Die Schauspielerin hatte mit wirklicher Theilnahme zugehört und erwiederte nun auf die artig betonten Schlußworte: „Sie haben nicht weit mehr dazu. Wer so gut über eine Sache reden kann und sie so lebendig vor Augen hat, dem muß es mit ihr auch gelingen. Und nehmen Sie das in vollem Ernst: Ihr Erfolg würde mir große Freude machen, denn ich sehe, Sie meinen es ehrlich mit Ihrer Kunst.“

Diese Worte erfüllten den Poeten mit tiefer Genugthuung. Seine Augen glänzten und sein männlich schönes Gesicht gewann so sehr den Ausdruck eines Dichters, daß es den von ihm geäußerten Hoffnungen förmlich zur Bestätigung diente. Die Künstlerin betrachtete ihn, und über ihre Wange floß eine Röthe froher Anerkennung. Heinrich, von ihrem Anblick seinerseits bewegt, rief: „Mein Fräulein, Sie werden nicht immer zweite Liebhaberin bleiben und nicht immer die bloß muntern oder bürgerlich rührenden Partien spielen! In Ihnen lebt ein höherer Geist, ein dichterisches Gemüth! Sie dürfen nur wollen, und Sie werden uns die poesievollsten Gestalten vor Augen stellen! Ja, je mehr ich Sie ansehe —“

Rosa hatte diese Rede betroffen angehört; nach den letzten Worten erheiterten sich indeß ihre Mienen plötzlich und der gemüthlich schelmische Ausdruck erlangte wieder die Oberhand. „Nicht weiter, mein begeisterter Freund!“ entgegnete sie; „es könnte Sie gereuen! Wollen Sie mir nicht gar Ihre Heroine antragen und gleich zum Einstand einen Rollenstreit veranlassen? Nein, mein lieber Herr: jedem das Seine, das ist ein guter Spruch. Ich bleibe, was ich bin; und wenn in der That einige Anlagen zum „Höheren“ in mir liegen, so will ich sie hervorsuchen, pflegen und ausbilden, um nach und nach einer passenden Rolle in einem Ihrer künftigen Stücke zuzureifen.“

Heinrich, auf eine galante Antwort sinnend, schwieg, und seine Miene hatte bereits eine kleine Wendung zur Verlegenheit gemacht, als man die äußere Thüre gehen hörte. Die junge Dame sah erheitert auf, und gleich nachher trat die Mutter in das Zimmer. Der Poet erhob sich rasch. Jene, die ihn erkannte, sah ihn verwundert, aber vergnügt an.

„Unsere gestrige Begegnung,“ rief die Tochter, zu ihr tretend. „Herr Doctor Born, dramatischer Dichter, der mir durch Freund Holler empfohlen ist und ein fertiges Stück mitgebracht hat.“ — „Ah,“ rief die Frau mit einem so wohlwollenden als feinen Lächeln; „seyen Sie doppelt willkommen!“ Sie reichte ihm die Hand, und der Poet schüttelte sie kräftig. — „Du siehst,“ bemerkte Rosa zu ihr, „wir haben gestern nicht weit davon gerathen: ein schöner Geist, Schriftsteller oder Maler, der in die Residenz kommt, um hier den Erfolg und die Ehren zu finden, die ihm gebühren.“

Die Mutter, nach einem freundlich verweisenden Blick auf sie, erkundigte sich bei dem jungen Mann theilnehmend nach seinem Vorhaben und der mitgebrachten Dichtung. Man setzte sich nochmal zusammen, und Heinrich gab den beiden Damen alle gewünschte Aufklärung. Unter Anleitung der Erfahrenen nahm das Gespräch eine praktische Wendung. Was ist zu thun? Was kann zur Annahme des Stücks beitragen? Dieß war die Frage, die man erwog. In seinem Vorsatz, die Regisseure zu besuchen, wurde Heinrich im Lauf der Unterredung bestärkt: seine erklärte Abneigung, den Herrn Kritikern sich zu empfehlen, hatte dagegen lächelndes Kopfschütteln zur Folge. „Vor der Aufführung,“ sagte Rosa, „sollten Sie doch mit einigen bekannt seyn. Aber die Sache geht ja ganz einfach, wofür habt ihr Herrn denn das Wirthshaus?“

„Es ist wahr,“ versetzte der Poet. „Und einen literarischen Fachgenossen, den man bei einem Glas Wein kennen gelernt hat, kann man am Ende besuchen.“ — „Ich sollt’s meinen,“ entgegnete die Schauspielerin, nicht ohne ein spöttisches Mundrümpfen.

Die Mutter sah ihn lächelnd an, dann sagte sie: „Was nun aber die Annahme betrifft —“ — „Ich hab’ einen Gedanken,“ rief hier die Tochter. „Da Sie uns,“ fuhr sie zu dem Autor gewendet fort, „das Stück zu lesen geben wollen —“ — „Sobald die Abschrift fertig ist.“ — „Und ich voraussetze, daß außer unserer Heroine auch unser heroischer Liebhaber, unser Heldenvater und unser Charakterspieler dankbare, sehr dankbare Rollen darin haben werden —“ — Heinrich, nach einem Moment der Erwägung, erwiederte zuversichtlich: „Ich meine.“ — „So will ich gelegentlich gegen diese Herrschaften ein Wort fallen lassen über das Stück, was sie ruhig vernehmen, dann über die verschiedenen Rollen und die Möglichkeit eines Triumphes, was sie mit großem Interesse hören werden. Sie können das Manuscript auch ihnen mittheilen; und wenn namentlich unsere Heroine gegen den Herrn Intendanten recht lebhaft den Wunsch ausspräche, die Rolle zu spielen, dann hätten wir Aussicht.“

Der Autor nickte vergnügt und dankte für die gütige Theilnahme und die freundlichen Rathschläge auf’s wärmste. Die Stockuhr belehrte ihn aber, daß die Essenszeit heran nahte, und er empfahl sich, indem er mit der Copie bald möglichst wiederzukommen versprach.

Durch den herzlichen Antheil, den ihm die beiden Frauen zugewendet, fühlte er sich in tiefster Seele ermuthigt; er sah die Angelegenheit in bester Einleitung begriffen und kehrte durchaus zufrieden in den Gasthof zurück.