Mit großem Unrechte hält man vielfach den Tripper für eine ganz ungefährliche Krankheit. Die bakteriologischen Forschungen haben erst ins volle Licht gesetzt, wie gefährlich diese Krankheit dem Manne werden kann und ein wie schreckliches Leiden sie sehr häufig für die Frau ist.

Beim Manne tritt der Tripper als eine eiternde Entzündung der Schleimhaut des vorderen Teiles der Harnröhre auf. Er beginnt meistens am dritten Tage nach dem unreinen Beischlafe, seltener später, im Laufe der ersten oder der zweiten Woche, mit einem geringfügigen, wasserhellen Ausflusse aus der Harnröhre, Rötung der Lippen der Harnröhre und Brennen und Kitzeln in derselben. Der Ausfluß wird bald eitrig und nimmt rasch an Menge zu. Der Tripper ist immer sehr schmerzhaft, heilt aber in der Regel leicht, wenn der Erkrankte so rasch als möglich ärztliche Hilfe sucht. In böseren Fällen aber, oder wenn die Erkrankung vernachlässigt worden ist, greift die Entzündung in der Harnröhre weiter nach hinten und von der Schleimhaut in die darunterliegenden Gewebe. Bei der Ausheilung, die dann nur schwierig und oft erst nach Monaten und Jahren vollständig wird, kommt es häufig zu Narben, die sich mit der Zeit zusammenziehen (sog. Strikturen) und durch die Beschwerden, welche sie, namentlich beim Beischlafe und beim Harnlassen, beim Reiten und Fahren, aber auch schon bei ruhigem Sitzen veranlassen, das Leben für immer verbittern können. Die Tripperentzündung kann sich aber auch noch weiter ausbreiten: auf die Cowperschen Drüsen, auf die Vorsteherdrüse, auf die Blasendrüsen („Samenblasen“), auf die Harnblase und durch die Harnleiter hinauf bis auf die Nieren. Gar nicht selten ergreift sie auch die Nebenhoden und führt dadurch zur Unfruchtbarkeit. Auch in entfernte Körpergegenden kann der Erreger des Trippers, der Gonokokkus, durch den Blut- und Lymphstrom verschleppt werden und dort Entzündungen hervorrufen. So kommen Tripperentzündungen und Eiterungen in den Gelenken vor; so können Entzündungen der Herzklappen, des Rippenfells, des Rückenmarkes entstehen; schwere Leiden, die selbst zum Tod führen können.

Noch viel gefährlicher als für den Mann ist der Tripper für die Frau. Auch bei ihr beginnt die Erkrankung in der Regel in der Harnröhre; sie verbreitet sich aber rasch weiter und ergreift zunächst hauptsächlich die Bartholinischen Drüsen und den Mutterhals. Sie hat eine große Neigung, in das innere Genitale einzudringen. Es kommt zu Entzündungen der Gebärmutter, der Eileiter, der Eierstöcke und des diese Organe umgebenden Bindegewebes. Ist die Entzündung einmal in diese tieferen Teile eingedrungen, dann ist sie meistens unheilbar. In der Regel ist sie nicht geradezu lebensgefährlich, obwohl Fälle vorkommen, wo Bauchfellentzündung verhältnismäßig rasch zum Tode führt, und obwohl natürlich bei der Frau wie beim Manne entfernte lebenswichtige Organe ergriffen werden können. Aber stets ist die unheilbar gewordene Tripperentzündung der inneren Geschlechtsorgane ein Leiden, das der Frau durch beständige Schmerzen und Beschwerden das Leben verbittert, ihre Blüte und körperliche Leistungfähigkeit vernichtet und ihr meistens die Fähigkeit, befruchtet zu werden, raubt.

Der Trippereiter bzw. der in ihm befindliche Gonokokkus ist äußerst ansteckend. Außer durch den Beischlaf kann er auch durch die Finger, durch mit frischem Eiter beschmutzte Kleidungsstücke und Instrumente übertragen werden. Wiederholt sind auch Ansteckungen kleiner Mädchen durch Wasser in Badebecken und Badewannen, in denen Tripperkranke gebadet hatten, vorgekommen. Besonders muß betont werden, daß die Bindehaut des Auges sehr leicht mit dem Gonokokkus zu infizieren ist und die so entstehenden Augenentzündungen zu den allerbösartigsten gehören. Zu dieser Infektion der Augen kommt es besonders leicht, wenn das Kind bei der Geburt durch die Scheide und die Schamspalte der tripperkranken Mutter durchgedrückt wird. Es kommt so die berüchtigte ansteckende Augenentzündung der Neugeborenen zustande, welche in mehr als zehn Prozent der Fälle beiderseitiger Blindheit die Ursache der Erblindung ist!

