Ein Mädchen, das heute gesund befunden worden ist, kann bei der ungeheuren Häufigkeit der venerischen Krankheiten in der nächsten Stunde angesteckt werden. Sie kann schon angesteckt sein, ohne daß die Krankheitserscheinungen schon ausgebrochen sind. Aber am nächsten Tage brechen sie aus, und nun ist sie ansteckend. Ja, es sind sogar Fälle sichergestellt, wo die Dirne die Krankheit von einem Manne unmittelbar auf den nächsten Besucher übertragen hat, ohne selbst zu erkranken. Etwas von dem, was der erste Besucher gebracht hat, hat der zweite sofort wieder mitgenommen.
Hat man die Erkrankten herausgefunden, so ist es fast unmöglich, sie so lange abzusondern, bis sie nicht mehr ansteckungsfähig sind; die syphilitischen Dirnen müßten durch drei bis vier Jahre, die tripperkranken, sobald ihre inneren Organe ergriffen sind, eigentlich für immer abgeschlossen gehalten werden!
Jeder, dem Leben und Gesundheit lieb sind, jeder, der sich eine gesunde Nachkommenschaft wünscht, sollte schon dieser ungeheuren Gefahr wegen die Prostitution meiden.
Ebenso wie den größten physischen Abscheu sollte der Verkehr mit Prostituierten auch den größten moralischen Abscheu erwecken. Lust ohne Liebe ist gemein und macht gemein, und die Hingabe des Körpers gegen Geld ist die tiefste Erniedrigung der Frau. Der Mitmensch in der Frau sollte uns zu hoch stehen, als daß wir sie einfach zum Werkzeug unserer Lust herabwürdigen; das Mitleid sollte uns abhalten, dieses Gewerbe fördern zu helfen, das die ungeheure Mehrzahl der unglücklichen Frauen, die sich ihm ergeben haben, körperlich und geistig zugrunde richtet!
Wie sehr sind auch die armen Wichte selbst zu bedauern, die das Feuer ihrer ungebrochenen Jugendkraft an Wesen verschwenden, die, wie die Dirnen, zum größten Teile von Geburt aus tiefstehende, psychisch verkrüppelte Geschöpfe sind — Vagabunden- und Verbrechernaturen ins Weibliche übersetzt! —, die auch infolge des Mißbrauchs ihrer Organe die rein physische Genußfähigkeit längst verloren haben und nur des Geschäft wegen mühsam heucheln, als ob sie beim Beischlaf noch irgendeine Wollustempfindung hätten!
Als Moralist könnte ich damit schließen; aber ich bin Arzt und fühle Erbarmen mit der menschlichen Schwäche und fühle die Verpflichtung, wenigstens physischen Schaden so viel als möglich zu verhüten, wenn ich schon den sittlichen Schaden nicht verhindern kann. Ich fühle diese Verpflichtung um so lebhafter, als die venerischen Krankheiten nicht bloß den Sünder bedrohen, der sich leichtfertig in die Gefahr stürzt, sondern auch völlig Unschuldige und das Volk in seiner Gesamtheit.
Ich will daher zunächst sagen, wie man die Gefahr, im Geschlechtsverkehr angesteckt zu werden, vermindern kann; sie mit Sicherheit auszuschließen, ist bis jetzt unmöglich!
