Ob man dort oben an seinem Gipfel wohl Fische fangen könnte, meinte irgend ein Widerhall auf eine alte, früher schon vor Jahren gestellte, seitdem aber längst vergessene Frage in irgend einer Kammer seines Kopfes, der Fujiyama säulte steil und unbedenklich in die Höh, Erdbeben war vor einem Jahrtausend Grund seiner Geburt, smaragdgrüner Glockenturm, von Jade und Glas gebaut, fiel, nur eine Spinne ward unter scharfen Trümmern erschlagen, Netz riss: Orkan brüllte um seine Ohren, so war fern der allmächtige Fuji zu schauen, da schwebte Rikyu zu Boden nieder, küsste das Moos, denn er wollte noch nicht schauen wie die Schale hoch über dem Bergkoloss leuchtete, beherrschend sichtbare und unsichtbare Welt, Taifune brandeten an, zerschellten am dünnen Glast des alten Porzellans, das sorgfältig chinesisch, Brausen voll Licht, Brausen voll Luft, Brausen voll Wasser war, wesenlos, doch mächtige Pferdeschar, auf der sie herausschwebte und an sein ein wenig erhitztes Hirn leichte Kühle warf. Schon umschwirrte ihn wieder sicherliches Geschrei knallig bunter enger Gasse. Obwohl er durch arg eilende Menge schritt, vernahm er doch nicht irgend einen Ton, bizarres Schemen war so Strasse, Platz, lungensüchtiges Schemen die kuliumdrängte Sänfte, die dahersegelte, ziemlich aufrecht, wie schwarzweisse Wildgans auf gekräuselter Woge des Iwaresees, da hielten sie an, Mond schien ganz sicher irgendwo vom Himmel, trotzdem Mittag, Sonne, Hitze beinah die elegant gekrümmten Säbel glühend schmolz, als durch ovale Oeffnung sehr bleiches Frauenantlitz — Augen so schief mandelförmig standen, dass eben gewiss ein blasser Mond Tagesfirmament beherrschen musste, ja auch die hohlen Kelche der Blumen könnten, betaut, geschlossen sein, ein Schatten ist gestorben — nun auf ihn blickte, mit schlanker Hand einen überaus bestimmten Wink gab, doch er, im selben Augenblick wissend, dass im Kronsaal Missgünstige ihn beim Taiko hämisch verleumdeten, sagte: »Ich bin der Ozean. Eine neue Blume erfand ich soeben, in dieser Sekunde«, doch nur die Bewegung der Lippen war wesentlich, sonst war nichts, vor allem kein Laut, gleichwohl trug er selten geformte Blüte in Hand, mit unhörbarem Wehruf sank die Schöne in Sänfte rück, Seidenvorhang, türkisblau, sternbespritzt, schloss, Erdboden roch frisch nach grünem Blut, vom Tempel wehte das staatliche Sonnenbanner, unten stritten zwei fette Bonzen, ein jeder Kind einer andern Weisheit, der eine kreischte formelhaft: »Der Wind gibt der Fahne solch leichten Fluss und Schwung«, der andre stülpte auf ihn wieherndes Gekrächz: »Sie bewegt sich selbst und bewegt hiemit den Wind. Verneige dich, Tropf, und glaube das Wunder, das noch sichtbar deinen blöden Augen, morgen vielleicht kann das Schauspiel, selten und erhaben zugleich, nur ich bloss schauen, übermorgen dann vielleicht auch ich nicht mehr!