Es gibt aber auch nicht wenige Fälle, wo es nur so scheint, als ob das Kind bereits krank und minderwertig geboren worden wäre und in Wahrheit seine Krankheit oder Minderwertigkeit auf Schädigungen beruht, die es erst nach der Geburt in seiner frühesten Kindheit erfahren hat. Es ist wichtig, diese Dinge zu unterscheiden, da sie beim Abschluß der Ehe und bei der Kindererzeugung berücksichtigt werden müssen.

Was die im eigentlichen Sinn vererblichen Fehler und Mängel des Keimplasmas anbelangt, so ist zunächst zu sagen, daß es eine Reihe von Bildungsfehlern gibt, die bei sonstiger normaler Beschaffenheit von Generation auf Generation, manchmal mit Überspringung einzelner Glieder der Kette, vererbt werden. Zum Teile sind sie ganz geringfügig und nicht beachtenswert, z. B. Muttermale oder Vertauschung von rechts und links bei der Lagerung der Eingeweide. Viel bedeutungsvoller ist die Vererbung von schlechter, zu Zahnfäule (Karies) neigender Zahnbeschaffenheit, von Kurzsichtigkeit, Farbenblindheit und anderen Fehlern des Auges, von gewissen Formen unheilbarer, fortschreitender Schwerhörigkeit, die Vererbung überzähliger Finger und Zehen, der Hasenscharte (gespaltene Oberlippe oder Oberkiefer), des Wolfsrachens (gespaltener Gaumen), von Mißbildungen der Finger und der Hände. Höchst ungünstig für die Nachkommenschaft ist die vererbliche Verkümmerung der Brustdrüse, wegen der damit verbundenen Unfähigkeit zum Stillen. Ein anderer böser ererbter Bildungsfehler ist die sog. Bluterkrankheit oder Hämophilie. Die geringste Verletzung kann beim „Bluter“ fast unstillbare Blutverluste und selbst den Tod durch Verblutung herbeiführen.

Höchst merkwürdig ist bei dieser glücklicherweise seltenen Krankheit, daß sie nur bei den männlichen Nachkommen auftritt und nur durch die selbst gesund bleibenden weiblichen Nachkommen vererbt wird. Diese Latenz (das Verborgenbleiben) der Erbeigenschaften in den weiblichen Gliedern eines Familienstammes kommt übrigens auch bei anderen krankhaften sowie bei lebensnützlichen Anlagen (Talenten) vor; geradeso, wie Frau und Mann gewisse Besonderheiten der Merkmale des anderen Geschlechtes (z. B. des Bartwuchses, der Form und Größe der Brüste) verborgen auf ihre Söhne bzw. Töchter vererben.

Auf vererblichen Fehlern der Keimstoffe beruht ferner die Neigung der Mitglieder mancher Familien zu gewissen Stoffwechselkrankheiten, wie namentlich zur Gicht, zur Fettsucht, zur Zuckerharnruhr; die Neigung zu gewissen langwierigen Hautkrankheiten, insbesondere zu den sog. Flechten. Auch gewisse Erkrankungen des Herzens und der Blutgefäße, die zum Schlagflusse führen, scheinen auf erblicher Grundlage zu entstehen.

Allgemein bekannt ist es endlich, daß in einzelnen Familien die Neigung zu Geisteskrankheiten und nervösen Leiden mannigfacher Art sich forterbt. Dabei ist bemerkenswert, daß die Art des Nervenleidens bei den verschiedenen Familiengliedern sehr verschieden sein kann. Einige zeigen reizbare Schwäche oder Exzentrizität in ihren Meinungen und Neigungen, jähen Wechsel ihrer Stimmung, andere leiden an Krämpfen, Lähmungen, Epilepsie; neben eigentlichen Geisteskrankheiten treten Hysterie, Hypochondrie, Trunksucht, Neigung zu geschlechtlichen Ausschweifungen, zu Selbstmord, zu Verbrechen auf. Das Vererbte ist eine abnorm leichte Störbarkeit und Verwundbarkeit des Nervensystems. Welche Krankheit sich dann tatsächlich entwickelt, scheint bis zu einem gewissen Grade vom „Zufall“ abzuhängen. Nach neueren Forschungen ist es aber gewiß, daß es verschiedenartige krankhafte Veranlagungen des Nervensystems gibt, z. B. besondere Anlagen zu Verrücktheit, zu Epilepsie usw. Ein erheblicher Bruchteil der Nachkommen pflegt übrigens selbst bei schwerer Belastung von wirklicher Erkrankung freizubleiben, und bei manchen Arten solcher Vererbungen können neben der fehlerhaften Anlage hohe geistige Begabung, Talent, Schwung und Tatkraft einhergehen. Bei schwerster Belastung zeigen einzelne Familienglieder auch körperliche Bildungs- und Entwicklungsfehler (die sog. Degenerationszeichen).

Viel häufiger als eine solche begrenzte Fehlerhaftigkeit der Keime, die sich in bestimmten Bildungsfehlern und Krankheitsanlagen der im übrigen vielleicht völlig gesunden und kräftigen Nachkommen äußert, ist ihre Minderwertigkeit und Schwächlichkeit im ganzen, wie sie in der Lebensschwäche und kümmerlichen körperlichen, intellektuellen und moralischen Entwicklung des Kindes und in seiner Kränklichkeit, d. h. seiner geringen Widerstandsfähigkeit gegen äußere Schädlichkeiten, zutage tritt.

Diese Lebensschwäche der Keime kann wieder etwas sein, was schon von den Vorfahren ererbt ist. Meistens aber ist sie erst die Folge der ungünstigen Bedingungen, unter denen die Keime im Körper der Eltern gewachsen sind.

So ist die Schwächlichkeit der Kinder nicht selten einfach auf das unpassende Alter der Eltern zurückzuführen. Nur innerhalb einer gewissen Lebensperiode steht die Keimbildung auf voller Höhe. Kinder zu junger Eltern (Mutter unter 20, Vater unter 24 Jahren) sind nicht selten lebensschwach und sterben daher zahlreicher schon im ersten Lebensjahr wieder ab. Es kommen bei ihnen auch häufiger als sonst Bildungsfehler, wie Hasenscharte, Wolfsrachen, Idiotie, vor, zum Zeichen, daß die Keimstoffe der Jugendlichen häufiger nicht allein weniger kräftig, sondern auch mit Fehlern behaftet sind. Bemerkenswert ist auch, daß jugendliche Mütter verhältnismäßig häufig Zwillinge gebären. Sie teilen diese Eigenschaft mit den älteren Frauen. Wie die zu jungen gebären zu alte Frauen häufiger lebensschwache Kinder. Auch Idiotie kommt unter den Kindern von Frauen über 40 Jahre häufiger vor als unter solchen von Frauen in der Vollkraft. Ebenso wie höheres Alter der Mutter wirkt das des Vaters (über 50 Jahre) im Durchschnitt nicht günstig.

Ungünstig auf die Produktion der Keimstoffe wirken schlechte äußere Lebensbedingungen, wie unzureichende Ernährung, körperliche Überanstrengung durch Arbeit, durch geschlechtliche Exzesse beim Manne, zu zahlreiche und zu rasch aufeinanderfolgende Schwangerschaften bei der Frau, ungünstiges Klima (Aussterben der europäischen Familien in den Tropen) und anderes.