Wie bitte? Paragraf Paragraf!
Ah! da sind Sie wohl der Embryo Ihres Jahrtausends?
Nein, nur der Zeitgenoß meines und Ihres Jahrhunderts! Man lachte ob der Antwort und verzieh ihm alles. Auch wurden die Lichter ausgedreht, schon damit das sehr gescheite Fräulein DDr. medizinische Studien befaßlich betreiben konnte. Hurra!
Die Folge jenes Abends war, daß sich Jörg mit dem vielgescheiten Fräulein DDr. Bathseba Schur verlobte, einen Tag drauf schon den veilchenblauen Bund der Ehe schloß. Schwierigkeiten sind unter feinen Leuten nicht am Platze. Da Bathseba in der Hochzeitsnacht, zu der ihre beglückliche Mutter besonders massives Kolossalbett beigestellt, ihren neuen, ach sehr kräftigen Mann aus einem sentimental kuhischen Gefühl heraus unter Absingung alter Tempelmelodie beschneiden wollte, gab er ihr eine Maulschelle, die nach Autobus roch, daß ihr der Klemmer vom rudimentären Sattel der Nase glitt, sie zumindest ein Doktorat im Schauer des Ereignisses vergaß. Er lief erregt durch den Raum, fühlte Kälte trotz der Jägerwäsche, als aber liebe trübe Bathseba in verzweifelnder Kopflosigkeit kein andres Mittel mehr wußte als sich ganz zu entkleiden, nackt und phallushungrig auf ihr lechzendes Passivum wies, da heulte er erst recht auf, stürzte weg. Im Lauf riß er die Marmortafel unten vor der Haustür mit der schön gelockten Nachtglocke stürmisch ab, daß der wilde Jäger Wuotan schier erschrak, sah plötzlich rückwärts bekanntes Doppeldreieck, rannte, rannte, rannte, trat schweißübertüncht, lungehüpfend in muffigen Wartesaal kleiner Bahnstation, verschwand im Zug, der bald anschob. Fuhr Tag und Nacht, bis ihn die weiße Einsamkeit Lapplands begrüßte. Als ihn erster Eskimo blöd bestierte, fragte er sich erst, d. h. fand er nun Zeit zu Fragen: Wie bin ich eigentlich hierhergekommen? Er blickte auf zum Äther, sah dort groß, grau im Gewölk die Initialen des Korsen Napoleon. Dazu hörte er auf einmal wie von sehr fern: Puppchen, Du bist mein Augenstern! So ins Leere gewissenhaft gestarrt, waren gleich Renntiere gut zu ihm, er begriff hier erst voll und ganz Franz Marc’s Tierlegende, Verwandtschaft des Menschen mit Tier, die schon längst vergessen, ja Brüderlichkeit, wäre nicht Mensch bösartiger, fuhren nachdenkenden Gast an Hütte im schiefen Eisgebirg. Trotzdem Jörg nur einen pepitanen Sommeranzug trug, fühlte er durchaus keine Kälte, sondern stürzte, als er niedrigen Raum betrat, mit einer nicht alltäglichen Brunst über das frische derbe Weib, das ihrem Kind eben die Zitzen gab. Während der wilden Begattung, Spaß nach einer Bathseba Schur diese Wasserfallablenkung, stand der Besitzer dieses Weibes erfreut lächelnd dabei, und als beide matt, von so viel Erfrischung matt, kroch er an Jörg, leckte ihm bedankbarlich die schöne fette Hand. Jörg platzte sich inmitten der Felle auf brüllte: Hier herrscht noch die freie, primitive große Lust der Zeugung. Da Da! Hier ist die Mutter aller Kultur. Woher ich komme, aus dem verfluchten Westen, dort grinst nur strafbare Exhibition statt Kultur. Da Da! Ich fühle mich so stark, daß ich eine ganze Erde zeugen möchte. Da Da!!! — Mann und Weib, die bang zugehört, verstanden fremde Laute zwar nicht, fielen aber nieder, weinten auf seinen Unterleib herab, denn sie hielten ihn für den Gott der Himmelswut. Dann schlugen sie selbst ihre Nacktheit. Nächsten Tag standen hundert Eskimoweiber draußen und baten um seine Mannheit. Er bezwang sie alle in drei Nächten, leicht. Bei Licht küßten sie seine Füße. Nur bedauerte er, daß hier kein Telefon war.
Dann schlief er lange, einmal, bolschewistische Träume spazierten durch seinen Hirntopf. So sah er sich als Gründer der Fabrik Unikum-Kleeblatt-Margarine. Wenn das schon nichts auf sich hatte, so war es doch immerhin ein Urin-Chronometer. Eben fand er die astrale Kurve, die über Cézanne dreimal um Picasso sich wand, bei Arp und Hausmann, assistiert von Klee endete. Auch Palmen fächelten.
