Tief im Süden des Indischen Ozeans, auf jenen Breiten, wo der weite Weg nach Australien durch die Kugelform unserer Erde verkürzt wird und meistens günstige, westliche Winde die Fahrt eines Schiffes beschleunigen, zog im Jahre 1884 einsam ein deutsches Barkschiff seines Weges dem fernen Ziele entgegen.
Monde waren hingegangen, ehe mit Hülfe wechselnder Winde der Atlantische Ozean von Nord bis Süd durchzogen war; die Hälfte des nahezu 14000 Seemeilen langen Weges, von der deutschen Küste bis zu den Gestaden Australiens, war ungefähr zurückgelegt, als der Längengrad vom Kap der guten Hoffnung 18° 29' Ost von Greenwich auf etwa 44° Süd Breite passirt wurde und das schöne Passatwetter, das bis zu der Insel Tristan d'Acunha vorherrschend gewesen, überging zu kühlerem und unfreundlicherem. Der Winter war auf der südlichen Halbkugel hereingebrochen; je tiefer südlich das Schiff vor umlaufenden westlichen Winden lief, desto kälter, ungemüthlicher wurde das Wetter.
Hohe schaumgekrönte Wogen, die zischend längs den Borden des in bewegter See schwer rollenden Schiffes aufliefen und im wilden Wettlauf dieses überholten, fegten, vom Winde gepeitscht, ihren Gischt über das Deck. Kurz waren die Tage und nur selten blickten aus dem drohenden Gewölk, wenn es plötzlich zerrissen erschien, ein belebender Sonnenstrahl; die tiefe Bläue des Himmelsgewölbes Tage und Tage lang nicht gesehen, war dann für den einsam auf dem Weltmeer Hinziehenden ein Hoffnungsschimmer.
Endlos scheint der Ozean, kein Schiff, kein Segel auf der weiten, wildbewegten Wasserwüste ist zu entdecken, ebenso einsam scheint der gewaltige Meerbewohner, der Walfisch, durch die Fluthen zu ziehen, der von Zeit zu Zeit die warme Athemluft aus seinem einfachen oder doppelten Spritzloch hervorstößt, um darauf, so lange es ihm an der Oberfläche gefällt, wieder frische Luft in die Lungen einzuziehen. In der kälteren Atmosphäre verdichtet sich die ausgestoßene feuchte Athemluft und bleibt um so länger sichtbar, je kälter die Temperatur auf der Oberfläche des Meeres ist. Mächtige Thiere sind es, in den sich überstürzenden Wogen kaum sichtbar, ihre Größe läßt sich nur ungefähr schätzen, wenn kurz nach dem Sichtbarwerden des Wasserdampfes das Thier in die Tiefe schießt und über die Wogenkämme emporragend, der Schwanz durch die Fluthen peitscht.
Die Habsucht des Menschen hat in wenigen Jahrzehnten ungezählte Schaaren dieser nützlichen Thiergattung vernichtet, selten findet man heute noch eine Anzahl der mächtigen Thiere beisammen, die einsam über die gewaltige Meerestiefe hinziehen, welche einst von Abertausenden belebt war, denen sie reiche Nahrung geboten.
Wind und Wogen sind in den Monaten Juli und August auf diesen südlichen Breiten meistens immer im Aufruhr; so setzte diesmal auf der Höhe der Krozet-Inseln ein äußerst schwerer, westlicher Sturm ein. Das Schiff, von den Fittichen des Windes getrieben, floh vor der brüllenden, wilden See; aber ob auch den Masten die denkbar größte Last aufgebürdet wurde, mußten doch nach und nach mit der wachsenden Kraft des Sturmes die Segel gekürzt werden und acht Tage lang lief das Schiff, während in der Luft die schwarzen Wolkenmassen dahinjagten wie ein gehetztes Wild, vor seinen dichtgerefften Sturmsegeln dahin, von den Wellen geschoben, die Bergen gleich von hinten heranrollten und deren Schaumkronen sich vernichtend über das in allen Fugen erzitternde Schiff ergossen. Uebermächtig war die Gewalt der Elemente, und hätte es ohne große Gefahr für Schiff und Mannschaft geschehen können, so würde der wilde Lauf vor solcher gefährlichen See durch Beidrehen an den Wind aufgegeben worden sein.
Jedoch ein guter Renner war die Bark, saß ihr auch die wilde See drohend und verderbenbringend auf den Fersen, die sie, tief ins Wogenthal getaucht, kaum abzuschütteln vermochte, so hob sie sich doch immer wieder siegreich empor, hinjagend durch Nacht und Schrecken.
Weit über den 80. Längengrad hinaus führte der erlahmende Sturm das wackere Schiff und mit von Norden bis Süd-Westen umspringenden steifen Winden wurde nach monatelanger Fahrt wieder Land, die Südküste Australiens, gesichtet.
Im sicheren Hafen von Melbourne, jener jungen, aufblühenden Stadt der Paläste — australischen Goldfeldern und dem Strome des Edelmetalls, der hier sich staute, verdankt sie ihr schnelles Wachsthum — wurde, um die werthvolle Ladung zu entlöschen, wochenlang Rast gehalten.