« damit er aber schon vom andern eine rasche Ohrfeige erhielt, das alles schien jedoch nur zu sein, um ihn, dort stürzte der Edelsteinhändler hinterrücks um, Genick gebrochen, eine Maultrommel war vor einen Marktwagen gespannt, der mit Kürbissen hochgeschwängert fuhr, und doch von allem kein Ton, nichts, lächelnd trat er also in das Singhaus, sass neben der Geischa, sah Gesang, sah Kichern, sah Saitenspiel auf mattem Koto, schlürfte schlechten Cha aus gewöhnlicher Schale, auf dem kleinen Teespiegel neue Blumenblüte schwamm, ward an die ferne stille grosse Königin allen Porzellans erinnert, lief, die Windenblüte in der Hand fest haltend, jetzt krampfte er sie weit von sich in Luft, die nebenan, vergewaltigter Zweig dazu stach in der andern Hand, beging schon heimatlichen Kies, sie soll Winde heissen, sie ist eine Winde, krummgebückter Diener hielt ihm einen Krug Essig hin, schnell trank er ihn leer — oh dass doch die Wesenheit des Kruges, jeden Gefässes der leere Raum immer ist — so betrat er nun den Vorraum zum Gemach der bald nahen Zeremonie, wo seine Freunde schon warteten. Ein wenig Schweiss wischte er sich noch von der Stirn. Leise Angst hatten die Freunde im Blick, als einer von ihnen fragte: »Meister, wo warst du so lang? Wir haben grosse Stunden auf dich gewartet, oftmals ist die Sonne auf-, der Mond untergegangen, der Mond empor-, die Sonne herabgestiegen, vierzigmal ist das geschehn, wir aber, obwohl wir nicht wussten Tag noch Stunde, wannen du kommen wirst, haben gewacht, es war Zeit, dass du kamst, siehst du nicht, wie Streit ist, wenn du nicht hier?« alle schauten, noch war letzte Frage nicht zu Ende gesprochen, auf einmal nach links, entgegengesetzt dem Ort, wo er gerade überrascht stand, papierne Wand rollte unhörsam beiseit: wilder Garten mit kleinem Weiher war Bild, zwei unendlich dummschlau aussehende Tölpel standen da, ganz hokusayisch gefügt, wie aus dem Yehon schenjimon geschnitten, ein Pfau, kostbar bunt, quirlte Räder, gross, sich durch die Zwei dazwischenschiebend, stelzte sehr selbstbewusst vor ihnen, der eine lachte wie Gong, das geborsten, allerdings, trieb verfettete Hände meckernd über seinen Bauch hin, so frech, dass der andre, wütend und neidisch, Zuruf ihm hinwarf wie madigen Speck: »Sohn eines Aases, was plärrst du wie eine schmutzige Messingpfanne, auf der Reisbrei verbrennt, Tropf, Tolpatsch, Tor?« »Laotse scheint nicht dein Vater zu sein, auch nicht Jimmo, du Enkel einer räudigen Fliege, siehst du nicht, dass ich mich freue, weil sich der Pfau so fröhlich freut?« hielt erster zur Antwort hin, sprudelte unablässig schallendes Gelächter. — »König aller Dummköpfe Asiens, du bist kein Pfau, wie kannst du, eingetrocknetes Kolibrihirn, wissen, ob der Vogel sich freut?« — schlug der andere entgegen und ward ganz zu unzüchtiger Geste. »Hühnerphilosoph, du bist nicht ich, wie willst du also, bekoteter unnützer Ringelschwanz du eines Schweins, wissen, wieso ich nicht weiss, dass der Pfau sich freut?« der Gegner. — Unterdessen war der Pfau ihm, der doch von seiner Freude — wie harmlos ist eine Pfauenfreude — so genau wusste, ganz nahe gekommen, fauchte tückisch, vergiftend glühten böse Augen, zornig türmte er Gefieder auf, suchte mit Schnabel, spitz, geschliffen, nach der einen menschlichen Hand zu hacken, unausgesetzt, da liefen beide Streiter aufheulend, jedoch unzweifelhaft mutig weg, verschwanden im weiten Schnee der Blüten, Rikyu riss rasche Geste, stirnumwölkt, ungeduldig, alles war wieder so gewöhnlich, denn er sah und hörte, hörte, hörte, alles