Ich schicke, ich Jörg, Serner und Tzara meinen intertellurischen Gruß und freue mich schon auf die Kahnfahrt über den Niagara. Wer spricht da Ich Jörg? Jörg bist Du, kein Ich! Blick, wie Jörg über den Wasserschaum schnellt, der Kahn kracht mitten in der Luft, zwischen Gebrüll und Gischt, setzt sich dann zum Erstaunen aller Ur- und Blattpflanzen wieder zusammen, steigt am Ufer aus, wirft drei Löwen, sechs Leoparden, zweiundachtzig Pinseläffchen und eine Generälin von der Heilsarmee zu Tode. Dann kamen Serner und Tzara, begrüßten Jörg und alle drei wurden zum Präsidenten von Amerika, Zentral- und Südstaaten mit inbegriffen, gewählt. Eine Dreiheit eins. Das war noch nie da. Aber Da Da. Neuer Präsident arbeitet keinen Völkerbund, auch keinen Friedensvertrag aus, wohl aber verbot er das Waschen mit der Sun-light-Seife. Eben wollte Jörg, freudig ergriffen für Ovation oder gar Revolution danken, als ein Papagei, grün mit blauem Schnabel, rosenrote Arie sang: Nun sei bedankt mein süßer Schwan!
Durch Jahrtausende glitt Jörg durch viele Zellkörperchen zurück oder vor? weil er plötzlich vergaß, was Zeit sei, und kroch in Nagasaki aus Blau des Himmels. Nicht Jörg rief man ihn, sondern Hoku. Schwitzte als Kuli, trug vornehme Herren, Beamte, Schogune. Einmal tropfte Prügel auf sein Gesäß, er Hände schützend darüber haltend lief durch Reisfelder, lang, bis knapp der Futschijama in sein beträntes Gesicht leuchtete. Eine Stimme sang: weißt Du denn nicht, daß Du einmal vor Jahrtausenden, oder wird es erst sein? als blasser Mann von einem Haus fielst, daß Dir der Schädel zerbrach und alle Atome schüttrer Hirnsubstanz durch den Kosmos fegten? — Da besann sich Hoku, klagte nicht mehr, rief aber durch den Schnee der Kirschblüten fremden Laut: Jörg.
Er war Maurer, hatte weißes Gesicht, dunklen Bart, fiel vom Dach, brach sich Genick, stand auf und ritt auf einem Silbergaul weiter als Student. Im Butzenscheibenhaus er verschwand, sah im Vestibül eine große Fliege, schrie: Fliege! schlagt sie tot! stürzte darnach, es schien ihm als stünde er am Platz Notre Dame zu Paris, viele Leute fielen, verfolgten die Fliege, fühlte er, die Fliege, Jörg selbst, die Streiche, fiel hin, trat gleich drauf aus dem schlanken Gebäude, leichten Druck wie von Büchern unterm Arm, der Schofför verneigte sich tief, Auto nahm ihn auf. Erstaunt. Sonst fuhr darin ja die berühmte Tragödin Mia Miu. Warm wars innen. Kleiner Tisch pries solide Speisen aus. Vollständig auf der Höhe der Zeit, wirklich erstklassiges Auto, dräut der Winter noch so sehr. Da unkultiviertes Geschrei: wüster Balkankopf schaute herein durch geschliffnen Glasesglast, aufriß Tür, Bombe schwingend er sich plötzlich slawisch devot entschuldigte: O verzeihen Sie, ich dachte, Sie sind der Thronfolger von Österreich-Ungarn, der durchlauchtigste Herr Erzherzog Esterhazy Bankerott!
Das halt ich nicht aus! warf Jörg seine Arme, griff aber nur den Busen des Eskimoweibs, erwachte aus höhnischen Traumgesichten, fand sich da als Jörg. Er hatte seltsamerweis Füße oben auf der Fellstatt, Kopf hing ihm unten. Da stand er auf, schüttelte seine Mähne, rief: Frisör! Als niemand erschien, befahl er den Schlitten zu richten, schrieb schnell noch ein Buch über das Vorkommen der Beistriche und Punkte bei den Romantikern, besonders zum Gebrauch für Eskimos dargelegt, erläutert, mit Anmerkungen und Fußnoten reichlich versehen, klopfte einer jeden von den abschiednehmenden Urweibern eins leutselig auf die Scham, und fuhr. In Hammerfest mietete er Boot, ruderte, schlug Winde und Wasser, schrillte einmal als er fern portugiessche Küste nach Wochen sah, schoß schon unterm Äquator, stieg in Afrika ans Land, bölkte: Da da bin ich.
Hier bedeutete Leben siedenden Kampf. Fletschende Nigger wollten dem schmucken Mann aus Elfenbein die Haut abziehen, er hob aber wuchtig seine Pranken und die plastischen Negerköpfe sahen alle Feuer vom Himmel lodern. Also verehrten sie ihn als Gott, Sonnengott. Das, was man nicht verzehren kann, sieht der Mensch als Gottheit an. So stand es in der Grammatik. Nur schmerzlich wars, daß Jörg auch hier das Telefon vermißte. Doch Morsetelegrafie verstand man. Besonders die Negerweiber, die sich, als sie Jörg sahen, vor ihm unscheu, ganz dem Zweck der Sache entsprechend hinspreizten. Ein starker Mann ist überall gern willkommen. Dieser Satz, vorgeahnt bei der Reichsgräfin Motz-Flankenbusch in Berlin WW, wurde ihm hier inmitten der Kannibalenweiber erst voll und gediegen bewußt. Zum Zeitvertreib machte er aus Gummibäumen schöne Gegenstände, die er gelegentlich den Fraun der Mitglieder der Friedenskonferenz zu Paris überreichen wollte.