Wahrscheinlich von Stephanos Magnetes rührt das alphabetische Arzneibuch her, welches in der Wiener Handschrift fälschlich die Namen des Dioskurides und Stephanos von Athen trägt (lat. Uebersetzung Alphabetum conpiricum ed. Casp. Wolph, Zürich 1581). Die Krankheiten sind darin alphabetisch geordnet, und auf die Namen einer jeden folgen die entsprechenden Mittel. Unter diesen finden sich manche, welche erst unter dem Einfluß der Araber in die griechische Medizin aufgenommen wurden.

Schriftsteller des 13.-15. Jahrhunderts.

Demetrios Pepagomenes, Leibarzt des Kaisers Michael VIII. Palaiologos (1261-1281), verfaßte mehrere Spezialschriften, von denen nur zwei auf uns gekommen sind, eine tierärztliche (über die Ernährung und die Krankheiten der Jagdfalken) und eine andere über die Gicht (σύνταγμα περὶ τῆς ποδάγρας, ed. J. St. Bernard, Leyden 1743; lateinisch in der Sammlung des Stephanus) in 46 Kapiteln. Der Verfasser zeigt sich hierin als rationeller Beobachter und vorsichtiger Therapeut, getreu dem in der Vorrede ausgesprochenen Grundsatze: „ὁ γὰρ ἄριστα διαγνοὺς, ἄριστα καὶ θεραπεύει.” Seine Vorbilder sind Hippokrates, Galenos, Alexandros von Tralles und Paulos. Im Bestreben, die Krankheitslehre auf die Kenntnis der Lebensvorgänge zu stützen, wählt Demetrios die Lehre von der Ernährung zum Ausgangspunkt und findet den Hauptfaktor der Gicht in einer Retention von krankhaften Auswurfstoffen (περιττώματα). Die Gicht ist also eine Diathese, welche den ganzen Körper ergreift, die Symptome erklären sich aus der Bewegung (dem Fluß, ῥευματισμός) der Auswurfstoffe nach den geschwächten Teilen (vorzugsweise Gelenken) und aus der Ablagerung (vgl. hierzu Paulos S. 122); auch innere Organe, Herz, Leber und Gehirn, können von dem Leiden befallen werden. Ohne von den hergebrachten Theorien (Ausartung der schädlichen Säfte in Galle etc., vgl. Alexandros von Tralles S. 118) abzuweichen, unterläßt es Demetrios doch, über die Beschaffenheit der zu Grunde liegenden Dyskrasie spitzfindige Spekulationen anzustellen, hingegen legt er den Nachdruck auf die Aetiologie und Therapie. Da die Gicht ursprünglich durch Fehler der Lebensweise hervorgerufen werde — das Leiden pflanze sich hereditär in ganzen Familien fort — so kann der Krankheit nur durch ein diätetisches Regime, welches allerdings, wie er sagt, leicht anzuempfehlen, aber schwer zu befolgen ist — vorgebeugt werden, unterstützend wirke auch die prophylaktische Anwendung von Brechmitteln oder gelinden Abführmitteln (allmonatlich); bei Anfällen verordnete er Emetika, stärkere Laxantia (darunter die erst von den Arabern eingeführte Senna), sowie darauffolgend Molkenkur, Klysmen, bei Vollblütigen aber nur beim ersten Anfalle vorsichtige Venäsektion an der leidenden Seite (wenn der ganze Körper schon von Säfteverderbnis ergriffen sei, schade der Aderlaß, weil durch denselben die schädlichen Säfte zu den leidenden Stellen hingetrieben würden). Wie die meisten Vorgänger verbot er den Weingenuß, vom Fasten dagegen versprach er sich keinen Nutzen, weil es die Säfteverderbnis begünstige, und zu den vielerlei äußeren Linderungsmitteln (z. B. Mohnsaft mit Safran) nahm er nicht früher Zuflucht, als bis schon eine genügende Entleerung erfolgt war.

Ueber die prophylaktische Diät bei Gicht schrieb in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts Joannes Chumnos (Δίαιτα προφυλακτικὴ εἰς ποδάγραν, ed. Fr. Boissonade in Anecdota Nova, Paris 1844).