war Trug gewesen mit der Geräuschlosigkeit des Lebens, warum ist Natur nicht aus der Welt zu schaffen, warum verfolgen die Gesetze, einfach und klar, ständig ihn, warum fiel Mond nicht auf Sonne, beide hernach, Mond und Sonne zugleich auf Erde, er würde sicher dann Weltgefüge knirschen hören, ein Sprung auf spiegelglatter Wölbung grenzenloser Sphäre wär erquickliche Labung, und alles wäre gut, doch so hörte er wieder, hörte: »Meister, wir dachten, die Tasse sei krank, und so haben wir sie besucht, sie war gefangen gewesen in dem Lackkästchen, und wir haben sie herausgenommen, sie war nackt anzusehn, und wir haben sie mit dem zitronengelben Seidenschleier behangen. Wir konnten jedoch den Tee nicht bereiten, nur du kannst über die Schale gebieten. Nun bist du da, Meister, wir sind froh, dass du endlich bei uns bist«, solche Worte verwirbelten in der Luft, die vom Garten schwer einströmte wie gesegnete Frau, er hörte — entsagungsvoll hatte er Widerstand gegen Geräusche aufgegeben — sich wie aus sehr weiter Ferne sprechen, und zwar diese Worte: »Was ihr meinem Kelch getan habt, habt ihr mir getan«, einiges Glück rauschte in den Augen der Freunde hoch, wenn auch vergehend, kurz, nochmals warf er eine beherrschte Geste, die aus ihm unbewusst dunkel trieb, Wand glitt auf Rillen zu, legte sich wie traumene Mauer schützend vor Sicht seines verklärten Blicks, sehr viele Hände hoben sich beschwörend, machten das Gemach weithin gestreckter, lauschender, fielen dann wieder jäh und schlaff herab, neigten Köpfe, auch Rikyu liess langsam sein Haupt sinken: der Taiko hatte Besuch angesagt, so war er schon im Raum, hielt die Hand lass an seiner Brust und war sehr ernst.

Da Rikyu wusste, dass sein wertvollstes Gut in seiner Abwesenheit von Freunden so sorglich umbangt gewesen, trat eine gewisse Wärme in seinen Blick, mit dem er den Taiko nun bewillkommte. Sommertag war, Geruch von Lilien floss ein, der Blumenordner, als graziöse Silhouette im offnen Türrahmen zu sehn, beschnitt mit kleinem Messer die Stengel grosser Blattpflanzen, soeben brachte er wunderbar erlesene Blüten mit einer winzigen Säge — erinnernd an überraschendes Taschenspielerkunststück, war das Instrument auf einmal in seiner Hand — zu Fall, niemand schien die vielen Todesschreie der Blumen zu hören, nur er, Rikyu, den sonst sehenswerten Garten mit beleidigend eilendem Blick streifend, hörte das für gewöhnliches Ohr unhörbare Geschrei der Gefolterten und langsam Sterbenden, überirdisch leise war Todesmelodie, vergehender blumener Schwanengesang: Duft, unendlich süss, hielt Luft gefangen, fest drückte er an seine Brust, wo neue Blume gesichert verborgen, war, unter Gewandbausch, der Taiko, auf einmal der Taiko, nickte ihm freundlich, doch merkbar ungeduldig zu, er besann sich, hielt ein kleines Lächeln, unbestimmbar, es konnte ebenso Ja wie Nein bedeuten, oder auch etwas ganz Fernes, das gewiss kaum hergehörte, wenigstens schien es bis jetzt unbekannt, ausdrücken, zu allem bereit über Gesicht gelagert, zugleicherzeit machte seine Rechte förmlichen Ansatz zu einer Handbewegung, die im selben Augenblick mit seinem Mund sagte: »Wollest du bedankt sein, grossmächtiger Herrscher, dass