Das Goldfieber, das schon viel Tausende zur Pflichtverletzung trieb, übte auch auf die Mannschaft des deutschen Schiffes seinen verderblichen Einfluß aus, und die Hälfte derselben folgte dem lockenden Rufe nach goldenen Schätzen, den gewissenlose Agenten ertönen ließen. Gleich vielen anderen folgten die Bethörten und vertauschten den harten Seemannsberuf mit dem eines Diggers, um unter Entbehrungen, in harter Arbeit, fern in den wegelosen Steppen des wasserarmen Innern Australiens nach den begehrlichen Schätzen der Erde zu graben.

Bitter Enttäuschte, die viel ärmer als sie einst ausgezogen, zur Küste zurückgekehrt waren und nur von Hunger, Durst und schlimmen Erfahrungen zu erzählen wußten (kaum daß sie im Stande gewesen, das äußerst theure Leben in der Wildniß zu fristen, so wenig hold war ihnen das Glück gewesen, so spärlich nur hatten sie Gold gefunden), ersetzten zum Theil die Flüchtigen. Froh noch konnte mancher Schiffsführer sein, wenn es ihm gelang, mit Angehörigen anderer Nationen sein Schiff wieder zu besetzen, da fast ohne Ausnahme jedem, wenn nicht die ganze, so doch ein Theil der Schiffsbesatzung entlaufen war. So mußten denn ebenfalls auf dem deutschen Schiffe Norweger, Schweden oder Engländer als Ersatz mit landesüblicher hoher Löhnung angenommen werden und das Kommando, sonst im biederen Plattdeutsch geführt, machte nothgedrungen dem englischen Platz.

Das Schiff, auf welchem sich der Schreiber dieser Zeilen als Reisender befand, war gleich vor Beginn der Fahrt nach den Samoa-Inseln im Stillen Ozean bestimmt, und Ende Oktober des Jahres 1884 lichteten wir die Anker, um von Melbourne weiter die Fahrt nach Apia fortzusetzen. Widrige Winde in der Baßstraße, zwischen dem Festlande von Australien und der Insel Tasmanien, unfreundliches Wetter mit kalten Regenschauern erschwerten das Aufkreuzen in derselben, bis nach Tagen schließlich raumer Wind das Passiren der in dem östlichen Theile dieser Straße liegenden Inseln und Felsenrocks möglich machte.

Als wir dann den freien Ozean gewonnen hatten, war es nothwendig, möglichst weit nach Osten aufzusegeln, und selbst als wir dicht unter der Nordspitze von Neu-Seeland gekommen waren und die drei König-Inseln sichteten, wurde noch immer der Kurs mehr östlich als nördlich gehalten, damit, wenn wir die Region des Süd-Ost-Passatwindes erreicht hätten, mit freiem Winde nordwärts gesteuert werden konnte. Schon auf der Höhe der Kermadec-Inseln wurde das Schiff von Windstillen befallen, die zeitweilig, von schweren Regenböen unterbrochen, nur ein sprungweises Vorwärtskommen gestatteten, bis auch dieser Gürtel unbeständiger Winde passirt war und auf etwa 25° S. Br. der Passatwind kräftig einsetzte.

Jetzt hatte die langdauernde Stille, bei der die Segel in eintöniger Weise an die Masten klappten, auf einmal ein Ende; die spiegelglatten Fluthen des Ozeans durch aufspringende Böen zeitweilig aufgeregt, sprangen übermüthig die Schaumkronen der Wellen an der Bordwand des Schiffes empor, das unter voller Segelkraft mit schneller Fahrt dahineilte.

Als wir östlich von den Tonga- (Freundschafts-) Inseln nordwärts steuerten, war das erste Land, welches in Sicht kam, die Insel Niue, aber zwei Tage später schon tauchte am Horizonte des tiefblauen Tropenhimmels die gebirgige Inselmasse der Samoagruppe klar und deutlich empor, immer höher aus den Fluthen des im Sonnenglanze blinkenden Meeres aufsteigend, je näher sich beflügelten Laufes das Schiff seinem endlichen Ziele näherte.

Zur Rechten die Insel Tutuila mit ihren zerrissenen Bergen, einst thätigen Vulkanen, hebt sich zuerst, wenn man der Straße zwischen der Insel Upolu und Tutuila zusteuert, die über 30 Seemeilen breit ist, die mächtige Bergmasse aus den blauen Fluthen des Ozeans, während die langgestreckte Insel Upolu, massiver und höher, aus der Ferne wie in weißen Nebel getaucht erscheint, über der die blauen Bergkuppen vereinzelt emporragen. Immer deutlicher jedoch tritt auch hier das Unterland hervor, und die hochragenden Kronen der Kokospalmen, einen Kranz um alles sichtbare Land bildend, erscheinen wie ein endloser Wald, der sich längs dem Ufer hinstreckt. Sobald auch die Ufer ganz sichtbar geworden, zieht sich weit von Land ein weißer Silbergürtel hin, erzeugt durch die das Ufer umsäumenden Korallenriffe, an welchen sich wilddonnernd die ziemlich bewegte See unablässig bricht.

Ein eigenartiges Bild blühender Tropenlandschaft bietet das Ganze, man fühlt sich unwillkürlich versucht, anzunehmen, unter diesem blauen Himmelsdome, unter den im Winde wogenden Palmenkronen müsse ein ewiger Friede wohnen, müsse die Natur ein Paradies geschaffen haben.

Vorüber ziehen an der Ostseite der nach dem Innern immer höher sich aufthürmenden Berge dieser Insel, die mächtigen abgesprengten Rocks gleichenden Inseln Nuulua und Nuutele, und weiter, sobald nach Nord-Westen das Auge wieder den freien Ozean erblickt, die riffumkränzte Insel Fanuatapu. Wenn diese umsegelt ist, läuft das Schiff vor dem Winde nahezu westwärts längs der von Korallenriffen reinen Küste, und nur die reiche Tropenwelt vom Strande aufwärts bis zu den sanften Höhen zeigt sich im ewig grünen Schmucke, kein kahles Gestein wird sichtbar, dicht mit Busch und Wald scheint Thal und Hügel bedeckt — als ein gesegnetes Land hebt sich diese Insel aus der Tiefe des mächtigen Ozeans. Hin und wieder treten zwischen den hohen Stämmen der schlanken Palmen am Strande wie dunklere Punkte die Hütten der Eingebornen, am steilen Ufer erbaut, von der grünschimmernden See ab, ebenso gleitet zeitweilig über eine tiefere Bucht ein Kanoe eilend hin, von kräftigen Armen vorwärts getrieben, obschon von den Insassen bei so großem Abstande nichts Genaues zu sehen ist.

Ist man zwölf Seemeilen längs der Nord-Ostküste gesegelt, so öffnet sich hinter der Nannivi-Spitze der Hafen von Falisa, von hier aber läuft an der Küste weiter ein mächtiges Korallenriff, an dessen Kante die See schäumt und brandet. Das Land erhebt sich im Innern der Insel höher und höher, über die welligen Bergmassen ragt der Berg Fao spitz empor; ein Bergrücken durchschneidet die ganze Insel von Ost bis West, dessen einzelne Ausläufer nur hier und dort bis an die Küste vordringen.