Die Rollen sind in den meisten Spielen die gleichen, nur die Namen der handelnden Personen sind verschieden, z. B. wurde der heilige Martin hier und da durch St. Petrus mit dem Schlüssel ersetzt. Wie schon angedeutet, wurden die Spiele durch die Hinzunahme eines oder zweier Ruprechte recht weltlich, ja oft sogar unflätig. Es wurden nicht nur die Kinder examiniert, sondern auch die »Großen« aus dem Hause. Daß es dabei nicht ohne kräftiges Necken und Spotten abging, erscheint, bei der Neigung der Erzgebirgler zur Satire, als selbstverständlich. Der heilige Charakter der Spiele war in Gefahr und hielt sich nur dadurch, daß man ihm Teile der kirchlichen Mettenspiele anhängte. So fügte man an die Christfahrt zunächst die Hirtenszene an und nannte das Ganze »Engelschar«. Diese zog am 1. Advent bis zu Hohneujahr in den Häusern umher. Dann trat die Königsschar in ihre Rechte, die hauptsächlich die Unterhandlungen der 3 Weisen mit Herodes, die Anbetung und den Kindermord enthielt. Diese »Königsschar« spielte am Epiphanias bis zur Fastnacht. Darin liegt vielleicht auch ihre Neigung zu komischen, ja grotesken Szenen begründet, man hatte einen bequemen Ersatz für die beliebten Fastnachtsspiele. Auch die »Engelschar« und die »Königsschar« erweiterten sich. Zur ersteren kam das Herbergsspiel mit dem Wirt und der Magd hinzu, letzteres vervollständigte sich durch Auftreten des Todes.

Solange in den Privatwohnungen gespielt wurde, nahm das Bescherungsspiel einen ziemlichen Raum ein; als man aber begann, die Spiele in die öffentlichen Säle zu verlegen, beschränkte man die »Christfahrt« und führte andere Szenen und Personen dafür ein. Man war dazu gezwungen, da das Ueberbleibsel doch zu dürftig ausgesehen hätte.

Ueber die Art und Weise des Auftretens der Christspiele sind uns verschiedene Aufzeichnungen erhalten, aus denen man zugleich ersieht, daß die Spiele durchaus nicht die volle Sympathie der Geistlichen und sonstigen Obrigkeitspersonen besaßen.

In dem Wild'schen Buche »Interessante Wanderungen durch das sächsische Obererzgebirge«, 1809 in Freiberg erschienen heißt es darüber:

»Sonst war auch das sogenannte heilige Christspiel gebräuchlich, wo Bergleute und andere gemeine Leute in schön gereimten Burlesken-Versen die Geburt Jesu als Lustspiel aufführten und so von Haus zu Haus zogen. Dabei war immer eine lustige Person, welche allerhand Possen trieb, z. B. dem König Herodes, welcher frisiert, mit goldenem Zepter und Reichsapfel auf einem hölzernen Stuhle saß, Schnupftabak unter die Nase rieb, daß er nießen mußte. Joseph wurde als hektisch vorgestellt und hatte eine Säge in der Hand, Marie sprach oft im schönsten Kontrebaß; denn Frauenzimmer waren bei dieser Truppe nicht; die Engel gingen in langen Hemden, mit vielen Bändern geschmückt und gepudert, und hielten mit einem seidenen Tuche große Husarensäbel in der Hand; die Hirten hatten hohe spitzige Hüte von Zuckerpapier auf und knallten entsetzlich mit den Peitschen, auch bliesen sie auf Nachtwächterhörnern; der Stern war von Pappe und ölgetränktem Papier an einer Stange aufgesteckt und konnte gedreht werden; manchmal brannte er, denn inwendig stak ein brennendes Licht. Das Christkind endlich war nicht himmlischer Abkunft, es sah erbärmlich aus und ward oft sehr übel behandelt. Uebrigens war immer ein Knecht Ruprecht dabei, welchen man im Gebirge Rupperich nennt, mit einer Klingel und einer Ofengabel erschien und mußte die nachlaufenden Kinder abschrecken. – Am sogenannten heiligen drei Königsfeste erschienen dabei gar diese drei Majestäten, wobei eine schwarz war. Doch seit mehreren Jahren hat dieser Unfug aufgehört, welcher eigentlich noch ein Ueberbleibsel des in Sachsen ehedem herrschenden Aberglaubens war.«

Härter noch äußert sich ein ungenannter Gewährsmann, wie man bei Behandlung des Thalheimer Spiels noch erkennen wird.

Allerhand Unzuträglichkeiten stellten sich ein. So berichtet Mosen (Seite 21), daß oft in der Stadt »zwei oder drei Engel- oder Königsscharen zusammenkamen, was bisweilen zu Unordnungen Anlaß gab.« So kam es endlich zu Verboten der Spiele. Sie verschwanden aus der Oeffentlichkeit. Im Geheimen lebten sie aber noch lange fort. Zäh hingen die Erzgebirger an dem alten Brauche, die Lokalchroniken bestätigen dies. Von Mund zu Mund erbten sich die Reimlein fort. Schließlich gedachte man ihrer noch als einer alten überlebten Sitte und alte Leute berichteten leuchtenden Auges von der schönen Zeit, da sie noch die Engelschar erlebt oder selbst mit dargestellt hatten. So kam auch mancher volkskundliche Sammler zu solchem Gut und hier und da stieß man in den Zeitungen auf einen Bericht über ein solches Spiel. Leider ward in den seltensten Fällen das ganze Spiel aufgezeichnet, sodaß man wohl eine Menge Bruchstücke, aber wenige vollständige Spiele besitzt. Der Bruder des bekannten Dichters Julius Mosen, der Gymnasiallehrer Gustav Mosen in Zwickau hat das große Verdienst, viele bis zum Jahre 1861 vorhandenen Bruchstücke gesammelt und aufgezeichnet zu haben. Das schlichte Büchlein, das er im Auftrage des Vereins zur Verbreitung guter und wohlfeiler Volksschriften herausgab, ist hier und da noch in Büchereien anzutreffen.

Mosen berichtet von Weihnachtsspielen in folgenden Orten: Gersdorf, Ernstthal, Zschopau, Annaberg und Umgegend, Frohnau, Wiesa, Hermannsdorf, Königswalde, Sehma, Cranzahl, Raschau, Markersbach, Großpöhla, Grünhain, Crottendorf, Aue, Pfannenstiel, Rittersgrün, Jöhstadt, Cunnersdorf, Geyer, Scheibenberg, Schlettau, Bockau, Grumbach, Buchholz, Bärenstein, Wildenau, Neudorf. Merkwürdigerweise sind ihm zwei vollständige Spiele nicht in die Hände gekommen, nämlich das Thalheimer und das Löwenhainer.

Auffallend ist eine gewisse Aehnlichkeit in den Spielen. Im Grunde genommen sind es wohl nur 4 oder 5, alle anderen sind durch die mündliche Weitergabe und durch die Anpassung an dem jeweiligen Ort und die verschiedene Zeit »zerspielt«.

Das Ernstthaler Spiel.
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