du zu mir Unwürdigen gekommen bist, möge dir mein dürftiges Dach nicht zu gering erscheinen, gib diesem schmutzigen Ort mit deiner herrlichen Anwesenheit die Gottesweihe, ich wage, dich ergeben zu begrüssen«, so liess er den Taiko vorausgehn, sie folgten, alle die andern, er zuletzt, äusserste Schiebewand schwebte weg, Teeraum lag in grösster Schönheit da, wie Oase in eintönige Wüste, erfrischend, erhaben, stumm grüssten bang Eintretende die unsymmetrische Stätte ganz ungeheuer künstlerischen Leerseins, die sie doch schon so oft geschaut und die immer wieder noch abwechselnd Unfassbares bei jedem erneuten Betreten den Sinnen brachte. Entlebt standen sie da, kurzen Moment bloss, in tiefem Schweigen, nur des Teemeisters Augen schienen heller zu werden, zu leuchten, er war gegenwärtig der Einzige, der lebte, im vollsten Bewusstsein, der Taiko, eigentlich störend in den Raum stossend, ungelenk, für dieses Gemach, übrigens auch für nipponsches Verhältnis viel zu gross, bei weitem, wusste wohl, dass dies alles etwas zu bedeuten hatte, ebenso auch, dass es Würde des Herrschers erheische, die bestimmten Zeremonien des Tees inne zu haben, die er ja eigentlich schon genug oft eingeübt hatte, sah nun aber — wahrscheinlich presste ihn in innerster Selbstkritik dieser Mangel schwer: die Erkenntnis nicht voll genommen zu werden — beinah blöd aus, was die andern, die im stärksten Geniessen der stillen Messe, im verzückten Verharren waren, weiheschändrisch unliebsam erweckte, was noch stärker ward, als sehr ungehaltnes, schier verletztes Gefühl alle Teejünger umschlich, als er, da er der Herrscher ist, hat er wohl das Recht, laut in die Hände klatschte und mit ungefüger Stimme die Aufwartung befahl. Jetzt sahn sie auch, dass der Taiko Harmonie gegenwärtiger und noch kommender Handlung gäh durchrissen, denn alle hatten leicht grünliche Gewänder, die zu dem lichten Gelb der Wände und zu dem etwas schmutzigern der Matten sehr verwandt schienen, nur er trug einen roten Kimono, einen purpurroten, das war ein Misston, schroff und entschieden. Rikyu stellte unter einem zum Taiko hinüberzielenden, beinah liebenswürdigen Lächeln fest: das ist eine Blasfemie, ungeheuer frevlerisch, es ist eine noch nie erhörte und erschaute Gotteslästerung gegen die Schale. Nur gut, dass sie im sorgfältig geschreinten kleinen Lackschranke lebte, verdeckt, und nicht jene Missachtung sehn konnte. Nun ward ihm auch unumstössliche Gewissheit, dass jener rohe Bauch dort drüben, jener Mann ohne Tee in sich, obwohl er mit schrecklicher Macht über Mensch, Tier, Land, Luft, Wasser gegürtet war, nie und nimmer dieses blau und rot leuchtende Erlebnis, das jenes, jetzt unermesslich hassenswerter, wulstiger Mund vor kurzem in Worte gelegt schön von sich gegeben, allein hätte schauen können, nur weil er damals im Raum, war diese merkwürdige Strahlung für einen Moment von ihm ausser Acht gelassen, auf jenen Unwürdigen gestürzt, das ärgerte Rikyu sehr, jetzt, sein Blick wurde boshaft, schief, und suchte von unten den Taiko zu treffen, der in einer ganz plötzlichen Aufwallung Hass bei dem Teemeister fühlte, infolgedessen, irgendwie in Trotz, ironisch und stolz, sein Haupt zurückwarf.

