Als ich den finstern Wald betrat, wußte ich: Meine Seele war hauslos. Die Bäume kamen mir entgegen und wichen zurück. Kein Laut war zu hören. Alle Tiere und Zweige schwiegen. Ich drang durch Gestrüpp und Sträucher. Zum erstenmal taten mir meine Füße wohl. Ich ging auf Moos. Das Moos war gut. Ich hatte Angst, daß draußen die Sonne untergehn könnte. Auch wenn Moos gut ist, will ich nicht hier bleiben, allein mit mir im Wald, den die herankommende Nacht umhalsen wird. Ich fürchte Nächte im Walde. Ich wollte mich jetzt selbst beim Namen rufen, er war aber schon lange vergessen. Ich hatte Angst, auf einmal, vor mir selbst. Ich wußte aus irgend einem verwirrten, aber heftigen Grunde, daß ich heute den Herbst töten würde. Der Wald war groß. Da fing ich plötzlich zu rennen an. Und rannte im Walde. Die Sträucher und Äste zerkratzten mir Gesicht und Hände. Ganz gleich. Ich rannte im Walde. Da lief ein Schatten; quer über den Weg. Der Schatten stand plötzlich still, als hätte ihn der Blitz gerührt. Der Schatten bewegte sich nicht. Ich stand genau so still wie der Schatten. Ich konnte mich nicht rühren. Ich hatte den Schatten erkannt. Der Schatten war ein Hase. Der Hase! Am Auge hatte ich den Hasen erkannt. Er war gelähmt. Seine Augen waren groß und starr. Seine Ohren waren steif und spitz. Sein Blick war entsetzt und irrsinnig. Mein Auge zitterte. Ich sah mich im großen Auge des Hasen, und der Hase sah sich in meinem Auge. Ich sah den Hasen, und der Hase sah mich. Lautlos standen wir einander gegenüber. Eine Ewigkeit lag zwischen uns. Und ein Wald. Alles, mein ganzes Leben fiel mir auf einmal ein, als ich dem Hasen ins Gesicht sah. Am Auge hatte mich der Hase erkannt. In diesem Atemzug sprang ich mit einem Schrei auf ihn, packte seinen Hals und — trotzdem ich als Kind immer geweint hatte, als meine Mutter das Huhn tötete — erwürgte ich den Hasen. Seine Augen waren entsetzlich groß und tot. Ich lachte auf. Meine Finger waren um seinen Hals gekrampft und ließen nicht locker. So trat ich aus dem Wald heraus. Die Sonne ging gerade unter. Ich lief nicht mehr. Ich ging langsam. Als ich die Stadt betrat, brannten schon die Laternen. Meine linke Hand hielt den Hasen. Ich wußte nichts von meiner Linken. Irgendwer schrie aus dem Halbschatten: „Guten Abend, Herr Ha . .“ Ich hatte etwas gehört. Nein! nein, das war ja mein Name, den ich schon vor langem vergaß. Nein, es war nichts. Ich lächelte. Ich wußte schon nichts mehr. Die Laterne war grün.

Ich war eingetreten. Da saßen die Polizisten. Sie schauten zu Boden. Plötzlich sahn sie auf. Ich stotterte erst, dann sagte ich fest: „Ich bin ein Mörder.“ Eine namenlose Stimme fragte: „Wen haben Sie gemordet?“ Ich hob meine Linke mit ihrer Last hoch und sagte: „Diesen Hasen.“ Die Gesichter der Polizisten erschienen durch den Qualm breiter, voller. Jemand sprach gütig: „Seht doch, es ist hier etwas nicht in Ordnung in der Natur. Der Hase, den er da in der Linken hält, hat Augenlider wie ein Mensch, und jener Mensch hier hat keine Lider, nur große starre Augen.“ Die sachliche Stimme fragte wieder: „Wie heißen Sie?“ Mir war es, als fiele ich in ein Meer. Dann sagte ich voller Unmut und heftig: „Wie kann ich das wissen, da ich doch den Hasen getötet habe!“ Dann mußte ich plötzlich eingeschlafen sein. Denn als ich aufwachte, lag ich in einem Haus. Und in dem Haus waren die Wände bleich.

Eines Tages war der Wind so gut. Ich trat aus dem Haus heraus und war frei. Die bleichen Wände lagen hinter mir. Ich bekam wieder meinen Schubkarren, meine Mütze und meinen Besen. Ich kehrte wieder.

Ich habe berichtet. Das war mein Leben. Ob es gerecht war, weiß ich nicht. Zufällig schaut man ins Leben. Vielleicht war mein Leben nur ein Leben, das man zwischen dem Erleben lebt. Vielleicht habe ich auch gar kein Leben gelebt, vielleicht war es das Leben eines andern, oder auch das, was niemand erlebt hat. Also ist mein Leben kein Leben gewesen. Ich weiß es nicht. Nun habe ich Ruhe. Ich habe meinen Frieden mit allen Menschen und Hasen gemacht. Ich kehre und frage nicht mehr. Manchmal schaue ich auf und blicke in die flüchtenden Augen vornehmer Frauen, die fragend und schnell auf meine schmalen langen Hände sehn und auf meine arabisch geschwungene Nase.