Die Tripperkrankheit ist während ihrer ganzen Dauer ansteckungsfähig. Besonders schlimm ist dabei, daß die sichtbaren Krankheitserscheinungen bei einem lange bestehenden Tripper so unbedeutend werden können, daß selbst der Arzt sie leicht übersieht. Da der chronische Tripper in der Regel keine Schmerzen verursacht, kann der Mann glauben, er sei völlig genesen, und doch die Gattin beim ersten Beischlafe anstecken!

Der Tripper ist furchtbar verbreitet. In manchen Städten bekommen nach und nach alle Männer, welche außerehelichen Beischlaf ausüben, den Tripper, und auf manchen Frauenkliniken hat man festgestellt, daß der vierte Teil aller Patientinnen daran leidet. Etwa sieben Prozent der heutigen Ehen sind wegen dieser Krankheit völlig unfruchtbar, sei es, daß der Mann, sei es, daß die Frau zeugungsunfähig geworden ist! Und weitere etwa sieben Prozent bringen es nur zu einem Kinde, weil der Mann seine Frau zugleich mit der ersten Schwängerung tripperkrank gemacht hat!

Noch schlimmer als der Tripper ist die dritte venerische Krankheit, die durch die Spirochaete pallida erzeugte Syphilis, da sie den ganzen Organismus ergreift. Man unterscheidet drei Stadien der Krankheit.

Etwa vierzehn Tage bis drei Wochen nach der Ansteckung bildet sich ein derbes, rotes Knötchen, das an der Oberfläche wund oder geschwürig wird. (Primäre Syphilis, harter Schanker.) Bald stellt sich auch Schwellung der benachbarten Drüsen ein. Nicht selten sind diese Krankheitserscheinungen so unbedeutend, daß sie leicht vollständig übersehen werden.

Acht bis zehn Wochen nach Auftreten des Geschwürs kommt es zu Allgemeinerscheinungen: die Ernährung leidet, der Kranke wird nervös reizbar, unter Fieber und Kopfschmerzen bilden sich Ausschläge auf der Haut und auf den Schleimhäuten, besonders auf denen des Mundes und des Rachens; auch Knochenhautentzündungen sind sehr häufig. Nach einiger Zeit verschwinden diese Krankheitserscheinungen. Nach einer Pause von etwa sechs Monaten kommen sie aber wieder, und dieses Verschwinden und Wiederauftreten wiederholt sich nun durch zwei bis drei Jahre alle drei bis sechs Monate. Man nennt dieses Stadium der Krankheit sekundäre Syphilis. Während der harte Schanker im Beginne ein rein örtliches Leiden ist, krankt bei der sekundären Syphilis der ganze Körper. Nach der angegebenen Zeit, also nach zwei bis drei und vier Jahren vom Beginne der Krankheit an, tritt scheinbar Genesung ein. Aber oft zeigen schwere Erkrankungen, die nach vielen Jahren auftreten, daß der Schein getrogen hat. Namentlich sind Erkrankungen des Zentralnervensystems, Geschwülste (sog. tertiäre Syphilis), Tabes (oder Rückenmarksdarre) und progressive Paralyse (oder fortschreitende Verblödung) solche späte Folgen der syphilitischen Ansteckung.[F] Überaus häufig bleibt auch nach der definitiven Genesung von der Syphilis der Organismus dauernd geschädigt und geschwächt. Insbesondere nehmen die Blutgefäße dauernden Schaden. Syphilitiker haben im Durchschnitte eine erheblich kürzere Lebensdauer als Leute, welche niemals an Syphilis erkrankt waren. Nach den Erfahrungen der Gothaer Lebensversicherungsanstalt in den Jahren 1852 bis 1905 ist die Sterblichkeit jener Versicherten, welche Syphilis durchgemacht haben, um 68 Prozent höher als jene der von Syphilis verschont gebliebenen. In der Altersklasse von 36 bis 50 Jahren beträgt die Sterblichkeit der ersteren sogar 186 Prozent von jener der letzteren, also fast das Doppelte.

Die Kranken sind sicher ansteckend während des ganzen ersten und zweiten Stadiums und während des letzteren sowohl zur Zeit, wo Krankheitserscheinungen wahrnehmbar sind (Floreszenz), als in den Pausen (Latenz). Nach neueren Erfahrungen können sogar auch noch in späterer Zeit, wenn schon lange keine Krankheitserscheinungen mehr aufgetreten sind, Ansteckungen erfolgen.