Rikyu hielt Lippen hart, fest gehemmt, die verdeckten: auf den blanken Zähnen darunter stand unerbittlich der Satz: Der Taiko muss sterben. Wer wider meinen Kelch ist, der steht wider mich! Dies tönte schrankenlos laut, immer und immer wieder, durch seinen Körper, der äusserlich jedoch, stark beherrscht, nichts verriet. Eher wurden jetzt seine Augen freundlich, wie sich seine Miene glättete, grosse Erkenntnis strömte: Dem Todfeind muss man mit überschwemmender Leere, die undurchforschbar, begegnen, in dieses Vakuum muss der Widersacher hineinstürzen, ferne Grenzen, sie würden schliessen, der Wehrlose wäre ihm ausgeliefert wie das Wasser, welches in die Leere der Kanne fliesst, dann gefangen ist, genau so, die Leere ist das Furchtbarste auf der Welt, das Gefährlichste, wer sie als Waffe verwenden kann, ist der Mächtigste der Mächtigen. Der Taiko wird mittels Leere gefesselt werden, was dann mit ihm zu tun sei, überlegte er jetzt noch nicht, doch wusste er das eine, dass bei heutiger Teezeremonie jene Schale, die durch des Taikos anstössiges Gewand beleidigt, nicht zu gebrauchen sei: So ward sie vorenthalten. Auch der Tee war gewöhnlich, grün, die Blätter derb wie eingekerbte Falten der Juchtenstiefel tschungusischer Barbaren, beim Einwerfen in das eiserne, mit einer leichten Patina belegte Kochgefäss, fühlten sie sich an wie vertrocknete Apfelschalen, im Wasser alsbald entfaltet, zogen sie dunkeln Wolkenfetzen gleichend hin, verquollen schon im Dampf voller Unkontur, nun trank man und sprach nichts.

Stille.

Rikyu erschaute aus den Wölkchen über des Taiko Tasse dessen nicht allzufernes Geschick, das tödlich, doch gerecht sich darinnen, in dem scheinbar ganz zufälligen Gewirbel — das vom Schalenrand pyramidenförmig in die satte Luft, so ins Unsichtbare verflüchtend, anstieg — als Vision voraussagte. Das machte seine Bewegungen, nebensächliche Gesten freier, Sinn und Miene nahezu heiter. Als in gewissem, auf einen Höhepunkt hinzielenden Augenblick die Freunde sein Auge suchten, bittend um Beantwortung der einen Frage, warum er dem hohen Gast nur eine gewöhnliche Porzellanschale gereicht, ohne Alter, ohne Herkunft, da lächelte er sehr fein, mit einem geradezu gütigen Nebenton, tat schlicht unauffallender Stimme diese Worte kund: »Ich schaue dies: Eine kleine Weile, und mein Kelch wird vergangen sein; und wieder eine kleine Weile, und mein Kelch wird abermals erscheinen«, gläsern flog sein Blick jetzt ins Weite, dann sprach er nach Atempause ganz leise zu sich letzten Satz schmerzlich beglückend nochmals mit einer geringen Veränderung: »Und ihr werdet mich nicht mehr sehn.«

Die Freunde, obzwar nicht wissend, was des Teemeisters seltsame Rede bedeute, mussten doch eine Ahnung fühlen, da sie auf einmal alle verstohlen zu dem Taiko hinsahn. Der kotzte Gelächter.

