Im vorhergehenden Kapitel ist es mir vor allem darum zu tun gewesen, dem Leser zu zeigen, daß die aufeinanderfolgenden Generationen aufs allerengste miteinander verknüpft sind. Geformte Teile des elterlichen Körpers haben sich losgelöst und setzen in dem neuen Gebilde, das wir Individuum nennen, das Leben fort, das sie im elterlichen Körper geführt haben. Das Neue an dem neuen Individuum ist nur, daß eine neue Mischung von Lebendigem erfolgt ist. Wir sind, wenigstens den Anlagen nach durchaus, körperlich und geistig, die Geschöpfe unserer Eltern und Ahnen. In dem elterlichen Chromatin, in dem Keimplasma oder Idioplasma, wie es auch genannt wird, ist unsere ganze Organisation vorherbestimmt. Durch das Keimplasma ist vorherbestimmt gewesen, daß wir Angehörige der Spezies Mensch geworden sind; von ihm hängen die Farbe unserer Haut, die Beschaffenheit unserer Haare, der Bau des Schädels und alle anderen Eigentümlichkeiten der Menschenrasse ab, die wir an uns tragen, alle Eigentümlichkeiten unseres Volksstammes innerhalb der Rasse; innerhalb der Eigentümlichkeiten des Volksstammes wieder alle Besonderheiten der Familie und alles mit der Individualität unserer Eltern Übereinstimmende in uns. Die Farbe unserer Augen, die Gestalt der Nase, des Mundes, der Ohren, die Statur, der Gang, die Gebärde, die Sprechweise, die geistige Begabung, der Charakter, das Talent und Temperament, kurz alles ist hier im Keimplasma in der Hauptsache schon festgelegt, so groß und wichtig auch die äußeren oder „Umwelts“-(„Milieu-“)Einflüsse sind, die die Keime während ihrer Entwicklung und bis zu ihrer Vereinigung und das Individuum nach der Vereinigung der elterlichen Keime treffen.
Wenn trotzdem selbst die Kinder gleicher Eltern in der Regel untereinander verschieden sind und nicht selten sogar sehr auffällige Unterschiede zeigen, so rührt dies — wenn wir von der merkwürdigen, noch nicht genügend aufgeklärten Tatsache der sog. Mutation, d. h. des plötzlichen Neuauftretens oder Verlustes einer vererbbaren Eigenschaft oder Anlage in einem Individuum, hier absehen — hauptsächlich von zwei Umständen her. Erstens davon, daß kaum jemals die Bedingungen, unter denen sich zwei Individuen entwickeln, ganz gleich sind und die Verschiedenheit der Lebensbedingungen bei gleichen Anlagen Verschiedenheiten des Aussehens und der Leistungen der Individuen herbeiführt (Modifikation, Lebenslage-Variation). Zweitens aber — und dies ist viel wichtiger! — davon, daß kaum jemals die Kinder desselben Elternpaares tatsächlich gleiche Anlagen erhalten.
Die Keimstoffe sind nämlich nichts Einheitliches! Die Erbmasse ist ein Konglomerat (Zusammenballung) einer ungeheuren Anzahl einzelner Anlagen (Erbeinheiten), welche in hohem Maße unabhängig voneinander vererbt werden. Wir haben gehört, daß bei der Reife der Keimzellen die Hälfte der Chromosomen und des Chromatins ausgestoßen wird. Bei dieser Ausstoßung trennen sich die zusammengehörigen väterlichen und mütterlichen Anlagen voneinander, und nur eine von ihnen bleibt in der reifen Keimzelle zurück (z. B. die Anlage zu brauner Augenfarbe, die etwa vom Vater ererbt war, oder die Anlage zu blauer, die von der Mutter ererbt war). Es ist aber rein zufällig, welche von diesen beiden Anlagen im einzelnen Falle zurückbleibt. Da es sich dabei um eine ungeheuere Zahl von Anlagenpaaren handelt, ist es klar, daß auf diese Weise eine ungeheuere Zahl von Kombinationen (Zusammenstellungen) der Anlagen bei der Reifung der Keimzellen entstehen muß; sowohl bei denen des Mannes wie bei denen der Frau. Und wieder ist es völlig dem Zufall anheimgegeben, welche von diesen verschiedenartigen Keimzellen des Vaters und der Mutter bei der einzelnen Befruchtung gerade zusammentreffen! Und nun wirken diese neukombinierten zusammengehörigen Anlagen wieder in verschiedener Weise aufeinander, mischen sich in einem Falle in ihrer Wirkung, während in einem andern Falle die eine die andere völlig unterdrückt!
Alle diese Umstände müssen bewirken, daß fast niemals zwei Individuen einander ganz gleich werden; müssen jene Unterschiede alles Geborenen in bezug auf Gestalt, Körperkraft, Gesundheit, Begabung, Tatkraft herbeiführen, die zwar im Vergleiche zu dem Übereinstimmenden klein, trotzdem aber für Wert und Schicksal des Individuums entscheidend sind!
