(Nach Boveri.)
Erklärung der Fig. 11–17 auf Tafel 2.
Fig. 11. A) Ei. a) Eihaut mit ihren Porenkanälen (in den späteren Figuren weggelassen); b) Eidotter; c) ruhender Eikern; d) Empfängnishügel mit eingedrungenem Samenfaden. B) Samenfäden. e) Kopf; f) Mittelstück; g) Schwanz des Samenfadens. — Fig. 12. Vordringen des Samenkerns gegen den Eikern; Auftreten des Centrosoms der Samenzelle mit Strahlenhof; Auflösung des Schwanzes. — Fig. 13. Teilung des Samenfadenkopfes in zwei Chromosomen. — Fig. 14. Fortschreitende Annäherung des Samenkerns an den Eikern unter Auseinanderrücken der Tochter-Centrosomen an die Pole; Auswachsen der Samenkern-Chromosomen zum Chromatingerüste. — Fig. 15. Der Samenkern ist dem Eikern gleich geworden. — Fig. 16. Samenkern und Eikern haben gleichzeitig (je 2) Chromosomen gebildet. — Fig. 17. Längsteilung der väterlichen und mütterlichen Chromosomen in gleiche Hälften und Verbindung der Hälften mit den Centrosomen. (Bezüglich der weiteren Entwickelung s. Fig. 7–10.)]
Die Kernsubstanz unserer Zellen ist die eigentliche Vererbungssubstanz; sie ist jedenfalls die Hauptträgerin der die einzelnen Individuen einer Art unterscheidenden vererblichen Anlagen. Das Protoplasma der Eizelle scheint hauptsächlich die Bedeutung eines Nahrungsstoffes für die wachsenden und sich teilenden Kerne zu haben, wenn es auch bei den verschiedenen Organismenarten chemisch und baulich ebenso spezifisch verschieden ist wie die Kernsubstanz und daher die der ganzen Art gemeinsame Beschaffenheit mitbestimmt. So wird es begreiflich, daß im allgemeinen das väterliche und das mütterliche Erbe gleichgroßen Einfluß auf die körperliche und geistige Beschaffenheit ihrer Nachkommen ausüben, obwohl die Mutter das große Ei, der Vater den winzigen Samenfaden liefert. Von der ganzen großen Masse des Eies ist nur ein winziger Teil, nicht größer als der Kopf des Spermatozoons, Vererbungssubstanz.
Wie das Chromatin aller anderen Zellen ist auch das des Samenfadens und der Eizelle halb väterlichen, halb mütterlichen Ursprungs, und dies macht es wieder verständlich, daß Eigenschaften der Großeltern und viel fernerer Ahnen in den Enkeln wieder auftauchen können (Atavismus).
Wenn wir uns vor Augen halten, daß auch auf ungeschlechtlichem Wege Fortpflanzung durch anscheinend unbegrenzte Zeiten möglich ist (man denke nur an die ungeschlechtliche Teilung der Bakterien und anderer Protisten [einfachster Lebewesen] und an die Fortzüchtung vieler Pflanzen durch sog. Ableger!), so kommt man zu dem Schlusse, daß es die Aufgabe der geschlechtlichen Fortpflanzung, der Befruchtung sei, durch Vermischung der Keimstoffe einerseits individuelle Eigentümlichkeiten und Abnormitäten der Eltern auszugleichen und so die Gesamtheit der Anlagen und damit die Haupteigenschaften der Spezies unverändert zu erhalten, andererseits wieder neue Kombinationen von Anlagen und dadurch Mannigfaltigkeit unter den Individuen herzustellen.