Die drei Straßenkehrer hatten mit mir Freundschaft geschlossen. Ich kehrte auch ihre Straßen mit. Von früh bis abends. Sie saßen unterdessen in dem Loch und tranken. Ich kehrte gern. Ich kehrte gründlich. Ich sah nichts. Ich hörte nichts. Nur den gewöhnlichen, gleichmäßigen Takt des Kehrens. So dachte ich an nichts. Kam ich abends nach Hause, prügelten sie mich manchmal, manchmal schliefen sie schon den Schlaf der Betrunkenen. Müde schlief ich gleich ein. Nur so hatte ich, mitten in der größten Unrast der Straßen stehend, eine gewisse Ruhe. Eine Ruhe allerdings, die ich in manchen Augenblicken als lauernd fühlte. Aber was machte das. Ich war wenigstens nicht mehr gehetzt. Und das war schon viel. Das war sehr viel. Und ich kehrte und kehrte und kehrte und kehrte. Vierundzwanzig Straßen kehrte ich täglich. Das tat ich nun schon ein ganzes Jahr. Als ich eines Tages nach Hause kam, schrien mich die andern an: „Du bist kein Straßenkehrer! Du bist ein Knecht!“ Ich sagte nichts darauf. Mir war alles gleich. „Jawohl, du bist ein Knecht!“ Einer trat dicht an mich heran und schlug mir die Faust ins Gesicht: „Du machst uns Schande. Ein richtiger Straßenkehrer muß saufen. Ein richtiger Straßenkehrer säuft!“ Plötzlich hatten mich alle umringt: „Du mußt saufen! Los! Sauf auch!“ „Sauf!“ schrie der, der mir die Faust ins Gesicht geschlagen hatte und hielt mir die Flasche mit Fusel hin. Und ich trank, mit Ekel erst, dann gierig. Bis ich einschlief. „Jetzt ist er erst ein Straßenkehrer,“ rief noch eine tiefe Stimme. Dann hörte ich nichts mehr.
Ich trank gut. Ich kehrte gut. So wich der Gedanke immer mehr und mehr von mir. Ich war dreckig. Ich spuckte aus. Ich stritt mit dem Wachmann. Es war ja Sommer. Ich lachte, wenn eine Magd Milch verschüttete. Ich kehrte wie wütend und wirbelte dichten Staub hoch, fuhr ein Gemüse- oder Obstwagen vorüber. Ja, mein Staub wurde geradezu fett, kreuzte ein Konditorjunge mit einer schönen großen Torte meinen reinigenden Weg. Ich rief dem Droschkenkutscher Schimpfworte nach. Ich trank. Ich kehrte. Ich trank. Am Sonntag war es besonders lustig. Da gingen wir vier in eine Schänke und blieben dort von Mittag bis in die Nacht. „Die Straßenkehrer!“ riefen die Stammgäste. „Kommt uns kehren!“ schrien die Dirnen und lachten. Wir soffen, wir rauften, wir brüllten. Ich spuckte. Ich war roh zu den Weibern. Darum stieg ich in der Achtung meiner Genossen. „Er ist ein echter Straßenkehrer geworden,“ lachten sie anerkennend und tranken mir zu. Schon das dritte Jahr war das Leben so. Ich kehrte, soff, schimpfte und spuckte. Zur Herbstzeit war ich zwar immer noch ein wenig unruhig; mir war in diesen Wochen das Herz recht beklommen. Ich hatte auch eine Scheu vor den Polizisten, die ich doch sonst nie fürchtete. Es war mir immer, als würde jeden Augenblick aus dem Dunkel jemand auf mich springen und mich verfolgen wollen. Ich kehrte dann kräftiger und spuckte stärker aus. Ich betrank mich mit Willen. Trotz allem kehrte ich gut.
