Geburtshilfe und Gynäkologie. Embryulcie und Embryotomie, Extraktion des toten Fötus, Lösung der Placenta. Die Wendung auf den Kopf wird nicht ausdrücklich, die Wendung auf die Füße nicht mit klaren Worten erwähnt — ein Umstand, der in der Folgezeit, bei der unbestrittenen Autorität des Paulos, das Verschwinden dieser wichtigen Operationen aus der Geburtshilfe verschuldete. Die Indikationen für die Zerstückelungsoperationen sind viel oberflächlicher als von Soranos und selbst von Aëtios angegeben. Bei Menstruationsanomalien auch Allgemeinbehandlung. Gegen Hysterie Binden der Glieder, gegen Nymphomanie Abtragung der Klitoris. Differentialdiagnostische Unterscheidung der Carcinoma uteri von der chronischen Metritis. Kondylome der weiblichen Genitalien etc. Im Absatz über die Abszesse am Muttermunde wird die Lagerung der Patientin bei gynäkologischen Operationen und die Anwendungsweise des Schraubenspekulums beschrieben: „Um zu operieren, wird die Frau auf einem Stuhle hintenüber gelagert, mit nach dem Bauche zurückgeschlagenen Beinen, die Oberschenkel voneinander entfernt. Ihre Vorderarme werden in die Kniekehlen gebracht und aneinander mit Schlingen befestigt, die am Nacken aufgehängt sind. Der auf der rechten Seite sitzende Operateur untersucht mit einem dem Lebensalter der Patientin entsprechenden Spekulum. Der Untersuchende muß mit einer Sonde die Tiefe der Scheide der Frau messen, damit nicht, wenn der Körper des Spekulums zu groß ist, die Gebärmutter gedrückt werde, und wenn man ihn größer findet als die Scheide, sind Kompressen auf die Schamlippen zu legen, damit sich das Spekulum auf sie stützen kann. Man führt den Körper des Spekulums mit nach oben gerichteter Schraube ein, und während das Spekulum selbst von dem Operateur gehalten wird, wird von dem Gehilfen die Schraube umgedreht, um durch Entfernung der Blätter derselben die Scheide zu erweitern” (Lib. VI, 73).

Augenheilkunde. Die Darstellung des Paulos gewährt einen erschöpfenden Einblick in das Wissen und Können der Alten auf diesem Gebiete. Vgl. die Zusammenstellung der wichtigsten Abschnitte und deren deutsche Uebersetzung in J. Hirschbergs Geschichte der Augenheilkunde (Leipzig 1899) S. 370 ff. Weit mehr als die Angaben über die Kauterisation des Kopfes, Arteriotomie hinter den Ohren oder an den Schläfen, Hypospathismus (Unterminierung der Stirnhaut mit einer besonderen Spatel), Periskyphismus (Hautschnitt von einer Schläfe zur anderen)[22] — Verfahren, welche von der Humoralpathologie diktiert wurden — interessieren die Beschreibungen der Operationsmethoden bei Trichiasis, Ektropium, der Balggeschwülste, der Lidverwachsung, des Flügelfells, des Staphyloms und die Staroperation[23]. Was die letztere anlangt, so handelt es sich nur um die Depression (nicht um die Extraktion). „Wir setzen den Kranken ins helle Licht, aber aus der Sonne, verbinden sorgfältig das gesunde Auge, ziehen die Lider des kranken auseinander und nehmen von dem Hornhautrand nach dem Schläfenwinkel einen Abstand, so groß wie die Breite eines Sondenknopfes und markieren hier mit dem Knopf der Starnadel den Einstichspunkt. Dann drehen wir das Instrument wiederum und stoßen die Spitze der an ihrem Endstück abgerundeten Nadel kräftig an der markierten Stelle hinein, bis wir in den Hohlraum des Auges gelangen. Das Maß des Eindringens in die Tiefe ist der Zwischenraum zwischen dem Rande der Pupille und dem der Hornhaut. Nun führen wir die Starnadel nach oben zum Scheitel des Stars (man sieht aber das Metall ganz deutlich wegen der Durchsichtigkeit der Hornhaut) und versenken mittels derselben den Star in die Tiefe des Augengrundes. Ist derselbe sofort niedergedrückt, so warten wir ruhig einen Augenblick. Steigt er aber wieder auf, so drücken wir ihn noch einmal nieder. Nach der Versenkung des Stars ziehen wir behutsam die Nadel unter Drehbewegungen heraus” (Lib. VI, 21).

Otiatrie. Beseitigung der Atresie des äußeren Gehörganges mittels Durchtrennung und Exstirpation der verschließenden Membran oder Fortnahme der Wucherung. Entfernung von Fremdkörpern mit Ohrlöffel, Haken, Pinzette, durch Schütteln des Kopfes, durch Ansaugen mit einer Röhre, durch Erregen des Niesens mit nachfolgender Verschließung der Nase und des Mundes, eventuell durch Inzision hinter dem Ohrläppchen.

