Treib ei, treib ei, du fauler Hert!
Wenn ich austreib, liegst du schie in Bett
Meine Küh hobn sich soot gefrassen,
Deine sei in Drack gesassen.
Meine gabn Millich un Rahm,
Deine mußt de ne Schinder gabn!

Auf einsamer Weide entschlüpfen dem Jungen seine innigsten Gedanken, deren Vater der Wunsch ist:

Wulln mer dä net bal eitreibn?
Wulln mer net bal Kaas' reibn?
Wulln mer net bald Kuchen backen?
Wulln mer net bald Kermes machen?

Ja, die »Kermes«! Kein Feiertag des ganzen Jahres kann sich mit diesem Festtag messen. Sein Inhalt ist Essen und Trinken, seine Aeußerungen Trinken und Essen. In früheren Zeiten schon feierte das Volk in seiner Kirmes den Schluß des gesamten wirtschaftlichen Jahres. Wenn die Herden die letzten Weidereste genossen, die Früchte des Feldes eingeerntet waren und das Getreide gedroschen war, so war auch bei unseren Vorfahren das wirtschaftliche Jahr vorüber, der Jahresschluß war da. Dieser fiel in die erste Hälfte des Novembers. Jetzt bedingten der Mangel an der nötigen Nahrung für das Vieh und der Bedarf des eigenen Hausstandes eine Verminderung des Viehstandes, es begann das Einschlachten eines Teiles der Haustiere und mit ihm zugleich das große germanische Jahresschlußfest. Jetzt war Fleisch im Ueberfluß vorhanden, dies veranlaßte die großen Schmausereien, zu denen Verwandte und Versippte von nah und fern geladen wurden. Zu den Speisen kam der reichliche Genuß von Met und Bier. In diesen altdeutschen Winterfesten, deren letzte Tage in die Weihnachtszeit fielen, ist der Ursprung unserer Kirmes zu suchen. Mit den Festen waren natürlich altheidnische Opferfeierlichkeiten verbunden, auch Lustbarkeiten aller Art erhöhten die frohe Stimmung. Nach der Christianisierung Deutschlands merkten die Priester gar bald, daß die Germanen zäh an ihren alten Festen hingen, und so paßte man sich den Verhältnissen an.

Den Vorschriften des römischen Bischofs gehorchend, setzte das Kirchenregiment in die ersten Tage jener Zeit die Feier zum Gedächtnis der Kircheneinweihung, die Kirchweih, die mit besonders feierlicher Messe verbunden war. Nach dieser hat die Kirmes, die Kirmse, d. h. die Kirchmesse, ihren Namen. Einzelne typische Merkmale haben sich bis heute erhalten. Schon ein kleines Fest für sich ist das Schweineschlachten, das »Sauläd«. Das ganze Haus ist in Aufregung, man kann verstehen, daß in einem Dorfe ein Kind vom Unterricht befreit sein wollte wegen Familienfest. Schlachtschein und Gewürze sind versorgt, das Feuerholz wird beim Wurstkessel bereit gelegt. Schon am zeitigen Morgen prasselt das Feuer unter dem Kessel. Wenn der Fleischer kommt, muß alles zurecht gemacht sein, daß es »föder« geht. Die wichtige Person erscheint endlich. Eine blendend weiße Schürze spricht von der Bedeutung des Tages. Am perlenbestickten breiten Ledergurt hängt der Köcher mit Messer, Gabel und Wetzstahl. Rüstig geht es ans Werk. Sehnlichst erwartet durchbraust endlich der Alarmruf das Haus: »'s Schwertelfleesch is fertig!« Alles eilt herbei, um sich den größten Genuß, das frischgekochte Fleisch, nicht entgehen zu lassen. Einige Schüsseln werden Freunden und Bekannten ins Haus geschickt. In der Küche sind fleißige Arbeiter dabei, das Wurstfleisch zu schneiden. Ein Teller mit Brotschnitten, das Salzfaß und ein »Harter« – der unvermeidliche Korn – stehen dabei auf dem Tisch, und den Bewegungen der Kauwerkzeuge sieht man wohl an, daß einige besondere leckere Stücken nicht in die Wurst wandern. Einen besonderen Genuß gewährt auch die Wurstsuppe, die besonders gern von armen Leuten in Krügen abgeholt wird.

Zur würdigen Vorbereitung der Kirmes gehört auch, daß einige Gänse fett gemacht werden. Die Martinsgans hat die Güte der Zucht ebenfalls zu beweisen. Rückt die Kirchweih näher heran, so beginnt im Hause ein großes Reinemachen. Einladungen an Verwandte und Bekannte sind meist nicht erst nötig, »war komme will, kimmt su wie esu!« Gewaltige Berge von Kuchen werden in den letzten Tagen vor dem Feste ins Haus gebracht und so kann der Kirmessonntag herankommen.

An diesem Tage treffen hauptsächlich die Gäste aus der Stadt ein. Schweinefleisch und Sauerkraut, Gänsebraten und Kartoffelklöße, das Schweinefleisch recht fett, das sind die Tafelfreuden. Der Kuchen liegt säuberlich geschnitten und aufgeschlichtet auf großen Tellern und da man kaum imstande ist, dem immerwährenden Nötigen nachzukommen, wird zum Schluß noch ein großes Kuchenpaket zurechtgemacht, daß man zu Haus noch einmal schwelgen kann. Gegen Abend gehen Wirt und Gäste in den Gasthof. Das junge Volk tanzt, die alten schauen vergnügt zu, die Männer huldigen wohl auch dem unvermeidlichen »Doppelkopf«, der an solchen Festtagen ohne Bedenken gespielt werden kann, da er die Leidenschaften der Spieler nicht zu sehr zu erregen vermag.

Der Hauptfesttag und eigentliche Kirchweihtag ist aber erst der Montag. Festpredigt und festliche Kirchenmusik, wohl mit vollem Orchester, geben dem starkbesuchten Gottesdienst ein festliches Gepränge. Der Rest des Tages aber ist wiederum erfüllt von Essen und Trinken, Tanz und Spiel. Die »Kleine Kirmes«, d. i. der nächstfolgende Sonntag, läßt die Erinnerung an das große Fest noch einmal aufleben, dann tritt der Alltag wieder in seine Rechte. Jetzt gilt es, sich auf den Winter vorzubereiten. Feuerholz wird zerkleinert, Stöcke mühsam aus dem Erdboden gegraben und auseinandergesprengt. Stöckeholz! Wer die Poesie eines heimischen Winterabends recht genießen will, kann auf das Prasseln und Krachen im Ofen nicht verzichten. Der drohende Winter beginnt überhaupt das ganze Interesse in Anspruch zu nehmen. Aus vielen Anzeichen will man den Verlauf der harten Jahreszeit prophezeien können.