Nikolaos Myrepsos (μυρεψός ═ unguentarius), welcher am Hofe des Kaisers Joannes Dukas Vatatzes (1222-1255) zu Nicäa als ἀκτουάριος lebte, verfaßte eine berühmt gewordene Rezeptsammlung, das Δυναμερόν. Nach dem Berichte eines Zeitgenossen zeichnete er sich zwar als Praktiker aus, entbehrte aber höherer Bildung. Er sammelte eine Unmasse von Arzneiformeln — die meisten scheint er während seines Aufenthalts in Alexandrien, woher er stammte, und in Italien kennen gelernt zu haben — und veröffentlichte dieselben als Greis (etwa 1270-1290) in seinem Antidotarium (der Originaltext ist bis jetzt ungedruckt, lateinische Uebersetzung mit Kommentar von Leonhard Fuchs, Basel 1549 u. ö., auch in Stephanus, Medicae artis principes, Paris 1567). Es enthält 2656 Vorschriften, welche in 48 Abschnitten angeordnet sind. Die Titel derselben lauten in der lateinischen Uebersetzung folgendermaßen: Antidota; Sales; Unguenta; Apomeli et Apophlegmatismi (Hydromel, Masticatoria); Bechica; Glandes et Epomphalia (äußere Abführmittel in Form von Nabelpflastern); Muliebria et linguae mala; Drosata (Sirupe); Stomachica et Dysenterica; Emplastra; Epithemata (Bähungen); Hedrica (Suppositorien); Eligmata (Linctus); Anthelmintica; Errhina (Niesemittel); Olea; Enemata; Smegmata; Zulapia et Decocta; Hepatica et Hemicranica; Suffimenta; Theriaca; Hierae; Collyria; Pasmata sive Inspersilia (Streupulver); Unctiones purgantes; Purgatoria et Condita; Purgantia eligmata; Cerata; Cataplasmata colica et cephalica; Pilulae; Lexopyreta (allgemeine Fiebermittel) et Lichenica; Malagmata et Unguenta; Nardina, Nephritica, Nomas sanantia, Abstersoria; Pulveres; Oxymelita, Oxyporia, Confectiones vini; Pessa; Propomata ad alopecias; Zulapia etc.; Satyriaca, Sapones, Sinapismi; Pastilli, Hypoglottides, Aquae etc.; Somnifera; Aquae, Diuretica, Uterina; Pediculos, lentigines etc. amolientia; Fissuras labiorum et strumas sanantia; Scabiem sanantia et Psilothra (Enthaarungsmittel); Auricularia. Das Arzneibuch des Nikolaos bildet für sich eine Pharmakopöe, welche aus griechischen, lateinischen und arabischen Autoren geschöpft ist. Von mineralischen Mitteln kommen Salmiak und Kochsalz in verschiedenartigen Verbindungen mit Pflanzenmitteln vor, das Quecksilber in Form von Salben gegen Hautaffektionen (Krätze). Der arabische Einfluß macht sich stark fühlbar — Moschus, Kampfer, Senna, Ambra u. a. bilden den Bestandteil vieler Arzneikompositionen, doch wird der Destillation nirgends gedacht. Sehr zahlreich sind die Antidota mit hochtrabenden Namen (z. B. Athanasia, A. isotheos, miranda, aphrastos, isochrysos, Mysterium etc.), die Besprechungsformeln und abergläubischen Gebräuche; Abortivmittel sind weggelassen.

