Aus byzantinischer Zeit sind noch andere Abhandlungen über den Harn auf uns gekommen, so die Schriften des Joannes Tzetzes, des Syrers Isaak Taxeotes (handschriftlich) und mehrere anonyme oder pseudonyme (vgl. Ideler, Phys. et med. gr. minor. II).
Das Hauptwerk „μέθοδος θεραπευτική” schrieb Joannes zunächst zum Gebrauche seines ehemaligen Mitschülers Apokauchos, als dieser als Gesandter zu den hyperboräischen Skythen (Russen) ging. Das erste und zweite Buch enthält eine allgemeine Diagnostik, verbunden mit einer kurzen Uebersicht über die Erkrankungen der einzelnen Organe und Systeme. Das dritte Buch handelt von der Venäsektion und Arteriotomie, den Klysmen, Suppositorien, Einspritzungen, Gurgelungen, Purganzen, Bädern, von der Diät und der Fieberbehandlung. Das vierte Buch stellt ein Kompendium der speziellen Pathologie und Therapie dar. Die beiden letzten sind der Arzneimittellehre gewidmet, die sich vorteilhaft von der des Myrepsos unterscheidet. Die Chirurgie ist nur ganz spärlich vertreten; die Augenheilkunde zeichnet sich durch Genauigkeit aus (Text und deutsche Uebersetzung des einschlägigen Abschnittes in J. Hirschberg, „Die Augenheilkunde bei den Griechen”, Arch. f. Ophth. 1887); so kennt Joannes das früh durch Angewöhnung, das durch Kontraktur entstandene, endlich das angeborene Schielen.
Hervorzuheben wäre es, daß Joannes die Lokalisationslehre des Poseidonios in dem psychiatrischen Abschnitte seines Werkes benützt, den Tetanus auf Säfteandrang zum Rückenmark zurückführt, die bei Vergiftung mit Bleiglätte auftretende Kolik kennt und zuerst den Peitschenwurm (Trichocephalus dispar) erwähnt. Die Pulslehre bearbeitete Joannes im Sinne Galens, doch weit übersichtlicher. Was seine Therapie anlangt, so wendete er sich gegen den Gebrauch der drastischen Abführmittel (ausgenommen Aloë), an deren Stelle die zwei Arten der Myrobalane, Senna, Manna u. a. traten (äußerlich ließ er mit Euphorbiumsalbe Einreibungen der Fußsohle zum Zwecke des Purgierens machen, als Brechmittel verordnete er auch Zäpfchen aus Nieswurz); wie die Vorgänger verordnete er Pfeffer in Wechselfiebern, Schwefel bei Brustleiden, Mohnsaft bei Dysenterie und bei chronischer Bronchitis, Moschus gegen Herzklopfen. Von der Venäsektion glaubte er, daß sie nicht bloß Plethora, sondern auch die Verderbnis der Säfte beseitigen könne, auch nahm er den Aderlaß bei den einzelnen Affektionen an bestimmten Stellen vor, z. B. bei Kopfleiden am Oberarm, bei Brustleiden an der Ellenbogenbeuge, bei Milz- und Leberleiden am Unterarm oder an der Hand. Gewöhnlich bevorzugte er derivatorische Aderlässe, die revulsorischen nur in bestimmten Fällen (z. B. am Fuße bei Kopfleiden, am Arm bei Entzündungen der Geschlechtsteile); bei Pleuritis empfahl er die Venäsektion auf der leidenden Seite.
Die Hauptsätze der Psychophysik des Joannes Aktuarios sind folgende: Das Göttliche im Menschen, die Seele, ist einfach und mit vielen Kräften begabt, körper- und gestaltlos. Das Organ der Seele ist das Pneuma, und dieses macht den wesentlichsten Teil des in der sinnlichen Welt lebenden Menschen aus. Das πνεῦμα φυσικόν wird aus der Nahrung in der Leber bereitet und vermittelt das Begehrungsvermögen; dasjenige Pneuma, welches durch die untere Hohlvene ins Herz gelangt, wird dort zum Lebensgeist, πνεῦμα ζωτικόν, umgewandelt und verbreitet sich auf dem Wege der Arterien im ganzen Körper. Die höchste Umwandlung erfolgt im Gehirn, wo der Seelengeist, das πνεῦμα ψυχικόν, entsteht. So wie sich der Saft der Pflanzen in allen Teilen verändere, so erleide auch das Pneuma in den einzelnen Teilen des Körpers Umwandlungen, und seine verschiedenen Verrichtungen werden durch den verschiedenen Bau der Organe bedingt, ähnlich wie das Licht die Farbe des von ihm durchschienenen Glases annehme. Die Sinnestätigkeit, welche durch das Pneuma vermittelt wird, erklärt Joannes nach der Emanationstheorie des Empedokles (vgl. Bd. I, S. 158), zum Beweise, daß beim Sehen aus dem Auge Pneuma ausströmt, wird das Glänzen der Augen bei vielen Tieren, die Erweiterung der Pupille beim Schließen des anderen Auges, das Funkensehen bei mechanischer Reizung angeführt. Als Geistestätigkeiten unterscheidet er die Wahrnehmung (αἴσθησις), die Einbildungskraft φαντασία), das Urteilsvermögen (μέρος δοξαστικόν), den Verstand (διάνοια) und die Vernunft (νοῦς). Die Vernunft nimmt die höchste Stelle ein und ist am wenigsten mit dem Pneuma verbunden, die Einbildungskraft ist den höheren Seelenkräften untergeordnet. (In der Seele der Tiere dagegen, welche sich hauptsächlich durch den Mangel einer Vervollkommnungsfähigkeit von der menschlichen unterscheide, bilde die Einbildungskraft den vornehmsten Teil.) Wiewohl Joannes das Verhältnis der Einbildungskraft zum Gedächtnis treffend erläutert, lokalisiert er doch mit Poseidonios die erstere in die vordere, das letztere in die hintere Hirnhöhle, und während er der Vernunft die mittlere zum Sitze anwies, blieb er in Ungewißheit, welche Hirnteile vom Urteilsvermögen und vom Verstande eingenommen werden. — Im zweiten Buche der Schrift werden die Einflüsse der Lebensweise (Nahrung, Getränke, Schlaf, Leibesbewegung, Bäder u. s. w.) besprochen.
