Mit Eintritt der Ejakulation sinkt das geschlechtliche Verlangen sofort auf Null herab, um erst nach einiger — allerdings sehr ungleich langer — Zeit wieder zu erwachen. Das äußere Kennzeichen dafür ist die normalerweise alsbald nach der Ejakulation eintretende vollständige Erschlaffung des Gliedes.

Auch bei der geschlechtlich stärker erregbaren oder durch das geschlechtliche Zusammenleben stärker erregbar gewordenen Frau stellt sich unmittelbar vor und während des Beischlafes eine starke Blutfüllung in den Geschlechtsteilen und infolgedessen ebenfalls ein Verlangen nach Entspannung ein. Beide Erscheinungen erlöschen erst dann vollständig, wenn eine gewisse Höhe der Wollustempfindung (geschlechtlicher Orgasmus) überschritten worden ist, ähnlich der, welche beim Manne die Ejakulation zu begleiten pflegt.

Die Befriedigung des Geschlechtstriebes durch den Beischlaf ist für gesunde, reife Menschen ohne Zweifel das Naturgemäße. Indessen ist es mit der Heranzucht einer gesunden und tüchtigen Nachkommenschaft, mit höherer Kultur und geordnetem Gesellschaftsleben überhaupt unvereinbar, daß jeder das auftauchende Verlangen ohne weiteres befriedigt — blindlings Kinder in die Welt setzt. Die gesetzliche Ordnung des Geschlechtsverkehrs ist eine soziale Notwendigkeit. Natur und Kultur befinden sich da im Widerstreite, und jede Generation ist von neuem vor die folgenschwere Entscheidung gestellt, wie sie sich mit den einander widerstreitenden Forderungen abfinden kann und abfinden will.

Es interessiert uns daher vor allem die Frage, ob die Befriedigung des Geschlechtstriebes durch den Beischlaf eine hygienische Notwendigkeit ist; ob die Enthaltung vom Beischlaf schädlich ist, etwa wie die Nichtbefriedigung des Hungers, des Durstes, des Schlafbedürfnisses.

Muß, ganz abgesehen von der Befriedigung des Verlangens nach Beischlaf, der Samen aus dem Körper des Mannes häufig entfernt werden, wie der Harn oder der Darmkot?

Von all dem kann keine Rede sein. Der Nahrungstrieb, der Schlaftrieb dienen der Erhaltung des Individuums. Sie müssen befriedigt werden, wenn nicht das Individuum zugrunde gehen soll; der Geschlechtstrieb aber dient nur zur Erhaltung der Gattung; er sucht das Individuum rücksichtslos einem seinem individuellen Leben ganz fremden Zwecke zu unterjochen.

Der Mann ist bei uns etwa erst im 24. Jahre voll erwachsen; das Mädchen etwa erst mit 20 Jahren voll gebärfähig, da erst in diesem Alter das Wachstum seines knöchernen Beckens vollendet ist. Lange, bevor die volle körperliche Entwicklung eingetreten ist, erwacht aber schon der Trieb. Die Befriedigung des Geschlechtstriebes vor Vollendung der Entwicklung ist aber keineswegs zuträglich, wie die höhere Sterblichkeit jugendlicher Ehemänner und Ehefrauen unter 20 Jahren im Vergleiche mit ihren ledigen Altersgenossen lehrt. Ebenso zeigt sich der Geschlechtstrieb bei Männern gar nicht selten noch im hohen Alter, und auch hier lehrt die Erfahrung, daß seine Befriedigung überaus schädlich werden kann. Diese Tatsachen beweisen aufs klarste, wie ganz anders es sich mit dem Fortpflanzungstriebe verhält als mit dem Selbsterhaltungstriebe.

An eine Schädlichkeit der Zurückhaltung des Samens im Körper ist erst recht nicht zu denken. Der Samen ist kein schädlicher Auswurfstoff, kein Stoffwechselabfallstoff wie der Harn oder der Kot. Man hat darüber Experimente gemacht, indem man Menschen Samenflüssigkeit oder wässerige Auszüge aus Tierhoden unter die Haut gespritzt hat. Diese Einspritzungen wirken günstig. Namentlich ist es erwiesen, daß sie die Wirkung der Übung auf unsere Muskeltätigkeit erhöhen. Bekanntlich erhöhen körperliche Übungen die Leistungfähigkeit unserer Muskeln. Dies ist nun in viel höherem Grade der Fall, wenn Hodenauszug oder Samen eingespritzt wird; die Muskeln und die Muskelnerven ermüden dann viel weniger und erholen sich dann viel rascher.

Diese Experimente stehen auch im Einklang mit der uralten Erfahrung, daß höchste körperliche Leistungen nur bei vollständiger Enthaltung von jeder Art Befriedigung des Geschlechtstriebes erzielt werden können. Deshalb enthielten sich die Athleten bei den Griechen und Römern ebenso des Beischlafes, wie dies unsere heutigen Sportsleute tun, wenn sie sich auf ihre Wettkämpfe vorbereiten (trainieren). Und daß es sich auch mit den geistigen Leistungen ganz ähnlich verhält, lehren vielfache Erfahrungen von Gelehrten und Künstlern. Während der Zeit der Enthaltung wird sicherlich Samen aufgesaugt und gelangen seine Bestandteile ins Blut. Dies wirkt also — wie wir sehen — nicht schädlich, sondern günstig. Wir haben übrigens soeben erst davon gesprochen, wie die innere Sekretion der Geschlechtsdrüsen den Körper von Mann und Frau erst zur vollen Entwicklung bringt.

Man könnte nun allerdings denken, daß die Aufsaugung von Samen nur dann nützlich ist, wenn sie eine gewisse Höhe nicht überschreitet, daß ein Zuviel davon aber schädlich werden könne. Diesem Einwande gegenüber muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Natur durch die nächtlichen Pollutionen — die etwas ganz Normales sind, wenn sie nicht allzu häufig stattfinden — schon vorgesorgt hat, daß keine übermäßigen Ansammlungen von Samenflüssigkeit stattfinden, ferner darauf, daß die Absonderung des Samens von selbst abnimmt, wenn der Geschlechtsapparat nicht benützt wird. Mit den Hoden verhält es sich in dieser Beziehung geradeso wie mit den anderen Organen. Wenn sie nicht benützt werden, erhalten sie weniger Blut zugeführt, und wenn sie weniger Blut erhalten, sinkt ihre Ernährung und ihre ganze Lebenstätigkeit. Also auch dadurch ist einem Schaden vorgebeugt.