Die Schulmetten bedeuten bereits eine Verweltlichung der eigentlichen Metten in der Kirche. Noch einen Schritt weiter gehen die Christfahrten. Diese beruhen auf der altgermanischen Sitte, wichtige Festzeiten durch Umzüge zu feiern. Besonders sollen, wie schon Tacitus erwähnt, die für die Fruchtbarkeit der Felder so wichtigen Götter Wotan und Donar segnend über die Felder gezogen sein. Der alte Götterglaube ließ sich nicht ausrotten, die missionierende christliche Kirche war auch klug genug, es auf keinen Zwang ankommen zu lassen, sie setzte nur an Stelle der Götter ihre Heiligen. St. Andreas, Nikolaus, Petrus und Martin sollten nun dem Volke seine Götter ersetzen. Da dies nicht gelingen wollte, verwandelte man die hehren Heidengötter in Schreckgestalten und hoffte, das Volk dadurch völlig von ihnen abzuwenden. So ist der wackere Knecht Ruprecht jedenfalls ins Leben getreten, ja in manchen Gegenden sah man sogar zwei, einen großen und einen kleinen. Zu diesen Personen kam noch der heilge Christ selbst hinzu, der aber hier als Mann auftrat, und – um seinen Hofstaat voll zu machen – begleiteten ihn mehrere Engel. Diese Gruppe heiliger Personen nannte man eine Christfahrt.
Das Volk war nicht allenthalben mit der Christianisierung ihres alten Götterumzugs einverstanden, daher ließ es das Abbild der alten Gottheiten, den rauhen Knecht Ruprecht allein umherziehen, um die Kinder zu schrecken und zu lohnen. Der wackere Weihnachtsmann ist immer eine dem Volke liebe und traute Gestalt gewesen. So ist uns eine Nachricht erhalten, daß am 6. Dezember 1608, dem Nikolaustag, zu Chemnitz ein Leinenwebergeselle Georg Heinrich in einem besonderen »Habitu«, nämlich in einem langen weißen Hemde mit einer Kinderrute in den Händen wohlmeinend ausging, die Nachbarkinder zu besuchen. Einige Schuhknechte neckten, schlugen und stießen ihn. Ein Knabe steckte dem Weihnachtsmann ein Messer zu seiner Verteidigung zu. Ein Schuhknecht ward verwundet und starb am 3. Tage. Der Täter ward flüchtig. Durch ein Reskript des Kurfürsten Johann Georg I. vom 14. September 1615 ward der Uebeltäter aber begnadigt, wahrscheinlich hatte der Fürst volkstümliches Empfinden, das dem erstochenen Schuhknecht die Schuld an seiner Ermordung selbst zuschrieb. (Mitteil. des sächs. Altertumsvereins.)
Die Christspieler zogen in den Häusern umher. Sie führten im Flur oder in der Stube ihr Spiel vor, ermahnten und beschenkten, bez. tadelten und bedrohten hauptsächlich die Kinder. So eine Christfahrt aus dem Jahre 1631 wird von Buchwald in den »Kirchl. Nachrichten aus Zwickau und Umgegend 1890 Nr. 12« veröffentlicht. Sie befindet sich handschriftlich in der umfangreichen Zwickauer Ratsbibliothek und ist von einem gewissen Georg Petzoldt in Lengenfeld aufgezeichnet worden. Nach seinen Angaben ist das Spiel »Anno 1631, den 24. Dezember das erstemal agiret worden zu Lengenfeld.«
Das interessante Stück soll hier folgen:
Eine Komödia[10]
welche am heiligen Weihnachtsabend die Lengefelder Jugend aufführt.
Personen:
Gabriel. Der Heiland. Nikolaus. Raphael. Uriel. Michael.
Der Engel Gabriel.
Fried, Freud und ewig Seligkeit
sei euch allen von Gott bereit.
Auch ein glückselig neues Jahr
geb euch Gott und immerdar!
Weil heut zu dieser Abendzeit
die ganze werte Christenheit
sich freuen tut des heilgen Christ,
der jetzt gar noch vorhanden ist,
insonderheit die Kinderlein
an diesem Abend die frömmsten sein,
indem sie nach den schönen Gaben
ein herzliches Verlangen haben,
so hat mich das Christkindelein
jetzt selbst zu euch gesandt herein,
daß ich euch seine Gegenwart
anzeigen soll zu dieser Fahrt
und ihm bereite seinen Thron,
darauf sich setz' der Gottessohn.
Darum, ihr lieben Kinderlein,
seid still, merkt auf und lernet fein
alles, was euch der heilge Christ
befehlen wird zu dieser Frist.