Robuste Lachwellen brachen sich an den papiernen Wänden, machten diese fluten, keiner aus der Teegruppe fragte, warum denn der Taiko so wiehere, alle behielten ernsten Blick und straff nüchterne Gebärden, nur leises Knistern vergewaltigten Papiers der Raumgrenzen war anklagender Hinweis auf des Herrschers frech frevlerischen Lärm, so wollte der Gekrönte sich entschuldigen: »Es fiel mir plötzlich possierliche Geschichte meiner tartarischen Amme ein, die von dem chinesischen lustigen Kaiser, der immer viel und scharmant gelacht hat; am meisten darüber, dass alle um ihn herum starben. Nur er konnte nicht sterben. Darüber war er voll Übermut, der also niemals starb, weil er nie gelebt hat, deshalb hat er, und ich gegenwärtig mich seiner erinnernd, soviel gelacht!«

Rikyu, über den anwesenden sich selbst unterhaltenden hohen Gast brüsk hinwegsehend, zog dreimal mit der Linken Kreise in die Luft, letzter Teil der Zeremonie, zischte den Satz, der sonst das Gemach nahezu göttlich vergoldete, ohne Scheu hervor: »Ich bin der Tee des Lebens! Ihr habt davon genossen, ich danke euch.«

Dann standen sie alle auf, auch der Taiko war dazu gezwungen, Rikyu tat eine schlichte Verbeugung, hernach alle, nun der Taiko erst zum Teemeister, dann zu den andern hin, draussen schlugen drei unschön dröhnende Gongs, man schritt aus, Garten war gebreitet wie kleiner See, Wogen von Duft und Blüten gingen hoch, winzige Silberglöckchen sangen von den Zweigen, harmonisch von sachtem Wind gestreichelt, damit alle Vögel, auch die des Himmels, gescheucht würden und nicht auf ihrer Nahrungssuche die guten Blüten töten könnten, vor jeder grösseren Blume stand ein sorgfältig gekleideter Diener, gelb, wischte mit einer weichen Bürste aus Schwanenflaum ungehörigen Staub vorsichtig von den Blättern ab, darüber verwunderte sich der Herrscher — Zartheit ist Fürsten immer verwunderlich und nach ihrem Sinne zu verwerfen — dies steigerte sich aber bis zu verblüffter Starrheit, als eine Kapelle von zwanzig Künstlern mit den verschiedensten Instrumenten eine unbegreiflich melodiöse Musik zu spielen begann, den Blumen zu Ehren, damit sie, die sonst ohne Feste zu leben gezwungen waren, sich daran ergötzen konnten, das begriff der Taiko, zwischen Lachen und Stirnrunzeln schwankend, nicht, zum Ende gewann Finsterzucken über Gesicht Oberhand, denn ein Marmorstein war mitten im Beet aufgerichtet, mit Zeichen versehn, die der Fürst nicht zu lesen vermochte, das ist Amt des Aktenverlesers, der aber heute im Gefolge fehlte, dreihundert Stockhiebe auf die vergesslichen Sohlen, nun stiess sein scheeler Blick wieder an, den merkwürdigen Stein: »Es ist das Denkmal zur Erinnerung an eine schöne Blume, die der Teemeister sehr geliebt,« suchte Stimme eines Gunstbuhlers zu erklären, schneller schritt der Taiko aus, Kies knirschte gell unter seinen festen Tritten. Er wollte zerstören, töten, das war fester Entschluss, gleichgültig was! Da sonnte sich eine Zikade auf gelblicher Sandhelle des Pfades, rasch hob der plötzlich Zornviolette, hochmütig siegesbewussten Herrscherblick zu Rikyu hinwerfend, den rechten Fuss und liess ihn mit Wucht auf das winzige Tier niedersausen, im selben Augenblick brüllte ein Tiger von fern. Hohnlachend liess der Taiko sein Auge wartend auf dem Teemeister haften, dessen Gesichtsmuskel nicht im mindesten aufzuckten, nichts verratend, als er ohne Betonung fragte: »Hast du das Brüllen des Raubtiers gehört?« Auf seinen Zähnen, die von hart zusammengebissenen Lippen wiederum verbaut waren, stand abermals in heimlicher Abgeschiedenheit, nunmehr in blutiger Geschrift, furchtbarer Satz, der unabänderlich auf immer: Der Taiko muss sterben! Denn jetzt war der grausam hingerichtete Leib der vor kurzem noch so fröhlichen Zikade missgestalt zu Brei zerdrückt zu sehn; schwere Last wie ungeheures Eisengewicht lag atemberaubend auf mitleidiger Herzgrube Rikyus.

Ein wenig Unwillen war doch schon blass eingekerbt in die glattseinwollende Stirnebene, als er nochmals mit Stimme, merklich bebend, den Grausamen fragte: »Hast du das Brüllen des Tigers gehört, mit dem nachfolgenden schwachen Schrei? Könnte das Raubtier nicht dein Kind, unwissend spielend mit Goldperlen und Erdbeeren im Walde, zerrissen haben?«