Wie weit die Abhängigkeit der Beschaffenheit der Nachkommen von der Beschaffenheit der elterlichen Zeugungsstoffe geht, wird durch nichts klarer bewiesen als durch das Vorkommen von sog. identischen Zwillingen, zum Verwechseln ähnlichen Individuen, die infolge einer Störung des normalen Entwicklungsganges aus einem Ei und einem Samenkörperchen entstanden sind.
Wenn beim Menschen die Vererbung der Besonderheiten der Eltern und Familienstämme auf die Nachkommen nicht auffallender ist, so rührt dies davon her, daß wir bei der Gattenwahl meistens auf diese Eigentümlichkeiten keine Rücksicht nehmen, sondern von ganz anderen Beweggründen uns leiten lassen. Mit welcher Vollkommenheit individuelle Eigenschaften der Eltern auf die Nachkommenschaft vererbt und bei ihr ausgebildet werden können, zeigt die künstliche Zuchtwahl, die der Mensch unter seinen Haustieren und Kulturpflanzen trifft. Die Mittel, die er dabei anwendet, sind: Auslese der vollkommensten oder mit einer bestimmten erwünschten Eigenschaft ausgestatteten Exemplare für die Zucht, Kreuzung möglichst ähnlicher Individuen, Auslese der Nachkommen in demselben Sinne, Inzucht der erwünschten Varietät (Abart), strenge Reinzucht der Rasse, strengster Ausschluß aller minderwertigen, fehlerhaften oder kranken Exemplare von der Fortpflanzung und jeder Vermischung mit fremden Blute, sorgfältige Pflege der Brut. So gelingt es, binnen weniger Generationen Stämme von vollendeter Schönheit und Tüchtigkeit oder von auffallendester Besonderheit zu züchten. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn wir unter uns in ähnlich sorgfältiger Weise Zuchtwahl treiben würden, binnen weniger Generationen Menschenstämme erzeugt werden könnten, die alles, was es bisher von Menschen gegeben hat, an Schönheit, Kraft und Tüchtigkeit weit hinter sich lassen würden.
An nichts kranken die menschlichen Zustände so sehr, als daß viel zu viele Minderwertige, Dumme, Schwache, Faule, Gesellschaftsfeindliche erzeugt werden und viel zu wenig Vollwertige, Gescheite, Starke, Strebsame, Gemeinsinnige, Gewissenhafte!
Zwangsweise läßt sich auf absehbare Zeit die Züchtung einer edlen Menschenrasse nicht durchführen. Aber jeder sollte beim Abschluß der Ehe daran denken, daß die Kinder nicht vom Himmel fallen und Edles nur durch Erbschaft von Edlem entstehen kann, gut geratene Kinder nur durch glückliche Vereinigung des gut Geratenen der Ahnen. Die tüchtige Jugend sollte daher das hohe Ideal der bewußten Erzeugung und Fortpflanzung körperlich, geistig und sittlich bestbeanlagter Familienstämme, bewußter Zuchtwahl, erfassen und freiwillig befolgen. Vor solchen Generationen von Tüchtigen aus Tüchtigen müßten Minderwertigkeit und Nichtswürdigkeit bald das Feld räumen.
Wenn wir auch nicht zwangsweise Übermenschen züchten können, mit jener Gedankenlosigkeit und Leichtfertigkeit wie bisher darf es bei der Kindererzeugung jedenfalls nicht weitergehen! Es muß ins allgemeine Bewußtsein übergehen, daß es eines der schlimmsten Verbrechen ist, Kinder zu erzeugen, von denen man vorher wissen kann, daß sie höchstwahrscheinlich verkümmert, verkrüppelt, schwer krank oder mit schwerer Krankheitsanlage behaftet sein werden. Tausende und Tausende werden erzeugt, die besser unerzeugt geblieben wären. Namenloses Elend, eine unendliche Summe von Schmerz und Qual wird dadurch immer von neuem in die Welt gebracht! Vernunftbegabten Wesen geziemt es nicht, so zu handeln.
Wenn ein Mensch von Geburt auf mit Fehlern oder Krankheit behaftet, zu bestimmten Erkrankungen veranlagt oder im allgemeinen schwächlich und wenig widerstandsfähig ist, so kann dies sehr verschiedene Ursachen haben. Es kann darauf beruhen, daß er aus Keimstoffen hervorgegangen ist, die von den Ahnen her fehlerhaft oder minderwertig sind (Vererbung im eigentlichen Sinne). Es kann sein, daß von Hause aus gutgeartete Keimstoffe erst im Leibe der Eltern verschlechtert worden sind (Keimverderb). Es kann sein, daß ein aus gesunden und kräftigen Keimen hervorgegangener Sprößling während seines Lebens im Mutterleibe geschädigt oder krank geworden ist.