Der gelehrte Patriarch von Konstantinopel Photios (ca. 820-891) berücksichtigte in seinem berühmten literarhistorischen Werke „Bibliothek” oder Myrobiblion (ed. J. Bekker, Berlin 1824) auch die medizinischen Autoren (mit kritischen Rezensionen versehene Exzerpte); besonders wichtig sind die Auszüge aus Dioskurides, Oreibasios, Aëtios.

Angeregt durch den Kaiser Konstantin Porphyrogennetos (912-959), welcher auf verschiedenen Wissensgebieten enzyklopädische Exzerptensammlungen herstellen ließ, (z. B. die Geoponika), verfaßte Theophanes Nonnos ein medizinisches Kompendium Ἐπιτομὴ τῆς ἰατρικῆς ἁπάσης τέχνης, auch kurz ἰατρικὸν genannt (Theophanis Nonni epitome de curatione morborum graece et latine recens. J. Steph. Bernard, Gotha u. Amsterdam 1794-95). Dieses Opus stellt ein Gemenge von kritiklos aneinandergereihten Auszügen aus den älteren Sammelwerken (Oreibasios, von dem sogar die Vorrede entlehnt ist, Aëtios, Alexandros, Paulos) dar. Die Krankheitsbeschreibung und Pathologie steht im Hintergrunde, die Chirurgie ist beinahe gänzlich übergangen; die medikamentöse Therapie, ziemlich den ganzen Arzneischatz umfassend, ohne ernstere Indikationsstellung zusammengewürfelt, macht die Hauptsache aus. Immerhin finden sich in dem Werke manche interessante Einzelheiten. Angenehm fällt es auf, daß Theophanes Nonnos die dämonistische Aetiologie der Epilepsie in Abrede stellt und auch sonst einigermaßen vom Aberglauben des Zeitalters frei bleibt. Er verfaßte außer seinem Hauptwerke noch eine kurze Abhandlung über Fieber, ferner eine Diätetik und ein Arzneibuch εὐπόριστα (handschriftlich erhalten).

Keinesfalls vor das 10. Jahrhundert ist die merkwürdige Pulslehre des Mönches Merkurios (Μερκουρίου μοναχου ἀναγκαιοτάτη διδασκαλία περὶ σφυγμῶν bei Ideler II) zu setzen, welche sich durch äußerste Spitzfindigkeit auszeichnet. Der Puls soll an der rechten Handwurzel des Kranken mit vier Fingern der rechten Hand palpiert werden; der Pulsschlag unter den einzelnen Fingern wird nach seiner Völle, Härte, Gleichförmigkeit und Frequenz beurteilt und deutet auf bestimmte Organe, so daß man mit dem Zeigefinger Leiden des Kopfes, mit dem Mittelfinger Leiden der Brust, des Magens und der Milz, mit dem Ringfinger Leiden des Darms, der Milz und der Blase, mit dem Kleinfinger Leiden der unteren Extremitäten nachweisen kann. Es braucht wohl nicht gezeigt zu werden, wie sehr dieses System an die chinesische Pulsuntersuchungsweise erinnert[26].

In das 10. oder 11. Jahrhundert gehört die Schrift des Damnastes περὶ κυουσῶν καὶ βρεφῶν θεραπείας (Handschrift in der Laurentiana zu Florenz).

(Konstantin, oder nach dem Mönchsnamen Michael) Psellos, der bedeutendste Mann des 11. Jahrhunderts (2. Hälfte), wirkte als ὕπατος τῶν φιλοσόφων an der Akademie in Konstantinopel und schrieb in der Weise der Polyhistoren zahlreiche Werke über Theologie, Jurisprudenz, Philologie, Archäologie, Geschichte, Naturwissenschaft, Alchemie, Mathematik, Astronomie u. a. Seine stärkste Seite liegt in der Form (Rhetorik) und in der Erneuerung des Platonismus, wodurch er seine Zeitgenossen aus dem Banne der Scholastik zu lösen suchte. Auch das Interesse für Naturforschung wußte er zu beleben, freilich im Sinne einer phantastischen an die Mystik anknüpfenden Naturphilosophie. Von den zahlreichen, unter seinem Namen (zum Teil wohl fälschlich) gehenden Schriften kommen nicht wenige auch für die Medizin in Betracht. Gedruckt sind folgende: Διδασκαλία παντοδαπή ═ allerlei Lehre, eine allgemeine Enzyklopädie, auch Physiologisches enthaltend (ed. in Fabricius Biblioth. graeca V), περὶ διαίτης (lat. Uebersetzung Basel 1529 und 1557), περὶ λίθων δυνάμεων ═ über die Kräfte der Edelsteine (mit lat. Uebersetzung, ed. Bernard, Leyden 1795), πόνημα ἰατρικὸν ἄριστον δι' ἰάμβων (med. Lehrgedicht, von welchem 1373 Verse vorhanden sind), περὶ λοῦτρου ═ über das Bad (sämtlich in Idelers Phys. et med. graeci minor.), περὶ τοῦ πῶς αἱ συλλήψεις γίνονται ═ über die Konzeptionen (Kap. 1 u. 5 in Fabricius Bibl. gr. V, die übrigen vier Kapitel ed. von Ruelle in Ann. de l'Assoc. pour l'encouragement des Etudes grecques en France 1879), περὶ καινῶν ὀνομάτων τῶν ἐν νοσήμασιν (med. Lexikon ed. F. Boissonade in Anecdot. graec. I, Paris 1829), περὶ ἐνεργείας δαιμόνων ═ über die Wirkung der Dämonen (ed. Boissonade, Nürnberg 1838). Handschriftlich sind vorhanden: die alphabetische Sammlung über die Kräfte der Nahrungsmittel ═ σύνταγμα ἐκλεγὲν ἀπὸ ἰατρικῶν βιβλίων καὶ ἐκτεθὲν κατὰ στοιχεῖον περὶ δυνάμεως τροφῶν καὶ τῆς ἐξ αὐτῶν ὠφελείας καὶ, ferner „Fragen und Antworten über medizinische Gegenstände”, eine Sammlung „medizinischer Grundsätze”, ein Hausarzneibuch. Die Frage, ob alle der erwähnten Schriften oder welche von ihnen mit Sicherheit dem Psellos zuzusprechen sind, harrt noch der Lösung.