Es war Abend. Ich schob den Karren vor mir her. Da stand jemand im Weg. Klein und zerlumpt. Es war ein Mädchen. Ich stellte den Karren nieder und trat zu dem Kind. Es weinte heftig. „Warum weinst du?“ fragte ich. „Ich habe soviel Läuse und Flöhe.“ „Wäscht dich denn niemand?“ „Meine Eltern sind tot.“ „Was machst du, Wo wohnst du?“ „Ich bettle auf der Straße.“ Da tröstete ich das Mädchen und legte ihm meine Rechte aufs Haupt. Ich hatte keine Angst vor Läusen. „Komm mit mir,“ sagte ich und nahm sie bei der Hand, mit der Linken hob ich den Karren und zog ihn hinter mir. Wir gingen recht langsam. Als wir beim Haus auf dem Novemberplatz angelangt waren, hieß ich das Mädchen warten. Ich ging voraus, um zu sehen, was meine Freunde trieben. Sie schliefen schon. Ich kam wieder herauf und zog das Mädchen mit mir herunter. In der Ecke, wo ich zu schlafen pflegte, machte ich ihr ein Lager. Dann legten wir uns schlafen. Sie schlief an meiner Seite. Ich fürchtete die Flöhe nicht. Am Morgen staunten die andern kaum, als sie das Mädchen sahen. Sie hatten Mitleid mit ihm, als ich ihnen erzählte, wer das Kind sei. Sie wuschen sich nicht. Sie überließen dem Mädchen ihr Waschwasser, das eiskalt im Krug stand. Ich goß es in einen Topf, den ich am Feuer wärmte. Dann entkleidete ich das Kind und wusch es. Einer schnitt ihr die Haare ab, ein anderer gab ihr sein reines Hemd, das er sonst nur zur Weihnachtszeit anzulegen pflegte. Der Dritte kramte in einer Ecke, lange, bis er endlich einen roten Flanellrock hervorzog, den er noch von seinem verstorbenen Weib hatte. Ich reinigte die zerrissene Bluse, so gut es ging. Dann fand sich noch ein alter Mantel, den hing ich ihr um. Einer fragte plötzlich: „Wie heißt du?“ „Maria,“ antwortete sie scheu. Nun stand sie da und war rein. „Wir wollen würfeln, wer ihr Vater sein soll!“ sagte einer. „Ja, laßt uns würfeln!“ Wir kauerten uns hin und würfelten. „Eins!“ „Drei!“ „Sechs!“ Ich war noch übrig. Ich warf. „Neun!“ „Du sollst Vater sein! Hüte sie gut.“ An diesem Morgen tranken sie nicht. Sie gingen sogar an die Arbeit und kehrten selbst. Ich war der letzte, der den Raum verließ. „Vater,“ sagte Maria, „du bist wohl schon sehr alt?“ „Warum?“ fragte ich. „Deine Haare sind so weiß.“ Da griff ich mit den Fingern in meine Haare und riß. Sie waren in meiner Hand. Ich blickte hin. Sie waren weiß. Ich gab keine Antwort und ging hinaus. Ich hatte weniger zu tun. Nie mehr blieben meine Genossen daheim und tranken. Sie hielten ihre rohen Reden und derben Späße zurück. Sie waren gut zu Maria, wie ich gut zu ihr war. Nur am Sonntag gingen wir in die Schänke; als wir heimkamen, schlief das Mädchen schon. Waren wir angeheitert, so machten wir dennoch keinen Lärm, um Maria nicht zu wecken.