Aus dem 15. Jahrhundert stammt eine ganz kurze griechische Aufzählung der Körperteile Ἑρμενεία τω̄ν τοῡ σώματος μερω̄ν von Georgius Sanguinaticius (mit dem Beinamen Hypatus), welcher um 1450 lebte, römischer Konsul und lateranensischer Graf war. Ausgabe und lateinische Uebersetzung in Anonymi Introductio anatomica graece et latine, cum notis Dn. W. Trilleri et J. St. Bernardi, Lugd. Batav. 1744.
Hygienisch-diätetische Schriften. Ὑγιεινὰ παραγγέλματα ═ Gesundheitsvorschriften (früher dem Asklepiades oder dem Oreibasios zugeschrieben), ed. Bussemaker in Poetae bucolici et didactici, Paris 1851; griech. Text in 83 jambischen Versen mit lat. und deutscher metr. Uebersetzung von v. Welz unter dem Titel „Des Asklepiades von Bithynien Gesundheitsvorschriften”. Ein aus 21 Versen bestehendes Fragment Ἀσκληπιαδῶν ὑγιεινὰ παραγγέλματα bei Ideler (Phys. et med. gr. minor. I). — περὶ τροφῶν ═ über die Nahrungsmittel, dem Kaiser Konstantinos Pogonatos (668-685) gewidmet, Fragment, ed. Ermerins in Anecdota med. gr., Leyden 1840. — Dem Wiener Kodex des Dioskurides und der zweiten Aldine des Dioskurides, Venet. 1518, beigefügt ist ein griechisches Lehrgedicht über die Heilkräfte der Pflanzen (ed. M. Haupt im Index lectionum Berolinens, a. 1873/74). — περὶ τὰ ἐν πυθίοις θερμά ═ über die Pythischen Heilquellen, Gedicht des Paulus Silentiarius (ed. in Boissonade's Ausgabe des Anakreon, Paris 1831). — Aristotelis Epistola ad Alexandrum Magnum de conservatione sanitatis (alte ital. Uebersetzung in F. Puccinoti, Storia della medicina, Florenz 1870, Bd. II) geht auf ein byzantinisches Original zurück. — περὶ τῶν δώδεκα μηνῶν τοῦ ἐνιαυτοῦ ὁποίαις δεῖ χρῆσθαι τροφαῖς ἑνὶ ἑκάστῳ αυτῶν καὶ ἀπὸ ποίων ἀπέχεσθαι, ed. Fr. Boissonade in Anecdota graeca, Paris 1831, Bd. III und bei Ideler l. c. I. Aehnliche diätetisch-hygienische Vorschriften für die einzelnen Monate existieren in zahlreichen Codices. — Mehrere medizinische Kalender bei Ideler l. c. II. — περὶ καταρχῶν ═ de actionum auspiciis, Gedicht des Maximus, ed. Bussemaker (in Poet. bucolici et didactici, Paris 1851), enthält einen Abschnitt über den Einfluß der Konstellationen und die Wahl der Aderlaßtage.
Populäre Arzneibücher ═ ἰατροσόφια (zumeist in vulgärgriechischer Sprache), welche oft die Namen berühmter Verfasser (z. B. Blemmydes, Johannes von Damaskos, Psellos) tragen, ebenso Schriften magisch-medizinischen Inhalts (Astrologie, Beschwörungsformeln, Gebete gegen bestimmte Krankheiten etc.) sind handschriftlich in großer Menge vorhanden; vgl. hierzu K. Krumbacher, Geschichte der byzantinischen Literatur, München 1897.
Uebersetzungen. Synesios übersetzte von dem Reisehandbuch „Zad al Mosafer” des arabischen Arztes Dschafer Ahmed ben Ibrahim el Dschezzar unter dem Titel Ἐφόδια τοῦ ἀποδημοῦντος zwei Bücher ins Griechische; das erste handelt über Fieber (ed. St. Bernard, Amsterdam und Leyden 1749). Eine vollständige griechische Uebersetzung wird dem Constantinus Rheginus oder Memphites zugeschrieben. Georgios Choniates übersetzte ein persisches Werk über Gegengifte ins Griechische (handschriftlich erhalten).
[1] Die Akademie in Konstantinopel wurde (als Gegengewicht gegen das heidnische Athen) von Theodosius II. gegründet, während des Bilderstreits geschlossen, sodann seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts allmählich wiederhergestellt.
[2] Schon die Beschäftigung mit Tiersektionen konnte bei dem damals im Volke herrschenden Aberglauben in den Verdacht der „Zauberei” bringen.