Gelingt es dem Manne aber, der Frau seine eigenen brutal sinnlichen, polygamischen Neigungen beizubringen, dann zerstört er in ihr die sozial wertvollsten Empfindungen, dann macht er sie auch seelisch untauglich, eine gute Gattin und Mutter zu werden.

Wir müssen die Keuschheit der Frau als höchstes soziales Gut schätzen und pflegen, denn in der Keuschheit der Frau ist die einzige sichere Bürgschaft dafür gegeben, daß wir wirklich die Väter unserer Kinder sein werden, daß wir für unser eigenes Blut uns mühen und schaffen. Ohne diese Bürgschaft aber keine Möglichkeit eines gesicherten, innigen Familienlebens, dieser auf absehbare Zeit unentbehrlichen Grundlage für das Gedeihen von Volk und Staat. Darin und nicht in der selbstsüchtigen Willkür des Mannes ist es begründet, daß Gesetz und Sitte strengere Anforderungen an die Frau bezüglich Keuschheit vor der Ehe und Treue in der Ehe stellen als an den Mann. Es steht bei ihrer Ungebundenheit viel mehr auf dem Spiele als bei seiner.

Man schwärmt heute viel von der „Freien Liebe“ mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit von Mann und Frau, als Ersatz für die heutige, bürgerliche Ehe, deren Schattenseiten und Härten man nicht schwarz genug zu schildern weiß. Aber diese Schwärmereien, die ihr Bestechendes haben, sind vom hygienischen Standpunkte aus verwerflich. Sie müssen daran scheitern, daß es über die physische Leistungfähigkeit der ungeheuren Mehrheit der Frauen hinausgeht, neben den Bürden der Mutterschaft und der Pflege und Aufzucht der Kinder auch noch die des selbständigen Erwerbes zu tragen.

Das Verderblichste an der sog. Frauenemanzipation und der Erwerbsarbeit der verheirateten Frau liegt darin, daß in dem Widerstreite zwischen Mutterschaft und Berufspflichten in der Regel die erstere den kürzeren zieht. Wenn überhaupt Kinder kommen, sind sie meistens kümmerlich. In der Regel hintertreibt man die Entstehung von Kindern von vornherein. Nichts gefährdet die Fruchtbarkeit der Kulturvölker mehr als die moderne außerhäusliche Erwerbsarbeit der Frau und die aus ihr hervorgegangene Frauenbewegung.

Die Teilung der Arbeit zwischen Mann und Weib im gemeinschaftlichen Wirtschaftsbetriebe der Familie ist gerade für die Frau ein physiologisches und kulturelles Bedürfnis. Sie sichert auch den Kindern am besten Pflege und Erziehung. Es wäre ein ungeheurer Rückschritt gerade im Sinne individueller Entwicklung, wenn an Stelle der Familienerziehung Massenaufzucht in öffentlichen Anstalten treten würde. Dies wäre, nebenbei bemerkt, auch ein ungeheurer Verlust an jenen Lustempfindungen, die dem Menschen aus dem Zusammenleben von Eltern und Kindern erwachsen.

Gewiß wird es in jeder Ehe Zeiten — wenn auch vielleicht nur Augenblicke — hochgradiger Verstimmung geben, wo es als drückende Last empfunden wird, aneinandergefesselt zu sein. Über solche unglückliche Störungen werden jene Gatten am leichtesten hinwegkommen, die keusch in die Ehe eingetreten und einander treu geblieben sind. Der Liebesgenuß, den sie ausschließlich beieinander zu suchen und zu finden gewohnt sind, ist etwas unendlich Süßes, das sie immer wieder zusammenführt und versöhnt.

Alles in allem genommen ist die Ehe der richtige Boden für heiteres Gedeihen von Mann, Weib und Kind, und gehen diejenigen nicht irre, die sich nach der Ehe sehnen und nach ihr trachten!

Wie wenig wissen überhaupt diejenigen, welche immer nur an die körperliche Schönheit des jungen Weibes und an den physischen Geschlechtsgenuß denken und welche die Menschen bejammern, daß sie durch Gesetz und öffentliche Meinung im geschlechtlichen Verkehr auf ein einziges Individuum beschränkt werden, von dem Glücke, das aus dem seelischen Unterschiede und der seelischen Anziehung von Mann und Weib zu erwachsen vermag! Wie bedauernswert sind diejenigen, die im Weibe nur das jagdbare Wild sehen, an dem man seine Stärke und seine List übt und an dem man, wenn man es gefangen hat, als Tier mit dem Tiere seinen physischen Drang befriedigt, solange einem dies Spaß macht! Sie ahnen nicht, daß auf der Grundlage gegenseitiger Achtung, Treue und Güte zwischen Mann und Weib ein Bund der Kameradschaft und Freundschaft entsteht, der, indem er Leib und Gemüt befriedigt, weit höhere und dauerhaftere Glücksgefühle bereitet als der rasch verfliegende Rausch der Brunst.

Der erwachende Jüngling betrachtet das Weib, dessen Leib und Seele dazu geschaffen ist, Mutter zu werden, mit Ehrfurcht; mit jener Ehrfurcht, die er seiner eigenen Mutter widmet, die ihn geboren, gesäugt und aufgezogen hat. Möchte er doch diese Empfindung, stark und rein, unbefleckt durch gemeinen Genuß, in die Ehe hinübernehmen. Dann wird diese an ihm das Dichterwort völlig wahr machen können. „Das ewig Weibliche zieht uns hinan!“

Mit diesen Worten soll keineswegs eine blinde Schwärmerei für das Weib in der Wirklichkeit erweckt werden. Nur allzu viele Weiber haben recht wenig „Ewigweibliches“, dafür aber ein ausgiebiges Maß von „Allzuweiblichem“ in sich, geradeso wie die meisten Männer Mangel an „Ewigmännlichem“ und Überfluß an „Allzumännlichem“ leiden. Aber durch gewissenhafte Arbeit kann aus wenigem viel und aus viel wenig gemacht werden. Je höher das Ziel ist, nach dem wir streben, um so Höheres werden wir erreichen. Wer einem anderen Menschen von vornherein zeigt, daß er ihn keiner höheren Leistung für fähig hält, wird ihn auch niemals zu einer solchen bringen. Je reiner und edler das Ideal der Weiblichkeit ist, das der Mann erträumt und ersehnt, je größeres Vertrauen er in die Fähigkeit der Frau setzt, sich diesem Ideale zu nähern, um so besser wird es ihm gelingen, die vorhandenen Keime des Ewigweiblichen im Weibe zu wecken. Je niedriger er die Frau von vornherein bewertet, um so mehr Niedriges wird er auch in ihr finden. Der Mann vergesse nie, daß er zur Führerschaft berufen ist, und daß, wenn er als Führer versagt, das ganze Volk in die Irre gehen muß.