Es war November. Ich kehrte. Es war Mittag. Maria würde mir bald das Essen bringen. Ich kehrte. Mitten im größten Verkehr, mitten in der größten Unruhe stand ich da und kehrte. Ruhig. Da schaute ich auf, zufällig. Ein Blick war auf mich gerichtet. Kurz, dann ging er weiter. Er. Der Mann. Seine Augen hatten mich angeschaut. Seine Augen hatten hart geblickt, wie Glas. Er sah ganz gewöhnlich aus. Nichts besonderes war an ihm. Ein Gleichgültiger unter Gleichgültigen des Alltags. Ein Mann der Menge in der Menge. Meine Ohren zitterten. Meine Augen zitterten. Meine Lippen zitterten. Mein Kinn zitterte. Meine Hände zitterten. Meine Knie zitterten. Ich zitterte. Ein Strom drang durch mein Hirn, heiß. Dann ein Gegenstrom, kalt. Da war der, den ich suchte, um dessentwillen ich alt geworden war. Ich wollte vorstürzen. In dem Augenblick, wo er mich ansah, hätte ich es nicht vermocht. Da wäre ich eher geflohen. Denn etwas Zwingendes, Treibendes war in seinem Blick. Nun aber kann ich ihm nachstürzen! Er schaut mich nicht mehr an. Dort geht er. Dort ging er. Er war schon weit. Kaum konnte ich ihn mehr erkennen. „Du sollst mir nicht entkommen!“ schrie, lachte, gebot, weinte ich. Du nicht! Ein Leben habe ich auf dich gewartet. Nun sollst du mir Rede stehen, wer du bist. Es gilt. Mein Leben hast du gemordet, nur, weil du mich angesehen hast. Nun bezahlst du mir. Dein Leben für das meine. Dies stürmte auf mich ein, als ich losrannte. Ihm nach! Ich stolperte und fiel. Der Karren. Sofort war ich wieder auf und lief. Er war schon ganz unten, beim Eck der Straße. Ich lief ihm nach. Mein Atem keuchte. Er war um die Ecke. Ich lief schneller. Die Ecke kam näher, sie war da. Ich lief vorüber. Ich sah ihn nicht mehr. Ich hielt inne. Doch ja, dort, dort, dort, er lief ebenfalls. Er war schon ganz oben, bei der Ecke der nächsten Straße. Ich lief wieder. Einige wollten mich aufhalten. Ich stieß sie beiseite. Und lief. Ich hörte schon nicht mehr meine Lungen keuchen, ich hörte nichts mehr. Ich sah bloß. Ich sah ihn, ihn, ihn. Nun kam ich etwas näher. Nun war er aber wieder um die Ecke. Doch nein, du entkommst mir nicht. Diesmal nicht. Auch ich war schon um die Ecke. Da stand er unweit von mir. So unerregt, so sicher. Ruhig. Und sah mich an. Ich blieb plötzlich stehen. Ich mußte stehen bleiben. Ich hörte mich wieder keuchen. Er sah mich noch immer an. Ich verlor allen Mut. Ich wollte zurücklaufen, fliehen. Fliehen, fliehen! Denn jetzt erkannte ich auf einmal sein Gewand; es war grün. Und auf seinem Hut stak eine Feder. Und über seinem Rücken hing ein Gewehr. Das gewahrte ich alles erst jetzt. Das schaute ich jetzt. Er stand ruhig und sah mich an. Sein Blick! sein Blick! Nun wußte ich, wer es war. Es war ein Jäger. Da wandte er sich um und ging weiter. Im selben Augenblick war der Bann von mir gewichen. Ich konnte ihm wieder folgen. Aber ich ging schwer. Mein Hirn war kalt. Ich mußte ihm folgen, das wußte ich. Er ging durch viele Gassen. Ich folgte. Er bog ums Eck. Ich auch. Er ging schneller. Ich auch. Er ging langsamer. Ich auch. Die Straßen wurden einsamer. Noch immer ging er. Ich auch. Die Häuser hatten aufgehört. Er schritt und schritt. Ich auch. Er setzte sich auf einen Stein und rastete. Auch ich. Er stand wieder auf und ging weiter. Auch ich. Es kamen Felder. Wir gingen durch. Es kam Wald. Wir gingen durch. Da, als wir aus dem Wald herausgetreten waren, blieb er plötzlich stehn. Dort unten lag ein Haus. Dahinter waren weite Felder, rückwärts wieder Wald. Der da vorne schritt auf das Haus zu. Ich folgte. Er war schon bald da. Ich schritt schneller aus. Er trat durchs Tor. Ich folgte rasch. Über dem Eingang hing ein Geweih. Auf der Flur hatte der Mann eben sein Gewehr an einen Rechen gehängt, seinen Hut auf einen Nagel, als ich mit Gepolter im Rahmen der Türe stand. Er sah mich an. Doch ich fürchtete mich nicht mehr. Er war kleiner als ich. „Was willst du?