Das weitaus beste Mittel gegen die Ansteckung, das wir heute kennen, ist der Kondom (s. [S. 74]); ihn beim Verkehr mit Dirnen, beim außerehelichen Beischlafe überhaupt nicht gebrauchen ist bodenloser Leichtsinn! Wenn er während des Beischlafes hält, schützt er das Glied, den am meisten gefährdeten Körperteil, gegen alle drei Infektionen, und ebenso schützt er auch die Frau vor dem angesteckten, z. B. mit chronischem Tripper behafteten Manne. Aber dünnere Fabrikate reißen leicht; billigere und schlechtere sogenannte Fischblasen sind sehr häufig von vornherein nicht völlig dicht; Gummikondoms werden bei der Aufbewahrung sehr rasch brüchig. Es wäre daher töricht, dem Kondom ganz sorglos zu vertrauen. Ferner ist zu bedenken, daß der Kondom nach dem Beischlafe an seiner Außenseite Infektionskeime tragen kann, daß man sich daher auch noch beim Abziehen desselben infizieren kann. Auch an die Nachbarschaft des Gliedes, auf den Hodensack usw., kann beim Beischlafe Infektionsstoff gekommen sein, und auch mit den Fingern kann man welchen aufgenommen haben, während das syphilitische Gift, wie wir gehört haben, an den verschiedensten Stellen der Haut und der Schleimhäute haften und durch die kleinsten Verletzungen eindringen kann. Die Benützung des Kondoms muß daher auf alle Fälle durch sorgfältige Waschung mit einer kräftigen Desinfektionsflüssigkeit, am besten mit 1 Promille Sublimatlösung (eine 1 g-Pastille auf 1 l Wasser) ergänzt werden. Mit dieser Lösung muß vor allem die Außenseite des Kondoms abgewaschen werden, bevor dieser vom Gliede abgezogen wird, dann Glied, Hodensack und ihre ganze Nachbarschaft sowie die Hände.
Viel unsicherer als der Kondom ist die Anwendung chemischer Desinfektionsmittel. Ich kann sie nur dann empfehlen, wenn kein Kondom zu haben ist. Ihre Anwendung ist aber jedenfalls viel besser als nichts! Gegen den Tripper gewähren Einträufelungen von 10- bis 20prozentigem Protargol, einer Silberverbindung, in die Harnröhre einen verhältnismäßig sicheren Schutz, wenn sie unmittelbar nach dem Beischlaf oder wenigstens so rasch als möglich — keinesfalls später als fünf Stunden danach! — vorgenommen werden. Dagegen ist es recht schwierig, durch Waschen oder Einsalben des Gliedes die Ansteckung mit Syphilis zu verhüten. Bei der deutschen Marine wird nach folgender Vorschrift verfahren: So bald als möglich nach dem Beischlaf wird das Glied, insbesondere die Eichel, die Kranzfurche und die Vorhaut, mit Benzin gründlich gereinigt. Hierauf werden in die durch Druck mit zwei Fingern senkrecht auf den Schlitz der Eichel zum Klaffen gebrachte Harnröhrenmündung mittels einer Pipette zwei bis drei Tropfen 20 prozentiger Protargollösung eingeträufelt. Einige Tropfen werden auch auf ihre äußere Umgebung verteilt. Die Flüssigkeit muß 1 bis 2 Minuten lang in der Harnröhrenmündung stehen bleiben; so lange muß diese daher nach oben gerichtet und offengehalten werden. Hierauf wird das Glied mit 1 promilliger Sublimatlösung gewaschen, schließlich ein mit der Sublimatlösung getränkter Wattestreifen in die Eichelfurche eingelegt und dort bis zu 12 Stunden lang liegen gelassen. Die Waschung mit der Desinfektionslösung muß sehr gründlich vorgenommen werden, und man muß darauf achten, daß die ganze Oberfläche des Gliedes, die Furche um die Eichel, das Bändchen, die beiden Blätter der Vorhaut wirklich von der Desinfektionsflüssigkeit benetzt werden, und daß alle Teile etwa zwei Minuten lang unter der Wirkung der Desinfektionsflüssigkeit stehen. Dem Laien wird es nicht so leicht gelingen, alle diese Vorschriften zu erfüllen. Die Nachbarschaft des Gliedes und die Hände wäscht und desinfiziert man selbstverständlich mit. Die Waschung darf natürlich auch nicht so grob ausgeführt werden, daß dabei die zarte Oberhaut abgeschürft und dem Ansteckungsstoff geradezu eine Pforte eröffnet wird. Den Beischlaf auszuführen, wenn am Gliede auch nur die geringfügigsten Abschürfungen vorhanden sind, ist ganz besonders gefährlich und töricht.