Der Ansteckungsstoff ist vorhanden in den Absonderungen der Geschwüre und wunden, nässenden Stellen, in den abgestoßenen Oberhautschüppchen der erkrankten Hautstellen, während des sekundären Stadiums im Blute und in allen Absonderungen, besonders auch im Speichel und im Mundschleime.
Die Ansteckung erfolgt daher, wenn auch weitaus am häufigsten beim Beischlafe, so doch nicht allein dabei, sondern auch von Mund zu Mund beim Kusse oder durch gemeinsam benutzte Eß- und Trinkgeschirre, Tabakpfeifen, Musikinstrumente u. dgl., bei kleinen Verletzungen direkt auf die Finger, Hände und andere Körperstellen, von der Brustwarze der Amme auf den Säugling und umgekehrt vom Säugling auf die Amme. Auch bei kleinsten Operationen, z. B. bei der Impfung, kann durch infizierte Instrumente die Übertragung erfolgen.
Von den Eltern kann direkt schon bei der Zeugung Syphilis auf die Nachkommenschaft übertragen werden. Ein gesund erzeugtes Kind kann im Mutterleibe infiziert werden, wenn die Mutter während der Schwangerschaft syphilitisch wird. Wir haben schon davon gesprochen, sowie davon, daß die elterliche Syphilis für die Nachkommenschaft auch dann verderblich werden kann, wenn das Kind nicht angesteckt wird, indem die Schädigung des elterlichen Körpers durch das vom Krankheitserreger erzeugte Gift auch eine Schädigung der Keime zur Folge hat, so daß die Kinder lebensschwach und elend ausfallen, Entwicklungshemmungen und Bildungsfehler, Skrofulose und andere Krankheiten der Ernährung aufweisen. Noch in der zweiten Generation kann, namentlich wenn die Frau hereditär syphilitisch ist, Neigung zu Abortus, Totgeburt und Geburt lebensschwacher Kinder vorhanden sein.
Die Gefahr für die Nachkommenschaft besteht hauptsächlich während des primären und sekundären Stadiums, in den ersten drei bis vier Jahren nach der Infektion. Nach Ablauf dieses Stadiums werden in der Regel normale Kinder erzeugt. Doch auch noch bei manchen von diesen später Erzeugten gibt sich durch mancherlei krankhafte Zustände und Anlagen die Andauer der Störung der elterlichen Keimbildung kund.
Das Überstehen der Syphilis macht für eine neue Infektion unempfänglich, es ruft, wie man zu sagen pflegt, erworbene Immunität hervor.
Auch die Syphilis ist ungeheuer verbreitet. In den verschiedenen Gebieten Mitteleuropa dürften mindestens fünf bis zehn Prozent der ganzen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens syphilitisch infiziert werden; in den Großstädten sind es noch sehr viel mehr; in Berlin mindestens 40 Prozent der geschlechtsreifen Männer!
Es ist klar, daß unter diesen Umständen der außereheliche Geschlechtsverkehr stets gefährlich ist. Jede Frau, die bereits geschlechtlich verkehrt hat, ist verdächtig, eine venerische Krankheit durchgemacht zu haben oder noch venerisch krank zu sein, und ebenso muß die Frau jeden Mann, der bereits den Beischlaf ausgeübt hat, von vornherein als verdächtig ansehen. Die Hauptquelle der Ansteckung sind jedoch ohne Zweifel die Prostituierten (Dirnen, Huren), die gegen Bezahlung jeden zum Beischlaf zulassen. Nahezu alle erkranken früher oder später an Tripper und weichem Schanker, die meisten auch an Syphilis. Man hat in St. Petersburg konstatiert, daß von 100 Mädchen, die das Gewerbe der Prostitution beginnen, binnen fünf Jahren 80 syphilitisch wurden. Von 100 Bordellmädchen wurden jährlich 12 bis 51 wegen Syphilis ärztlich behandelt. In Berlin erkrankten laut Erhebungen von den freilebenden Prostituierten jährlich 32 bis 82 Prozent an venerischen Krankheiten, in Budapest von den Bordellmädchen 144 bis 180 Prozent.
Man bemüht sich, durch polizeiliche Überwachung die Prostitution ungefährlich zu machen, indem man die erkrankten Prostituierten so rasch als möglich herauszufinden sucht, um sie dann abzusondern und ärztlich zu behandeln bis zur Genesung oder wenigstens bis zu dem Zeitpunkte, wo sie nicht mehr ansteckungsfähig sind.
Dieses Ziel läßt sich aber nur höchst unvollkommen erreichen. Vor allem ist es unmöglich, alle Prostituierten zur Untersuchung heranzuziehen, da die Prostitution in allen möglichen verlarvten Formen auftritt (geheime Prostitution) und auch die unverhüllte Prostitution sich den Augen der Polizei so viel als möglich zu entziehen sucht; — in den Großstädten wenigstens — zum guten Teile mit Erfolg. Je schärfer die Polizei gegen die Prostituierten vorgeht, um so hartnäckiger und erfinderischer suchen sich die Prostituierten vor ihr zu verbergen.
Ferner ist es unter Umständen ungemein schwierig, festzustellen, ob die Prostituierte krank ist oder nicht. Ein chronisch gewordener Tripper macht auch bei der Frau so geringe wahrnehmbare Erscheinungen, daß sehr häufig nur wiederholte mikroskopische Untersuchungen die Diagnose der Krankheit ermöglichen. Floride Syphilis ist zwar leicht zu erkennen, aber im latenten Stadium der sekundären Syphilis können alle Krankheitszeichen fehlen, während die Prostituierte doch infektiös ist. Sechs Siebentel aller syphilitischen Männer, die Sperk in Petersburg behandelt hat, haben sich bei latent syphilitischen Dirnen angesteckt.