“ fragte er ruhig. „Dich!“ schrie ich und sprang vor. Er wollte mich packen, ich war stärker. Sein Blick machte mich wütend und gab mir Stärke. Ich packte fest zu und drängte ihn durch eine Tür in ein Zimmer. An der Wand hatte ich einen Dolch erblickt, ich ergriff das Messer, noch ehe wir beide zu Boden gefallen waren, und mit meinem Gebrüll seinen Wehruf überschreiend, stach ich es ihm ins Herz. Ich keuchte noch schwer, dann atmete ich auf. Er war tot. Niemand hatte es gesehen. Niemand. Ich war frei. Ich hatte nichts mehr zu suchen. Ich war ein Mensch wie die andern. Nun schnell fort. Ich richtete mich empor. Da überlief es mich kalt. Mir stockte der Atem. Mir gerann das Blut. Meine Augen starrten. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war gelähmt: Ich sah in die entsetzten und groß aufgerissenen Augen eines Hasen. Ich hörte mein Herz klopfen und auch das des Hasen. Der Hase zitterte. Sein Blick zitterte. Plötzlich sprang er und war weg. Ich konnte mich wieder bewegen. Da sah ich, daß ein Fenster offen war. Hin über die vergrünten Felder lief der Hase. Da wußte ich auf einmal, warum er lief. Scheu, den Blick vom Boden der Tat wegwendend, drehte ich mich um und lief aus dem Zimmer, durch die Flur und aus dem Haus heraus. Ich lief. Ich war weg.
Die Straße, der Wald, der Wald, der Wald, der Wald war unendlich. Langsam kam die Dämmerung. Noch immer lief ich. Endlich sah ich Lichter. Ich lief langsamer. Die ersten Häuser kamen schon, nun Straßen. Ich lief nicht mehr. Ich blieb stehn. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Ein Finger war blutbespritzt. Ich bückte mich, steckte ihn in warmen Pferdekot und zog ihn wieder heraus. Man sah nichts mehr. Ich war rein vom Blut. Ich ging. Es war schon spät in der Nacht, als ich heimkam. Ich tastete an der Wand. Da standen vier Karren. Sollte das alles ein Traum gewesen sein? Es war finster. Dennoch wußte ich, daß ich lächelte, als ich zu den Meinen eintrat. Sie schnarchten. Ich legte mich hin; in meine Ecke. Ich hörte Maria regelmäßig atmen. Ich wälzte mich auf die linke Seite und schlief unglücklich. Am Morgen fragten mich alle, wo ich gewesen. „Ein Schwindel ergriff mich, ich fiel hin; als ich aufwachte, war ich bei guten Leuten. Ich glaube, es war der Hausmeister von der grünen Villa in der Jägerstraße,“ sagte ich matt und wunderte mich im Innern über meine Lüge. „Ja, ja, du wirst alt, Vater,“ meinte Maria und reichte mir warmen Kaffee. „Was glaubst du, wie ich erschrak, als ich mit dem Essen kam und dich nicht sah, nur deinen Schubkarren. Eine Stunde habe ich gewartet. Das Essen war kalt geworden. Ich gab es in den Wagen, nahm Schaufel und Besen und zog voller Angst heimwärts.“ „Du gutes Kind, du bist so gut, so gut,“ sagte ich. „Also auf!“ räusperte sich einer der andern, „kehren wir wieder einmal den Dreck des Lebens von der einen auf die andere Seite. Ob so oder so, Dreck bleibt Dreck! Also los, Bruder, kehren wir!“ „Ja,“ sagte ich und folgte ihnen nach.