Rhinologie. Kauterisation bösartiger Nasengeschwülste, Abtragung der Nasenpolypen (Erweiterung des Nasenloches mit der linken Hand; der Polyp wird an der Ursprungsstelle in der Nase umschnitten und nach Umkehrung des Instrumentes mit dessen löffelähnlichem Teile ausgezogen. Wenn die in die Nase eingespritzte Flüssigkeit nicht am Gaumen in den Pharynx gelangt und es klar ist, daß in der Gegend des Siebbeins im obersten Teile der Nase sarkomatöse Massen sich befinden, fädelt man einen ziemlich starken schnurähnlichen Faden, der auf 2-3 Fingerbreite mit Knoten versehen ist, in das Oehr einer mit zwei Knöpfen versehenen Sonde ein und führt das andere Ende der Sonde in die Nase und durch die Choanen in den Mund, ergreift die Schnur mit beiden Händen und durchsägt mittels der Knoten sozusagen die fleischigen Massen. Während der ganzen Nachbehandlung werden bleierne Röhren in die Nase eingeführt).

Eine der letzten Leistungen der alexandrinischen Schule (im Beginne des 7. Jahrhunderts) war die Aufstellung eines Kanon der galenischen Schriften, der „sechzehn Bücher” des Galenos[24] — das Gegenstück zu einem ähnlichen Kanon von zwölf Schriften des Hippokrates. In der Gelehrtenkommission, welche die kanonische Auswahl vornahm, ragte insbesondere Joannes von Alexandria (Joannes Alexandrinus grammaticus s. medicus) hervor; derselbe verfaßte zu den „sechzehn Büchern” des Galenos, sowie zu einzelnen hippokratischen Schriften (de natura pueri, Epidem. VI) Kommentare (vgl. Dietz, Apollonii Citiensis etc. scholia in Hipp., Königsberg 1834), die sehr lange in hohem Ansehen standen[25]. In dieselbe Zeit (nach anderer Meinung aber schon ins 5. Jahrhundert) verlegt man gewöhnlich auch die „Medizinischen Pandekten” des Arztes und Presbyters Ahron von Alexandria, in welchen die Blattern beschrieben wurden; von den Pandekten (sie bestanden aus 30 Abteilungen und wurden ins Syrische und Arabische übersetzt) ist nur das Fragment einer arabischen Uebersetzung übrig geblieben.

Meletios, ein phrygischer Mönch, Verfasser der Schrift περὶ τῆς τοῦ ἀνθρώπου κατασκευῆς (ed. in J. A. Cramers Anecdota graeca, Oxford 1836, Bd. III, lat. Uebersetzung von Nicol. Petreïus Corcyraeus, Meletii philosophi de natura structuraque hominis opus, Venet. 1552) dürfte im 7. oder 8. Jahrhundert gelebt haben. Die Schrift über den Bau des Menschen verrät den naturphilosophischen Theologen und reiht sich den Abhandlungen des Gregorios von Nyssa (deutsche Uebersetzung von F. Oehler, Leipzig 1859) und Nemesios (vgl. S. 78-79) an. Abgesehen davon, daß Meletios eigener Erfahrung gänzlich entbehrte und bei seiner literarischen Sammelarbeit vorwiegend sekundäre Quellen benützte, lieferte er keine systematische Anatomie, sondern wählte nur solche anatomische Kapitel aus, die sich für physiologisch-psychologische Auseinandersetzungen im Sinne des religiös gefärbten Zweckmäßigkeitsgedankens verwerten ließen.

Dem 8. Jahrhundert gehört ein dem Archiater Joannes zugeschriebenes Rezeptbuch an, welches handschriftlich vorhanden ist und den Titel θεραπευτικαὶ καὶ ἰατρεῖαι συντεθεῖσαι παρὰ διαφόρων ἀνδρῶν ἰατρῶν κατὰ τὴν ἐκτεθεῖσαν ἀκολουθίαν τοῦ ξενῶνος führt. Es enthält Rezepte für alle Krankheiten und ist sprachlich wegen der vulgären pathologischen Benennungen von Interesse (vgl. Daremberg, Notices et extraits, Paris 1853).

Schriftsteller des 9.-12. Jahrhunderts.

Der unter dem Kaiser Theophilos (829-842) lebende Iatrosophist Leon schrieb ein medizinisches Kompendium Σύνοψις ἰατρική und nach Art des Meletios eine (handschriftlich erhaltene) Abhandlung σύνοψις εἰς τὴν φύσιν τοῦ ἀνθρώπου.

Die σύνοψις ἰατρική (ed. in Ermerins Anecdota graeca, Leyden 1840), ein kurzgefaßtes Handbuch der Medizin in sieben Büchern, enthält manches Bemerkenswerte. Insbesondere verdient der Umstand Erwähnung, daß in der Darstellung der Therapie auch der Chirurgie in bedeutendem Ausmaß Rechnung getragen wird (z. B. Operation der Nasenpolypen, Resektion der Tonsillen, operative Beseitigung der Mastdarmfisteln und Kondylome, Punctio abdominis). Leon bespricht die Sehnen- und Muskelzerreißung, zeigt in der Augenheilkunde einige Selbständigkeit (Empfehlung von Bädern und Diät bei Phthisis bulbi statt der Kollyrien, der ἁπλοτομία-Schnitt an der Bindehautseite des Lidrandes bei Trichiasis, Paracentese beim Star u. a. Erwähnung des Trachoms, des Blutergusses in die Bindehaut, der „Anschoppung” des Sehnerven, wobei die Kranken nicht sehen, obwohl sie am Auge selbst nichts haben, Differentialdiagnose des Stars gegenüber dem Mückensehen), auch gedenkt er der Perkussion des Abdomens (bei Tympanitis und Askites) und des beim Oedem stehen bleibenden Fingerdruckes.