Da er nichts Beßres wußte, ging er von kleiner Stadt umdrängt zum Gymnasium, schrieb sich dort zum Erstaunen der Professoren und Schüler in die genaue Liste ein, lächelte dann sanft, und bat um Empfehlung für ein moralisch gediegnes Kosthaus. Er war genug schlechter Schüler, aber Erfüllung aller Frauen der Stadt. Kannte die abgelegensten Winkel. Das hielt man für sehr scharmant. Da er zum Schluß fand, daß er überall vor und nach getaner, überaus präziser Arbeit gut aß, ließ er endlich sein Schülertum, sagte sich: Du bist schon über zwanzig! zog den Hut, ging auf seinen Mathematikprofessor, der durch feiertägliche Straße lustwandelte, zu und erkühnte sich barsch diese Frage: Was ist ein Punkt? — Betroffner ältrer Mann leierte Nervenschwach, ganz blaß den pythagoräischen Lehrsatz ab, meinte aber die Schlacht bei Austerlitz, dabei voll Inbrunst an das Kaiserbild im sonntäglichen verlassnen Klassenzimmer denkend. Jörg drauf fest und klar: Ich bin aus Religion durchgefallen, Sie aber sind ein Trottel, fragens Ihre Frau! ging sieggewiß ab und bekam von wartend lauschenden Jungfraun, auch Ehegattinnen sämtlicher Mittelschullehrer der Stadt Zigaretten, ja sogar diverse Spezialitäten geschenkt. Er konnte sich jetzt schon elegant verbeugen.

Nachdem er in einem Krawattengeschäft Freund des dortigen Ladenjünglings Naz Propper gewesen, war unterdes schon der Winter hereingebrochen und böte stark durch die Thermenstadt, in der früher Göthe vorübergehend gewohnt, die Johannes dem Täufer gewidmet war, beßres Wahrzeichen der Stadt aber wäre wohl statt eines Denkmals auf den Syrakuspilger Seume eine Statue des herrlichen Jünglings Naz Propper gewesen. Jörg wußte aber diese Freundschaft wirklich nicht gebührend zu schätzen, sondern trieb mit der ganzen Weiberkolonne zum Erzgebirge. Dort rodelte er. Auch lief Schi. Blieb draußen, feierte mit ehrbaren Fraun und Mädchen Sylvester bei einer Henny-Porten-Leinwand. Die Betten waren sehr elastisch. Machte um die Zwölferstunde komische Gebärden und schrie:

Ich bitte nicht drängen meine Damen!

Zur Sommerszeit war Jörg Matador der Sportplätze und schoß wahre Parafrasen im Fußball, daß alle entzückt schrien: Oooo! Jörg! riefs übers Feld, Jörg! hallte es wider. Nach Spiel vom Publikum begafft, umjubelt, von Fraun herausgetragen und schenkelbeklopft, das war sein Leben. Da entschloß sich Jörg, einem allgemein dringendem Wunsche entgegenkommend, liebenswürdig, seine Biografie vom Stapel zu lassen und kündigte daher einen Vortrag an, betitelt:

MEIN WERDEGANG

Ein Evangelium der Kraft

Ah! seufzten alle Turnlehrer der Stadt und strichen sich ihre besemmelten Bärte, das riecht nach etwas. Gegen das verzückte Wonnegeschrei der Damenwelt war das aber noch gar nichts. Abends war der Saal ausverkauft. Jörg trat heiter lächelnd zum Podium, nachdem Glocke schon elfmal zur Ruhe getönt. Doch ehe er beginnen konnte, stand vorn, natürlich in der ersten Sesselreihe Fräulein DDr. Bathseba Schur empor, die, da sie auf Medizindoktorat auch noch das der Filosofie zugetürmt hatte, so 24 Jahre alt, für den Horizont des Spießbürgers im allgemeinen und für die kleine Stadt mit Naz Propper im besondren immerhin ein Fänomen war, zur schärfsten Betonung ihres Ausnahmemenschenweibtums Haare kurz geschnitten, angenehm illustriert mit behorntem Klemmer auf süßlicher Nase, nebenberuflich Heraldikerin, stand also energisch auf und fragte:

Ehe wir Ihre Biografie vernehmen, haben wir ein Recht zu wissen, wie Sie heißen?

Jörg sagte mit einer ungeheuer jovialen Verbeugung:

Ich heiße § §.