Kein Tag war glücklich. Keinen Augenblick fand ich Ruhe. Ich stand und kehrte. Meine Augen hasteten. Meine Ohren hörten, mitten im Lärm der Straße, auf ein leises Geräusch. Ein Geräusch, das so leise ist, weil es vom Tappen kleiner Pfoten kommt. Ich kehrte schlecht. Ich war zerstreut. Ich hörte die Reden Marias nicht. Ich hörte auch nicht die Flüche meiner Genossen. Nichts hörte ich. Nur eines wußte ich, und immer und immer wieder eines: Jemand weiß, jemand war Zeuge, jemand war ein Hase. Ein Hase! Ein Hase! „Hast du nicht den Hasen gesehn?“ fragte ich den Kutscher. Der hieb auf die Pferde ein und lachte. Ich war nicht frei. Noch immer nicht frei. Frei wie andere. Solange nicht, bis ich den Hasen gefunden hatte. Ich lief dem Wagen des Kaufmanns nach; da lagen viele Hasen, tot. Vielleicht war auch mein Hase darunter. Ich beugte mich über jedes Tier und sah in die erstarrten Augen. Mein Hase war da nicht. „Du willst wohl stehlen?“ brüllte mich der Fuhrmann an, der gerade aus der Schänke herauskam und auf den Kutscherbock stieg. „Nein! ich habe nur meinen Hasen gesucht.“ „Weg!“ schrie der Mann, schlug nach mir mit der Peitsche und fuhr. Ich schaute vor den Wildläden die hier hängenden Hasen lang und streng an. Ich fand nichts. Ich streichelte Maria nicht mehr; ich hätte an das Hasenfell denken müssen. Ich war unruhig. Ich war sehr unruhig. Ich schlief schlecht. Ich kehrte schlecht. Ich verdaute schlecht. Ich fand nichts. Tage waren nach dem Mord vergangen. Wochen. Ich hatte alle Hasen der Stadt gesehn, tote und bald tote; denn ich war am Dienstag und Freitag schon um vier Uhr früh an der Ostseite der Stadt und wartete auf die Bauern, die mit Hasen zur Stadt fuhren. Meinen Hasen fand ich nicht. Tagsüber stand ich auf der Straße und kehrte schlecht. Fuhr ein Leichenwagen vorüber, hielt ich inne im Kehren und stand stramm wie ein Soldat.
Der Hase lief. Da waren die Felder hinter ihm. Da war wieder der Wald. Sein Dunkel war gut. Der Hase hatte keine Angst mehr vor dem Wald. Denn er verbarg sich hinter Gezweig und wartete. Wartete die ganze Nacht hindurch. Sein kleines Herz pochte, so lang die Nacht war. Am Morgen schlug es schon leiser. Da schlief er ein. Als er aufwachte, hatte er Hunger und und fraß dürre Blätter. Er wagte nicht, sich zu rühren. Vor seinen Augen sah er noch das Furchtbare, die Unwesen. Jetzt liebte er den Wald. Er kroch weiter. Er suchte etwas; er konnte nichts finden. Denn er wußte nicht, wo er hin sollte. Jenes Schreckliche hatte ihm alle Erinnerung an seine Familie ausgelöscht. Er irrte im Wald herum. Aufs Feld traute er sich nicht mehr, denn dort drohte jenes Das. Er blieb nirgends lange; er floh. Er saß nie, er lief. Er wußte nicht, vor wem er floh. Weiter, weiter. Und die Bäume waren da und das Moos. Bis er müde war, daß er nicht mehr weiter konnte, blieb er liegen und schlief ein. So war er, so lebte er und wußte nichts. Eine Eule hielt er für seine Mutter. Einmal lief er doch hinaus, über Felder der Landstraße zu. Da, er wollte zurückfliehen, standen viele Unwesen, nun hatten sie ihn gepackt und hielten ihn fest. Er schloß die Augen und wartete zitternd. Ein lautes Geräusch ertönte, als würden große Tiere brüllen. Da spürte er, daß ihm nichts mehr weh tat; er tastete mit den Pfoten, fühlte Erde und sprang und — lief. Wald. Er war im Wald und schloß erst jetzt seine Lider. So waren seine Augen in Angst gewesen, daß die Lider sich nicht geschlossen hatten; von dem Augenblick, wo er entlief über die weiten, weiten Felder, bis zu dem Augenblick, wo er den Wald betrat. Der Hase hatte jetzt etwas Schreckliches im Blick, so, daß sogar die Giftschlange sich verbarg und von allem Bösen ließ, als sie seine Augen auf sich gerichtet fühlte.