In der Διδασκαλία παντοδαπή wird nach dem Muster der pseudoaristotelischen προβλήματα eine Reihe von physiologischen Fragen abgehandelt, z. B. die Lehre von den Temperamenten, die Theorie des Sehens (Vermischung des inneren und äußeren Lichtes), die Möglichkeit, nach Belieben männliche oder weibliche Kinder zu erzeugen, die Ursache des Heißhungers etc.

In περὶ λίθων δυνάμεων ist die Heilkraft der Steine besprochen. Der Achat heilt das Fließen der Augen, den Kopfschmerz, die Wassersucht und unterdrückt die Menstruation; Amethyst die Trunksucht und den Kopfschmerz; Bernstein Urinbeschwerden, Fieber und „Magenflüsse”, auch stärkt er die Sehkraft; Beryll beseitigt Krämpfe, Augenentzündungen und Gelbsucht; Diamant das Fieber; Jaspis die Epilepsie; Magneteisenstein die Melancholie; Sardonyx (Karneolart) heilt das Fließen der Augen, verhindert (im Gürtel um den Leib getragen) die Frühgeburt; Smaragd wirkt zerrieben gegen Augenleiden, innerlich gegen Aussatz und Blutflüsse u. s. w.

Simeon Seth[27], Zeitgenosse des Psellos, benützte die Schriften desselben als Vorlage für die eigene enzyklopädische Vielschreiberei. Dies zeigt namentlich die Vergleichung seines medizinischen Hauptwerkes Σύνταγμα κατὰ στοιχεῖον περὶ τροφῶν δυνάμεωνAlphabetische Sammlung über die Heilkräfte der Nahrungsmittel (ed. Langkavel, Leipzig 1868) mit der ähnlich betitelten Schrift des Psellos. Außerdem verfaßte er Abhandlungen über physiologische Fragen φιλοσοφικὰ καὶ ἰατρικά (über Geruch, Geschmack und Gefühl, bei Ideler), über den Harn, über Diätetik, eine Schrift gegen die philosophischen Theorien Galens (alles bloß handschriftlich erhalten), ferner ein lateinisches Lexikon, eine Geschichte der Tiere, eine Erd- und Himmelskunde, auch übersetzte er ein arabisches Traumbuch ins Griechische. — Sowohl bei Psellos als bei Simeon zeigt sich schon deutlich arabischer Einfluß.

Die Schrift des Simeon über die Heilkräfte der Nahrungsmittel (inklusive der Gewürze und Brechmittel nach den Mahlzeiten) stützt sich nicht bloß auf griechische Vorarbeiten (Hippokrates, Theophrastos, Dioskurides, Rhuphos, Galen, Oreibasios, Aëtios, Paulos u. a.), sondern zieht auch die persische, arabische und indische Materia medica heran, weshalb sie für das Studium der Beziehungen zwischen morgen- und abendländischer Medizin von größtem Werte ist. So werden hier erwähnt: Kampfer (καφουρά, bei entzündlichen Affektionen und zur Herabstimmung der Geschlechtslust verwendet), Moschus (bei Schwächezuständen), Ambra (als stärkendes Mittel), Gewürznelke, Muskatnuß, Haschisch, Sirupe (z. B. Veilchenwurz gegen Brustleiden), mehrere Bereitungen von Julep. Auch sonst trifft man in der Schrift manche interessante Bemerkungen über die Wirkung gewisser Nahrungsmittel, wobei wirkliche Erfahrungen zu Grunde liegen, wiewohl die Theorie auf der galenischen Elementarqualitätenlehre mit ihren graduellen Abstufungen basiert.

Aus dem Ende des 11. Jahrhunderts stammt die Sammlung chirurgischer Schriften (Hippokrates, Apollonios von Kittion, Soranos, Ruphos, Galenos, Oreibasios, Paulos, Palladios), welche Niketas veranstaltete und große Bedeutung für die Geschichte der antiken Chirurgie besitzt; eine Florentiner Handschrift enthält kolorierte Abbildungen. Gedruckt sind bisher daraus die Abhandlungen des Soranos und des Oreibasios über Knochenbrüche (griechisch-lateinische Ausgabe von A. Cocchi, Graecor. chirurgici libri, Florenz 1754) und der Kommentar des Apollonios von Kittion über Luxationen und deren Reposition (Schöne, Apollonius von Kittium, Leipzig 1896).