eine X-förmige Naht; nach der Operation mußten die Kranken sieben Tage lang, täglich fünf warme Bäder zur Verhütung der Entzündung gebrauchen. Operation der Hydrokele (Exzision der Tunica vaginalis mit nachfolgender Naht nach Antyllos), der Varicokele, des Scrotum pendulum etc., des Hermaphroditismus, der Hypospadie, der Phimose u. a. Kastration (mittels Zerquetschung oder Exstirpation). Von größtem Interesse sind die eingehenden Beschreibungen, welche sich bei Paulos über den Katheterismus und den Steinschnitt finden (Kap. 59 und 60). „Indem wir einen dem Alter und Geschlecht angepaßten Katheter auswählen, treffen wir die zu dessen Gebrauche erforderlichen Vorbereitungen. Dieselben bestehen im folgenden: Wir binden um ein Stückchen Wolle in der Mitte einen leinenen Faden und führen mittels einer Binse den Faden durch die Höhlung des Katheters bis zu dem an seinem Ende angebrachten Fenster, schneiden darauf das Ueberschüssige von der Wolle ab und tauchen den Katheter in Oel. Nachdem wir den Patienten auf einen kleinen Stuhl sich haben setzen lassen, ergreifen wir den Katheter, führen ihn zuerst gerade bis zur Wurzel des Penis und ziehen darauf den letzteren aufwärts nach dem Nabel hin, denn an dieser Stelle ist der Blasenkanal gekrümmt, und schieben sodann den Katheter in dieser Weise vor. Wenn er am Perineum in die Nähe des Afters kommt, müssen wir wieder das Glied, mit dem darin liegenden Instrument, abwärts in seine natürliche Stellung bringen, denn vom Perineum an erstreckt sich der Blasenkanal aufwärts; wir schieben darauf den Katheter vor, bis er in die Höhle der Blase gelangt. Wir ziehen sodann den im Katheter liegenden Faden an, damit der von der Wolle angezogene Urin nachfolge, wie dies bei den Hebern der Fall ist. Dies ist die Art der Einführung des Katheters. Da wir jedoch häufig, wenn die Blase geschwürig ist, dieselbe ausspülen müssen, machen wir, wenn Ohrenspritzen im stande sind, die Injektion zu bewirken, von denselben auf die angegebene Weise Gebrauch. Wenn dies aber nicht möglich ist, so befestigen wir an dem Katheter eine Rindsblase und machen durch jenen die Einspritzung.” Die Lithiasis ist bei Paulos unter den Krankheiten der Harnwerkzeuge (Lib. III, Kap. 45) beschrieben. Kleine Steine wurden durch Urethrotomie entfernt. Die Ausführung des Steinschnittes geschah folgendermaßen: „Wenn wir zur Operation schreiten, wenden wir zuerst das Schütteln an, sei es durch Mitwirkung von Gehilfen, sei es, daß der Patient selbst von einer Höhe herabspringt, damit der Stein in den Blasenhals hinabfalle. Wir bringen darauf den Patienten in eine Stellung, wie ein aufrecht Sitzender, in dem er seine Hände unter seine eigenen Oberschenkel legt, damit die Blase auf einen kleinen Raum zusammengedrängt werde. Wenn wir nun bei dem äußeren Zufühlen finden, daß der Stein infolge des Schüttelns bis zum Perineum herabgetreten ist, schreiten wir sofort zur Operation; wenn er aber nicht herabgetreten ist, führen wir den Zeigefinger der linken Hand, sobald der Patient ein Kind ist, oder auch den Mittelfinger bei einer älteren Person, mit Oel bestrichen, in den After ein, suchen mit den rückwärts gebogenen Fingern nach dem Steine und bringen ihn, wenn wir ihn gefunden haben, nach und nach in den Blasenhals, wo wir ihn festhalten, und drängen mit dem Finger oder den Fingern den so fixierten Stein nach außen, indem wir einem Gehilfen anbefehlen, die Blase mit den Händen hinabzudrängen, und einen anderen Gehilfen anweisen, mit seiner rechten Hand die Hoden hochzuhalten und mit seiner linken das Perineum nach der entgegengesetzten Seite von derjenigen zu spannen, wo der Schnitt gemacht werden soll. Wir selbst ergreifen das sogenannte Lithotom und machen zwischen dem After und den Hoden, jedoch nicht in der Mitte des Perineums, sondern auf der Seite, nach der linken Hinterbacke zu, einen schrägen Schnitt, indem wir auf den darunter gelegenen Stein einschneiden, derart, daß der äußere Schnitt weiter ist, der innere aber nicht größer, als daß der Stein durch denselben hindurchfallen kann, denn in der Tat wird manchmal durch den Druck der Finger oder des Fingers im Mastdarm zugleich mit dem Schnitt und ohne Extraktion der Stein leicht herausgedrängt; kommt er jedoch nicht von selbst heraus, ziehen wir ihn mit Hilfe des Steinausziehers aus.”