Zwei Stunden vor der Stadt wurde eine Straße gewalzt. Viele mußten dabei helfen. Auch ich. Tag für Tag standen wir draußen und räumten Steine aus dem Weg. Unterdessen verstaubte in der Stadt das Pflaster. Auch meine Genossen halfen mit. Um zwei Uhr brachte uns Maria immer das Mittagsmahl. Da war gerade Rast, und wir warteten am Straßenrand. Auch heute wieder. Auf einmal ertönte Geschrei. Alle liefen zusammen und riefen. Ich erhob mich und schritt langsam dorthin, wo sie mitten auf der Straße standen. Da teilte sich die Menge. Ich sah einige, die einen Hasen festhielten. In diesem Augenblick dachte ich an nichts, nur Mitleid ergriff mich, ich stürzte vor und schrie wild: „Daß mir niemand den Hasen tötet!“ Sie erschraken, ließen locker, und der Hase entlief. Dort war er schon, nahe am Wald. Jetzt sprang er und ward nicht mehr gesehen. Ich hatte ihm nachgeschaut, ohne Sinn und ohne Regung, bis er verschwunden war. Plötzlich fiel mir ein: Könnte es nicht mein Hase . . .? „Hasenheiland, wann wirst du deine Predigt halten?“ höhnten mich viele, aus Wut, daß der Hase davon war.
Ich soff. Ich roch nach Schnaps. Ich schlug Maria. Ich schlug meine Genossen und wurde wieder von ihnen geschlagen. Ich kehrte schlecht. Monate vergingen. Maria war weggelaufen. Kaum, daß ich sie vermißt hätte. An Sonntagen rannte ich in den Wald, um den Hasen zu suchen. Als es finster war, kehrte ich heim. Und Schnee lag überall und war höhnisch. Liefe jetzt ein Hase übers Feld, es wäre unheimlich. Da lief ich. Bis wieder die Stadt kam, und bis ich wieder zu Hause war. Und so vergingen viele Monate. Abermals war der Sommer vorüber. Ich haßte den Herbst. Ich hätte ihn töten mögen. Ich saß in der Schänke. Die Dirne an meiner Seite war krank. Ich sah es nicht. Ich saß und trank. Die Dirne trank mit. Da schlug ihr einer das Glas weg, gerade als sie trinken wollte. Ihr Mund blutete. Ich trank und sah nichts. Da schrie mich das Weib an: „Siehst du nicht, daß er dich verspottet?!“ Ich spielte, sah einen, der über mich lachte. Ich griff zum Glase und trank. Alles war gleichgültig. Nur der Schnaps nicht. Jetzt packte mich die Dirne, rüttelte und rief: „Du bist ja gar kein Mann, du bist ein Hase!“ Ich schaute auf. Meine Augen schlossen sich und öffneten sich wieder. Das Wort traf mich wie ein Schlag. Ich stand auf. Ich lief hinaus. Ich lief. Bis der Wald kam.
Lange Zeit war vergangen. Der Wald war weiß gewesen, dann wurde er grün, nun war er gelb. Der Hase hatte nie Ruhe. Er lief und verbarg sich, war stets gehetzt und fürchtete immer etwas Dunkles. Er war alt geworden, weil er nie rasten konnte. Noch immer hatte er seine starren Augen, noch immer wußte er von seinem früheren Leben nichts. Keine Mutter gab ihm Wärme, kein Vater Sicherheit. Allein war er im alten Walde. Kein Tier paarte sich mit ihm. Alles floh, auch böses Getier, kam der fliehende Hase angerannt. Und er lief und lief, fürchtete die Felder und war im Wald. Manchmal hatte er eine Erinnerung: Das Entsetzliche stieg auf, das eine Unwesen wuchs riesengroß aus dem Moos, dann das zweite, nun fielen sie beide hin — und war ein Tier, ein Reh, das, von den starren Augen des Hasen gescheucht, verwirrt flüchtete. Der Hase war müde. Er wollte nicht mehr die Augen öffnen. Er mußte sie öffnen, er mußte laufen, er mußte fliehen. Er starb nicht. Er lebte und floh.