Der letzte hervorragende byzantinische Arzt, Joannes Aktuarios[28], Sohn des Zacharias (Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts), ein Schüler des Philosophen Rakendytes, verfaßte mehrere verdienstvolle Werke, welche in ihrer Diktion edle klassische Bildung, in ihrem Inhalt eine, mit selbständiger Kritik und Eigenerfahrung gepaarte, erschöpfende Literaturkenntnis verraten. Das Hauptwerk, Θεραπευτικὴ μέθοδος, zeigt, daß Joannes, geleitet von hippokratischem Geiste, in der Behandlungsweise nach Individualisierung strebte, die einfachen, milden Heilstoffe soweit als möglich den üblichen Arzneimischungen oder drastischen Mitteln vorzog[29] und daß er auf dem Wege unbefangener Beobachtung manche wertvolle klinische Erfahrung zu machen verstand. Die Theorie ist zwar im wesentlichen galenisch, doch suchte Joannes — wie dies namentlich aus der Darstellung der Pulslehre hervorgeht — die allzugroße Weitschweifigkeit und damit verknüpfte Unklarheit des Pergameners zu überwinden. Ueber die immer mehr beliebt gewordene Uroskopie schrieb er eine, später als grundlegend und klassisch angesehene, Monographie in sieben Büchern περὶ οὔρων, worin aber — im Gegensatz zur herrschenden Strömung — der Harnschau keineswegs der Wert eines diagnostischen Universalmittels beigelegt ist, sondern immer auch auf die Bedeutung der übrigen Untersuchungsmethoden verwiesen wird[30]. Seiner ganzen Richtung nach, wie schon aus dem Hauptwerke hervorgeht, schloß sich Joannes am meisten der Schule der Pneumatiker an[31]; von ihren Grundsätzen konnte er namentlich in der Psychologie und Psychopathologie (von welcher sich der philosophisch geschulte Arzt wohl ganz besonders angezogen fühlte) Gebrauch machen; die Frucht seiner einschlägigen Forschungen bildet die, auch praktisch bemerkenswerte, aus zwei Büchern bestehende Schrift περὶ ἐνεργειῶν καὶ παθῶν τοῦ ψυχικοῦ πνεύματος καὶ τῆς κατ' αὐτὸ διαίτης über die Funktionen und krankhaften Störungen des Seelengeistes und die darauf bezügliche Diät.

Joannes war ein Vorbote jener Renaissance, welche der Medizin nach einigen Jahrhunderten beschieden sein sollte.

Joannes Aktuarios schrieb außer den oben genannten Werken noch über den Aderlaß, über Dysurie und Lebensordnung, über Gewichte, ferner Kommentare zu den hippokratischen Aphorismen und zu aristotelischen Büchern. In Idelers Phys. et med. gr. minor. sind die Originaltexte der sieben Bücher περὶ οὔρων, der beiden ersten Bücher der Θεραπευτικὴ μέθοδος, Methodus medendi, περὶ διαγνώσεως παθῶν und der Schrift περὶ ἐνεργειῶν περὶ ἐνεργειῶν καὶ παθῶν τοῦ ψυχικοῦ πνεύματος καὶ τῆς κατ' αὐτὸ διαίτης enthalten. Im 16. Jahrhundert wurden lateinische Uebersetzungen (zuerst der beiden letzten, dann aller sechs Bücher) des Methodus medendi, der Monographien über den Harn und über den Seelengeist veranstaltet, vgl. Opera omnia, Paris 1556 (Lugd. 1556) und die Sammlung des H. Stephanus, Medicae artis principes etc.

Die Schrift über den Harn verwertet mit besonnener Kritik die Beobachtungen des Hippokrates und Galenos, die Vorarbeiten des Magnos und Theophilos (vgl. S. 120, 121), enthält aber außerdem viele eigene Erfahrungen des Verfassers; die Theorie, auf welcher seine Uroskopie fußt, ist die galenische. Der Harn ist die Kolatur des Blutes und wird aus der unteren Hohlvene ausgeschieden[32], aus seiner Beschaffenheit lasse sich daher ein Rückschluß auf die Veränderungen des ganzen Blutes bei Krankheiten machen. Die Veränderungen, welche der Harn durch die besonderen Affektionen einzelner Organe erleidet, erklären sich aus der Sympathie. Joannes unterscheidet wie Theophilos (vgl. S. 121) zahlreiche Farben des Harns, er beobachtet den Bodensatz, das Enäorem[33], die Wolke und zieht aus den oft sehr subtilen Wahrnehmungen seine Schlüsse im Sinne der Humoralpathologie. Das Harngefäß soll aus weißem Glase verfertigt und zur genaueren Bestimmung in elf Grade eingeteilt sein. Der Bodensatz nimmt die vier untersten Grade ein, das Enäorem den sechsten, siebenten und achten, die Wolke den zehnten und elften; der fünfte und neunte bilden die Zwischenräume zwischen Bodensatz und Enäorem, bezw. zwischen diesem und der Wolke. Vgl. die vorhergehende Zeichnung S. 135.