4. Kapitel.
Der Geschlechtstrieb und die angebliche hygienische Notwendigkeit des Beischlafes.

In unseren Gegenden beginnt beim Knaben etwa im 14. oder 15. Lebensjahre die sog. Pubertäts- oder Mannbarkeitsperiode, d. h. die Zeit, in welcher die männlichen Geschlechtsdrüsen erst ihre volle Reife und Ausbildung erlangen. Sie dauert mehrere Jahre. Um diese Zeit stellt sich eine erhebliche Vergrößerung der Hoden ein, in denen jetzt erst die Bildung der Spermatozoen beginnt.[B]

Beim Mädchen beginnt die Geschlechtsreife in der Regel etwas früher. Sie ist bei diesem durch das rasche Wachstum der Eierstöcke und durch die Ausbildung reifer Eier charakterisiert. Alle 28 Tage wird in der Regel ein Ei reif und aus dem Eierstock in die Eileiter befördert. Zur Zeit dieses Vorganges tritt eine Erweiterung der Gefäße in der Schleimhautauskleidung der Gebärmutter ein. Ein Teil der Gefäße zerreißt, und Blut tritt aus ihnen aus. Das ausgetretene Blut (etwa 100–200 ccm) fließt aus den äußeren Geschlechtsteilen ab. Der Blutausfluß dauert normalerweise drei bis vier Tage (monatliche Blutung, Periode, Menstruation). Bei der gesunden Frau wiederholt sich der Vorgang der Menstruation in der geschilderten Weise vom Beginne der Geschlechtsreife bis zum Eintritte des sog. Klimakteriums oder Wechsels zwischen dem 45. bis 50. Lebensjahre. Nur solange die Frau menstruiert, ist sie befruchtungsfähig. Während der Schwangerschaft und während des Stillens setzt die Menstruation in der Regel vollständig aus.

Beim Manne findet die Samenabsonderung ununterbrochen statt. Sie hält auch in viel höheres Alter hinein an als die Bildung reifer Eier bei der Frau. Wenn sich eine gewisse Menge Samen in den Ausführungsgängen der Hoden angesammelt hat, kommt es zu freiwilliger Samenentleerung; normalerweise zur Nachtzeit: nächtliche Pollution. Ihr erstes Auftreten bezeichnet scharf den Eintritt der Pubertät.

Mit der Pubertät entwickeln sich auch die sogenannten sekundären Geschlechtscharaktere. Beim Jünglinge wie beim Mädchen beginnen an den äußeren Geschlechtsteilen und in den Achselhöhlen, beim Manne auch an den Lippen, am Kinne und an den Backen Haare hervorzusprießen; die äußeren Geschlechtsteile, beim Manne das Glied, beim Weibe die Brustdrüse, beginnen rasch zu wachsen; der ganze Körper, namentlich das Knochen- und Muskelsystem, treten in eine Periode stärkeren Wachstums ein; auch der Kehlkopf nimmt, insbesondere beim Manne, rasch an Größe zu, was die bekannte Veränderung der Stimmlage, das Mutieren, zur Folge hat. Alle diese Veränderungen sind Folgen des Beginnes der Tätigkeit der Geschlechtsdrüsen und bleiben aus, wenn die Hoden vor Eintritt der Pubertät entfernt werden (bei Kastraten). Sie sind darauf zurückzuführen, daß die tätigen Keimdrüsen neben Samen und Ei noch andere Stoffe absondern, die ins Blut übergehen und dann auf die verschiedenen Organe des Körpers einwirken (innere Sekretion). Diese inneren Absonderungen der Geschlechtsdrüsen wirken auch auf das Zentralnervensystem ein und führen die Entwicklung des männlichen und weiblichen seelischen Geschlechtscharakters und das freiwillige Erwachen des Geschlechtstriebes herbei.

Der Geschlechtstrieb äußert sich in verschiedener Weise: als Verlangen nach geschlechtlicher Vereinigung und als Verlangen nach Nachkommenschaft. Bei noch unberührten Frauen guter Art ist meistens dieses letztere Verlangen viel stärker als das erstere.

Der Begattungstrieb äußert sich zunächst darin, daß der Anblick oder die Vorstellung einer Person des anderen Geschlechtes Freude erregt, den Wunsch nach Annäherung, nach Berührung, Umarmung, nach Gegenliebe zu erwecken vermag. Bei der unberührten Jungfrau geht das Verlangen in der Regel nicht weiter; ja, es gibt nicht wenige Frauen, die zeitlebens in Kuß und inniger Umarmung volle Befriedigung finden würden, denen der eigentliche Begattungsakt keine besondere Lust gewährt und die den Beischlaf nur aus Verlangen nach Nachkommenschaft und aus dem Wunsche, dem geliebten Manne Freude zu bereiten, gestatten. Gerade derartige Frauen geben häufig treffliche Hausfrauen und Mütter ab.

Beim Manne aber führt die Befriedigung des Verlangens nach Berührung zum immer stärker anschwellenden Verlangen nach dem Vollzuge der Begattung, zu welcher ihn die inzwischen eingetretene Steifheit des Gliedes befähigt.

Beim Beischlafe wird das infolge der geschlechtlichen Erregung steif gewordene Glied in die Scheide hineingeschoben und in derselben hin und her bewegt. Infolge der Reibung und des dadurch bewirkten Nervenreizes kommt es zur Ausschleuderung des Samens, zur Ejakulation. Der Samen wird zuerst aus den Nebenhoden in die Samenleiter gedrückt und in diesen dann durch die erwähnten wurmartigen Zusammenziehungen ihrer Muskeln weiter bis in die Harnröhre gepreßt. Zugleich mit dem Samen werden auch die Absonderungen der Blasendrüsen und der Vorsteherdrüse in die Harnröhre ergossen. Alsbald folgen Zusammenziehung der Muskelfasern des häutigen Teiles der Harnröhre und jener Muskeln, welche die hinteren Teile der Schwellkörper umhüllen, so daß die gemischten Flüssigkeiten aus der Mündung der Harnröhre stoßweise herausgeschleudert werden. Der Schließmuskel der Harnblase hat sich gleichzeitig ebenfalls so fest als möglich zusammengezogen, so daß der Samen aus der Harnröhre nur nach vorne und nicht nach hinten in die Blase befördert werden kann.

Der abgeschleuderte Samen gelangt in die Scheide, manchmal aber durch den sich öffnenden Muttermund zum Teile unmittelbar in den Halskanal der Gebärmutter. Auf alle Fälle gelangt ein Teil der Spermatozoen auf der Suche nach dem Ei mit der Zeit in die Gebärmutter und in die Eileiter, nicht selten bis in die Bauchhöhle. Nach ihrer Auflösung gelangen ihre Bestandteile in die Säfte des Weibes. Es ist also in der Anatomie und Physiologie begründet, wenn die Frau instinktiv zurückhaltender ist als der Mann, und wenn selbst eine tiefstehende Moral, die dem Manne keine Zügel anlegt, von ihr geschlechtliche Zurückhaltung streng fordert. Auch wenn es nicht zur Befruchtung mit allen ihren für die Frau so gewichtigen Folgen kommt, bedeutet der Beischlaf für die Frau eine unvergleichlich tiefere und nachhaltigere körperliche Einwirkung als für den Mann.